Notizbuch: Schneewittchens harter Kern

15 08 2017

Dienstag, 15. August 2017

Kinderarbeit, das ist das Thema, das den pensionierten Berufsschullehrer Eckkard Sander aus Borken in Nordhessen seit vielen Jahren umtreibt. Und das kam so: Als das frühere Kupferbergwerg im Bad Wildunger Ortsteil Bergfreiheit nach zehnjähriger Planungs- und Sicherungsarbeit 1974 für Besichtigungen freigegeben wurde, war auch Eckhard Sander mit seinen Kindern unter den Besuchern. Sie bekamen einen Schrecken, als der Bergwerksführer dem staunenden Publikum erzählte, dass früher auch Kinder in dem 1561 gegründeten und wohl schon Ende des 16. Jahrhunderts aufgegebenen Bergwerk geschuftet hätten.

„Das hat mich erschüttert“, sagt Eckhard Sander [kleines Foto] heute. Aber das sei doch nur Spaß gewesen, um den Besuch interessanter zu machen, versicherte ihm der Bergwerksführer auf Nachfrage. Doch da hatte sich die Vorstellung schon in Eckhard Sanders Kopf eingebrannt und seitdem nicht mehr losgelassen. Bei einer Führung durch das Besucherbergwerk erscheint logisch, dass auch Kinder in dem Bergwerk arbeiten mussten, um das Erz aus den teilweise nur 30 Zentimeter hohen Schürfgängen herauszuholen. Im Laufe der Jahre hat der Amateurhistoriker viele Belege für Kinderarbeit gefunden, das Besucherbergwerk in Bergfreiheit war kein Einzelfall: „Die Kinder sahen in den Bergwerken 14 Stunden lang kein Sonnenlicht, arbeiteten liegend im Feuchten und waren schlecht ernährt.“ Sie blieben im Wachstum zurück, wissenschaftliche Untersuchungen haben ergeben, „dass sie im Berg zum Greis wurden“ (Sander).

Zum Schutz gegen Steinschlag trugen sie eine Art Zipfelmütze. Wem fielen da nicht die sieben Zwerge aus dem Märchen Schneewittchen ein. Im Märchen, das die Brüder Grimm ja nicht erfunden haben, sondern von denen ihnen verschiedene Fassungen zum Sammeln zugetragen wurden, leben sie in einem „Zwergenhaus“: „Da stand ein weißgedeckter Tisch, …und ferner waren an der Wand sieben Bettchen“ – an der Wand im Wohn- und Esszimmer und nicht in einem eigenen Schlafzimmer. Das ist genau der Grundriss der Bergmannshäuser, die es in Bergfreiheit gab – und des historischen „Schneewittchenhauses“ im Ort, in dem eine bildhübsche Schneewittchen-Darstellerin mit sieben Zwergen – goldigen Kindern mit angeklebtem Bart und roter Zipfelmützen – an einem weißgedeckten Tisch sitzt.

Apropos: Schneewittchen fehlt noch auf der Suche nach historischen Quellen zum Märchen. Auch die hat Eckhard Sander gefunden. Der Gründer des Bergwerks in Bergfreiheit war Graf Samuel von Waldeck, der auf Schloss Friedrichsstein in Bad Wildungen residierte. Der hatte eine schon in zeitgenössischen Dokumenten als wunderschön beschriebene Schwester, Margarethe von Waldeck. Mit 16 wurde sie zur standesgemäßen Erziehung nach Brüssel an den Hof der Königin Maria von Ungarn und Böhmen geschickt, Schwester Kaiser Karls V. und dessen Statthalterin in den spanischen Niederlanden. Eckhard Sander: „Zieht man von Wildungen nach Brüssel eine Linie, führt diese durch das Siebengebirge“ – Schneewittchens sieben Berge.

Eckhard Sanders hat in den Archiven „in Brüssel, Wien und Spanien viele Belege gefunden“, die vermuten lassen, dass sich zwischen der schönen, blutjungen  Margarethe und dem Infanten Philipp von Spanien eine romantische Liebesgeschichte entwickelte. Doch diese konnte am Hof keinen Gefallen finden: Philipp war katholisch, Margarethe protestantisch, er der Sohn des Kaisers, sie eine kleine Gräfin. Zudem hatte der Kaiser seinen Sohn der Maria Tudor versprochen, der Tochter Heinrich VIII. Margarethe starb mit 21 Jahren und wurde wahrscheinlich vergiftet, wie nicht nur die zittrige Unterschrift unter ihrem Testament zu belegen scheint. Margarethe schrieb: „Mein Gemüt und mein Kopf sind gesund, mein Körper ist blöd…“ Die Vermutung der Nachwelt: Arsen!

Nordhessen, die Heimat der Brüder Grimm, ist reich an märchenhaften Orten. Aber nur selten lässt sich der harte Kern eines Märchens so präzise herausschälen wie bei Schneewittchen.  „In der Berglandschaft des Hohen Meißner sind die Märchen und Sagen der Frau Holle noch lebendig,“ verrät Annemarie Huck, die seit drei Jahren in Hessisch-Lichtenau und Umgebung die Frau Holle gibt. Sie führt Groß und Klein über den knapp zwei Kilometer langen Frau Holle-Rundweg mit zwölf Erzähl-Stationen. Station Nummer 9 ist das im Historischen Rathaus 2011 eingerichtete Holleum, eine museumsdidaktisch hervorragende Ausstellung mit den „vier Welten der Frau Holle“: Die Meißnerwelt zeigt die Orte um den Hohen Meißner, über die Frau Holles Sagen berichten; in der Kräuterwelt werden die heilenden Kräuter vorgestellt, die mit Frau Holle in Verbindung gebracht werden; in der Märchenwelt haben die Figuren des berühmten Grimm-Märchens von Frau Holle das Sagen; im vierten Bereich beherrscht der wilde, wüste Zug der Frau Holle während der Rauhnächte, die Nächte um den Jahreswechsel, den Raum. Annemarie Huck: „Frau Holle ist nicht nur Märchenfigur, sondern auch Sagengestalt und Göttin und Riesin.“

Eine andere Märchenfigur hat in der Sababurg ihr Zuhause gefunden, die sich „Dornröschenschloss“ nennt. Es ist genau 60 Jahre her, dass die Großeltern des heutigen Pächters Günther Koseck die damalige Schlossruine im Reinhardswald zum Dornröschenschloss wachgeküsst haben. Seitdem ist es anheimelndes Hotel, hochfrequentiertes Ausflugsziel und begehrte Eventlocation in einem. Das Schloss hat keinerlei direkten Bezug zum Dornröschen-Märchen – aber man könnte sich gut vorstellen, und die Besucher tun das auch gerne, dass die Märchenfigur in solch einem Schloss gelebt und hundert Jahre geschlafen hat. Dabei überlässt der Schlossherr nichts dem Zufall. Er arrangiert Theaterspiele in der beeindruckenden Pallas-Ruine und Auftritte von Dornröschen mit ihrem Prinzen beim Dinner. Geliebt sind die Dornröschen-Führungen durch den Schlossgarten, und wenn die Gäste ein Erinnerungs-Centstück in den Schlossbrunnen werfen, hat er ihnen vorher nietundnagelneue, blinkende Ein-Cent-Münzen in die Hand gedrückt. Die hat er sich bei der Europäischen Zentralbank besorgt. Auch Rosen spielen in seinem Marketingkonzept eine große Rolle – in beeindruckender Vielfalt im Schlossgarten und als Rosen-Konfitüre, Rosen-Likör, Rosen-Tee oder Rosen-Schokolade beim Souvenirverkauf. Mit solchen Andenken vom Tartan-Kissen, bestickt mit dem Motiv „Dornröschenschloss Sababurg“, bis zum Rezeptbuch „Grimm’sche Kochereien“ macht er zwölf Prozent des Umsatzes.

Noch viel Märchenhaftes ist in Nordhessen zu entdecken, der Urwald Sababurg beispielsweise mit seinen gewaltigen Eichen,  um die sich Legenden ranken; Dieter Usselmann als Ritter Dietrich erweckt sie auf seinen Führungen wieder zum Leben. Oder eine Führung durch Hofgeismar mit Dr. Claus Schubert als stolzer Hauptmann der Stadtwache, der Dorothea Viehmann erzählt, einer ganz wichtigen Quelle für die Märchensammlung der Brüder Grimm. Dieser hat ihr Großvater Märchen aus der Zeit der hugenottischen Einwanderung erzählt. Und sie hat, wie der Hauptmann der Stadtwache weiß, „die Märchen, die immer einen historischen Kern haben, weiterentwickelt und in sie pädagogische Botschaften verpackt“.

Die Reise durch das nordhessische Märchenland darf nicht ohne einen Besuch der Grimmwelt in Kassel enden. Architektonisch ein großer Wurf und seit der Eröffnung vor knapp zwei Jahren ein Publikumsmagnet, erschließt dieses Grimm-Museum die Geisteswelt der beiden Sprachforscher, die unermüdlich am Deutschen Wörterbuch gearbeitet haben. Ihre Sammlung von Kinder- und Hausmärchen ist nur ein kleiner Teil ihres Lebenswerkes. Eine der Höhepunkte der Ausstellung ist ein wundersamer Spiegel, dem der Besucher die Frage stellen soll: „…wer ist die schönste im ganzen Land“. Die Antwort aus dem Spiegel wird er sein Leben lang nicht vergessen.

Information: http://www.nordhessen.de/de/ferienregionen

Unter http://www.meinecardplus.nordhessen.de/de/gastgeber-meinecardplus sind die Gastgeber der Region aufgelistet, die ihren Gästen die Gästekarte MeineCardPlus schenken. Diese Karte kann nicht gekauft werden. Sie gilt vom Anreisetag bis zum Ende des Abreisetages, ermöglicht freien Eintritt in zahlreiche Freizeiteinrichtungen und Sehenswürdigkeiten und ist zudem das Ticket für die freie Fahrt mit Bussen und Bahnen des nordhessischen Verkehrsverbundes.

Dieser – mein – Text ist bis auf wenige Kürzungen vergangenen Samstag in der deutschlandweit erscheinenden Tageszeitung „Neues Deutschland“ erschienen.





Notizbuch: auf jeden Hotelgast kommt ein Couch-Tourist

10 08 2017

Donnerstag, 10. August 2017

Jetzt weiß ich auch, warum es am Tauentzien immer so voll ist: Jeden Tag strömen 300000 Tagesbesucher in die Stadt, und die besuchen bekanntlich in erster Linie die Einkaufsstraßen. Das ist nur eine Zahl aus den erstaunlichen Informationen, die Wirtschafts-Senatorin Ramona Pop und Burkhard Kieker, Chef der Berlin-Werber visitBerlin, heute herausgaben.

Die Tourismuswirtschaft Berlins hat einen neuen Umsatzrekord erzielt: Der Bruttoumsatz durch Berlin-Besucher ist in den letzten zwei Jahren um rund eine Milliarde Euro auf 11,58 Milliarden Euro pro Jahr gestiegen. Das ergibt die neue Studie zum Wirtschaftsfaktor Tourismus 2016, die im Auftrag von visitBerlin von der dwif-Consulting GmbH erstellt wurde. Im ersten Halbjahr 2017 setzte sich der positive Trend fort: Die Zahl der Übernachtungen in den Hotels und Pensionen stieg moderat auf  14,7 Millionen. Die wachsenden Zahlen schlagen sich natürlich in steigenden Umsätzen nieder. „ Berlin wird international als Stadt der Freiheit und der Toleranz wahrgenommen“, betonte die Wirtschaftssenatorin – und versprach: „Wir werden für Akzeptanz und Stadtverträglichkeit weiterarbeiten.“

Ein näherer Blick auf das Zahlenwerk: 56 Prozent der Berlin-Gäste im ersten Halbjahr kamen aus dem Inland, 44 Prozent aus dem Ausland. Burkhard Kieker: „Die Zahlen aus unserem wichtigsten Markt, Deutschland, wachsen stabil.“ In den Auslandsmärkten spiegelt sich die weltweite Verunsicherung wider. Während im ersten Halbjahr 2017 die Besucherzahlen aus Frankreich und Großbritannien stiegen, waren die Zahlen aus Dänemark, den Niederlanden und Italien rückläufig. Von Übersee kamen aber mehr Besucher nach Berlin. Die Zahl der Übernachtungen aus den USA stieg um 8,7 Prozent, die chinesischer Gäste sogar um 17,3 Prozent.

Ebenfalls angestiegen ist die Zahl der Gäste, die zu einem Kongress nach Berlin reisten. Im ersten Halbjahr 2017 kamen 4,96 Millionen Kongress- und Fachbesucher zu 64.000 Veranstaltungen Die Business-Gäste übernachteten 3,9 Millionen Mal in Berlin – ein Plus von 8 Prozent. Damit wurde ein Viertel aller Hotelübernachtungen in der Hauptstadt von Kongressteilnehmern gebucht.

Es reisen nicht nur mehr Gäste in die Stadt – sie geben auch mehr Geld aus als noch vor zwei Jahren. Im Durchschnitt lässt jeder Berlin-Besucher pro Tag 64,89 Euro in der Stadt. Bei Hotelgästen liegt der Betrag sogar bei 205,80 Euro pro Tag. Gäste, die bei privaten Vermietern wohnen, geben durchschnittlich am Tag 107,50 Euro aus. Dadurch profitieren zahlreiche Branchen vom Tourismus. 48 Prozent des touristischen Umsatzes fließt dem Berliner Gastgewerbe zu. Jeden dritten Euro geben die Gäste im Einzelhandel aus. Der Rest – rund 20 Prozent – entfällt auf Dienstleistungen, wie den öffentlichen Nahverkehr und Veranstaltungstickets.

Dank der dwif-Studie haben es Zweifler jetzt schwarz auf weiß: Auf jedes gebuchte Hotelbett kommt mindestens ein Gast auf dem Schlafsofa. Konkreter: Zu den 31 Millionen Übernachtungen, die 2016 in der Hotellerie registriert wurden, kommen laut der Studie 33,2 Millionen Übernachtungen von Besuchern, die bei Freunden und Verwandten übernachten. Knapp fünf Millionen Übernachtungen entfallen zusätzlich auf Gäste, die bei Privatvermietern oder im Bereich der sogenannten Sharing Economy buchten. Bleibt zu hoffen, dass den Berlinern die Nachfrage nach ihrer Stadt und deren Beliebtheit nicht bald so über die Hutschnur geht, wie den Bewohnern der In-Destination Barcelona, von denen sich viele zu Tode geliebt fühlen.





Notizbuch: in zwei Jahren um die Welt

5 08 2017

Samstag, 5. August 2017

Er ist mir der liebste Touristiker, den ich kenne [und ich kenne viele]: Kadir Ugur, Gründer und mit seinem Sohn Deniz [noch] Chef des Reiseveranstalters Bentour, einer der letzten „Bauchtouristiker“ der Branche. Er ist ein Mann mit Charme und Charisma, mit Hirn und Herz. Ich hatte vor einem Jahr das Vergnügen, mit ihm, seinem Skipper und drei Kolleginnen eine Woche auf seiner BenSwissYacht zu verbringen. Die gemeinsamen Erlebnisse und Gespräche werde ich nie vergessen. Jetzt macht sich Kadur mit seiner geliebten Jacht auf zur Weltreise. Von der Branche hat er sich mit diesem anrührenden Brief verabschiedet:

Liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Partner und liebe Freunde, nach über 50 Jahren Berufstätigkeit in der Touristik wird es für mich Zeit, dieser schönen Branche „leb Wohl und auf Wiedersehen!“ zu sagen und mich mit einem lachenden und einem weinenden Auge aus dem aktiven Geschäft zurückzuziehen.

Da mir der Abschied nach all den Jahren doch sehr schwer fällt, habe ich mir ein neues Ziel gesetzt, das mir den Abschied etwas leichter machen wird. Kommende Woche laufe ich mit der BenSwissYacht in Antalya aus und begebe mich auf die Abenteuerreise meines Lebens: meine große Weltumsegelung.

Viele spannende Länder, Menschen, Abenteuer und eine lange Reise befinden sich vor mir. Ich glaube und hoffe, die vor mir liegende Strecke in gut zwei Jahren erfolgreich zu meistern, um nach meiner Rückkehr noch einige Jahre Bentour als Verwaltungsratspräsident zur Seite stehen zu können.

Mir ist ein großer Trost und ich bin sehr glücklich darüber, dass ich ein starkes Team mit vielen erfahrenen, fleißigen und treuen Mitarbeitern zurücklasse. Und ich weiss, dass mein Sohn Deniz, der Bentour seit mehr als 10 Jahren an meiner Seite führt, mit diesem Team für viele weitere erfolgreiche Jahre BentourReisen sorgen wird.

Neben meinem Sohn und seinem Team gilt mein Dank aber insbesondere auch der gesamten Branche: den Reisebüros, der Presse, Airlines, Hoteliers, Incoming-Agenturen, uns partnerschaftlich verbundenen Veranstaltern und all den vielen weiteren Wegbegleitern und -bereitern. Sie alle machen es mir besonders schwer, mich in den Ruhestand zu verabschieden.

Ich danke Ihnen allen für das Vertrauen, dass Sie in uns gesetzt haben und bin mir sicher, dass dieses Vertrauen auch weiterhin Basis für eine gute Zusammenarbeit zwischen Bentour und Ihnen sein wird.

Vielen Dank für die schönen gemeinsamen Jahre und vielleicht sehen wir uns auf der ITB 2019.

 





Notizbuch: die Erfahrung

2 08 2017

Donnerstag, 3. August 2017

Patsch, da lag ich da. Auf einer harmlosen Wanderung durch die Berge bei Rosa Khutor bin ich gestürzt. Gejault habe ich wie ein Hund, der getreten wird. Treten, auftreten konnte ich nicht mehr. Das hätte das Ende meiner Recherchenreise nach Sotchi am Schwarzen Meer sein können. Stattdessen war der Sturz, so paradox das klingt, der Beginn einer Kette angenehmer Erfahrungen.

Foto 1 & 2: Jürgen Grosche

Da waren erst einmal die Kollegen und eine Kollegin, die Gruppe unserer Pressereise unter der Regie von Lutz Schönfeld. Mir wurde ein kleines Kissen oder was es sonst war unter den Kopf geschoben. Ein paar Kollegen breiteten eine PR-Fahne mit der Aufschrift „Rosa Khutor“ aus, um mir Schatten zu spenden. Und damit das Ganze nicht zu dramatisch aussah, bat mich ein Kollege, ein Victory-Zeichen zu machen, ehe er mich fotografierte.

Von da an war ich in professionellen Händen. Ein Buggy brachte mich zur Bergstation eines der vielen Seilbahnen der Region; zwei Sanitäter schleppten mich regelrecht hin. Sie waren lustig und versuchten, mich bei guter Laune zu halten. Jelena Korniyuk, unsere Reiseleiterin und Dolmetscherin [rechts], die nicht von meiner Seite wich, übersetzte alle Scherze. Nach der Benutzung von drei Seilbahnen wurde ich in einen Krankenwagen umgeladen und ins nächste Krankenhaus gebracht, die Sanitäter und Jelena immer dabei.

Höflich, gar eine Spur herzlich war die Behandlung im Krankenhaus – und sehr professionell. Beinschiene und Krücken, die mir verpasst wurden, konnte ich sogar mit EC-Karte bezahlen. Und die Sanitäter waren weiter lustig. Als einer versuchte, mir die – recht enge –  Hose wieder anzuziehen und ihm das nicht gelang, meinte er lakonisch: „Der ist zu dick.“ Und später, als ich verarztet war: „Der läuft heute keine Frau mehr nach.“

Von da an begegnete ich nur Hilfsbereitschaft, und zwar von der ganz selbstverständlichen Art: im Hotel, in Restaurants, auf den Flughäfen von Sotchi und Moskau. Mir war vorher nicht bewusst, was für ein warmherziges Volk die Russen sind und wie sie aufeinander achten.

Und meine Kollegen, die Kollegin und Jelena betütelten mich regelrecht. Sie brachten mir Frühstück ins Zimmer, halfen mir beim Anlegen der Schiene, stützen mich beim Ein- und Aussteigen und schoben den Rollstuhl. Das muss man sich einmal vorstellen: Mit ihrer Hilfe und Lutz Schönfelds perfekter Organisation war die Recherchenreise für mich nicht zuende. Danke!

Das i-Tüpfelchen erwartete mich dann in Berlin. Ich befürchtete nach all den Negativberichten der letzten Zeit über Tegel das Schlimmste, als schon alle aus dem Flieger ausgestiegen waren, ich aber noch nicht abgeholt worden war. Und dann erschienen zwei Mitarbeiter der Firma Gegenbauer, entschuldigten sich für die Verspätung, waren gut gelaunt, brachten mich zum Terminal, kümmerten sich um das Gepäck, schleppten Rollstuhl und Koffer an den Straßenrand, telefonierten mit meiner Abholerin, die sich verfahren hatte, und verfrachteten mich und Gepäck dann ins Auto. Und dann winkten sie noch zum Abschied…

 

 

 





Notizbuch: vom Küssen

25 07 2017

„Küssen kann man nicht alleine“ singt Max Raabe. Und der Bursche hat Recht: In der wundervollen Ausstellung „Kuss“ im Berliner Bröhan-Museum sind keine Single-Küsse zu sehen. Dafür jede nur denkbare Variante: Küsschen-Küsschen-Küsse, Wangenküsse, Zungenküsse, platonische Küsse, erotische Küsse, politische Bruderküsse und – Todesküsse.

Ein Wort zum Bröhan-Museum, das viele Berliner gar nicht kennen. Dabei nimmt es international eine bedeutende Stellung ein. Es ist das „Landesmuseum für Jugendstil, Art Déco und Funktionalismus“ – den Perioden von 1889 bis 1939. Es ist in einer bemerkenswert gefälligen früheren Infanteriekaserne aus dem Jahr 1839 untergebracht. Das spätklassizistische Gebäude lliegt gegenüber dem Schloss Charlottenburg in der Schloßstraße. Die reichen Bestände bestehen aus Kunsthandwerk-Objekten und Bildender Kunst. Der Sammler Karl H. Bröhan (1921 bis 2000) hat es gegründet und schenkte seine Sammlung zu seinem 60. Geburtstag der Stadt Berlin.

Zurück zur Küsserei. Die Ausstellung hat den Untertitel „Von Rodin bis Bob Dylan“. Die Liste der Künstler, die sich mit dem Kuss beschäftigt haben, ist lang und reicht von A bis Z, von Marina Abramović bis Akram Zaatar. Illustre Namen und entsprechende Werke sind darunter, Auguste Rodin, Franz von Stuck, Edvard Munch, Peter Behrens, Bob Dylan… Gemälde sind zu bewundern, Grafiken, Skulpturen – darunter ein Modell zu Rodins berühmten küssenden Paar -,  Fotos und Filme, Videokunst, Werbung. Und immer wird geküsst.

In zahlreichen Werken werfen die Küssenden Fragen auf, Fragen zur Identität, zur Sexualität, zum Feminismus, zur Homosexualität. Durchaus aufregende und auch anregende Kunstwerke sind ausgestellt. Entsprechend beschwingt verließ ich die Ausstellung. Aber zum Küssen – zum Küssen war niemand da…





Notizbuch: Jede Stimme gegen Rechts

22 07 2017

Samstag, 22, Juli 2017

Da werden die Erzkonservativen und Rechten sauer gewesen sein: Der diesjährige Christopher Street Day in Berlin, der 39., hatte ein so klares politisches Motto wie nur selten davor:  „Mehr von uns – jede Stimme gegen Rechts!“ Es wurde unter 200 Vorschlägen ausgewählt. Voriges Jahr hatte es noch geheißen: „Danke für nix“. Diesmal hatte der Bundespräsident dem CSD noch einen Freuden-Stupser verpasst, indem er das „Ehe für alle“-Gesetz noch rechtzeitig unterschrieb.

Das war ein Bilderbuchwetter. Und eine Bilderbuchstimmung. Ich hatte den Eindruck, die CSD-Teilnehmer beim großen Umzug vom Café Kranzler bis zum Brandenburger Tor noch nie so ausgelassen gesehen zu haben. Auch die Zuschauer waren allerbester Stimmung. Manche der Fußgruppen wurde mit lautem Klatschen belohnt. Auch die 60 teilnehmenden Wagen fanden Anklang; zum ersten Mal war ein eigener Wagen der Evangelischen Kirche darunter.

Die Veranstalter der CSD-Parade weisen übrigens unermüdlich darauf hin, dass der Umzug keine „Schwulen-Parade“ ist, auch kein Umzug allein von Schwulen und Lesben. Die Parade wendet sich an Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender und Intersexuelle, unter dem Kürzel LGBTI zusammengefasst. Eine queere Parade halt mit entsprechenden politischen Forderungen und um wertfreie Aufklärung bemüht…

Auch Politiker bekannten sich durch ihre Teilnehme zu den CSD-Zielen: Volker Beck, natürlich, auch Cem Özdemir, Berlins Kultursenator Klaus Lederer. In einer Direktsendung von Radio eins zum CSD-Umzug räumte ein Senator [für Nicht-Berliner: das ist so etwas wie ein Minister J] ein, „auch schwul“ zu sein. Viel nackte Haut wurde  präsentiert, dies mit bemerkenswert viel Phantasie, Witz und Selbstironie. Als eine junge Tänzerin oben ohne vorbeihoppelte [nein, ich habe sie mit Absicht nicht fotografiert!], war die Reaktion der Zuschauer ein Nicken, nicht mehr und nicht weniger. So wie Berliner auf Tüten Erna reagierten, die mit ihren Plastiktüten viele Jahre an der Gedächtniskirche saß und in ihrem relativ hohen Alter freie Liebe propagierte: Is halt so, det is Berlin.

Aber dieser Eindruck täuscht. Im vergangenen Jahr zählte die Polizei in Berlin 162 Übergriffe auf LGBTI-Personen. Ein Polizeisprecher führte die stark gestiegene Zahl auch [!] auf die wachsende Bereitschaft der Angegriffenen zurück, Übergriffe anzuzeigen. Das rät die Polizei übrigens auch bei „bloßen“ Beleidigungen: Je mehr Anzeigen vorlägen, desto leichter falle es, die Täter auszumachen.

Zum Schluss etwas Versöhnliches: Irgendwann kam der große Regen. Die Feuerwehr musste in einigen Bezirken den Ausnahmezustand ausrufen.

Ich kam, der Kameras wegen, noch rechtzeitig heim. Der Stimmung beim CSD-Umzug konnte der Regen nichts anhaben: Fotos in den Sozialen Medien zeigen pitschepatschenasse Teilnehmer des Umzugs, die fröhlich im strömenden Regen tanzen.





Notizbuch: Brandbrief

21 07 2017

Freitag, 21. Juli 2017

Kadir Ugur, der die Bentour Türkei Reisen AG 2004 gegründet und zu einem der führenden Türkei-Spezialisten unter den Reiseveranstaltern gemacht hat, hat noch nie ein Blatt vor den Mund genommen. Entsprechend deutlich kommt er in seinem Brief an den neuen Tourisminister zur Sache. So schreibt er zu Beginn: „Unser Tourismusministerium gilt mittlerweile als Ministerium mit den schnellsten Ministerwechsel.“

„Jedesmal wenn ein neuer Minister dieses Amt bekleidet, gilt unser Fokus der Ausrichtung und Perspektive sowie der damit verbundenen Strategie“, schreibt Ugur [Bild]. Und: „Selbstverständlich erwarten wir von Ihnen als Minister, dass Sie nicht auf dem aktuellsten Wissenstand über den Tourismus sind. Deshalb empfinden wir es als unsere Verpflichtung, Ihnen die Sorgen und Probleme unseres Sektors mitzuteilen.“

Und das tut er. Beispielsweise mit diesen Sätzen: „Für eine schnelle Übersicht über unseren Sektor und damit zielorientierte Entscheidungen getroffen werden können, empfehlen wir, mit touristikerfahrenen Amtsträgern ein Kader zu bilden. Sind nämlich weder Minister, noch die Amtsträger tourismuserfahren, so können die Hürden in der momentan krisenreichen Zeit nur sehr schwer gemeistert werden.“

Gerne würde er „mit höchstem Respekt, als 70jähriger Touristiker sowie seit 50 Jahren immer noch im Ausland aktiv tätig“ dem neuen Minister einige Empfehlungen mit auf den Weg geben. Erstens: „Der Staatsekretär sollte ein branchenerfahrener Amtsträger sein.“ Zweitens: „Zur Lösung der aktuellen Probleme sollte schnellstens ein Krisenstab, bestehend aus Amtsträgern des Tourismus- sowie Finanzministeriums und erfahrenen Touristiker aus dem In- und Ausland gebildet werden.“

Außerdem empfiehlt Kadir Ugur, dass zwei Punkte in Angriff genommen werden sollten: Erstens sollten die Regelungen betreffend der Flug-Subventionszahlungen an die Veranstalter vereinfacht werden: „Unter anderem sollten nur Subventionen ausgezahlt werden, wenn der Flugpassagier auch eine Hotelreservation tätigt.“ Zweitens fordert Ugur die Festsetzung einer Mindestpreis-Basis für 4- bzw. 5-Sterne Hotels: „Dies würde das Aussterben von 2- bzw. 3-Sterne Hotels verhindern.“

Kadir Ugur hat diesen Brief sozusagen als Lobbyist geschrieben. So enthält er denn auch keinen Satz über die wahren Gründe des Einbruchs des Reiselandes Türkei auf dem deutschen Markt. Die sind auch nicht durch die Ernennung eines neuen Ministers behoben.

Zu diesem Punkt ein hochinteressantes Video – mein Kollege Jürgen Drensek zur Frage: Sind Urlaubsreisen in die Türkei gefährlich/angebracht/moralisch vertretbar?

https://www.facebook.com/drensek [ein wenig nach unten scrollen!]