Notizbuch: „Auseinandersetzung zwischen Gut und Böse“

22 06 2021

Wie mein Vater in seinen Kriegsbriefen an meine Mutter den Krieg gegen Russland bewertet

Dienstag, 22. Juni 2021

Im Buch „Meine liebe Mutti – Kriegsbriefe meines Vaters an seine Frau“ [meine Mutter] wird Russland rund 50mal erwähnt oder auch in längeren Passagen beschrieben. Dies nahezu ausnahmslos ohne nähere Ortsbestimmung. Die meisten Briefe mit entsprechenden Passagen stammen aus dem Jahr 1943, nur wenige sind von 1944.

„Heute ist uns nun der Krieg in ganzer Scheußlichkeit zum ersten Mal begegnet“, heißt es im ersten „Russlandbrief“ vom 12. Januar 1943. „Wir sind heute in eine große Stadt eingezogen, die noch unlängst heiß umkämpft war. Wie die Stadt aussieht, das kann man nicht in Worten beschreiben, überall liegen noch die toten Bolschewiken herum, ausgebrannt oder von Fliegerbomben getroffen usw. Es ist einfach ein toller Anblick. Von der Stadt steht so gut wie nichts mehr, was unseren Stukabombern oder dem Artilleriefeuer nicht zum Opfer fiel, ist von den Russen angesteckt worden, ehe sie abziehen mussten.“

Irgendwo und irgendwann heißt es in den Briefen aus Russland: „Selbst bis zu den jüngsten Kindern merkt das russische Volk, dass es hier um eine endgültige Auseinandersetzung zwischen Gut und Böse geht.“ Und: „Darum kämpfen wir ja, um unsere Heimat und Euch vor diesem Barbarentum zu bewahren.“  

Immer wieder zeigt sich eine eklatante Fehleinschätzung meines Vaters, was Russlands Militär und das Kräfteverhältnis zwischen Russland und Deutschland betrifft. Zum Beispiel schreibt er am 26. Januar 1943: „Ich bleibe nach wie vor ein kleiner Optimist und rechne noch immer damit, dass der Russe sich bei dem Massenaufgebot in diesem Winter verblutet. Wenn der Frühling kommt und wir wieder die Initiative ergreifen, dann ist der Geländeverlust von diesem Winter wohl schnell wieder aufgeholt, und dann wird Russland wohl hoffentlich in diesem Sommer den Todesstoß bekommen.“

Sogar Stalingrad wird von ihm als stategischer Erfolg umgedeutet: „Bewusst hat sich da unten eine Armee geopfert, um so starke Kräfte der Russen zu binden, dass ihr geplanter und gewollter Durchbruch in das wichtige Don- und Donezgebiet mit seinen großen Kohle- und Erzvorkommen nicht wahr wurde. Wenn die Russen dieses Gebiet wieder in ihre Hand bekämen, dann würden sie damit die Voraussetzungen für weiteren langjährigen Widerstand erfüllen. So hat dieses schmerzvolle Opfer von Stalingrad im Sinne des Großen doch seine Bedeutung.“

Und im selben Brief heißt es: „Man gibt den Bolschewiken einfach nichts zu essen, sie sind vollkommen ausgehungert und stürmen vielleicht gerade deswegen wie die Irrsinnigen gegen unsere Stellungen… Es muss ja wieder Frühling werden, genau wie in der Natur sich alles wieder dem Leben zuwendet, muss auch dieser Krieg ein Ende nehmen. Es fragt sich nur, welche Formen er bis zu seinem Ende und bis zur Vernichtung eines der Beteiligten noch annimmt.“    

Ein Hauch von Realität scheint im folgenden Briefabschnitt durch: „Der Russe ist in diesem Sommer ja schon reichlich frech. Wir wollen das aber keinesfalls überschätzen. Gewiss hat er z.T. beträchtliche Geländegewinne, das schließt aber nicht aus, dass er im Grunde genommen fertig ist. Das ist ein Gewaltakt, und das kann er auf die Dauer auch nicht durchhalten. Wir haben hier harte Kämpfe zu bestehen gehabt, das ist schon richtig, und der Russe kommt auch in unserem Abschnitt weiter.“

18 – von insgesamt 144 – Seiten nehmen die Russland-Notizen im Buch mit den Kriegsbriefen meines Vaters ein. „Auseinandersetzung zwischen Gut und Böse“ heißt das Kapitel. Dazu kommt noch das große Kapitel „Schlachten“ [„Wer auf Vati schießt ist ein Lump“, das in weiten Strecken in der Sowjetunion spielt. Insgesamt ein Zeitzeugnis, das – gerade zum heutigen Gedenktag – von großer Eindringlichkeit ist. Nie wieder darf es Krieg geben – dieser Überzeugung war mein Vater, als er Ende 1948 aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft heimkehrte. Keine zwei Jahre später begann der Koreakrieg. Die Bilanz: 4 Millionen Tote.

Eines der zu Hunderttausenden provisorisch angelegten Soldatengräber

Das Buch „Meine liebe Mutti – Kriegsbriefe meines Vaters an seine Frau“ ist im Verlag tredition in drei inhaltlich identischen Fassungen erschienen: als eBook (7,99 Euro, ISBN 978-3-347-16625-7), als Taschenbuch (13,90 Euro, ISBN 978-3-347-16623-3) und als Hardcover (18,90 Euro, ISBN 978-3-347-16624-0).





Notizbuch: Momente aus 50 Jahren

12 06 2021

Buch „…nur schade, dass sie hinkt“ erscheint in kürze

Sonntag, 13. Juni 2021

Der Probedruck meines neuen Buches ist dreimal durchgearbeitet. Fehler sind ausgemerzt, kleine Verbesserungen vorgenommen. Es wird – wie das Buch „Meine liebe Mutti – Kriegsbriefe meines Vaters an seine Frau“ – im Verlag tredition erscheinen. Der genaue Erscheinungstermin steht noch nicht fest, wohl aber sonst alle Einzelheiten:

Der Titel: „…nur schade, dass sie hinkt!“ Er stammt natürlich aus einer der Geschichten. Der Untertitel ist Programm: „Kurze Geschichten aus einem langen Reiseleben.

Der Inhalt: Dieses Buch ersetzt keinen Reiseführer. Es enthält 60 kurze Geschichten aus meinem beruflichen Leben als Reisejournalist: Begegnungen und Ereignisse als Momentaufnahmen. Die Geschichten stammen aus vielen verschiedenen Destinationen dieser Welt – von A bis Z, von Aachen bis Zypern. Sie sind meist amüsant, mitunter aber auch ernsterer Natur. Aus jeder Geschichte spricht, davon bin ich überzeugt, meine Liebe zum Reisen und zu den Mitmenschen, die ich dabei in 50 Jahren getroffen habe.

Die Destinationen: Die meisten Geschichten stammen aus Griechenland – davon sechs aus Kreta und drei aus Athen. Zweithäufigste Destination ist Deutschland, dabei stammen je drei Stories aus Aachen und Hessen. Auf Platz drei liegt Dänemark mit acht Reisegeschichten, wobei allein sieben auf Bornholm spielen. Österreich und Tunesien sind je dreimal Ort der Handlung. Der Rest verteilt sich über den Globus.

Fotos: der Band enthält zusätzlich zu den Cover-Fotos 56 Schwarzweiß-Abbildungen-

Die Preise: Das Buch erscheint in drei inhaltlich identischen Fassungen – als Hardcover [19,80 Euro], als Taschenbuch [14,99 Euro] und als e-Book [7,99 Euro].

Vertrieb: Die Bücher können direkt beim Verlag bestellt werden [www.tredition/buchshop], bei allen Versandhändlern [z.B. Amazon] und in Buchhandlungen.

Laufend aktuelle Infos zum Buch: Horst und seine Reisen | Facebook





Notizbuch: der Mann mit der ersten Frage

4 06 2021

Was mich mit Michael Schweizer eng verbindet

Freitag, 4. Juni 2021

Unfassbar: Heute ist es zwei Jahre her, dass Michael Schweizer gestorben ist. Bis dahin habe ich ihn immer für einen unsterblichen Zeitgenossen gehalten Was wohl allen Kolleginnen und Kollegen, die mit ihm zu tun hatten, in Erinnerung geblieben ist: Wir alle räumten ihm unwidersprochen das Recht ein, auf Pressekonferenzen die erste Frage zu stellen. Das war fast immer die Frage nach konkreten Zahlen – auch dann, wenn Michael genau wusste, dass der Veranstalter sie nicht liefern durfte oder konnte. Er piekte halt gern, der Michael.

In der Anfangszeit meines Redaktionsbüros, jetzt auch schon 40 Jahre her, war ich mit Michael beruflich enger verbunden – Touristik Report [wo er eine Zeitlang Chefredakteur war], tdt [nie vergesse ich seinen Anruf zum tdt-Start: „Horst, seit dieser Nacht sind wir auf Sendung!“] und Travel Tribune. Nebenbei: Ein einfacher Geschäftspartner war er nicht, dieser Michael.

Wer die Geschichte schon kennt: bitte wegklicken. Michael war derjenige, der mich in die Selbständigkeit geschubst hatte. 1980, ich erzählte Michael am Rande eines Pressetermins von Überfällen auf Touristen in Thailand. „Horschtel, darüber schreibst Du mir eine Geschichte“, sagte er. Horschtels Einwand, dass er das als Redakteur der Verbraucherzeitschrift „test“ nicht dürfe, wischte Michael mit einem klassischen Argument weg: „Kriegst ein Pseudonym!“ Gesagt, getan. Mit großer Begeisterung und froh über die Freiheit, ohne die [notwendigen] Auflagen eines Testers schreiben zu können, „rotzte“ ich die Thailand-Geschichte für Touristik Report in zwei Stunden runter.

Mich traf fast der Schlag, als ich dann im Heft die Geschichte sah – mit der Autorenzeile: „von unserem Ostasien-Korrespondenten Michael O’Hara“.

Aber ich hatte Blut geleckt. Meine Zeit bei der Stiftung Warentest war zu Ende. Ich gründete mein Redaktionsbüro. Dafür bin ich ihm heute noch dankbar, diesem Michael.

NACHTRAG: Michael Schweizer gestorben 04.06.2019 – auf dieser Nachricht von Touristik Medien fußt das von mir falsch angegebene Sterbedatum. Michael Schweizer ist schon am 25. Mai gestorben. Das ändert natürlich nichts an der Trauer, die viele Kolleginnen und Kollegen und ich empfinden.

Und noch etwas. Ich habe noch einmal nachgeschaut. Das Pseudonym, das Michael mir verpasst hatte, klang noch viel abenteuerlicher: Jeremy O’Hara…





Notizbuch: Meine Vision: keine Waffen

27 05 2021

Wie ich in den Untergrund gestiegen bin

Donnerstag, 27. Mai 2021

Der Konflikt zwischen der Hamas und Israel verleiht den Gedanken unerwartete Aktualität, die schon seit langem in mir gären. Ich habe eine Vision, die Vision, dass es eine Welt ohne Waffen und Kriege gibt.

Wer eine Vision hat solle zum Arzt gehen, das hat Altbundeskanzler Helmut Schmidt einmal gesagt. Das war recht gehässig in Richtung Willy Brandt, als dieser anfing, sich versöhnlich dem Osten zuzuwenden und [das schließlich doch erreichte] Ziel als seine Vision bezeichnet. Ich habe auch eine Vision und gehe nicht zum Arzt.

Was die NS-Zeit betrifft, kannte ich mich ziemlich aus, als ich begann, mich mit den Kriegsbriefen meines Vaters zu befassen. Schon als Schüler habe ich  viel über den Krieg erfahren wollen. Den Rest des Krieges habe ich ja selbst erlebt – als kleines Kind oder schon vorher im Mutterbauch. Meine Mutter hat mir erzählt, dass ich in ihrem Bauch unglaublich gestrampelt hätte, wenn Sirenen ertönten. Und ich habe das Ende gesehen: Deutsche Soldaten, die durch unseren Evakuierungsort um ihr Leben liefen, gefolgt eine halbe Stunde später von den russischen Gegnern.

Als Kind habe ich in den Ferien bei einer Tante auf zerschossenen Panzern gespielt, die auf einer Wiese standen. In den Wäldern meiner Heimatstadt Aachen fand ich immer wieder Helme, Soldatengeschirr und auch Knochen von Soldaten. Das war beinahe Alltag. Dazu kamen die Ruinen in Aachen, deren Anblick mich meine ganze Kindheit begleitete. Über den Krieg wusste ich also ziemlich Bescheid, als mein Vater aus russischer Kriegsgefangenschaft heimkehrte. Aber mit meinem Vater konnte ich nicht viel darüber sprechen.

Mit vielen Jahren Verspätung habe ich seine Briefe aus dem Krieg gelesen, immer und immer wieder, sie analysiert, themenmäßig auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt – bis schließlich das Buch über die Kriegsbriefe meines Vaters fertig war. Es trägt den Titel „Meine liebe Mutti“, weil fast jeder Brief mit diesen drei Worten beginnt. „Vati“ und „Mutti“ nannten sich früher Eltern gegenseitig, die Kinder hatten.

Durch die Beschäftigung mit den Briefen war es so, als würde ich durch ein Loch im Fußboden in einem Keller blicken, in ein Verlies. Ich bin in diesen Untergrund hinabgestiegen und habe zum ersten Mal wirklich begriffen, was Krieg ganz konkret für einen einzelnen Soldaten bedeuten konnte. Die Angst, die Entmündigung, die Unbilden des Soldatenlebens vom Schlafmangel bis zur Insektenplage, das Töten und der Verlust von Mitmenschen. Die Schilderung meines Vaters in den Briefen an seine Frau waren bis auf ganz wenige Ausnahmen nicht besonders grausam. Man musste zwischen den Zeilen lesen, um zu begreifen, was er erlebt hat.

Das Nachdenken darüber hat mich ziemlich erschüttert. Auch hat mich die Tatsache erschreckt, wie perfekt sozusagen das Backoffice des Krieges organisiert war – all die Lehrgänge, zu denen die Soldaten von der Front abgezogen wurden, um „noch bessere“ Kämpfer zu werden, die Feldpost, die „Lebenszeichen“-Postkarten… „Es gibt nie wieder Krieg!“ sagte mein Vater voller Überzeugung, als er Ende 1948 aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft heimkehrte. Ich habe ihm das geglaubt. Kurz darauf begann der Koreakrieg mit vier Millionen Toten. Krieg und immer wieder Krieg, das hat mich schon als Kind erschüttert.

Und jetzt komme ich zu meiner Vision. Ich denke, wir müssen das Unmögliche wagen: den Kampf gegen die Kriege in der Welt. Er beginnt mit dem Kampf gegen den Rüstungsirrsinn und der Waffenexporte. Vielen Politikern kann es nicht kriegerisch genug zu gehen. Denn sie verdienen daran. So wird zur Zeit mit scheinheiligen Argumenten darüber diskutiert, Drohnen der Bundeswehr zu bewaffnen. Der Wehretat soll erheblich vergrößert werden. Immer wieder überschreiten Wirtschaft und Politik Hand in Hand die eigenen Grenzen, die sie den Waffenexporten gesetzt haben.

Militärisches ist weltweit in und gilt als schick. Warum müssen Staatsgäste beispielsweise mit militärischen Ehren empfangen werden? Ich weiß, dass dies eine diplomatische „Vorschrift“ ist, aber kann die nicht aufgeweicht werden?  Warum müssen die Royals aller Länder zu feierlichen Anlässen – auch zur eigenen Hochzeit – Uniform tragen? Das wirkt lächerlich. Jetzt kommt das Argument von der Tradition. Umso schlimmer.

Meine Vision ist, dass kein Geld in der Welt mehr für Waffen fließt. Stattdessen kann es in die Verbesserung der Umwelt und der Lebenschancen investiert werden. Wenn es keine Kriege mehr in Afrika gibt [weil die Waffenlieferungen ausbleiben], gibt es auch keine Diktatoren mehr. Auch in anderen Ländern werden die Kriegstreiber verschwinden, wenn man ihnen die Waffe nimmt. Und dann gibt es vielleicht keine Flüchtlinge mehr. Die Umwelt blüht, weil endlich genug Geld für die notwendigen Schutzmaßnahmen da ist.

Ich weiß, dass das verrückt klingt. Aber ich bin nicht naiv. Ich glaube, nur kleine Schritte, klitzekleine, führen zum Ziel. Aber da ist ein ganzes Heer von schlauen Köpfen, die sich mit der Materie befassen könnten. Eine unendliche Zahl von jungen Rechercheuren könnte aufzeigen, wohin deutsche Waffen exportiert werden. Die erkunden, wo in aller Welt die Waffenproduktion gesteigert wird und dazu Zahlen liefern. Die Argumente sammeln gegen die Drohnenbewaffnung und Erhöhung der Wehretats. Ich rede von Greta und all den Kindern und Jugendlichen, die in aller Welt Schulstreiks organisieren, um den drohenden Weltuntergang durch Umweltverschmutzung und Erderwärmung aufzuhalten.

Fridays for Future – macht Euch ran an die Aufgabe.





Notizbuch: Karlspreis-Schock

13 05 2021

Eine Geschichte aus meinem neuen Reisebuch

Donnerstag, 13. Mai 2021

Christ Himmelfahrt: An diesem Tag wurde bis zu Beginn der Corona-Pandemie in meiner Heimatstadt Aachen immer der Karlspreis in einer großen Zeremonie verliehen. Zu diesem renommierten Preis heißt es in der Selbstdarstellung: Der Internationale Karlspreis zu Aachen…ist der älteste und bekannteste Preis, mit dem Persönlichkeiten oder Institutionen ausgezeichnet, die sich um Europa und die europäische Vereinigung verdienst gemacht haben. Ein ganz persönliches Erlebnis aus dem Jahr 1969 findet sich in meinem neuen Buch mit „kurzen Reisegeschichten aus einem langen Reiseleben“ [so der Untertitel], das demnächst erscheint:

Ich glaube, mich trifft der Schlag. Was hatte ich mich auf die heutige Ausgabe der »Aachener Nachrichten« gefreut. Eine ganze Seite hatte ich darin zur gestrigen Karlspreisverleihung geschrieben. Aber ich kam gar nicht dazu, die Seite zu suchen. Auf der Titelseite stand in großen Lettern: »Jean Rey kritisiert das Athener Regime«. Eine hochpolitische Nachricht, die so nicht stimmt.

     Ich muss es wissen, denn ich war dabei. In Aachen aufgewachsen, war ich von Kind auf ein Bewunderer des Karlspreises. Er wird alljährlich an Personen verliehen, die sich um die europäische Einigung verdient gemacht haben. Wen hatte ich da nicht schon alles reden hören: Alcide de Gasperi, Konrad Adenauer, Winston Churchill, Robert Schumann und Edward Heath

     Seitdem ich bei den »Aachener Nachrichten« mein Volontariat absolviert habe und zum Redakteur avanciert bin, habe ich immer die Redaktionskollegen beneidet, die  auserkoren waren, die Karlspreis-Berichterstattung zu übernehmen. In diesem Jahr bin ich an der Reihe, und ich empfinde das wie einen Ritterschlag. Empfänger des Karlspreises ist die Kommission der Europäischen Gemeinschaften. Deren Präsident, der Belgier Jean Ray, nahm ihn gestern entgegen.    

Da ich offiziell als Berichterstatter akkreditiert war, durfte ich mich unter den Festgästen frei bewegen. So konnte ich die die eine oder andere Bemerkung für meinen Bericht aufschnappen und hörte mit Andacht der Rede zu, die Willy Brandt als Bundesaußenminister und Vizekanzler hielt.

     Als ich davon überzeugt war, genug Stoff für einen ganzseitigen Bericht zu habe, kehrte ich in die Redaktion zurück. Viel Zeit zum Schreiben blieb nicht. So störte es mich, dass mich auf dem Gang ein »Vorgesetzter« aufhielt und fragte, wie die Verleihung gelaufen sei. Die genaue Funktion des »Vorgesetzten« kannte eigentlich keiner im Haus. Er war so eine Art Chef vom Dienst, aber nicht der Chef vom Dienst. Dafür aber der Sohn vom Verlagschef mit viel Entscheidungskompetenz.

     Mein Bericht sei ja für eine innere Seite der Zeitung vorgesehen, aber er suche dringend ein Thema für den Hauptaufmacher auf der Titelseite. Etwas Ungewöhnliches oder gar Dramatisches. Ob ich nicht irgendetwas in dieser Art erlebt habe?

     Mir fiel eine Begebenheit am Rande ein, die aber höchstens zu einer Meldung taugte, nicht zu einem Aufmacher. Vor dem Nobelhotel »Quellenhof«, in dem das Karlspreis-Komitee mit alten und dem neuen Karlspreisträger beim Mittagessen saß,  stand eine Gruppe junger Griechen, die an der Aachener RWTH studierten. Sie wollten mit dem Kommissionspräsidenten über die Situation in ihrer Heimat diskutieren, verrieten sie mir. In Griechenland herrscht seit zwei Jahren eine Militärjunta.  

     Jean Rey kam tatsächlich für ein kurzes Gespräch vor das Hotel und verriet den Studenten, dass er ihre Sorgen um ihr Heimatland verstehe. Aber sie müssten wiederum verstehen, dass er nicht für längere Zeit aus der Festrunde verschwinden könne. Und er drückte jedem Studenten einen Fünf-Mark-Schein in die Hand »für ein Bier«. Der Auftritt hat noch keine fünf Minuten gedauert.

     Diese Begebenheit am Rande hatte also der »Vorgesetzte« zum großen Ereignis und zum Aufmacher-Artikel auf der ersten Seite umgeformt. Unter der reißerischen Überschrift stand etwas, was für die Titelseite der Aachener Nachrichten höchst ungewöhnlich war und ja auch nicht stimmte – die Zeile »von Nachrichtenredakteur Horst Schwartz«. Gut, dachte ich bei mir, dass ich in absehbarer Zeit nicht nach Griechenland reise.





Notizbuch: kurze Geschichten aus einem langen Reiseleben

4 05 2021

Was ich heute über mein neues Buch verate

Dienstag, 4. Mai 2021

Was für ein köstliches Gefühl! Die Texte für mein neues Buch sind fertig. Es bringt über 50 kleines Geschichten aus fünf Jahrzehnten Arbeit als Reisejournalist. Die Geschichten sind allesamt Momentaufnahmen – unter anderem aus Zeiten, in denen es noch kein Internet gab…

Bewusst und konsequent habe ich darauf verzichtet, Aufgaben und Umfeld geschilderter Personen oder Gegebenheiten zu aktualisieren. Das wäre ein uferloses Unterfangen gewesen. Alles, was in diesem Buch steht, sind – wie gesagt – Momentaufnahmen. Jahreszahlen am Ende der Geschichten weisen darauf hin, in welche Zeit diese Momente einzuordnen sind. So kann eine kleine Geschichte im Jahr 1982 spielen, eine andere im Vorjahr. Eine der handelnden Personen könnte also schon längst ihren Job gewechselt haben, eine andere gestorben sein. Sie alle leben in meiner Erinnerung weiter – und jetzt auch in diesem Buch.

Besonders viele – aber bei weitem nicht alle – Geschichten spielen auf Bornholm [oben] und Kreta

Es wird Lesern sofort auffallen, dass besonders viele Geschichten auf der kleinen dänischen Insel Bornholm spielen und in Griechenland, dort vor allem auf der Insel Kreta. Über beide Destinationen habe ich mehrere Reiseführer geschrieben und musste deshalb entsprechend oft hinreisen. Die Reisen nach Griechenland habe ich nicht gezählt, allein auf Kreta war ich bestimmt 40 Mal oder mehr, dies fast ausnahmslos dienstlich. Nur einmal habe ich dort Ferien mit meinen Söhnen verbracht. Bornholm habe ich schon besucht, als ich noch Redakteur bei einer Tageszeitung war.

20210417_124753Da gibt es beispielsweise die Geschichte, dass ich als erster deutscher Journalist über die sogenannten Guldgubber auf Bornholm berichtete. Das sind etwa 2000 hauchdünne Goldplättchen, in die Figuren geprägt sind. Die „Guldguber“, also „alte Männer aus Gold“ oder „Goldgreise“, wie die kleinen Figuren von den Fachleuten ein wenig ironisch genannt werden, sind nur ein bis zwei Zentimeter hoch. Sie stammen aus der Zeit der Völkerwanderung, ihr Zweck liegt noch im Dunkeln.

Oder die Geschichte, wie ich das tun darf, was eigentlich streng verboten ist: eine antike Statue streicheln. Diese Begegnung ganz besonderer Art fand im Akropolis-Museum in Athen unter einem Plastikzelt statt. Der Museumschef erlaubte mir, aus nächster Nähe mitzuerleben, wie eine der Karyatiden, jener „tragenden Damen“ von der Akropolis, mit Laser gereinigt wurde. Die Dame hielt ganz still bei meinen Streicheleinheiten.

Drittes Beispiel für meine Geschichten. Klopfenden Herzens saß ich dem Multitalent Friedensreich Hundertwasser in Wien gegenüber. Anlass meiner Reise war ein Interview für den Sender Freies Berlin anlässlich des neuen Hundertwasser-Museums KunstHausWien vor 30 Jahren. Eine ganze halbe Stunde wollte mir der Meister zur Verfügung stehen. Aber Minuten vor Beginn des Interviews drohte es zu platzen. Das hatte mit der Heizung zu tun. Mehr wird hier nicht verraten.

Verraten will und kann ich so einiges nicht, was mein neues Buch betrifft: Seitenumfang, Erscheinungsdatum, Preis… Es bleibt spannend.





Notizbuch: Ein Buch voller „Momentaufnahmen“

1 04 2021

Lauter kurze Geschichten aus einem langen Reiseleben

Donnerstag, 1. April 2021

In Israel bin ich einer jungen Dame mit umgehängter Maschinenpistole begegnet. Ihre Antwort, als ich sie nach ihrem Beruf fragte: „Ich bin doch Kindergärtnerin…“ In Kenia bin ich einmal von einem Klippschliefer gebissen worden. Im damaligen Jugoslawien habe ich zu einer Marienerscheinung recherchiert, die sich an Sommer- und Winterzeit orientierte. Auf Malta habe ich drei Mietwagen in drei Tagen verschlissen, in Wien Hundertwasser provokante Sätze entlockt. Das sind nur fünf von über 50 Geschichten, die ich in dem neuen Buch erzähle, an dem ich gerade schreibe.

In den vergangenen 50 Jahren habe ich zwei Destinationen besonders oft besucht, und zwar die kleine dänische Insel Bornholm und die große griechische Insel Kreta. Entsprechend viele Geschichten spielen demnach auf diesen beiden Inseln – auf Kreta eine mit dem Titel „…nur schade, dass sie hinkt“. Das ist auch der Titel des Buches.

Zwei Pole meines Reiselebens: Bornholm [oben] und Kreta

Die „kurzen Geschichten aus einem langen Reiseleben“, so der Untertitel, ersetzen natürlich keine Reiseführer. Auf die eingehende Schilderung der Destinationen, in denen sie spielen, verzichte ich. Sie sind Momentaufnahmen, so wie ich Gesprächspartner und Orte vor drei oder 30 Jahren erlebt habe. Einige der Interviewten haben einen anderen Job oder sind befördert worden, andere sind schon längst gestorben. Sie leben in diesen Geschichten weiter.

Die Orte in diesen Geschichten reichen von A bis Z, von der AIDAmar [Testreise mit meinem Enkel Henrik] bis Zypern [wo die EU mit ihren Vorschriften einem Abt , Foto links, den Weinanbau verhagelt]. Dazwischen liegen Athen [ich darf eine Karyatide streicheln], Budapest [Friseurbesuch im Géllert mit Folgen] und Karlsbad [Hotelinspektion im Bademantel]. Auf Skiathos habe ich einen Ehering im Sand verloren, in Tunis einen Tourismusminister interviewt, der für 18 Stunden Arbeit am Tag einen Dollar pro Monat verdient…

Das Buch ist schon das zweite, das an meinem Schreibtisch während der Lockdown-Zeit entsteht. Wie das erste – „Meine liebe Mutti – Kriegsbriefe meines Vaters an seine Frau“ – wird es im Verlag tredition erscheinen.

Und dies wieder in drei textlich identischen Fassungen, als Hardcover, Taschenbuch und eBook.  Die Preise müssen noch kalkuliert werden. Und das Erscheinungsdatum steht auch noch nicht fest. Frühsommer?

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Notizbuch: Was wäre mein Leben ohne Griechenland?

25 03 2021

Ein wenig wehmütige Erinnerungen an eine große Liebe

Donnerstag, 25. März 2021

Es stimmt nicht, was man heute landauf landab lesen kann: Heute ist es nicht 200 Jahre her, dass Griechenland die Selbständigkeit erlangte. Heute vor 200 Jahren begann die griechische Revolution mit dem Ziel, die Türkenherrschaft abzuschütteln. Bis zum selbständigen Staat war es noch ein langer Weg. Am heutigen griechischen Nationalfeiertag denke ich besonders innig an Griechenland. Ich liebe Griechenland und die Griechen – und auch die Griechinnen.

Zuerst einmal ein kurzer Blick ins Geschichtsbuch: Die griechische Revolution führte schließlich 1827 zur Bildung der ersten griechischen Regierung. Sie wählte Ägina er auf der gleichnamigen Insel als Hauptstadt und zog 1829 nach Nauplia auf dem Peloponnes. 1830 wurde Griechenland von den Großmächten zum selbständigen Staat erklärt, der übrigens bei weitem nicht so groß war wie das heutige Griechenland. 1832 wurde den Griechen von den Großmächten der erste König sozusagen aufs Auge gedrückt, es war der bayerische Prinz Otto, Sohn des bayerischen Königs Ludwig I. In Athen, Hauptstadt seit 1834, zeugen noch heute mehrere Bauten im bayerischen Prachtstil von dieser Epoche. Der neue König brachte auch ein hohes Kulturgut aus seiner Heimat mit nach Griechenland – das Bier und den Bierbrauer Fuchs [Fix Bier!].

Die große Insel Kreta ist neben der winzigen dänischen Insel Bornholm die große geografische Liebe meines Lebens. Sie blieb noch lange unter Türkenherrschaft, nämlich 77 Jahre. Erst 1898 wurde die Insel befreit und war zunächst ein eigener Staat.

Mit einem griechischen König hängt auch meine Griechenland-Liebe zusammen. Als ich zum ersten Mal mit dem Hellasexpress nach Athen fuhr, herrschte dort eine Art Ausnahmezustand. Der griechische König Konstantin II. heiratete die dänische Prinzessin Anne -Marie. Das war 1964. Tag und Nacht wurde in Athen gefeiert und man konnte kein Auge zutun. So flüchtete ich mit meiner Freundin auf die Insel Paros, die damals von Urlaubern praktisch noch unentdeckt war.

Paros – ein Traum von einer Kykladeninsel

Erst neun Jahre später reiste ich wieder einmal nach Athen, damals im Auftrag der Stiftung Warentest und als Leiter der Reiseredaktion der Verbraucherzeitschrift „test“. Mit dem Entschluss, das im Tourismus rasant aufsteigende Griechenland und das wachsende Hotelangebot zu testen, hatten wir es uns nicht leicht gemacht. Denn dagegen sprach die Tatsache, dass in Griechenland die Junta herrschte. Erst Melina Mercouri, die große Schauspielerin und spätere Kulturministerin, beendete unsere Überlegungen: Sie rief ausdrücklich dazu auf, gerade während der Obristen-Diktatur in Griechenland Urlaub zu machen, damit die Verbindung zwischen Deutschen und Griechen nicht abriss. Es folgten noch mehrere Dienstreisen nach Griechenland – 1979 zum ersten Mal nach Kreta. Seitdem hat mich die Insel fest im Griff und lässt mich nicht mehr los .

Kreta war auch der Grund, warum ich 1981 meine gut dotierte Stellung bei der Stiftung Warentest Aufgabe aufgab: Ich wollte für den Dumont Verlag einen Kreta-Reiseführer schreiben. Drei weitere Reiseführer über diese Insel sind dann gefolgt. Man muss sich das einmal in Erinnerung rufen: Zu der Zeit gab es noch kein Internet, und wer einen profunden Reiseführer schreiben wollte, musste lange in Bibliotheken recherchieren. Und monatelang lagen auf dem Fußboden 40 oder 50 Griechenland- und Kreta-Bücher.

In dieser Zeit habe ich viel über die Griechen und Griechenland gelernt. Aber kein Buch kann die persönliche Erfahrung, die persönliche Begegnung ersetzen. Sozusagen mein Mentor in Griechenland wurde mein Freund Diogenes Venetopoulos, dessen überwältigende Gastfreundschaft ich jahrelang genossen habe. Er war Inhaber der Reiseagentur Zeus Tours, vertrat unter anderem die Interessen des Reiseveranstalters airtours und legte den Grundstein zum Unternehmen Zeus Cruises. Stundenlang, ja tagelang haben wir zusammen gehockt und über Gott & die Welt geredet. Diogenes machte seinem Namen alle Ehre. Das kleine Foto zeigt ihn 1977 mit meinem Sohn Alexander.

Auf Kreta genoss ich über zwei Jahrzehnte die Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft meines Freundes Panagiotis [„Panos“] Koutoulakis, der leider vor ein paar Jahre gestorben ist. Der Inhaber der Reiseagentur Minotours war wohl der beste Freund, den ich im Leben hatte. In dem Buch, an dem ich gerade schreibe, werden zahlreiche Geschichten über Athen und Kreta stehen und über die Menschen, die ich dort kennengelernt habe. Der Untertitel des Buches ist Programm: „Kurze Geschichten eines langen Reiselebens“.

Aber mit keinem Wort werde ich in dem Buch die beiden griechischen Frauen erwähnen, die ich geliebt habe und die mich einmal geliebt haben. Das gehört nicht an die Öffentlichkeit. Hier nur als Beleg dafür erwähnt, wie sehr ich in Griechenland und die Griechen „verstrickt“ bin.

Auch nach meiner Zeit bei der Stiftung Warentest und außer dem Schreiben der Reiseführer war ich Griechenland durch meine Arbeit eng verbunden. So habe ich drei Jahrzehnte lang für „touristik aktuell“ die Griechenland-Specials betreut – für mich immer wieder ein Fest und eine der schönsten Seiten meines Berufs. Die Corona Pandemie hat zumindest vorerst darunter einen Schlussstrich gezogen.





Notizbuch: „Es schneite…“ von Frank Kantereit

7 02 2021

Der Bornholmer Multikünstler schreibt wundervolle Bücher

Sonntag, 7. Februar 2021

Er ist auf Bornholm geboren und kehrte nach einer rasanten Karriere in Deutschland und der weiten Welt auf seine Heimatinsel zurück: Frank Kantereit, Regisseur, Intendant und Bühnenbildner [und für mich auch: Philosoph]. Er schreibt wundervolle Märchenbücher, die nicht nur für kleine Leser geeignet sind. Und die mit ebenso wundervollen Illustrationen von Frank Kantereit ausgestattet sind. Zu seinem Buch „Es schneite…“, das nicht nur zur Weihnachtszeit empfehlenswert ist, schreibt mein Freund:

Alle Jahreszeiten haben ihren eigenen wundervollen Zauber und Reiz. Für mich aber ist der Winter von einer einzigartigen Wunderherrlichkeit, und ihm gehört meine ganze aufrichtige Liebe. In der Einsamkeit meiner ersten Berliner Jahre entstanden vier Erzählungen, welche alle mit dem gleichen Satz begannen und endeten.

222Das Leben aller Menschen in diesen Geschichten befindet sich in einer Schieflage. Im wundersamen Frieden der Weihnacht kommen die Herzen zu einer inneren Ruhe, und meine kleinen und großen Helden finden wieder zu einer befreienden inneren Seligkeit. Was im Schneesturm beginnt, endet im leisen, friedvollen Schneefall in der Weihnachtsnacht. Das Besondere, was diese Herzensgeschichten auszeichnet, ist die Erfahrbarkeit der Weihnachtsbräuche jener Länder, in denen diese Erzählungen angesiedelt sind: England, Russland, Dänemark und Schweden. Für mich sind gerade die englische Erzählung und das russische Märchen ein Herzensbedürfnis: Ich habe zwei entscheidende Lebensjahre in West-Yorkshire verbracht, und meine literarische Liebe gilt der russischen Literatur rund um Tschechow, Dostojewski, Tolstoi …

Das wirklich Fantastische an diesem Buch ist, das es für alle Generationen etwas bereithält: Die englische Geschichte richtet sich an die erwachsenen Leser, ebenso die russische Erzählung – sie spielt zur Zeit des letzten Zaren. Kinder genießen hierbei das Märchenhafte. Die dänische und schwedische Geschichte richten sich an alle kleinen und Kind gebliebenen Leser. Vier Bücher in einem wunderbaren Band vereint.

Frank Kantereit: „Es schneite…“ , ISBN: 3863867416, karton., 376 S., 28,00 Euro





Notizbuch: Szenen einer Revolution

15 01 2021

Als ich vor zehn Jahren den Hexenkessel Tunis  besuchte

Die Jasmin-Revolution, die Tunesien erschütterte, war erst einige Wochen alt, der Diktator Zine el-Abidine Ben Ali gerade aus dem Land geflohen, als ich vor zehn Jahren nach Tunis flog. Die Stadt glich einem Hexenkessel, aber wir Journalisten konnten uns frei bewegen.

„Herzlich willkommen im feien Tunesien!“ klingt es nach der Landung aus den Lautsprechern des Flugzeugs. Nach gründlichen Kontrollen verlassen wir den Airport. Ein mitreisendes Kamerateam darf ohne jede Drehgenehmigung Aufnahmen machen. Der erste Panzer steht an der Einfallstraße, die vom Flughafen in die Stadt führt. Dann sehe ich immer mehr Panzer, Stacheldraht. Das Innenministerium an Anfang der Avenue Bourguiba ist komplett abgesperrt und wird streng bewacht, hier war eine der Folterzentralen des Terrorregimes untergebracht.

Vor dem Theater der Stadt hat sich eine Art Hyde Park gebildet. Jeder darf hier sagen, was er will. Das war vor ein paar Wochen noch nicht möglich, sondern hätte Folter und gar Tod bedeutet. Überall stehen kleinere und größere Gruppen, die heftig diskutieren. Als ein Mann meine Kamera entdeckt, entblößt er seinen Bauch und zeigt seine Foltermale. Ein zweiter präsentiert sein von Narben übersätes Bein, ein dritter seinen malträtierten Arm. Im Nu bin ich von einer Gruppe schreiender Männer umringt. Ich habe keine Angst. Denn die Männer sind freundlich.

Stunden später im Chefbüro des neuen Tourismusministers Mehdi Houas. Das früher obligatorische Foto von Ben Ali hängt nicht mehr an der Wand, nur der Nagel ist noch zu sehen. „Tunesien ist stolz, sich in die Reihe der freien Länder einzureihen!“ sagt er. „Ich liebe mein Volk, das mit Würde und Mut die Freiheit erkämpft hat.“ Der Minister ist ein One-Dollar-Man. Er ist zurückgekommen aus Frankreich, wo er als Industriemanager arbeitete, um praktisch ohne Bezahlung seinem Land zu helfen.

Das macht er 18 Stunden am Tag. Sein Mittagessen beschränkt sich auf einen Apfel und ein kleines Stück Gebäck. Obwohl er sichtbar unter Stress steht, lacht der Minister gerne – es ist ein freies, herzliches Lachen, das ansteckt. Angesteckt hat er mit seinem Elan schon viele deutsche Gesprächspartner. Gerade war Außenminister Westerwelle zu Besuch. Mehdi Houas: „Die deutsche Regierung ist beeindruckt von der Revolution.“

 

Der One-Dollar-Man und sein 18-Stunden-Arbeitstag

Was den Tourismus betrifft, hat der Minister nicht nur Normalisierungspläne. Er will das Ruder komplett herumreißen. „Die alte Regierung hat nur den Strandtourismus gefördert“, klagt er. Auf lange Sicht soll Tunesien dem Kulturtourismus einen wesentlich höheren Stellenwert geben.

Unvermittelt erzählt Mehdi Houas von den drei „schrecklichen Tagen, an denen die Miliz um sich geschossen hat.“ Wer zu den Schützen gehört hat, sei mittlerweile verhaftet. Die Miliz habe  Gefangene aus drei Gefängnissen freigelassen, daraufhin hätten die Bewohner der Stadt mit Stöcken ihre Wohnviertel verteidigt. „Das ist vorbei, jetzt gibt es keine kriminellen Überfälle mehr.“ Kurz vor unseren Besuch ist die Ausgangssperre aufgehoben worden.

Den Minister quälen viele Zahlen. Eine Million Jobs hängt vom Tourismus ab, und „jeden touristischen Arbeitsplatz muss man mal vier nehmen.“ Also sind fast 40 Prozent der Bevölkerung von diesem Geschäft abhängig. Die Partei des Terrorstaates war überall vertreten, „aber nicht so sehr in Hotels“. Von den 542 Hotels Tunesiens waren nur 25 mit der Partei verbandelt beziehungsweise staatlich. Jetzt sucht eine Kommission danach, ob vielleicht unter einem anderen Namen nicht doch Hotels zum Ben Ali Clan gehören – ein Problem von vielen.

Demonstration vor dem Tourismus-Ministerium

Das Gespräch ist zuende. Vor dem Ministerium hat sich eine Demonstranten-Gruppe gebildet. Der Minister steht auf und geht wie selbsatverständlich hinaus zu der Gruppe. Er ist ein kleiner Mann, fast jeder der Demonstranten überragt ihn um Kopfesgröße. Der Minister bleibt freundlich, die Meute bleibt friedlich…