Notizbuch: Liebesgöttin

15 04 2018

Sonntag, 15. April 2018

Es gibt rund ums Mittelmeer wohl keine Destination mit einem solchen Markenzeichen wie Zypern. Es ziert Souvenirbecher und –teller, verführt Liebespaare zu Hochzeiten auf der Insel und bestimmt die Ausflugstrails der Reiseveranstalter. Aphrodite ist auf Zypern allgegenwärtig.

Natürlich ist die Göttin der Liebe – bei den Römern heißt sie Venus – ein Mythos. Dennoch ist die Stelle auf halber Strecke zwischen Paphos und Limassol genau markiert, an der Aphrodite aus dem Meer an Land gegangen ist. Für die einen entstieg sie einer Muschel, für die anderen ist sie das Ergebnis einer unappetitlichen Geschichte: Kronos soll seinen Vater Kronos mit einer Sichel entmannt und das Ergebnis ins Meer geworfen haben. An dieser Stelle bildete sich Schaum, dem Aphrodite entsprang  – die Schaumgeborene. Die Stelle, Ziel ungezählter Ausflugsttouristen, heißt Petra tou Romiou und zählt zu den schönsten Kiesstrände der Insel. Junge Einheimische schwimmen in Vollmondnächsten dreimal um die  markanten Felsen im Wasser und versprechen sich dadurch ewige Liebe.

Dreimal, bei Vollmond natürlich, um Aphrodites Geburtsstelle geschwommen – und die Liebe hält ewig…

Der Kult um Aphrodite ist uralt. Schon im 12. Jahrhundert v.Chr. entstand im Hinterland beim heutigen Dorf Kouklia, nur ein paar Kilometer von der „Geburtsstelle“ der Liebesgöttin entfernt, eine Aphrodite-Kultstätte. Das Heiligtum war einmal eine der wichtigsten Pilgerstätten der Antike. Seine Ruinen und ein kleines Museum lohnen durchaus den kurzen  Ausflug.

Wo Aphrodite gelebt haben soll, ist nicht überliefert. Wohl aber, wo sie ihr Bad nahm. Die kleine Badegrotte ist Ziel eines der schönsten Ausflüge im griechischen Teil der Insel. Er führt von Paphos etwa 30 Kilometer nach Norden auf die Halbinsel Akamas. Das ist ein abwechslungsreiches, streckenweise durchaus anspruchvolles Wandergebiet, eine wilde Mondlandschaft mit grünen Inseln dazwischen. Immer wieder öffnen sich unvergesslich schöne Ausblicke aufs Meer. Die Halbinsel ist reich an zum Teil endemischer Flora und Fauna. Zypern besitzt 530 Pflanzen-, 180 Vogel- und 20 Reptilienarten.

Ewig jung bleibt, wer aus Aphrodites Badetümpel trinkt. Es sei denn, er stirbt am bakterienverseuchten Wasser

Die beiden vor allem im Frühjahr und Herbst stark frequentierten Wanderwege, die über Akamas führen,  tragen die Namen Aphrodite Trail und Adonis Trail. Adonis war einer der vielen Liebhaber der Liebesgöttin. Ein anderer war ein mythologischer König von Zypern und gab der Halbinsel den Namen. Als junger König, so erzählt die Sage, war Akamas auf der Jagd und überrasche Aphrodite beim Baden. Das war der Beginn einer heftigen Affaire.

Aphrodites Badestelle ist ein kleines, überwachsenes Becken mit einem leise plätschernden Mini-Wasserfall. Baumwurzeln schlingen sich wie Lianen über das Becken. Aus gutem Grund hat die Verwaltung ein Schild aufgestellt, auf dem vor dem Genuss des Wassers gewarnt wird. Es ist nicht trinkbar. Aber der Mythos verspricht jedem, der von Aphrodites Badewasser trinkt, ewige Jugend.

Mein Bericht am 9. April in Ausgabe 13/2018 der Fachzeitschrift touristik aktuell erschienen

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Notizbuch: Paros-„Reste“

11 04 2018

Mittwoch, 11. April 2018

Wenn ich einen Report schreibe – in diesem Fall über die Kykladeninsel Paros – , mache ich mir ein Konzept. Schreibblockaden sind ja ganz modern, aber die kann ich mir nicht leisten. Fange ich an zu schreiben, weiche ich meist vom Konzept ab. Hauptsache, es fließt. Wenn der Bogen gespannt, die Zeichenzahl erreicht und das Schreiben zum Ende gekommen ist, bleibt immer vom recherchierten Material einiges übrig. Diesmal will ich es in diesem Blog-Beitrag verbraten…

450 Kirchen, Kapellen und Klöster gibt es auf Paros. Viele der kleinen Kirchen sind privat gestiftet. Die meisten Kirchen sind immer abgeschlossen und stehen nur zu den Namenstagen des Namenspatrons offen. Früher war das anders. Aber dann kamen die Touristen, und einige von ihnen haben Ikonen gestohlen.

Die Krise, so hat uns Eleni Tripolitsioti erklärt, sei vor allem 2011 und 2012 „sehr schlimm“ gewesen. Eleni [Foto links] hat meine wirklich zauberhafte und tüchtige Kollegin Maria Menzel [Foto rechts] und mich während der Reise betreut und auch das Programm bis ins Detail vorbereitet. In Sofia und England hat sie Politologie studiert und ist jetzt touristische Beraterin der Inselverwaltung. Ihr Arbeitspensum ist enorm, der Verdienst für unsere Begriffe gering. Viele Leute auf der Insel verdienen selbst bei relativ hohen Post so wenig, dass sie einen zweiten Beruf ausüben müssen.

Russische Reiseveranstalter sind nicht an Paros interessiert. „Sie wollen großer Einheiten und All Inklusive-Angebote“, sagt dazu Jiorgos Bafitis, Präsident der Hotelvereinigung Paros und Antiparos. Er hat bei der Tourismusentwicklung der Insel ein wichtiges Wort mitzureden. Jiorgos ist ein offener, freundlicher Mann. Er unterhält in zweiter Generation das Hotel Kalypso in Naoussa mit 40 Zimmern. Das überschaubare, gemütliche Haus direkt am Wasser wurde 1979 eröffnet. Bafitis: „Die ersten Gäste waren Windsurfer aus Deutschland.“ Dass die erste Frage seiner Gäste meist dem W-Lan gilt, findet der Hotelmanager „schrecklich“: „Das interessiert mehr als Meerblick.“

Hotel Kalypso: Blick von meinem Zimmer

Wer öfter nach Griechenland reist, kennt das: Da wird ein Schmetterlingstal angepriesen – und beim Besuch lässt sich kein Schmetterling blicken. Auf Paros liegt ein solches Butterfly Valley bei Aliki, wo alte Olivenbäume und Zypressen eine grüne Oase in der kargen Landschaft bilden. Die kleinen Schmetterlinge heißen Jersey Tiger oder Russischer Bär oder Spanische Fahne. Die Mottenart ist dieselbe wie im viel berühmteren Schmetterlingstal auf Rhodos. Die nur fünf bis sechseinhalb Millimeter große Motte sitzt am liebsten auf Efeu. Dass ich bei meiner Paros-Reise keine entdeckte, lag nicht an meiner Brille – sondern daran, dass die Jersey Tigers nur von Juni bis Mitte September auf Paros [Hochzeits-]Urlaub machen.

Paros hat auch so eine unendliche Geschichte wie Berlin. Ja, es geht dort auch um den Flughafen. 25 Jahre lang wurde darüber diskutiert, wie man den Ausbau der Mini-Start- und Landebahn, die nur für kleine Propellermaschinen geeignet war, finanzieren könne. Angestrebtes Ziel: 15 bis 20 Prozent mehr Gäste und Saisonverlängerung von vier auf sechs bis sieben Monate. Vergangenes Jahr war es so weit: Die Bahn wurde verlängert und ist jetzt auch für größere Jets geeignet. Der komplette Ausbau des Airports hätte 30 Millionen Dollar, aber es standen nur 20 Millionen zur Verfügung. Die Gemeinde und Hoteliers auf Paros sammelten 260.000 Euro, Aegean spendierte zwei Millionen. So konnte wenigstens ein klitzekleines Abfertigungsgebäude gebaut werden. Noch steuert kein von deutschen Reiseveranstaltern beauftragter Carrier den Flughafen an. „Im Hinblick auf den Flughafen“, merkt Christos Christoforos an, Tourismusbeauftragter von Paros und stellv. Bürgermeister, „scheint die Regierung die für die Erweiterung benötigten Mittel nicht bereitzustellen, um Direktflüge aus dem Ausland zu bekommen. Es gibt zur Zeit nur Charterflüge von Graz und Prag und die Standardflüge von Athen, Thessaloniki und Santorin.





Notizbuch: Tandem

8 04 2018

Sonntag, 8. April 2018

Sie sind ein gutes Gespann: Jens Beuchler, Marketingleiter und Prokurist der TMB Tourismus-Marketing Brandenburg GmbH, und Dieter Hütte, sein Chef. Beuchler ist von Anfang an dabei, also seit 20 Jahren. Jetzt geht er in den Ruhestand. Ich schätze, der Abschied voneinander fällt beiden nicht ganz leicht.

Dieter Hütte hält sich mit Lob nicht zurück: Jens Beuchler sei ein „hochgeschätzter Kollege“, er habe „die Arbeit der TMB seit der Gründung der Gesellschaft begleitet und geprägt“, und mit ihm habe er „sehr vertrauensvoll zusammengearbeitet“. Er sei mit ihm – im besten Sinne des Wortes – als Tandem unterwegs gewesen.

Jens Beuchler

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Jens Beuchler hat an der Implementierung  der Markenstrategie Brandenburg maßgeblich mitgewirkt. Sie eröffne, schreibt er in dem Heft „Tourismus.Marke. Brandenburg“ [Untertitel: „Neue Tourismusmarke in 36 Minuten verstehen“] dem Tourismus in Brandenburg neue Perspektiven im Wettbewerb der Destinationen. Markenkernwerte, Erlebniswelten und Leitprodukte schafften beim Kunden ein konsistentes Bild von „Urlaub in Brandenburg“. Beuchler: „Natürlich geht es nicht von heute auf morgen… Eines ist aber heute schon sicher: Der Erfolg stellt sich nur dann ein, wenn alle Akteure im brandenburgischen Tourismus den Weg zur Marke gemeinsam gehen und die Vision leben.“

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Dieter Hütte

Jens Beuchler, so stellt Dieter Hütte [Foto rechts] fest, habe „den Weg für die weitere Entwicklung der TMB geebnet“. Und die heißt: Zusammenführung der Bereiche Marketing und Online. Beuchlers Nachfolger, der aus einer riesigen Schar von Bewerbern ausgewählt wurde, wird also nicht nur für den Bereich Marketing verantwortlich sein, sondern auch die Online-Aktivitäten der TMB. „Im Zuge der weiteren  Digitalisierung macht es Sinn, nicht mehr in den Kategorien von On-und Offline zu denken, sondern diese zu verzahnen“, sagt Dieter Hütte.

Der neue Mann heißt Mathias Knospe. Er arbeitete zuletzt bei airberlin. Dort leitete er den Bereich Brand und Visual Communication. Er wird auch Hüttes Stellvertreter.

 

 

 

 

 

 





Notizbuch: Schnaps fürs Publikum

4 04 2018

Mittwoch, 4. April 2018

Ich bin kein Sachverständiger in Sachen Chamäleon. Damit meine ich nicht die Leguanartigen, die in der Lage sind, ihre Farbe zu wechseln [was sie übrigens nicht zu ihrer Tarnung tun, sondern zur Kommunikation]. Ich meine das Berliner Varieté in den Hackeschen Höfen. Nach eigener Darstellung ist es die „weithin renommierte Heimstätte für den Neuen Zirkus“. Ich bin Chamäleon-Gänger der ersten Stunde. Ich habe die Vorstellungen, die ich genossen habe, nicht gezählt. Aber ich weiß, dass mir kaum ein Programm so gut gefallen hat – und das nachhaltig! – wie das jetzige: „Finale“.

Es hat immer etwas Prickelndes, wenn ich den Vorraum des Chamäleon betrete, meinen Mantel abgebe und am Eingang zum großen Saal mein Ticket. Immer ist die Begrüßung professionell herzlich. Eine Mitarbeiterin führt uns – meist genieße ich mit meinem Sohn Jesper die Vorstellung – an unseren Platz. Spannung liegt in der Luft. Der Saal füllt sich. Gelächter, Geschwatze ringsherum. Junge Bedienstete – meist junge Frauen – nehmen Bestellungen auf, höflich sind sie, fast herzlich. Das ist einer der Belege dafür, dass das Chamäleon ein guter, perfekt organisierter Betrieb mit gutem Klima ist: In all den Jahren habe ich nicht einmal eine Bedienung erlebt, die auch nur im Ansatz unfreundlich war. Chapeau.

Der lange Mittelgang vom Eingang bis zur Bühne müsse nach dem dritten Gong freigehalten werden, wird uns gesagt. Das erhöht natürlich die Spannung. Und dann, zehn Minuten nach der Zeit, ist es so weit: Artisten rollen eine Kiste in den Mittelgang, der Minuten später weitere Darsteller entspringen. Von da an gibt es keine ruhige Sekunde mehr. Das Publikum wird immer wieder zum Applaus aufgefordert und macht hinreißend und hingerissen mit. Die Show, die abrollt, ist eine perfekte Mischung von Tempo, Licht, Musik, Tanz, Schauspiel, Bühnennebel und Konfetti, Akrobatik und Gesang. Apropos: Die fantastische Ena Wild mit anrührender Stimme, faszinierender Ausstrahlung und ständig wechselnder Garderobe [wie macht sie das bloß in dieser Geschwindigkeit?] wurde zu einem der Stars des Abends. Und das nicht nur, weil sie mehrfach ein Tablett in den Händen hielt, von dem aus sie Schnapsgläschen mit Wodka an das Publikum verteilte. Gut schmeckte er.

Eigentlich waren es acht Stars, die auf der Bühne – Dekoration:  Pappkartons und Bücher – und im Mittelgang herumwirbelten. Jeder machte sein Ding, erzählte seine Geschichte. Diese waren nicht so kompliziert, dass Besucher sich fragen müssen: Was will uns der Künstler/Artist/Tänzer jetzt damit sagen? Die Nummern waren einfacher, grenzten an Klamauk, waren – wie das Chamäleon selbst schreibt – „rotziger“. Herrlich!

[alle Fotos: Jakub Jelen/Chamäleon]

Die junge Kompagnie, die da tobt, heißt Analog. Sie wurde 2013 in Berlin von Florian Zumkehr gegründet und erlebte 2014 beim Cirk La Putyka in Prag ihre erste eigene Show.  Florian ist in der Show unter anderem mit einer unglaublichen Reifen-Nummer und Handstand-Performances vertreten.  Im Chamäleon hat er vor 10 Jahren seine Zirkuskarriere begonnen. Noch in seinem Abschlussjahr an der Staatlichen Artistenschule Berlin [übrigens die einzige in der Bundesrepublik] wurde Florian Zumkehr Teil des Original-Ensembles von „Soap! The Show“ und trat mit der Produktion nach dem Schulunterricht jeden Abend im Chamäleon auf. Realisiert wird das Finale-Programm in Kooperation mit dem tschechischen Cirk La Putyka.

Ich könnte noch zwei, drei „Finale“-Vorstellungen der Truppe vertragen…

 





Notizbuch: Augen-Blicke

28 03 2018

Mittwoch, 28. März 2018

Was für Augen! Auf Seite 12  des wunderbaren – und bezahlbaren! – Katalogs zur Ausstellung „Carl-Heinz Kliemann – Frühe Werke“ im Kunsthaus Dahlem ist ein Foto des Malers aus eben jenen frühen Jahren zu sehen. Durchdringend blickt er in die Kamera. Mit diesem Blick, das wird dem Betrachter klar, hat der Künstler an der Welt Maß genommen.

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Das Ergebnis, seine Gemälde, lassen Besucher der Ausstellung nicht mehr los. So wie dieser Blick zu Carl-Heinz Kliemann eine innige, doch nicht allzu private Verbindung herstellt.

Was packt mich so an diesen Bildern? Die Farbigkeit, ohne Zweifel. Aber farbstarke Gemälde sind gleich nebenan im Brücke-Museum in größerer Zahl zu betrachten. Kliemann war Meisterschüler von Schmidt-Rottluff. Aber das ist es nicht. Seinen Meister hat Kliemann hinter, nein: neben sich gelassen. Es sind die Formen, die ihn von seinen Zeitgenossen abheben und auszeichnen. „Landschaft mit gelbem Haus“, „Gelbe Landschaft“ oder „Vorfrühling“ – herrlich. Und – wenn ich das so ausdrücken darf – zu diesen unnachahmlichen Formen hat Carl-Heinz Kliemann Farben gefunden, wunderbar passende Farben.

Und da gibt es noch sein grafisches Werk – vor allem Holzschnitte, die Kliemann von erstarrter Tradition befreit hat. Da schwirren und flirren und tanzen die Formen. Die Farben haben Mühe, mit den Formen Schritt zu halten. Ein spannungsreiches Spiel…

Noch ein Wort zur Galerie, auf der die Ausstellung gezeigt wird. Sie ist ein Glücksfall für dieses Museum. Im großen Saal wären schon lichttechnisch solche Werke kaum auszustellen. So aber bleiben sie von direkter Sonneneinstrahlung verschont und können bei natürlichem Frühlingslicht ihre ganze Farben- und Formenpracht entfalten. Kliemanns forschendem Blick würde die Ausstellung gefallen.





Notizbuch: S O S

25 03 2018

Sonntag, 25. März 2018

Drei Probleme brennen Urlaubsmachern und Urlaubern unter den Nägeln: Sicherheit, Overtourism, Sauberkeit der Umwelt. SOS. Basis des folgenden Berichts ist mein Report, der am 10. März, am Publikumssamstag der ITB, in der Tageszeitung Neues Deutschland erschienen ist:

Gut gelaunt verlässt der Kreuzfahrt-Urlauber den Luxusliner. Er freut sich auf den gebuchten Ausflug: Venedig. Als er sich mit der Masse seiner Mitreisenden zum Ausgang schiebt, ahnt er nicht, dass er in der Lagunenstadt höchst unwillkommen ist. Er ist das lebendige Beispiel für eines der Hauptprobleme der Reisebranche: Overtourism. Also zu viele Touristen zur selben Zeit am selben Ort. Und er trägt noch zu einem anderen Branchenproblem bei: Reisen mit Kreuzfahrtschiffen sind alles andere als nachhaltig. Es ist auch durchaus möglich, dass die Destination Venedig eines Tages für das dritte Hauptproblem des weltweiten Reisezirkus‘ steht: Sicherheit vor Anschlägen kann niemand für irgendein Reiseziel auf dem Globus garantieren.

SOS. Die allgegenwärtige Fragen nach der Sicherheit, zu viele Touristen auf einem Fleck, die Sauberkeit der Umwelt, die auf der Strecke bleibt – mit diesen drei Grundproblemen des Tourismus von heute befasste sich auch der Deutsche Reiseverband (DRV), die größte Vertretung aller Unternehmen der Reisebranche in Deutschland, auf seiner Jahrestagung. Die fand in Ras al Khaimah statt, einem der sieben Vereinigten Arabischen Emirate. Es war keine leichte Kost, die Gerhard Schindler [Foto links] da den Teilnehmern der Tagung zum Thema Sicherheit servierte. Wie denn auch: Schließlich sind Nachrichtendienste nach seiner Aussage „Spaßbremsen“, und einen solchen, den für Auslandsaufklärung zuständigen Bundesnachrichtendienst (BND), hat er von 2011 bis 2016 als Präsident geleitet. Schindler zeigte auf, wie stark heute die Reisebranche von mehreren Seiten in ihrer Sicherheit bedroht ist. Da gibt es zum einen den sogenannten „Krisenbogen“, der sich als Unsicherheitsfaktor für die Reiseplanung von Nordafrika bis Afghanistan erstreckt. Zum anderen bedroht die rasant wachsende Cyberkriminalität nicht nur Regierungen und Großkonzerne, sondern auch die Touristik. „Die steht ganz oben auf der Liste der Angriffsziele“, versicherte der BND-Präsident a.D. Die Reisebranche sei nicht nur durch direkte Hackerangriffe bedroht, betonte er, sondern auch durch den Ausfall der von ihr genutzten Infrastruktur – zum Beispiel  durch die Störung der Anzeigen im Bahnverkehr.

Gegenmodell zu demokratischen Werten

Sorgen bereiten dem Geheimdienst-Fachmann auch terroristische Anschläge in Reisezielen wie die Attentate in Nizza, London, New York und Berlin. Auch Nationalismus und Populismus, „das Gegenmodell zu demokratischen Werten“, bezeichnete Schindler als „hochgefährlich“. Denn dadurch sinke „die Schwelle zum Einsatz militärischer Mittel“.

Nach der Auflistung so großen Gefahrenpotenzials hatte Schindler für die Zuhörer auch eine „gute Botschaft“ parat: „Es gibt Nachrichtendienste.“ Unendliche Kleinarbeit sei von Nöten,  um dem Auswärtigen Amt zu ermöglichen, belastbare Reisewarnungen herauszugeben. So gehen 5000 „auftragsrelevante“ (Schindler) Meldungen täglich beim BND ein, die geprüft werden müssen. Dabei sei der Einsatz von Menschen problematisch, „weil Menschen sich irren können oder lügen“. Hier gab Schindler ein einleuchtendes Beispiel: „Der eine zählt an einer Grenze 100 Panzer. Der andere zählt so lange weit hinter der Grenze, bis er 1000 Panzer zusammen hat.“ Schindler, der in seiner freundlichen und konzilianten Art so gar nicht dem Image eines „Schlapphutes“ entspricht: „Fünfzig Prozent der Geheimdienst-Arbeit erledigt Technik, dies weitgehend risikolos“. Schließlich verlassen pro Monat 300 Standardberichte und 900 Antworten auf Fragen den BND, sie gehen grundsätzlich alle auch ans Auswärtige Amt. Die Zusammenarbeit mit diesem sei gut, beruhigte Gerhard Schindler die Zuhörer – und damit die Reisewarnungen äußerst verlässlich. Nur gab es für die Anschlagsorte des letzten Jahres keine Reisewarnung.

Pflastermalerei verbieten?

Für das zweite akute Problem der Reisebranche, Overtourism, sind die überfüllten Orte meist selbst verantwortlich – durch jahrelanges Nichtstun. „Ein Hafen wie Venedig hat es selbst in der Hand, die Ankünfte der Kreuzfahrtschiffe besser zu verteilen“, kritisiert der Präsident des DRV, Norbert Fiebig. [Foto rechts] Und: „Wir müssen aufpassen, dass wir in den Destinationen nicht den guten Willen der Wohnbevölkerung verlieren.“ Beispielsweise in Barcelona, wo 75 Prozent der Übernachtungen über Airbnb laufen, Mieten in unerschwingliche Höhe klettern, an manchen Tagen fünf Touristen auf einen Einwohner kommen und die Tapas Bars jeglichen Charme verlieren. Obertourism ist eine Zeiterscheinung, die auftritt, wohin man auch guckt. Kritiker befürchten, dass selbst die boomende Insel Island zu Tode geliebt wird: Auf 330.000 Einwohner kommen pro Jahr 2,3 Millionen Urlauber.

Überall regt sich Widerstand gegen die Masseninvasion. Auf Mallorca gab es schon Demonstrationen und Straßensperren wütender Bewohner. Dubrovnik, seit Game of Thrones im Superboom, will nach einer entsprechenden Forderung der Unesco die tägliche Besucherzahl auf 8.000 begrenzen. Zum ersten Mal wird Thailand ab Juni dieses Jahres bis zum September die anlandenden Boote in der berühmten Maya Bay strikt begrenzen. Und Venedig mit 25 bis 35 Millionen Besuchern im Jahr, aber in der Kernstadt nur 55.000 Einwohnern? Dort wird diskutiert und diskutiert. Eine Touristensteuer soll Abhilfe schaffen – als könnten selbst fünf Euro pro Nacht einen Urlauber vom Besuch abhalten. Auch die Beschränkung der Besucher des Markusplatzes wird diskutiert. Doch wie soll das gelingen? Venedig hat schließlich nicht so leicht zu kontrollierende Festungsmauern und Eingangstore wie Dubrovnik. Den größten Erfolg verspricht noch der Plan, den vielen Kreuzfahrtschiffen die Vorbeifahrt am Markusplatz zu verbieten.

In Berlin von Overtourism zu sprechen, wäre übertrieben. Aber der neue Tourismusplan fordert Bemühungen, einen Teil der Berlin-Besucher, zumal die Wiederholer, aus stark frequentierten Bezirken wie Charlottenburg-Wilmersdorf und Friedrichshain-Kreuzberg in ruhigere Regionen umzuleiten – zum Beispiel nach Spandau. Auch wünscht man sich weniger Billig- und mehr Qualitätstouristen. Das ist schon einmal schief gegangen. In den 80-er Jahren sprachen sich der Westberliner Wirtschaftssenator und seine Berater gegen „Turnschuh-Touristen“ aus. Auch Pflastermalerei sollte verboten werden. Niemand hat sich daran gehalten.

Kamele, die Plastik knabbern

Problem Nummer drei: Reisen – egal wohin und egal mit welchem Fortbewegungsmittel –  hinterlässt auf jeden Fall einen mehr oder weniger deutlichen CO2-Fußabdruck. Die Welttourismusorganisation UNWTO schätzt, dass der Tourismus rund fünf Prozent der weltweiten CO2-Emissionen verursacht. „Urlaub und Umwelt gehören untrennbar zusammen“, betont Peter Fankhauser, Chef der gigantischen Thomas Group. In der Tat machen sich nicht nur kleinere Spezialisten, sondern auch die Giganten der Reisebranche für nachhaltiges, umweltverträgliches Reisen stark. Das macht sich in der Außenwirkung gut: Die Großveranstalter geben sich damit einen grünen Anstrich, wobei niemand weiß, wieviel Prozent des Angebots wirklich das Urteil „nachhaltig“ verdienen.

Zur Ehrenrettung der Branche sei angemerkt, dass sich zahlreiche Reiseveranstalter in der vom DRV geförderten Umweltinitiative Futouris engagieren: Aida Cruises und Airtours beispielsweise, Gebeco, Hapag Lloyd Kreuzfahrten, Öger Tours und Thomas Cook Reisen, TUI und TUI Cruises. „Wir engagieren uns in Projekten weltweit, um Urlaubsregionen zu bewahren und die Reisebranche nachhaltig zu verändern“, betont Prof. Dr. Harald Zeiss, Vorstandsvorsitzender von Futouris. Hilfestellung dabei, die Reisewelt für jeden Urlaubern zu verbessern, will auch der Ausschuss Nachhaltigkeit im Deutschen Reiseverband geben. „Unser Ziel ist es, die Destinationen so zu erhalten, dass sie für ihre Bewohner ebenso wie für die Reisegäste lebens- und besuchenswert bleiben,“ betont wiederum Harald Zeiss, der auch Ausschuss-Vorsitzender ist. Und er behauptet: „Viele unserer Mitgliedsunternehmen entwickeln seit Jahren erfolgreiche Initiativen zum Klimaschutz“. Die Best Practise-Beispiele in der vom DRV herausgegebenen Broschüre „Klimaschutz in der deutschen Reisebranche“ sind verblüffend: Optimierte Kreuzfahrtrouten reduzieren zum Beispiel die CO2-Emissionen um fast ein Viertel pro Passagier und Übernachtung. Und leichtere Service-Wagen im Flugzeug sparen jedes Jahr mehrere 10.000 Tonnen CO2.

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Es sind auch immer pfiffige Ideen, die beim jährlichen DRV- Umweltpreis EcoTrophea ausgezeichnet werden und sich gegen harte Konkurrenz durchsetzen müssen. Der Gewinner der letzten EcoTrophea war TUI Cruises mit einer Initiative zur Reduzierung von Lebensmittelabfällen auf Kreuzfahrtschiffen. Aber während auf der Bühne der begehrte Preis überreicht wurde, karrten die Gastgeber Tagungsteilnehmer mit 40 oder 50 Geländewagen in die Wüste von Ras el Khaimah. [Foto oben, Christian Wendt]. Und während die Tourismusmanager des Gastgeberlandes nicht müde wurden, die Nachhaltigkeit des Tourismus in ihrem Land zu betonen, waren Tagungsteilnehmer auf der Fahrt von Ras al Khaimah zum Flughafen in Dubai entsetzt über den Müll in der Wüste, durch die die Straße führte – und über die halbwilden Kamele, die genüsslich an Plastikbehältern knabberten. Auch das Urteil des Geschäftsführers des Studienreisen-Anbieters Gebeco, Ury Steinweg, ist ernüchternd: „Unsere Kunden sind nicht bereit, für nachhaltigen Urlaub mehr Geld auszuggeben.“

 

 

 





Notizbuch: Gutes tun im Schlaf

14 03 2018

Dienstag, 14. März 2018

„Nein“, wehrt Stephanie Lange ab, „bei uns wird nicht missioniert, und fromm zu sein ist bei uns kein Einstellungskriterium.“ Die Marketingleiterin der kleinen, aber feinen Hotelgruppe Albrechtshof Hotels wirbt zwar gerne mit dem Slogan „Gutes tun im Schlaf“, legt aber Wert auf die Feststellung, dass es sich bei den vier Häusern der Gruppe – drei in bester Berliner Citylage, eines in der Lutherstadt Wittenberg – um „ganz normale Mittelklassehotels“ handelt.

Sonst würden „Reiseveranstalter wie Ameropa, Thomas Cook und andere die Hotels nicht in ihre Programme aufnehmen“. Der Hintergrund: Träger der Häuser ist die Berliner Stadtmission, die unter anderem die Bahnhofsmission im Bahnhof Zoo und Berliner Kältebusse unterhält. Jede Übernachtung in den vier Hotels trägt zur Finanzierung der Projekte bei.

Die Rezeption im Hotel Albrechtshof. Kein Designerhotel, aber gemütlich

Flaggschiff der Hotelgruppe ist das Hotel Albrechtshof direkt am Bahnhof Friedrichstraße. Das Haus gibt es schon seit über 100 Jahren, hieß früher „Hospiz am Bahnhof Friedrichstraße“ und wurde in den 90-er Jahren umbenannt. Lange: „Der Hospizbegriff hat sich schließlich gewandelt.“ Schon immer, auch zu DDR-Zeiten, war das Haus eine renommierte Adresse. 1964 logierte hier Martin Luther King, als er sich mit Kirchenvertretern traf. An diesen Besuch erinnert eine Kapelle im Souterrain des Hotels, in der jeden Morgen eine Andacht angeboten wird – einziges Zugeständnis des Hauses an die kirchliche Bindung. „Sozusagen Frühstück für die Seele“, sagt Stephanie Lange, „aber es wird nicht gepredigt.“

Das Frühstück für die Seele ist keineswegs Pflicht

Die Rezeption, die Bar, das Restaurant Albis, der Veranstaltungsraum für 80 Personen, die 98 Zimmer – das alles ist gut in Schuss, aber nicht gerade vom modernsten Design: Ein wohltuender, charmanter Hauch von Nostalgie liegt über dem Hotel. Dem entsprechen auch die hohe Stammgast-Quote und die lange Betriebszugehörigkeit der Mitarbeiter. „Einige sind 30 Jahre im Betrieb“, sagt Stephanie Lange, die immerhin schon 15 Jahre dabei ist.

Während im Albrechtshof und dem gegenüberliegenden Hotel Allegra (76 Zimmer) langjährige Geschäftskunden das Stammpublikum stellen, sind es im dritten Berliner Haus mehr die Berlin-Touristen. Das Hotel liegt ebenfalls im Bezirk Mitte in der Auguststraße und heißt Augustinerhof. Vom Albrechtshof bis zum Augustinerhof sind es nur zehn Minuten zu Fuß, aber der dortige Kiez ist viel lebendiger und vor allem touristischer. Zum Luther-Hotel in der Altstadt von Wittenberg (159 Zimmer) gehören ein Tagungsbereich, der 320 Personen fasst, und das gehobene Restaurant „von Bora“ im Lutherhaus.

Viel Platz, alles da – Zimmer im Albrechtshof

In allen vier Albrechtshof Hotels können die Gäste, wenn sie mögen, über ihre Übernachtung hinaus Gutes tun, nämlich 20 Euro spenden. Soviel kostet der Stadtmission eine Übernachtung ihrer Kältegäste. Lange: „Natürlich gibt es dafür eine Spendenquittung.“

Meinen Bericht habe ich für touristik aktuell recherchiert und geschrieben. Dort ist er auch als erstes erschienen, und zwar in der Ausgabe 07 vom 26. Februar 2018