Notizbuch: Ingrids Museum

20 10 2020

Bornholmer Reminiszenzen II: Erinnerung an Martin Andersen Nexø

Dienstag, 20. Oktober 2020

Es ist ein kleines, wirklich nur sehr kleines Museum. Aber jeder Bornholm-Besucher sollte es gesehen haben. Es erinnert an einen der bedeutendsten europäischen Schriftsteller, der seine Wurzeln in Dänemark hatte und Deutschland sehr verbunden war: Martin Andersen Nexø. Eigentlich hieß er nur Martin Andersen und wählte den Namenszusatz Nexø, weil in dem Bornholmer Städtchen sein Elternhaus stand. Es dient heute als Erinnerungsstätte an den Schriftsteller. Dort habe ich Ingrid Kofod Larsen getroffen – wieder eine der unvergesslichen Begegnungen beim letzten Besuch auf meiner Lieblingsinsel.

Ingrid und ich kannten uns noch nicht, als ich mich mit ihr zum Interview verabredete. Sie ist die Leiterin der sechsköpfigen Teams, das sich ehrenamtlich um das kleine Museum kümmert. Die Verabredung klappte – wie immer in Dänemark – reibungslos. Zum Gespräch erschien Ingrid mit Kaffee und dänischen Kringeln – eine Geste, die ich in deutschen Museen noch nie erlebt habe. Da war nicht ein Quäntchen Misstrauen, noch nicht einmal Skepsis, sondern nur Offenheit. Ich habe das über Ingrid schon einmal In Facebook geschrieben: Sie ist eine der [sie mag mir das Adjektiv nachsehen] bezaubernden, geradezu süßen älteren Damen, an denen Dänemark so reich ist.

Und was ich an Interviewpartnern so mag: Sie war stolz auf ihre Arbeit und das Museum, ohne arrogant zu wirken. Aber nun zu Martin Andersen Nexø: Er hat nur drei Jahre in dem Haus gewohnt, von 1882 bis 1884. Das Museum wurde 1990 eröffnet, seit 1993 steht das Haus unter Denkmalschutz. Gerade ist es renoviert und umgestaltet und modernisiert worden. Die Ausstellung zeigt Porträtgemälde, Fotografien, Fotokopien seiner Briefe und persönliche Gegenstände. Und viele seiner Bücher.  Seine Werke wurden 10 Millionen Mal verkauft und in 44 Sprachen übersetzt.

Aber seien wir mal ehrlich: Wer von uns kennt schon Martin Andersen Nexø, den wohl bedeutendsten Vertreter der dänischen Arbeiterliteratur- Der Arbeiterklasse fühlte er sich Zeit seines Lebens verbunden, stammte er doch selbst aus ärmlichen Verhältnissen. Er wurde 1869 in Kopenhagen geboren und zog 1877 nach Bornholm. Das äußerst harte Leben der Bauern, Fischer und Arbeiter auf der Insel schildert der erste Teil des 1906 bis 1910 erschienenen vierbändigen Romans „Pelle der Eroberer“. Dieser Teil des Romanzyklus wurde  durch den gleichnamigen Film des Regisseurs Bille August berühmt, der 1987 auf Bornholm gedreht und ein Jahr später mit der goldenen Palme von Cannes ausgezeichnet wurde. Er Film errang sogar einen Oscar als bester fremdsprachiger Film. Ein Jahr vor dieser berühmten Verfilmung drehte die Defa einen Film über das gleiche Thema und mit dem gleichen Titel, der im Fernsehen der DDR ausgestrahlt wurde. Ein ebenfalls sehr  sehenswerter Streifen.

Als Mitglied der dänischen kommunistischen Partei kam Martin Andersen Nexø 1941 während der deutschen Besetzung in Haft, aus der er zwei Jahre später über Schweden in die Sowjetunion floh- Nach dem Krieg kehrte er zwar nach Dänemark zurück ließ, sich aber 1951 In der DDR nieder. War Ehrendoktor der Universität Greifswald und Ehrenbürger der Stadt Dresden, wo er ab 1952 wohnte. Er starb 1954 im Alter von 84 Jahren und wurde in Kopenhagen auf dem berühmten Assistenz Friedhof beerdigt.

Nach der Wende bestand in Dresden kein Bedarf mehr an seiner Villa, die lange als Erinnerungsstätte gedient hatte. Ich war zufällig auf Bornholm und in Nexø, als 1990 sein Elternhaus in das Museum umgewandelt wurde. Damals wurden in dem frischgebackenen Museum antiquarischen ein paar Werke von ihm verkauft, die man aus Dresden herübergeschafft hatte. Ich erwarb einige Bücher, die heute in meiner Bibliothek stehen – ungelesen, wie ich gestehen muss. Das hole ich jetzt nach.





Notizbuch: Franks Märchen

12 10 2020

Bornholmer Reminiszenzen I: der Kinderbuch-Autor von Snogebæk

Montag, 12. Otober 2020

„Wegen meiner schlechten Zähne musste ich immer den Bösewicht spielen!“ Das sagt Frank Kantereit, Opernsänger, Schauspieler, Regisseur und Autor zauberhafter Kinderbücher, die auch für Erwachsene geeignet sind. Ich habe ihn auf Bornholm getroffen.

Außer Berlin und meiner Heimatstadt Aachen gibt es keinen Ort auf der Welt, mit dem ich so verbunden bin wie mit der dänischen Insel Bornholm. Das ist eine private Geschichte, die schon über 50 Jahre andauert. Dieses Jahr machte meine halbe Patchworkfamilie dort gemeinsam Urlaub.

Am ersten Tag: Nieselregen. Viel konnten wir nicht unternehmen. Aber für einen Abstecher nach Snogebæk war das Wetter gut genug. Eine Schokoladen-Manufaktur, eine Glasbläserei, einen Antiken-Laden, verschiedene Boutiquen – Snogebæk ist ein netter Shoppingort. Frank hat dort auch einen Stand, eine Art Verkaufsbude, in der er seine Bücher ausstellt.

Was gab es da nicht für köstliche Titel. „Als Finn die Zeit vergaß“, „Troll verflixte Mittsommernacht“ oder die „Himmelsbirke“. Ich entschied mich für einen dickeren Band, der erst Mitte des Jahres herausgekommen ist: „Dreizehn Zöpfe, dreizehn Locken und ein Riesenhokuspokus“.  Wie alle Märchenbücher von Frank Kantereit sind sie auf Deutsch geschrieben und vom Autor selbst wundervoll illustriert.

Für wen denn dieses Geschenk sei, fragte Frank, und ich erzählte ihm von meiner kleinen Freundin Pepi aus München. Da nahm er das Buch wieder an sich und schrieb, nein malte eine wunderbare, ans Herz gehende Widmung für die kleine Dame hinein.

Ich kann mit Frank ins Gespräch. Er wurde 1957auf Bornholm geboren und erlebte dort in den ersten fünf Jahren seines Lebens eine unbeschwerte Kindheit. „Die ist bis auf den heutigen Tag noch nicht beendet, sagt er. Das ist sein Bekenntnis: „Meine Geschichten erzählen von glücklichen Kindheiten, denn eine Kindheit hat jeder von uns, ganz gleich, was später aus uns geworden ist. Ich freue mich, wenn Menschen jeden Alters an meiner märchenhaften, verspielten und verrückten Wirklichkeit ihre Freude finden. Und was gibt es Wundervolleres als Freude zu schenken!“

Was für ein glücklicher Mann! Als er fünf war, ging er mit seiner Familie nach Deutschland und verbrachte dort viele kreative Jahre. Vor ein paar Jahren kehrt er auf die Insel zurück und widmete sich seinen Büchern, die in Deutschland übrigens in vielen Buchhandlungen und im Internet zu finden sind.

„Frank liebt seine Heimatinsel wohl genauso wie ich sie liebe. Über sie schreibt er In den „Dreizehn Zöpfen…“: Es war einmal eine zauberumwehte Insel. Die lag draußen, ganz weit draußen in der Ostsee. Und diese glückleuchtende Insel nannte sich Bornholm.

Eine uralte Sage, so erzählen es die Alten, besagte: Als der liebe Gott die Welt erschuf, hielt er einige Reste traumschönster Natur übrig. Aus all diesen wonnevollen, von seiner zauberkräftig anmutenden Schöpfung zurückgebliebenen Dingen, schuf er dieses freudenprächtige Paradies: Die Insel Bornholm. Eine zaubertrunkene Traumwelt, in der alles märchenhaft unwirklich erschien…

Unser Gespräch war eigentlich viel zu kurz. Aber als die Patchworkfamilie zurück in ihr Ferienhaus in Vestersømarken fuhr, hatte ich das Gefühl, dass sich allein schon wegen dieser Begegnung die Bornholm-Reise gelohnt hat. Frank, wenn du das liest: Das war ein Kompliment.





Notizbuch: Leben im Möckernkiez

8 10 2020

Berliner Modellprojekt mit 471 Wohnungen direkt am Park am Gleisdreieck

Donnerstag, 8. Oktober 2020

Auf den ersten Blick sieht der Möckernkiez aus wie ein ganz normales, modernes städtisches Wohnquartier. Auch auf den zweiten Blick ist man nicht geneigt, dem Möckernkiez originelle Architektur-Kreationen zu bescheinigen. Doch wer genau hinschaut entdeckt Idylle überall: auf den im Blumenschmuck fast ertrinkenden Balkonen, in den Buddelkästen zwischen den Häusern, im Kiez-Café, wo Freiwillige aushelfen.

Der Möckernkiez ist eben doch anders als das, was Berliner von Neubaugebieten gewohnt sind. Da ist zuerst schon einmal die Lage: Auf der einen Seite grenzt das 30.000 Quadratmeter große Grundstück an die äußerst belebte Yorckstraße. Auf der anderen Seite grenzt der Möckernkiez unmittelbar an den Kreuzberger Park am Gleisdreieck.

Möckernkiez. Kiz, so verrät uns Wikipedia, „bezeichnet vor allem in Berlin einen überschaubaren Wohnbereich (beispielsweise einen Stadtteil), oft mit weitgehend vom Krieg verschonten Gründerzeit-Gebäuden in ‚inselartiger‘ Lage und einem identitätsstiftenden Zugehörigkeitsgefühl in der Bevölkerung.“ Nun, Gründerzeit-Gebäude besitzt der Möckernkiez nun wirklich nicht, aber um das identitätsstiftende Zugehörigkeitsgefühl ist es dort gut bestellt. Die Kiezbewohner packen Aufgaben gemeinsam an, zum Beispiel im eigenständigen Verein Möckernkiez e.V. Sie sind stolz auf ihr Modellprojekt, kennen sich mittlerweile ganz gut untereinander, mögen sich vielleicht sogar und grüßen sich oder bleiben gar zu einem Spontanplausch stehen.

Der Möckernkiez ist eine Initiative von Bürgerinnen und Bürgern, die eine gemeinschaftliche und generationenverbindende Wohnanlage schaffen wollten, die „ökologisch nachhaltig, barrierefrei und sozial“ ist. Die Genossenschaft hat rund 2500 Mitglieder, aber wie viel Bewohner der Möckernkiez hat, durfte bisher noch nicht gezählt werden. Der Datenschutz steht einer solchen Zählung im Wege. Nach dem Bericht einer Tageszeitung sollen es rund 900 Kiezbewohner sein.

Gerade eröffnet im Möckernkiez an der Ecke Möckernstraße/Yorckstraße ein Drei-Sterne-Hotel mit 120 Betten, das unabhängig von der Genossenschaft operiert.

Die insgesamt 471 Wohnungen haben ein bis sieben Zimmer und sind 27 bis 150 Quadratmeter groß. Fast alle besitzen so etwas wie einen privaten Außenraum – einen Balkon, eine Loggia oder eine Terrasse. Die Gemeinschaftsräume und Dachterrassen, Spielplätze, Gartenhöfe und Grünflächen werden von allen Bewohnern gemeinschaftlich genutzt.

Apropos grün: Mittlerweile sprießt es überall auf dem Gelände und deckt die nackten Betonflächen zu. Das Gelände ist autofrei, und Kinder können ungefährdet herumtollen. Wem die Spielplätze und Freiflächen noch nicht reichen, findet im benachbarten Park am Gleisdreieck reichlich Gelegenheit zum Spaziergang, zum Picknick auf der Wiese oder zu atemberaubenden Kunststücken auf Skateboard oder BMX-Rad.

Ein Wermutstropfen in der Freude über das Wohnen im eigenen Kiez könnte für ältere Bewohner der Kinderlärm zu unsozialer Zeit sein, morgens um 7 oder spät abends. Auch die Preise sind nicht ohne: Genossenschaftsbeitrag und Mietzahlungen addieren sich zu beeindruckenden Summen.

Park am Gleisdreieck

Am Geld wäre übrigens das ganze Projekt beinahe gescheitert. 2014, als gerade mal vier Häuser im Rohbau standen, war die Finanzierung in Frage gestellt. Erst nach 20 Monaten wurden die Bauarbeiten wieder aufgenommen. In der Mitte des Jahres 2018 wurden die letzten Wohnungen bezogen. Das Grün begann zu wachsen und das Gemeinschaftsgefühl ebenso.





Notizbuch: Ägypten & Corona

5 10 2020

Mit welchen Argumenten Ägypten um die Aufhebung der Reisewarnung kämpft

Montag, 5. Oktober 2020

Unter strengen Bedingungen hat das ägyptische Tourismusministerium mit Beginn dieses Monats wieder Nilkreuzfahrten zulassen. Die Schiffe mussten dieselbe penible Hygiene- und Sicherheitsprüfung über sich ergehen lassen wie die 700 – der insgesamt 1200 – Hotels und Resorts, die wieder für den Tourismus zugelassen sind. 

Den Kreuzfahrtschiffe ist es nur erlaubt, 50 Prozent der Kabinenkapazität belegen. Während die Gäste das Schiff zu Ausflügen verlassen dürfen, ist dies dem Personal untersagt. Es muss permanent an Bord bleiben. Mehr noch: Es ist zu 60-tägigen ununterbrochenen Dienstschichten verpflichtet und muss davor und danach im Heimatort in Quarantäne. Der Ägyptische Tourismusminister Khaled El-Enany rechnet damit, dass nur 20 „oder noch weniger“ der insgesamt 130 Nilkreuzfahrtschiffe die Chance zum Neustart wahrnehmen.  

Um das Tourismusgeschäft wieder in Schwung zu bringen, hofft der Minister auf deutsches Publikum. Zwar reisten seit Juli schon 250.000 Urlauber aus 15 Ländern in das Land der Pharaonen, doch es fehlten wegen der pauschalen Reisewarnung die Deutschen.  Deutschland wurde von der Ägyptischen Tourismus-Industrie vor der Corona-Krise als wichtigster Quellmarkt geschätzt. Tourismus ist für Ägypten überlebenswichtig und hat bisher mehr als zehn Prozent des Bruttosozialprodukts erwirtschaftet. Eine Million Einwohner sind direkt und zwei weitere Millionen indirekt vom Tourismus abhängig. 

 

Mit einem ganzen Katalog von Argumenten kam El-Enany kürzlich für einen Tag nach Berlin, um beim Tourismusbeauftragten der Bundesregierung Thomas Bareiß und im Auswärtigen Amt für eine Aufhebung der Reisewarnung zu werben. Er habe kein Verständnis dafür, dass deutsche Touristen in andere Länder reisen dürften, in denen die Corona-Zahlen höher als in Ägypten seien. „In touristischen Resorts haben wir null Erkrankungen auf 100.000 Einwohner“, behauptet der Minister. Zudem seien nur die Baderegionen Marsa Matruh, Sharm-el-Sheik, Hurghada und Marsa Alam und nicht die Hotspots der Pandemie in bevölkerungsreichen Gegenden und in den großen Städten für den Tourismus freigegeben. “Die Touristen werden also von uns am Strand isoliert”, meinte der Minister scherzhaft.  

 

Wenn dennoch ein Urlauber an Corona erkranke, käme er entweder “auf unsere Kosten” (El-Enany) in Hotel-Quarantäne oder werde ins Krankenhaus eingewiesen, dies ebenfalls ohne jegliche Zusatzkosten. Dass jemals im Raum gestanden habe, bei der Einreise positiv getestete Urlauber wieder kostenlos heimzufliegen, streitet der Minister ab. “Die haben ja eh schon den Rückflug bezahlt”, ist sein Argument, aber er räumt auch ein, “dass Fluggesellschaften den Rücktransport infizierter ablehnen”. Dann bleibt nur Hotel-Quarantäne oder in schlimmeren Fällen das Krankenhaus.  

 

Und wie sind ägyptische Hospitäler auf Corona eingestellt? “Das ist auch immer die erste Frage der Reiseveranstalter”, antwortet Tourismusminister El-Enany und versichert, die ägyptischen Hospitäler in Urlaubsgebieten ließen keinen Anspruch offen. Schließlich gehörten viele von ihnen “zur vorzüglichen Infrastruktur des ägyptischen Militärs”. 

Dieser Beitrag ist – mit anderen Bildern – in der touristik aktuell-Ausgabe vom 5. Oktober 2020 erschienen

Ausblick: Im nächsten Post stelle ich den Möckernkiz in Berlin vor. Dann folgen zweimal pro Woche Bornholmer Reminiszenzen. Die Themen: der Märchenschreiber, Martin Anderson Nexös Heim, Ole auf der Insel mit Grußpflicht, Pete & Maibrit – die Stars von Baltic Sea Glass, Schätze in Mys Trödelladen, Maler mit dem immergleichen Motiv, warum ein Bach durch das Kunstmuseum fließt…





Notizbuch: Kretas Disneyland

16 07 2020

Bunt ist der Palast von Knossos, aber sehenswert

Donnerstag, 16. Juli 2020

Beton und viel bunte Farbe prägen den Palast von Knossos, wie er sich heute Besuchern darbietet. Die Nachbildung durch den britischen Ausgräber Sir Arthur Evans (1851 bis 1941) ist umstritten. Viele nennen sie ein Disneyland für Kunstliebhaber.

Aber gesehen sollte man den Palast, wenn man Kreta besucht. Ein Ausflug nach Knossos, sieben Kilometer südöstlich vor den Toren der Stadt Heraklion, zählt also zum Pflichtprogramm jedes Kreta-Urlaubers. Denn wer den sagenhaften Palast des Königs Minos nicht gesehen hat, wird die minoische Epoche nicht begreifen, die auf Kreta eine so große Rolle spielt. Die erste europäische Hochkultur beherrschte von etwa 2600 bis etwa 1450 v. Chr. die gesamte Ägäis und hatte ihren Mittelpunkt eben auf Kreta.

Im Unterschied zu den Palast-Ausgrabungen in Malia, Phaistos, Zakros und, wenn man so will, auch Archanes, die größtenteils als Trümmerfelder daliegen und der Fantasie der Betrachter kaum Anregungen geben, wurde Knossos von dem britischen Ausgräber in weiten Teilen rekonstruiert. Dabei ist er keineswegs so hemdsärmelig vorgegangen, wie der heutige Streit um seine Rekonstruktion vermuten lässt. Er hat sich vielmehr große Sorgen um den Erhaltungszustand der Funde gemacht. Bevor er mit Beton zu Werke ging, um die freigelegten Palastteile zu überdachen und zu stützen, experimentierte Evans mit aus Österreich importiertem Holz. Da dies allerdings zu schnell verfaulte, bildete er schließlich Säulen und Treppen, Decken und Wände in Beton so nach, dass Originalfunde mit einbezogen werden konnten. Was entstand war eine Mischung aus Alt und Neu. Und gab ihm nicht das Erdbeben recht, das am 26. Juni 1926 die Dörfer in der Umgebung von Knossos zerstörte, die Palastrekonstruktion aber ohne Schaden überstehen ließ?

Die vielen Besucher, die jedes Jahr – mit Ausnahme dieses Corona-Krisenjahres – nach Knossos kommen, sind dem Ausgräber jedenfalls dankbar, dass er ihnen ein so plastisches und gar nicht so falsches Bild der riesigen Palastanlage überliefert hat. Die Anlage ist gigantisch! Auf einer Fläche von 21.000 Quadratmetern errichteten die Minor auf hügeligem Gelände 1300 bis 1400 Räume über zwei bis vier Stockwerke sowie zahlreiche Lichthöfe, Treppenanlagen, Säulenhallen, Innenhöfe und Terrassen. Nicht weniger als 100.000 Menschen lebten im Palast und in der ihn umgebenden Stadt, die übrigens genau so wenig wie der Palast befestigt war.

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Was heute in Knossos zu sehen ist, stammt fast ausschließlich aus der sogenannten Jüngeren Palastzeit, das ist die Epoche zwischen 1700 bis 1400  v.Chr. Wie auch die anderen Paläste auf der Insel entstand der erste Palast von Knossos in der Bronzezeit, nach 2000 vor Christus. Und wie die drei anderen ist er um 1700 v. Chr. wahrscheinlich durch ein Erdbeben zerstört wurden. Doch schon bald wurden alle vier Paläste neu errichtet, die Anlage von Knossos entstand in ihren heutigen Ausmaßen. 1450 vor Christus fielen die Paläste einer neuerlichen und letzten Katastrophe zum Opfer. Bis vor ein paar Jahren neigten Archäologen zu der Theorie, daß die Katastrophe im Zusammenhang mit dem Vulkanausbruch auf der gar nicht so weit entfernten Insel Sanatorin (Thira) steht: Vom Erdbeben hervorgerufene Flutwellen, die mehr als 100 Meter hoch waren, und ein tödlicher Aschenregen hätten zur Verwüstung der großen Palastanlagen geführt.

Dagegen wird in letzterer Zeit die Theorie favorisiert, dass diese Katastrophe nur der Auslöser für den Untergang der Paläste war und ein geschwächtes Staatswesen zu Fall brachte, das mit dieser Naturkatastrophe und den daraus resultierenden Hungersnöten und sozialen Unruhen nicht fertig wurde. Nur der Palast von Knossos wurde noch einmal aufgebaut, aber schon 50 Jahre später endgültig zerstört, dies wohl durch ein Feuer, dessen Ursache nicht bekannt ist.

Übrigens hätte auch Heinrich Schliemann, der zu jener Zeit durch seine Funde in Troja schon weltberühmt war, gerne in Knossos gegraben, wurde aber 1886 mit dem Besitzer des Geländes nicht handelseinig. Evans, britischer Museumsdirektor und Ethnologe, kaufte das Grundstück 1894 und begann sechs Jahre später mit den Ausgrabungen. Seine Deutung, dass der Palast von Knossos als Residenz eines Herrschers politischer, kultureller und religiöser Mittelpunkt eines minoischen Reiches war, ist heute gängige Lehrmeinung – auch wenn immer wieder Außenseiter andere Meinungen vertreten. Meine weit über 100 Bände umfassende Kreta-Bibliothek [dazu kommen noch zahlreiche Bildbände] enthält sie alle…

So sehr Evans Theorien über den Palast von Knossos allgemein anerkannt sind, so sehr sind Einzeldeutungen umstritten. Archäologen von heute werfen ihm vor, seine Benennung von Palasträumen entspräche im Grunde weniger wissenschaftlichen Erkenntnissen als seiner starken Fantasie. Aber die Bezeichnungen haben sich eingebürgert und werden lustig weiter verwendet: Prozessionskorridor beispielsweise, Piano Nobile, Megaron der Königin…

 

 

 





Notizbuch: Briefe aus dem Krieg für „Mutti“

9 07 2020

Spannend, was mein Vater jeden Tag aus dem Krieg geschrieben hat

Donnerstag, 9. Juli 2020

Seit Jahrzehnten besitze ich einen Karton mit Fotos und Briefen, die mein Vater  aus dem Krieg seiner Frau geschrieben hat. Er hat offensichtlich versucht, jeden Tag zu schreiben und erwartete auch täglich Feldpost von seiner Frau. Aus dem 500 Briefen habe ich jetzt ein Buch geschrieben. Fast jeder Brief beginnt mit der Anrede „Meine liebe Mutti“, und so soll auch der Titel des Buchs lauten.

Die Älteren unter uns haben das noch erfahren: dass sich Mann und Frau, die Eltern waren, mit „Vati“ und „Mutti“ anredeten. Mein Vater hat auch oft nicht geschrieben, „ich tue/denke/mache“, sondern „Vati tut/denkt/macht“. Das erste, was mir einfällt, wenn ich an unsere Wohnung unserer Familie denke, ist Tabakrauch. Der kam mir auch entgegen, als ich mich zum ersten mal intensiver mit den Kriegskriegen Briefen befasste. Über 70 Jahre hatte er sich in den Papieren gehalten. Mein Vater war ein extrem starker Raucher. Ein Beispiel aus dem Kapitel über seine Gesundheit:

Mir geht es gottseidank noch gut, ich bin noch gesund und munter, stellt mein Vater im Brief vom 28. Juni 1943 fest. Viele bei uns sind krank, sie fühlen sich ganz schwach und apathisch, dazu Magenschmerzen, Fieber und alles Mögliche. Man nennt das Allgemeines Wohlhygienefieber. Hoffentlich bleibe ich weiter davon verschont. Hier hat mein Vater eine Bezeichnung aufgeschnappt, die höchstens phonetisch stimmt. Die typische Soldatenkrankheit heißt „Wolhynienfieber“ oder „wolhynisches Fieber“, benannt nach einer Landschaft in der Ukraine. Dort ist die von Läusen übertragene bakterielle Infektion im Ersten Weltkrieg zum ersten Mal gehäuft aufgetreten. Sie wird auch „Fünftagefieber“ oder „Schützengrabenfieber“ genannt. Bis jetzt hat es gut gegangen, schreibt mein Vater im selben Brief. Entwarnung gibt er am 20. Juli: Die böse Krankheit habe ich also nicht bekommen, wie Du siehst. Vati ist doch schon ziemlich stabil.

Bei der Durchsicht der Kriegsbriefe hatte ich mich auf grausame Schilderungen der Schlachten eingestellt. Aber das Gegenteil ist der Fall, nur in wenigen Ausnahmen gerät die Schilderung so, dass ich als Leser das Gefühl habe, selbst in die Schlacht hineingezogen zu werden. Ich vermute ein ein euchtendes Motiv dahinter, dass mein Vater das Grauen des Krieges derart herunter spielt: Er will seiner Frau Angst ersparen. Ein Beispiel aus dem Kapitel „Schlachten“:

Lakonischer geht es kaum als auf einer an meine Mutter gerichteten Feldpostkarte vom 22. Februar 1943: Die erste Schlacht war es heute, ein richtiger Grosskampftag, sonst nichts Neues. Umso heftiger ist die Schilderung im einzigen mit Bleitift in Eile, auf einer Rast im Wagen geschriebenen Brief vom 13. März 1943: Die ersten Zeilen aus Russland. Wir sind im Südabschnitt in der Nähe von Charkow [wo im Februar und März 1943 die dritte Schlacht um die zweitgrösste Stadt der Ukraine tobte] ausgeladen worden. Die Russen haben zu unserer Begrüssung ein ordentliches Konzert veranstaltet, d.h. gestern Abend einen Fliegerangriff mit allen Schikanen. Daran muss man sich halt gewöhnen und etwas kennen wir davon ja schon, was! An anderer Stelle in dem Brief heisst es: Angst kenne ich nicht und werde mich im übrigen soweit wie möglich vorsehen. Lakonisch ist die Notiz vom 16. Mai: Der kommendierende General unserer Division ist am Freitag gefallen. So ist das rauhe Soldatenleben.

Die meiste Zeit als Soldat verbrachte mein Vater in Russland, wo er schließlich in Kriegsgefangenschaft geriet. Seine erste Begegnung mit dem Feindesland liest sich so:

Heute ist uns nun der Krieg in ganzer Scheusslichkeit zum ersten Mal begegnet, heisst es im ersten „Russlandbrief“ vom 12. Januar 1943. Wir sind heute in eine grosse Stadt eingezogen, die noch unlängst heiss umkämpft war. Wie die Stadt aussieht, das kann man nicht in Worten beschreiben, überall liegen noch die toten Bolschewiken herum, ausgebrannt oder von Fliegerbomben getroffen usw. Es ist einfach ein toller Anblick. Von der Stadt steht so gut wie nichts mehr, was unseren Stukabombern oder dem Artilleriefeuer nicht zum Opfer fiel, ist von den Russen angesteckt worden, ehe sie abziehen mussten. An anderer Stelle des selben Briefes heisst es: Das Russland ist eben in gar keine Weise mit unserem schönen Vaterland zu vergleichen. Und ein paar Zeilen weiter: Aber darum kämpfen wir ja, um unsere Heimat und Euch vor diesem Barbarentum zu bewahren. Und der Sieg muss unserer sein.

Man sagt alternden Journalisten ja gerne nach, dass es sich dazu entschließen ein Buch zu schreiben. Das ist bei mir nicht der Fall, ich habe vor diesem Buch schon 13 Reiseführer geschrieben, fünf davon zusammen mit Sabine Neumann. Nun das 14. Buch.

Das Briefmaterial zu sichten war eine Mammutarbeit, manchmal fühlte ich mich wie Sisyphos. In acht Schritten bin ich vorgegangen, wobei ich zum siebten und achten  Schritt, dem eigentlichen Schreiben, den Lockdown in der Coronazeit genutzt habe. Beim Hantieren mit den Briefen habe ich immer Handschuhe getragen, um sie schonen. Ich habe als erstes alle Briefe, die wahllos durcheinanderlagen, gelesen und [zweiter Schritt] wahllos hintereinander in Hüllen abgeheftet. Die füllten schließlich vier Aktenordner. Dritter Schritt: Auf Blättern, die ich über jede Briefseite gelegt habe, habe ich wichtige Fundstellen markiert. So konnte ich die Fundstellen, deren Text ich [im Schritt vier] abgeschrieben, kopiert oder diktiert habe, schnell wiederfinden. Schritt fünf: Die Fundstellen, von denen es pro Brief immer mehrere gab, habe ich in verschiedene Themen eingeteilt: Kriegspost oder Gesundheit, Russland, die Engländer, der „Führer“ oder Gefangenschaft…; zum schnellen Wiederfinden habe ich die Rubriken auf Aufkleber geschrieben und diese auf die Briefhüllen geklebt. Und der sechste Schritt: Alle Fundstellen, unterteilt nach Rubriken, wurden in riesige Tabellen eingetragen – die Fundstellen-Vorlage für mein Diktat. Und dann kam der siebte und schwierigste Schritt: Für jede Rubrik musste eine plausible Reihenfolge gefunden und eine Dramaturgie entworfen werden, um dann endlich, endlich mit dem Schreiben [achter Schritt] beginnen zu können.

Das liest sich ein wenig wie Buchhaltung – aber wie sollte ich anders die komplizierte Arbeit erklären? Jetzt also ist das Manuskript fertig – mit insgesamt zwölf Kapiteln wie „der Soldat“ [„Jeder Befehl ist heilig und wird ausgeführt“], „Schlachten“ [„Wer auf Vati schießt ist ein Lump“], das Feindesland „Russland“ [„Auseinandersetzung zwischen Gut und Böse) oder „Gefangenschaft und Heimkehr“ [„Barfuß im Schlafanzug mit Krawatte“].

Sieben Leute lesen das Manuskript zur Zeit, und ich bin auf die Anmerkungen gespannt. Wie es weitergeht, ist noch nicht entschieden – Selfpublishing? Finanzierung durch Crowdfunding? Wird sich ein Verlag finden? Ich werde an dieser Stelle darüber berichten…





Notizbuch: der Unsterbliche

30 06 2020

Warum mir der Künstler Arne Ranslet so viel bedeutet

Dienstag, 30. Juni 2020

Es gibt Freunde, mit denen man so lange schon vertraut ist, dass man sie irgendwann für unsterblich hält. So ist es mir mit dem Bornholmer Künstler Arne Ranslet gegangen, einem der wichtigsten Menschen in meinem Leben. Aber gestorben ist er dann doch irgendwann, im April vor zwei Jahren. Er wurde knapp 87 Jahre alt. Andererseits ist er aber doch unsterblich – als Künstler und weil er in meiner Erinnerung weiterlebt.

Arne und seine Familie lernte ich über einen Umweg kennen. Meine Kollegin und Freundin Gabriele Hartmann, die mir bei den Recherchen zum DuMont-Band “Bornholm“ in der Reihe Richtig Reisen [erschienen 1988] half, machte mich auf den zauberhaften Band “Der Mops von Bornholm“ aufmerksam. Schöpfer war Emanuel Eckardt, damals Chefredakteur von Merian. Brieflich stellten wir den Kontakt her und er erzählte mir, zu dem Band habe ihn sein Freund Arne auf Bornholm inspiriert. Und er beschrieb mir detailliert den Weg zu ihm.

Also besuchte ich Arne während meiner Recherchen auf Bornholm auf dem Bukkegård, einem 200 Jahre alten Bornholmer Bauernhof bei Hasle. Dort lagen Wohnung, Atelier und ein kleiner Schuppen mit ausgestellten Kunstwerken der Ranslets. Wie es sich gehört, wenn man einen Dänen auf Deutsch anspricht, fragte ich höflich: „Sprechen Sie Deutsch?“ Und es kam prompt die typische Antwort eines Dänen, wenn man ihn auf seine Deutschkenntnisse anspricht: „Ein kleines bisschen.“ Was stets maßlos untertrieben ist. Und so setzte Arne gleich auf Deutsch hinzu: „Hast du schon den neuen Roman von Lenz gelesen?“ Arne konnte sich in Deutsch geradezu fantastisch ausdrücken.

Schon am selben Abend lernte ich die ganze Familie kennen: seine Frau Tulla Blomberg Ranslet, Malerin und Keramikerin, die Tochter Pia Ranslet, eine Malerin, die schon lange in Israel wohnt, den Bildhauer Paul Ranslet, der immer noch auf Bornholm lebt und arbeitet, und das damalige Nesthäkchen Charlotte Ranslet, heute Charlotte Pedersen, eine Pilotin.

Arne Ranslet studierte von 1951 bis 54 an der Royal Danish Academy of Fine Arts in Kopenhagen, wo er auch seine spätere Frau kennenlernte, die Norwegerin Tulla Blomberg. Das Paar heiratete 1955 und zog nach Bornholm. Arne Ranslet arbeitete in den ersten Jahren als Techniker in der Keramikfabrik Søholm, wo er zuletzt technischer Leiter war. Unter anderem hat er in dem Werk, das damals noch mehrere hundert Mitarbeiter beschäftigte, bleifreie Glasuren entwickelt.

Als freier Künstler schuf Arne herrliche Keramikwerke – rechts im Bild: „Blaue Sphinx [1973]. Das Wundersamste an den Gefäßen und Figuren aus seiner Hand waren nicht die Formen, obwohl auch sie alles hinter sich lassen, was an klassische Keramik erinnert, sondern die Glasuren. Der riesige Ölofen, den er mit seinen Werken beschickte, erzielte eine Temperatur von 1400° C. Mit diesen Temperaturen und seinem Wissen um die Geheimnisse des Glasierens hat Arne Ranslet regelrechte Glasurbilder gemalt. Die Angaben zu einer Keramiklandschaft lesen sich dann so: „Weiße Steinzeugplatte mit Temmoku, Chün-Yao-Blau und weißer Feldspatglasur, Reduktionsbrand 1400°c.“ Sein Œuvre bevölkern auch Katzen, Hängebauchschweine und ein monumentaler, der biblischen Geschichte entlehnter Wal mit Jonas im Bauch. Er ist von den Ausmaßen her das größte Werk des Künstlers und hängt im Innenhof des Bukkegård, den das Künstlerpaar 1988 aufgab, um in Spanien das bessere Klima zu genießen. Dort bauten sie ein Haus mit Atelier und schufen weiter begehrte Kunstwerke.

Beide Keramikkünstler haben die Grenzen, die ihnen der Werkstoff  Ton setzt, schon vor Jahrzehnten überschritten. Tulla Blomsberg Ranslet studierte Malerei, hing diesen Beruf aber vorübergehend an den Nagel, weil sich die Tätigkeit als Keramikerin [Foto: „Cirkus“, 1981] leichter mit Mutterpflichten vereinbaren ließ. Als die Kinder größer wurden, ist die Künstlerin zur Malerei zurückgekehrt. Und Arne wandte sich der Plastik zu, seine bronzenen Kunstwerke goß er selbst.

Was hat Arne für wundervolle Bronzefiguren geschaffen! Einen lebensgroßen Rocker beispielsweise, der – einen Hotdog in der Hand hält. Eine alte Frau mit Sonnenbrille – und Maschinenpistole im Anschlag. Eine andere Frau, die sich beim Einkaufen, noch die Tasche im Arm, erschöpft hinsetzt – und stirbt. Da wachsen ihr Engelsflügel. Mitten in der Inselhauptstadt steht sein überlebensgroßer Posaunist [links]. Die Stunden in Arnes Atelier sind unvergessen. Der „Tubabläser“ [unten] ist für mich eines seiner schönsten Werke.

Auch Tulla beim Malen zuzusehen, war ein Erlebnis. Gottseidank besitze ich ein schönes, in Nolde-Farben gemaltes Bild von ihr [unten]. Wie überhaupt meine Wohnung ein kleines „Ranslet-Museum“ ist. Da hängt eine Keramikplatte von Arne, im Regal steht eine kleine Bronzefigur, sein Entwurf zu einem Holokaust-Denkmal in Oslo. Ein bronzenes Hängebauschwein, klein, aber sehr hängebauchig, hat Sohn Paul mir geschenkt. Über meinem Bett hängt ein bezauberndes, verzaubertes Landschaftsbild von Tochter Pia. Und überall stehen Glaskunstwerke meiner Bornholmer Freunde Pete Hunner und Maibritt Friis Jönsson, aber das ist eine ganz andere Geschichte.

Ich verdanke Arne viel. Er gab mir tausend Anregungen zu meinem Bornholm-Buch. Ihm verdanke ich meine Kenntnisse über dänische und überhaupt skandinavische Malerei. Was haben wir auf dem Boden sitzend in den umherliegenden Kunstbüchern geblättert.

Wir haben über Gott und die Welt geredet. Arne hat mich immer durch sein Wissen, seine Güte und seinen Humor angerührt. Die Stunden mit ihm zählen zu den schönsten meines Lebens. Ich denke oft an Arne, den Unsterblichen.





Notizbuch: Paradies Portugal

15 06 2020

Die Route N2 führt auf 740 Kilometern quer durchs Land

Montag, 15. Juni 2020

Es muss nicht immer Malle sein. Wenn jetzt die Reiserestriktionen gelockert werden, liebäugeln viele bislang ausgebremste Urlauber mit Portugal. Und dort muss es nicht immer die Algarve sein oder die schöne Hauptstadt Lissabon. Mein Tip: die Nationalstraße N2, die durchs ganze Land führt. Mein Bericht über diese Reise ist zu Beginn der Corona-Krise in der Zeitschrift „Clever reisen!“ erschienen – zum Träumen während der und Nachreisen nach der Corona-Krise…

Wenn sie in der Werbung als „Portugals Route 66“ gepriesen wird, ist das eine maßlose Übertreibung. Der legendäre US-Highway brachte es auf fast 4000 Kilometer und war damit fünfeinhalb mal so lang wie die portugiesische Schwester. Diese heißt korrekt und schlicht N2, Estrada Nacional 2. Sie ist die längste Straße Portugals  und die längste Nationalstraße Europas. Die N2 beginnt im Thermalbad Chaves im äußersten Norden und endet nach 740 Kilometern in Faro an der Algarve. Die N2 wurde vor über 70 Jahren angelegt, Teile davon gibt es schon seit dem 19. Jahrhundert, andere liegen auf ehemaligen römischen Handelswegen.

Das Motto einer Reise über die Estrada Nacional 2 ist dem Portugal-Spezialisten Olimar, der ein entsprechendes Arrangement für Selbstfahrer anbietet, „ganz klar: Der Weg ist das Ziel.“ Wie auf einem Tablett wird den Reisenden das Reiseland Portugal serviert, die der Nationalstraße folgen. Die Route tangiert vier Gebirgszüge, elf Flüsse und sechs Weltkulturerbestätten. Fast stündlich wechselt das  Landschaftsbild – Hochebenen, Flußtäler wie das Dourotal mit tiefen Schluchten, spektakuläre Weinbergterrassen, ein Gebiet mit gigantischen Hinkelsteinen, ein anderes, in dem Korkeichen wachsen, und leider auch bei den großen Bränden vor drei Jahren verwüstete Landstriche.

Langweilig wird den Reisenden nie. Auf dem Weg locken immer wieder Städte zu Abstechern und zum Zwischenstop. In Santa Marta de de Penaguião, einer Kleinstadt 80 Kilometer südlich von Chaves, steht der ganze historische Ortskern unter Denkmalschutz und lohnt die Besichtigung. Der Ort gehört zum Weinbaugebiet Alto Douro, der schon seit 1756 und damit ersten herkunftsgeschützten Weinregion der Welt. Seit fast 20 Jahren gehört sie zum Unesco Weltkulturerbe. Kenner zählen die Landschaft mit ihren tiefen Schluchten und steilen Weinterrassen zu den schönsten Flusslandschaften des Kontinents.

Weingut im Douro-Tal

Urlauber die mit dem Flugzeug anreisen und sich dort einen Mietwagen nehmen, gelangen nach einer etwa 110 Kilometer langen Fahrt nach Santa Marta de de Penaguião – sollten sich aber einen Tag Zeit nehmen, die touristischen Höhepunkte der zweitgrößten Stadt Portugals zu sehen: die Altstadtgassen, all die prächtigen Barockkirchen, die Museen, richtungsweisende Neubauten wie die Konzerthalle Casa da Música von Rem Koolhaas und natürlich die berühmte Ponte Luis I, die sich seit 1886 doppelstöckig über den Douro spannt, und die immer wieder Alexandre Gustave Eiffel zugeschrieben wird, aber gar nicht von ihm stammt. Eigentlich müssten drei Reisetage einkalkuliert werden, um Porto auch nur halbwegs gerecht zu werden.

Viseu

Zurück auf die N2. 170 Kilometer südlich des Ausgangsortes Chaves liegt Viseu, wo sich gleich drei lohnenswerte Museen um die  aus dem Mittelalter stammende Kathedrale scharen: das Museum für Sakralkunst, das dem bedeutenden Renaissance-Maler Vasco Fernando gewidmete Museu Grão Vasco und das frühere Wohnhaus dessen Gründers, des Kunstexperten und Kunstsammlers Almeida Moreira (1873 bis 1939) mit seiner großen Kunstsammlung. Empfehlenswert ist eine Kutschfahrt vom Rathausplatz Rossio durch die restaurierte Altstadt.

An jedem zweiten Wochenende im August überschwemmen 15.000 Biker aus aller Welt die Kleinstadt Gois, die auf der N2 270 Kilometer vom Startpunkt entfernt liegt. Es ist das zweigrößte Biker-Event in Portugal, das größte findet in Faro statt. Für den Ort ist das Treffen nicht einfach zu stemmen, hier leben noch keine 3000 Bewohner. Im Bereich des Ortes liegen vier der 27 sogenannten Schieferdörfer, benannt nach dem hauptsächlich verwendeten Baumaterial. Vor 20 Jahren drohten die Orte wegen der um sich greifenden Landflucht zu verfallen, da entwickelten Studenten ein – wie heute zu sehen ist – erfolgreiches Programm zur Rettung der Dörfer. 24 Dörfer schlossen sich zum Marketingverbund Aldeias do Xisto („Dörfer des Schiefers“ ) zusammen. Die Häuser wurden renoviert oder restauriert, und die Bewohner begannen, sich ihrer Traditionen zu entsinnen. Geschäfte und Restaurants etablierten sich entsprechend der wachsenden Touristenzahlen. Wer heute eines der Dörfer besucht, hat den wohltuenden Eindruck, dass hier die Zeit stehen geblieben ist.

Ein lohnender Zwischenstopp ist auch die von einer Maurenburg überragte Stadt Abrantes (400 Kilometer). Sie liegt malerisch an einem Hang über dem Fluß Tenjo. Beim Spaziergang durch die alten Gasse der Stadt treffen Besucher auf auffallend viele Kunstwerke. Eines der wenigen Süßwasseraquarien, die es in der Welt gibt, steht in Mora (475 Kilometer). Das Fluviario (Flussaquarium) de Mora zeigt die Bewohner von heimischen Flüssen und Seen, aber auch von Gewässern in fernen, exotischen Gebieten. Allerdings – und das ist ärgerlich – ist die Beschilderung ausschließlich auf Portugiesisch.

Abrantes [oben], Süßwasser-Aquarium in Mora [Mitte] und Kuhglocken-Manufaktur von Alcáçovas 

Die portugiesischen Kuhglocken-Manufakturen bzw. die Weise, wie dort die Kuhglocken hergestellt werden, ist gefährdet. Die Zahl der Hirten schwindet, weil heute anders geweidet wird als früher, und längst haben industrielle Fertigungsmethoden die mühsame handwerkliche Herstellung der Kuhglocken verdrängt. Die Manufaktur mit über hundertjähriger Tradition liegt in einer modernen Werkshalle. Bei der Besichtigung sehen Urlauber zuerst eine große Verkaufsfläche mit Kuhglocken, kleineren Glocken für Schafe und Katzen, Schmuckglocken und anderen Souvenirs. Faszinierend ist es zu beobachten, wie die Glocken entstehen. Zuerst schneidet ein Mitarbeiter aus Eisenblech Rechtecke in der gewünschten Glockengröße aus, die kalt mit Metallschere und Hammer zu becherförmigen Gebilden verarbeitet werden. Kleine Stücke aus Kupfer und Zinn werden um die Becher gelegt, die dann von einem Mantel aus Ton und Stroh umgeben werden. Jetzt kommt der in seiner Schutzkleidung wie ein Marsmensch aussehende Mitarbeiter zum Zuge, der die so präparierten künftigen Kuhglocken bei 1200 Grad Celsius brennt.

Nach dem Brennen tritt die ganze Mannschaft wie ein Ballett an, um im gleichen Takt die glühendheißen, ummantelten Kuhglocken an langen Stangen hin- und herzurollen. Dadurch wird eine gleichmäßige Verschmelzung des Metalls erreicht. Es zischt, wenn dann das Material zum Abkühlen in kaltes Wasser geworfen wird. Wenn der Lehm-Stroh-Mantel angeschlagen wird, kommen die goldgelben Glocken zutage. Sie werden getrocknet, poliert und mit Klöppel versehen. Und dann kommt der Höhepunkt: Der Meister stimmt den Ton der Glocke mit unendlich vielen kurzen Hammerschlägen ab – eine Aufgabe, die Fingerspitzengefühl, Geschick und ein perfektes Gehör erfordert. Und dann ist der Weg für die Kuhglocken von Alcáçovas frei – hinaus in die ganze Welt.

Quartiere:  Unterkünfte, meist stilvolle Hotels, gibt es ausreichend entlang der N2, darunter vier zu den Pousadas de Portugal gehörende Quartiere. In einem ehemaligen Hospital aus dem 19. Jahrhundert wurde beispielsweise die Pousada de Viseu eingerichtet, die ungewöhnlich viel Platz bietet und durch die Kombination von altem Gemäuer und moderner Ausstattung  beeindruckt.  Auch die Ausstattung der Route mit Bikehotels ist zufriedenstellend.

Information: Um die Nationalstraße touristisch zu vermarkten, haben sich 35 Gemeinden zum Projekt „N2 Rota Estrada Nacional“ zusammengeschlossen. Die Beschilderung ist noch nicht perfekt. Es muss auch noch mehr Informationsmaterial ins Englische übersetzt werden. Englisch ist auch eine Schwachstelle bei der Ausbildung der Mitarbeiter. Unter https://www.visitportugal.com/de/content/%C3%BCber-die-nationalstra%CE%B2e-2-vom-norden-zum-s%C3%BCden-portugals sind Informationen auf Deutsch zu finden.

Reiseangebot: Für Autofahrer hatte der Portugal-Spezialist Olimar die zweiwöchige Mietwagen-Rundreise „Portugals Route 66“ im Programm. Wenn ein Kunde die Strecke in kürzerer Zeit abfahren wollte, stellte der Veranstalter ein passendes, verkürztes Programm zusammen. https://www.olimar.de/suche/portugal/rund-und-erlebnisreisen/porto-und-nordportugal/portugals-route-66





Notizbuch: Weinen an Titos Grab

12 06 2020

In Ex-Jugoslawien ist der umstrittene Staatsmann unvergessen

Freitag, 12. Juni 2020

Was für ein Auftrieb! Vier Könige, sechs Prinzen, 31 Präsidenten, 22 Premierminister und 47 Außenminister nahmen an der Beerdigung von Tito teil. Das war am 8. Mai 1980. Tito Mausoleum ist – immer noch – heute eine der größten touristischen Sehenswürdigkeiten in Belgrad.

Tito ist tot. Es lebe Tito. So scheinen viele Serben in der Hauptstadt Belgrad zu empfinden. An Marschall Tito, dem jugoslawischen Staatspräsidenten von 1945 bis 1980, kommt kaum ein Belgrad-Urlauber vorbei. Sein Konterfei schmückt Geldscheine und Schaufensterdekorationen. Dass er im Bewußtsein der Stadtbewohner noch immer lebendig ist, beweisen die spontanen Gespräche zwischen Belgrad-Besuchern und Belgrad- Bewohnern, die leicht zustande kommen und sich schnell um den Staatsmann drehen.

Gewiss: Tito genoss als einer der Führer der blockfreien Staaten weltweite Anerkennung. Nach seinem Tod hat die Geschichtsschreibung das Bild gehörig zurecht gerückt. Nur viele Serben hat das noch nicht erreicht. Der Personenkult, der in Ex-Jugoslawien um ihn gemacht wird, erreicht in seinem Mausoleum im „Haus der Blumen“ in Belgrad den Gipfel. Das Mausoleum ist Teil des nationalen Geschichtsmuseum Serbiens. Es wurde 1975 erbaut, also noch zu Titos Lebzeiten, und zwar als seine Residenz. Tito soll gerne an seinem Schreibtisch gesessen haben, der heute noch hier steht. Die schlichte Struktur des Baus und die botanische Pracht, die ihn ausfüllte und umgab, wird ihm wohl gefallen haben. Hier wollte er auch beerdigt sein, seine Gruft ziert eine einfache Platte.

Der Rest des Hauses ist heute ein [Tito-]Museum. Der fortbestehende Tito Hype wird aus dem Geschichtsmuseum genährt, das unzählige Fotos von Tito im Gespräch mit den Großen der Welt zeigt, viele persönliche Gegenstände und Uniformen. Der Museumsshop ist nichts anderes als ein Laden mit Tito-Devotionalien. Immer wieder werden ausländische Touristen von diesem Bild überrascht: Ältere Belgrader weinen an Titus schlichtem Grab. Und immer wieder entstehen auch mit deutschen Besuchern lebhafte politische Diskussionen ohne jede Feindseligkeit.

Und noch eine Überraschung wartet auf „wichtige“ Besucher wie Journalisten: Vier junge, durchaus hübsche Damen. Gekleidet sind sie ein wenig folkloristisch: blaues Käppi, rotes Halstuch, weiße Bluse, blaues Röckchen [kurz, beim Gehen mussten die Damen wegen des Windes den Saum festhalten…], weiße Kniestrümpfe. Das seien Pioniermädchen wie zu Titos Zeiten, wurde uns gesagt. Aber zu Titus Zeiten schwenkten sie gewiss nicht noch deutsche und jugoslawiesche Fähnchen – was das mit dem Saum recht schwierig machte.

Die meisten Besucher aus Serbien und den anderen früheren jugoslawischen Teilrepubliken pilgern am 4. Mai zu Titos Grab, an seinem Todestag. Ältere Menschen brechen in Tränen aus, ewig Gestrige vermerken im Besucherbuch „Gestern Tito – heute Tito – morgen Tito“. Zu Titos Lebzeiten war der 25. Mai Nationalfeiertag und zugleich „Tag der Jugend“. In Wahrheit war der Tag nicht, wie behauptet, der Geburtstag des Marschalls [der war am 7. Mai], sondern der Tag, an dem er 1944 mit knapper Not deutschen Fallschirmjägern entkommen war. Einen von ihnen habe ich mal kennengelernt, er war Kellner in einem Restaurant, in dem meine Familie häufiger sonntags essen ging. „Bis auf ein paar Meter waren wir an ihn rangekommen“, erzählte er, „ich hätte ihn persönlich erschlagen.“ Zum Tag der Jugend fand – auch noch Jahre über Totos Tod hinaus – ein landesweiter Staffellauf statt. Für den Schlussläufer der „Stafette der Jugend“ war es die höchste Ehre, dem Landesvater die Stafette zu überreichen. Die zum Teil kunstvoll verzierten, zum Teil bizarr gestalteten Stafetten zieren eine Wand des Mausoleums.

Salon im Blauen Zug

Auch über die Stadt verteilt gibt es zahlreiche Tito-Erinnerungen: die Luxuskarosse im Oldtimermuseum, historische Fotos des Marschalls im Café You. Und da ist noch der Blaue Zug, Titos Privatzug, der den Präsidenten und seine Entourage zwischen Belgrad und Bar oder zu Auslandsreisen chauffierte. Der Zug kann in Belgrad besichtigt und von Gruppen auch gemietet werden. Konferenzwaggon, Titos Büroabteil, der Waggon mit Küche und Speisesaal – das alles ist vom Zahn der Zeit angenagt, atmet aber Charme und Zeitgeist der 50-er Jahre. Aus Sicherheitsgründen waren übrigens immer drei blaue Züge unterwegs, ein echter und zwei Attrappen. Millionen von Jugoslawen säumten im Mai 1980 die Fahrstecke zwischen Ljubljana und Belgrad, als Titos Leiche überführt wurde. Tito war im Alter von 87 Jahren mit einer Thrombose ins Krankenhaus der Hauptstadt der Teilrepublik Slowenien eingeliefert worden. Nach einer Beinamputation und monatelanger Krankheit starb Tito am 4. Mai. Auch die Uhrzeit ist überliefert: 15:05.

Zwei Gebäude sollten Besucher auf keinen Fall auslassen: die königlichen Schlösser Altes Schloss und das Weiße Schloss, beide in den zwanziger und dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts erbaut. Auch hier weht ein Hauch von Tito. Im Alten Schloss ist ein Kinosaal zu sehen, in dem der Präsident erhöht auf einer Empore in einem einsamen Sessel saß und Filme schaute. Im Weißen Schloss, das zu Tito Zeiten repräsentativen Zwecken diente, kann die Couchgarnitur bewundert werden, auf denen hohe Besucher Platz nahmen, um mit Tito zu plaudern.

Hier nahmen die Großen der Welt Platz

Dazu erzählt der Fremdenführer Verschwörungstheorien, nach denen Tito tatsächlich noch lebt und nicht nur in der Erinnerung der Belgrader. Was für ein Unsinn: Wenn das stimmte, wäre Tito 128 Jahre alt. Bei dem ganzen, aus heutiger Sicht ziemlich unerklärlichen Kult um Tito wird unter den Teppich gekehrt, was für eine vielschichtige, wenn nicht gar gespaltene Persönlichkeit Josip Broz war. Er gab sich erst später das Pseudonym Tito – oder den Spitznamen Tito, um es respektlos auszudrücken.

Marschall im Partisanenkrieg gegen die deutschen und italienischen Besatzer, nach dem Ende des Krieges Ministerpräsident und Staatspräsident Jugoslawiens auf Lebenszeit, auch Diktator, wahrscheinlich auch Massenmörder. Zum Kriegsende und kurz danach ereigneten sich unter Titos Kommando zahlreiche Massaker an Gegnern und denen,  die mit ihnen kooperiert hatten. Politische Gegner wurden während Tito Regierungszeit in Ketten geworfen und auf eine Gefängnisinsel verschleppt. Es gibt Schätzungen, nach denen Tito Regime eine Million Menschenleben forderte.

Titos langer Arm reichte, von der Öffentlichkeit unbemerkt, bis nach Deutschland. Dort soll sein Geheimdienst 29 Exilkroaten ermordet haben. Gerhart Baum, damals Innenminister, und Klaus Dohnanyi, seinerzeit Staatssekretär im Außenministerium, hielten dicht. Denn im kalten Krieg war man darauf bedacht, Tito und sein Lager nicht zu verärgern. Das war die andere Seite Titos. Er war weltweit beliebt, weil er einer der führenden Köpfe der blockfreien Staaten war, gemeinsam mit Nasser, Nero und Sukarno. Diese Einstellung führte sogar zum Bruch mit Stalin. So ist es nicht verwunderlich, dass er 1968 den Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes in Prag zur Beendigung des Prager Frühlings scharf verurteilte. Das brachte ihm weltweites Prestige ein.

Eine weitere Facette im Bild Tito ist eine gewisse Liberalität im Umgang mit seinen Landsleuten, soweit sie ihm nicht widersprachen. Sie konnten ohne Visum hinaus in die Welt reisen. Ich erinnere mich, dass ich vor gut 50 Jahren mit meinem Bruder und meiner damaligen Freundin mit dem Hellas-Express von Deutschland via Belgrad nach Griechenland vor. Wir trafen im Zug eine jugoslawische Studentin, die frank und frei über ihr Studium in Deutschland sprach und über die Verhältnisse im Vielvölkerstaat Jugoslawien. Das hat mich sehr beeindruckt und meine Vorurteile – auch ich war ein westliches Kind des kalten Krieges – dahinschmelzen lassen. Auch wirtschaftlich ging Jugoslawien andere Wege als andere kommunistische Diktaturen. Betriebe konnten sich ähnlich wie Firmen organisieren und hatten weitreichende Entscheidungsfreiheit. Bei meinen vielen Reisen durch Jugoslawien hatte ich viel Elan in den touristischen Firmen und auch ziemlichen Wohlstand gesehen

Auch Titos vierte Ehefrau, Jovanca Broz, trauerte am Grab. Sie war – aus welchem Grund auch immer, das ist nie geklärt worden – seit 1977 nicht mehr in der Öffentlichkeit gesehen worden, geschweige denn an Titos Seite. Zur Beerdigung wurde sie nur zugelassen, weil Indira Gandhi darauf bestanden hatte. Jovanca Broz war als Frau an Titos Seite jahrzehntelang eine weltbekannte First Lady. Bilder, die mit Tito und den Großen der Welt zeigten, gingen um die Welt. Als sie Tito heiratete, war dieser schon 60 und Großvater. Der Marschall genoss den Ruf als Schwerenöter. Wer nicht bei drei… Eine seiner Geliebten ist in der Nähe des Weißen Schlosses beerdigt.

Nach Titos Tod fiel Jovanca Broz in Ungnade. Das ist noch gelinde ausgedrückt. Die Behörden nahmen ihr den Pass weg, enteigneten sie, hörten ihre Telefongespräche ab und stellten sie unter Hausarrest. Völlig mittellos wohnte, oder genauer: hauste sie in einer heruntergekommenen Villa, lange Zeit auch ohne Strom und Wasser. Erst 2006 wurde ihr Los gemildert, die Heizung wurde repariert, und 2009 erhielt sie ihren Reisepass zurück. Die einst so glanzvolle First Lady starb 2013 im Alter von 88 Jahren. Sie wurde neben Tito beerdigt.





Notizbuch: Das Versprechen, das gehalten wird

15 03 2020

Reise „in vergangenen Zeiten“: Was mein Enkel Henrik zum Hotel Fanar im Südoman sagt

Sonntag, 15. März 2020

Das waren noch Zeiten, als man noch reisen durfte, wohin man wollte, wann man wollte und mit wem man wollte. Ich denke an meine letzte Reise. Sie führte mit meinem jetzt 15-jährigen Enkel Henrik in den Oman. Sie ist erst sechs Wochen her – dank der Virus-Pandemie eine gefühlte Ewigkeit.

Henrik und ich waren von FTI eingeladen, uns die Anlage Fanar im südlichen Oman anzusehen. Henrik sollte checken, ob sie wirklich – wie die Werbung verspricht – ein ideales Ziel für Familien ist. Darüber sollten, so war abgesprochen, verschiedene Berichte erscheinen. Das Virus machte einen Strich durch die Rechnung. Nur in touristik aktuell ist ein Bericht nachzulesen. Hier der Text:

„Das Hotel hält zu hundert Prozent, was es verspricht,“ lautet das Gesamturteil des jungen Testers. Das Fanar Hotel & Residences verspricht im Katalog „drei traumhafte private Sandstrände“ sowie „erstklassige Restaurants und Bars und eine Vielzahl von spannenden Sport- und Unterhaltungsmöglichkeiten“. Kurz: „ein wahrgewordenes Paradies für Familien und Paare“. Henrik, der das Angebot nach Schulnoten beurteilte, vergab für Restaurants, Strände und Sportangebot eine 1, fand die angebotenen Wassersportarten aber ziemlich teuer. Hier hatte es ihm besonders eine rasante Jetski-Fahrt angetan. Da er noch nicht 18 ist, musste sein Großvater mit aufs Gefährt. Henrik: „Die Fahrt war der Hammer.“

 

Auch das Zimmer kam in der Beurteilung gut weg: „viel Platz, ein großer Balkon, Sternenhimmel über dem Bett, Regendusche und ausreichend Steckdosen“. Nur „zwei weitere Schubladen und mehr deutsche TV-Sender“ hätte er sich gewünscht. Hotel und Residences im Halbrund um einen Hafen, Lagunen und Geschäfte machten auf Henrik großen Eindruck: “Wenn man keine Lust auf Mitreisende oder den Rest der Familie hat, kann man sich hier tagelang vor ihnen verstecken.“

„Kinder kommen auch auf ihre Kosten mit eigenen Kids-clubs,“ konstatiert Henrik. Leider traf er nur wenige Jugendliche in seinem Alter, „was vermutlich daran lag, dass zu dieser Zeit keine Ferien waren“. Trotzdem „gibt es einen Jugendclub, wo auch die älteren ihren Platz finden.“ Zudem wurden  das  Beachvolleyball und das Fußballfeld  aktiv genutzt.  Im nahe gelegenen Wasserpark mit kostenlosem Shuttle können sich kleine und große Kinder austoben. Sogar ein eigener Zoo erfreute die Gäste aller Altersstufen.

Das Essen? „Krass“ und „perfekt zum Zunehmen“ fand es Henrik, was wieder einer 1 gleichkommt. Angetan war der junge Mann auch vom Personal: „Es lässt sich nicht leugnen, dass die Gäste dem Personal am Herzen liegen“, notierte sich Henrik. Das gilt auch und besonders für die Kinder. Selbst die Begrüßung und Betreuung der Familien bei der Ankunft im Hotel nachts um halb fünf fand Henrik „herzlich“: „Ich habe mich wie ein König gefühlt“.

Eine Delphintour („ein unvergessliches Erlebnis“ ) und eine Fahrt in die Wüste standen auf Henriks Ausflugsliste. „Ich war zum ersten male in der Wüste“, notierte er, „ich genoss das Gefühl von Freiheit“. Und: „Die Erwartungen wurden übertroffen“ Das galt auch für den Ausflug in die Stadt Salalah. Was Henrik nicht gefiel, war bei einem der Ausflüge der überdeutliche Hinweis des Reiseleiters auf das Trinkgeld, das er und der Fahrer erwarteten.

Der Bericht ist – mit zum Teil anderen Fotos – unter dem Titel „Rundum gute Noten“ in der Ausgabe 08-09/2020 vom 2. März erschienen