Notizbuch: viel laut – viel schön

20 05 2018

Sonntag, 20. Mai 2018

„Viel laut!“ sagte die Dame, die mir in der U-Bahn gegenübersaß. In jedem U-Bahnhof stiegen noch mehr Leute ein, und es wurde lauter und lauter. Sie alle hatten ein Ziel: die Bahnstation Gneisenaustraße, um den Umzug zum Karneval der Kulturen zu sehen. Das traumhaft schöne Wetter trug dazu bei, dass der Umzug wieder zum gigantischen Volksfest geriet. Berlin von seiner schönsten Seite.

Zur Stimmung trugen auch die vielen Frankfurter-Fans bei, die Berlin noch nicht verlassen hatten  – übernächtigt, mit gehörig Restalkohol im Blut und siegestrunken. Der diesjährige Karneval war der 23. In ununterbrochener Folge. 4000 Mitwirkende zogen in 68 Gruppen, darunter 13 neuen, durch Kreuzberg – Sänger und Tänzer, Musiker und Mitläufer, dies alles in weiblicher und männlicher Form.

Beeindruckend waren die Kostüme, ansteckend die gute Laune. „Der Karneval der Kulturen ist ein freudvolles Statement für eine offene und interkulturelle Gesellschaft“, heißt es auf der website des Karnevals der Kulturen, „er spiegelt seit mehr als 20 Jahren wie kaum eine andere Veranstaltung die Vielfalt Berlins wider.“ Denn „hier kommen Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft und kultureller Bezüge zusammen, um Ihre Leidenschaften, Ideen und Wünsche kreativ auf die Straße zu bringen und mit einem aufgeschlossenen Publikum zu teilen.“

bDer Sicherheitsaufwand war groß, aber blieb vom Publikum unbemerkt. Gewiss gingen die Veranstalter ein großes Risiko mit dem Umzug ein. Andererseits legte Berlin mit der Genehmigung und finanzieller Unterstützung des Sicherheitskonzepts ein klares Bekenntnis dazu ab, sich vom Terror nicht beeindrucken zu lassen.

Der Umzug war nicht nur Musik und Tanz und Kostüme und Friedefreudeeierkuchen. Einige Gruppen, nein: viele Gruppen hatten und haben eine politische Botschaft. Sie widmen sich Frauenrechten, dem Schutz der Meere, dem friedlichen Zusammenleben. Die Welt könnte so schön sein…

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Notizbuch: B&B

19 05 2018

Samstag, 19. Mai 2018

Was für ein Sprung: vom wirklich luxuriösen Ikos Resort auf Korfu [5 Sterne] ins gerade eröffnete Budget-Haus B&B Hotel Hamburg-Wandsbek [2 ½ Sterne]. Das Zimmer ist so groß wie im Ikos mein Badezimmer. Aber es ist alles da: ein gutes Bett, Haken, Ablageflächen, Fernseher, Klimaanlage [!], freies W-Lan. Halt, etwas fehlt: der Föhn. Also am nächsten Morgen nicht die Haare gewaschen, nicht geföhnt und keinen Wachs reingeschmiert. Wie Struwwelpeter erscheine ich zum Gespräch mit dem Hoteldirektor.

„Die Föne werden gerade angebracht“, lacht der, „deshalb haben wir den Hinweis an der Rezeption entfernt, dass man sich einen Föhn ausleihen kann.“ Wir sitzen im überraschend großen, sehr farbigen und durchaus gemütlichen Frühstücksraum. Das Frühstück war in Ordnung und seinen Preis, 8,50 Euro, wert. Der Kaffee aus dem Automaten genügte sogar meinen Ansprüchen; wer mich näher kennt, weiß, was das bedeutet.

farbig & gemütlich: der Frühstücksraum

Wolfgang Sparenberg heißt der Hoteldirektor, ein freundlicher, offener Mensch. Mit seiner Frau Bianca betreibe er auch noch das B&B-Hotel Hamburg-Mitte, erzählt er. Betreiben? Ist er nicht Angestellter der Hotelgruppe? Nein, er habe mit seiner Frau eine GmbH gegründet. Über die manage er die beiden Hotels. Das ist also so etwas Ähnliches wie ein Franchise-System. Die Hotel-Gesellschaft  B&B Hotels gibt das Konzept bis ins kleinste Detail vor, die Franchise-Nehmer sorgen dafür, dass der Laden läuft.

Die Rezeption des erst vor knapp zwei Wochen eröffneten B&B Hotel Hamburg-Wandsbek ist rund um die Uhr, also 24 Stunden, besetzt. „Das keine Vorgabe“, sagt Wolfgang Sparenberg, der schon seit über 20 Jahren im Hotelgewerbe tätig ist. Andere B&B-Häuser haben einen Nachtschalter. Über hundert dieser Budget-Hotels gibt es in Deutschland – von A wie Aachen bis W wie Würzburg. Bis 2020 soll die Zahl auf 150 steigen. „Der Markt gibt das noch her“, sagt Wolfgang Sparenberg. Und dann stellt er eine Frage, die er selbst beantwortet. Die Frage: „Wissen Sie, warum es so gut ist, für B&B Hotels zu arbeiten?“ Die Antwort: „Weil es hier nur ein Produkt gibt.“ Eine Anspielung auf die Accor-Gruppe, die vom Budget-Haus bis zum Luxushotel viele Produkte anbietet und wo „mitunter das eine Produkt das andere subventionieren muss“ (Sparenberg).

Jeder Quadratzentimeter ist genutzt

Im Hamburger Haus in der City – und Sparenberg erwartet das auch für sein Wandsbeker Haus – quartieren sich wochentags viele Businessleute ein, am Wochenende mehr Hamburg-Besucher auf Sightseeing-Tour – auch Familien. Die Häuser haben nicht nur Einzel- und Doppelzimmer, sondern auch Dreibett- und Familienzimmer mit Doppelstock-Betten. Sparenberg: „Eine ganze Familie für 90 Euro die Nacht…“ Dass das B&B Hotel Hamburg-Wandsbek 250 Betten besitzt, erfahren übrigens potenzielle Gäste nicht aus dem 150-seitigen gedruckten Hotelverzeichnis. Auch nichts über all den Komfort, den die Häuser bieten. Eigentlich merkwürdig.

 

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Notizbuch: Villa Winternitz

11 05 2018

Mit gemischten Gefühlen habe ich in Prag die Villa Winternitz verlassen, für mich der unbestrittene Höhepunkt der Pressereise durch Tschechien. Sie hatte den Titel: „Funktionalismus: Auf den Spuren der modernen Architektur in böhmischen Städten“. Auf der einen Seite stimmte der von Lhota und Loos konzipierte Bau heiter wie selten etwas, was man auf Pressereisen zu sehen bekommt. Auf der anderen Seite erschütterte das schreckliche Schicksal des Hausherrn, Dr. Josef Winternitz, und seiner Familie.

Ohne Schmuck – und doch hinreißend schön

1931 erhielten die Architekten Karel Lhota und Adolf Loos, die schon oft zusammen gearbeitet hatten, vom Rechtsanwalt Dr. Josef Winternitz den Auftrag, ein Haus für die Familie zu bauen. Dazu gehörten seine Frau Jenny und die Kinder Suzana und Peter. Kurz zuvor hatte Loos in Prag die damals schon gerühmte und heute berühmte Villa Müller errichtet. Das Heim für die Familie Winternitz war sein letztes Werk und wurde erst nach seinem Tod vollendet.

Loos war damals ein weltberühmter Architekt und scharf und pointiert formulierender Architekturkritiker [„Fassadenschmuck ist ein Verbrechen“]. Seinen Ruf als Wegbereiter moderner Architektur begründet das sogenannte Looshaus am Michaelerplatz in Wien. Das 1910 gebaute Wohn- und Geschäftshaus wurde von Volk und Kaiser als „Haus ohne Augenbrauen“ geschmäht, weil der glatten Fassade die damals üblichen Fensterüberdachungen fehlten. Kaiser Franz Joseph I., dessen Zimmer in der Hofburg dem Looshaus gegenüberlag, soll sich den Rest seines Lebens geweigert haben, aus den Fenstern dieses Zimmers zu schauen.

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Zu Loos‘ „Raumplan“ gehören Räume auf verschiedenen Ebenen. Die Sitzecke [unten] liegt höher als das daneben liegende Wohnzimmer [oben].

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Licht als Gestaltungsmittel – Blick vom Wohnzimmer auf eine der beiden Terrassen

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Die Familie lebte von 1932 bis 1941 in der Villa, dann schlugen die Nazis zu. Winternitz wurde gezwungen, seine Villa zu verkaufen, und zwar an den sogenannten Auswanderungsfond für Böhmen und Mähren, eine SS-Dienststelle. Die Stadt Prag kaufte vom Auswanderungsfond das Haus, um darin einen Kindergarten zu errichten. Als dieser 1997 die Villa verließ, blieb diese im desolaten Zustand und mit vielen baulichen Veränderungen zurück. Eine Ausstellungswand in der Villa dokumentiert heute diese Schäden.

W8Die Familie Winternitz wurde 1943 erst nach Theresienstadt und dann nach Auschwitz deportiert. Dort ermordeten die Nazis Josef und Peter unmittelbar nach ihrer Ankunft in der Gaskammer. Jenny und Suzanna mussten in einer Fabrik für Getriebe arbeiten, wo sie Dank der dort herrschenden hohen Temperaturen überlebten. Nach Kriegsende nach Prag zurückgekehrt, wurde Jennys Anspruch auf die Villa anerkannt, aber die Rückgabe war mit hohen Erbschaftssteuern und einer Millionärssteuer verbunden. Ohne Vermögen und Einkommen konnte Jenny nicht zahlen und bot dem Staat die Villa als Spende an. Als Gegenleistung wurden eine Zwangsvollstreckung und andere Forderungen annulliert, die mit dem Kampf um die Restitution der Villa entstanden waren. Jenny soll nie wieder im Familienkreis von der Villa gesprochen haben. Suzanna heiratete, brachte vier Kinder zur Welt und wurde wieder geschieden.

W4Erst 1991 erfuhren die Nachkommen von der Villa, die Ende der 1990-er Jahre zurückgegeben wurde. In unsagbarer, jahrelanger Kleinarbeit und mit hohem finanziellen Aufwand rekonstruierte der Ingenieur Stanislav Cysař, Enkel von Josef Winterwitz, die Villa mitsamt der Inneneinrichtung. Stanislav Cysař starb 2016, sein Sohn David hat in der rekonstruierten Villa ein kleines Büro. Wir haben ihn auf unserer Pressereise kennengelernt.

Seit einem Jahr steht die Villa Winternitz für die Öffentlichkeit zur Verfügung. Sie kann zu bestimmten Zeiten besichtigt oder zu Events genutzt werden. Auch wenn einige Ausstellungsstücke nicht original sondern dem damaligen Zeitgeist entsprechend nachgekauft worden sind, ist der Eindruck überwältigend. Sofort verstehen Besucher, was unter dem Begriff „Raumplan“ – den Loos übrigens selbst nie gebrauchte – zusammengefasst ist: Verzicht auf jegliche Ornamentik. Die Funktion des Raums W6bestimmt Zuschnitt und Ausstattung. Dreidimensionale Raumplanung schafft Räume auf verschiedenen Ebenen und mit unterschiedlicher – wieder von der Funktion bestimmter – Raumhöhe. Und teure, edle und perfekt verarbeitete Materialien lassen die Räume gemütlich und sehr elegant erscheinen.

Heiter gestimmt versammeln wir uns nach dem ausgezeichnet geführten Rundgang auf der Dachterrasse. Urplötzlich, mitten im Gespräch und Gelächter, greift der Gedanke an das Schicksal der ersten Hausbewohner ans Herz.

 





Notizbuch: die stille Stadt

7 05 2018

Montag, 7. Mai 2018

Mdina auf Malta hat alles, was Besucher von einer historischen Stadt erwarten: eine Kathedrale, Museen, prächtige Häuser, ein Hotel, Restaurants und Cafés zur Erholung nach dem Stadtbummel. Nur eines besitzt sie nicht, oder nur kaum: Bewohner.  Lediglich gut 200 Malteser wohnen in der einstigen Hauptstadt. Eines der prächtigen Barockhäuser beherbergt nur den Besitzer. Dennoch hat die „Stadt hinter Mauern“, das bedeutet der Name Mdina, einen eigenen Bürgermeister.

KTag für Tag strömen Heerscharen von Touristen in die Stadt, aber der Andrang der Tagesausflügler verläuft sich. Dennoch ist es fast unmöglich, das barocke Stadttor ohne fremde Menschen zu fotografieren. Es ist ein begehrtes Fotomotiv, seit es in der ersten Staffel von Game of Thrones als Stadttor von King’s Landing diente. Größtes Bauwerk der Stadt ist die Erzbischofkirche von Malta, die Kathedrale von Mdina. Sie ist dem Hl. Paulus gewidmet, der 60 n.Chr. auf seiner Reise nach Rom an Maltas Ufern Schiffbruch erlitten haben soll – was heute wissenschaftlich sehr umstritten ist. Der Vorgängerbau, eine athedrale im Normannischen Stil, wurde 1693 wie der größte Teil der Stadt durch ein Erdbeben zerstört und barock bis 1703 wieder aufgebaut. So kommt es, dass die engen, mittelalterlichen Gassen der Stadt von großen Barockbauten gesäumt werden. Aus dem Rahmen fällt der Palazzo Falson mit seiner normannischen Fassade, das besterhaltene Haus der Stadt. Bis 1962 war es Wohnsitz des Künstlers und Sammlers Captain Gollcher, der eine große Sammlung von Gemälden, Möbeln und Rüstungen zusammentrug, heute Bestand des hier untergebrachten Historic House Museum.

Prächtige Barockbauten – hier das Kathedralmuseum – zieren Mdina

Übrigens hat Erzbischof Michaeli Gonzi einst den maltesischen Ministerpräsidenten Dom Mintoff exkommuniziert und auch jeden, der dessen Partei MLP wählte. Sehenswert ist das große Kathedralmuseum, das eine bedeutende Sammlung von Kupferstichen und Holzschnitten Dürers besitzt. Eine Art kulturelles Zentrum ist der Palazzo De Piro, Café, Restaurant und Museum des Handwerkzeugs in einem. Die Aussicht von der Terrasse auf das Umland ist überwältigend. Das gilt auch für die Terrasse und Aussichtsplattform des Fontanella Tea Garden. Vor dem Besuch wird gewarnt: Dort werden 26 verschiedene Kuchensorten angeboten – eine unwiderstehlicher als die andere.

Die wenigen Bewohner von Mdina sind ganz auf die Tagesausflügler eingestellt

Wenn es Abend wird, sind die vielen Ausflügler verschwunden. Dann verdient Mdina ihren Beinahmen wieder: die stille Stadt.

Mein Bericht über Mdina auf Malta ist am 9. April im Malta-Special in der Ausgabe 13/2018 von touristik aktuell erschienen

 





Notizbuch: Cruise Talk

1 05 2018

Dienstag, 1. Mai 2018

„Haben Sie eine Minute Zeit?“ fragte mich eine junge Stimme am Telefon. „Wenn es sein muss“, antwortete ich knurrig. Das schreckte die junge Dame nicht ab. Munter erählte sie mir von ihrer Hochschule und dass die Studierenden einen Cruise Talk durchführten, dies schon zum siebten Mal. Dazu sei ich herzlich eingeladen. Die Studentin namens Kerstin Thom wickelte mich regelrecht um den Finger. Und da ich neugierig war zu erfahren, wie andere – nicht „meine“ – Studierende ein solches Projekt angehen, sagte ich am nächsten Tag zu. Und reiste nach Hamburg zum Cruise Talk der EBC Hochschule.

Die EBC Hochschule ist eine der vielen privaten, staatlich anerkannten Hochschulen in Deutschland. Wer dort studiert, muss eine Menge Geld hinblättern – über den Daumen gepeilt etwa 750 Euro im Monat. Es kann, wenn’s passt, BAföG beantragt werden. Etwa sechs Prozent der Studierenden in Deutschland sind an einer der privaten Hochschulen eingeschrieben, insgesamt 158 000. Die EBC Hochschule hat nicht nur in Hamburg einen Standort, sondern auch in Berlin und Düsseldorf. Einer der an der EBC Hochschule angebotenen Bachelor-Studiengänge ist an der Fakultät Business & Management der Studiengang Tourism & Event Management – sechs Semester, davon ein Auslandssemester, ein Pflichtpraktikum.

Die Podiums-Diskussionen zu den Themen „Schiffe von morgen – was können wir erwarten?“ und „Passagiere von morgen – wie erreichen wir sie?“ war schon die siebte Cruise Talk-Veranstaltung. Die gesamte Organisation und Durchführung lag in der Verantwortung des vierten Semesters des Studiengangs Tourism & Event Management unter der Leitung der Eventmanagement–Dozentin Ulrike Jackson [kleines Foto]. Eine putzmuntere Mannschaft war da am Werk. Äh – Frauschaft. Denn zu 15 jungen Damen kommen nur zwei junge Männer. Die habe ich aber nur auf einem Foto gesehen. „Die mussten die schweren Sachen tragen und waren nicht zu sehen!“ war der Kommentar einer Studentin.

Der Moderator, Oliver Schmidt [kleines Foto] Chefredakteur des Koehlers Guide Kreuzfahrt und ich, wir kennen uns schon lange. Gefühlt seit Jahrzehnten. Durch seine Branchenkontakte und die der anderen Dozenten kam eine bemerkenswerte Riege von Diskussionsteilnehmern zustande, darunter Peymann Abadi, Geschäftsführer der Startwind GmbH [der lange bei TUI Cruises gearbeitet hat], Nadine Maraschi aus dem Communication Team von Aida Cruises, Jochen Zerrahn, Berater der Meyer Werft, Frank Fietz, Geschäftsführer des eigenen Polar-Kreuzfahrten und –Erlebnisreisen-Unternehmens,  Michael Zengerle, Geschäftsführer bei MSC-Kreuzfahrten, und Stan Schneider, lange Zeit Journalist und seit 2006 mittelständischer Reiseunternehmer mit fünf Reisebüros.

Fast zu jeder Aussage gab es eine Gegenaussage. Das machte die Diskussion äußerst spannend. Ich mache es mir einfach und zitiere aus der Pressemeldung von Kerstin Thom, die beim Cruise Talk-Projekt für die Presse verantwortlich war: Es herrschte Uneinigkeit darüber, ob die zukünftigen Kreuzfahrtschiffe größer oder kleiner  werden. Andreas Ott  gab  für  den  Bau  neuer  Schiffe  zu  bedenken,  dass  die Anzahl der Menschen an Bord in einer Gefahrensituation von enormer Wichtigkeit sei: Je  mehr  Menschen  auf  dem  Schiff  sind,  desto  größer  sei  der  potenzielle Schaden in einer Notlage. Das  Thema  Umweltbewusstsein  wurde  ebenfalls  kontrovers  diskutiert,  die  Talk-Gäste waren sich allerdings einig, dass der Antrieb der Zukunft nicht Schweröl sein werde. Sowohl Jochen Zerrahn als auch Nadine Maraschi  erwähnten  gemeinsame Forschungen zwecks emissionsarmer Treibstoffe.

Zengerle [rechts] und Schneider

Und zur zweiten Talkrunde: Michael Zengerle betonte wie zuvor Nadine Maraschi: „Bei der Kreuzfahrt geht es um Vielfalt.“ Die Größe des Schiffes sei für die Buchung einer Kreuzfahrt sehr bedeutend unterstrich Corlijn Schönknecht. „Ich selbst bevorzuge kleinere Schiffe, da sie mehr Wert auf die Persönlichkeit und Individualität des einzelnen Gastes legen.“ Einen Ausblick auf die langfristige Kundengewinnung gab Lars Clasen. Er gehe davon aus, dass die Zukunft im internationalen Markt, insbesondere im asiatischen Raum, liege.

Fazit: Mir hat der Tag großen Spaß gemacht. Und Kerstin Thom und ihren Mitstudierenden ein großes Kompliment: Chapeau!

 

 

 





Notizbuch: Arne ist tot

26 04 2018

Das Foto

Donnerstag, 26. April 2018

Arne Ranslet ist tot. Der Keramikkünstler, Bildhauer und langjährige Freund wurde 86. Arne hat lange auf Bornholm gewohnt und gewirkt, wo ich ihn vor 35 Jahren kennen gelernt habe. Vor 25 Jahren [oder mehr] ist er mit seiner Frau Tulla Blomsberg-Ranslet nach Spanien gezogen, des besseren Klimas wegen. Ich bedaure, meine Freunde dort nie besucht zu haben. Jetzt ist es zu spät, Arne ist tot. Er hat sehr großen Einfluss auf mein Leben gehabt.

Auf Bornholm wohnte Arne mit seiner Frau Tulla und den drei Kindern Pia, Paul und Charlotte auf einem über 200 Jahre alten Bauernhof. Für mein erstes Bornholm-Buch, vor genau 30 Jahren im DuMont-Verlag in der Reihe „Richtig reisen“ erschienen, habe ich Arne und Tulla porträtiert:

Arne Ranslet, Jahrgang 31, war einer der ersten Künstler, die sich nach dem Krieg auf Bornholm niederließen und Keramikkunstwerke von Rang schufen. Den Erfolg erreichte er auf Umwegen. So arbeitete Arne Ranslet in den ersten Jahren als Techniker in der Keramikfabrik Søholm, wo er zuletzt technischer Leiter war. Unter anderem hat er in dem Werk, das damals noch mehrere hundert Mitarbeiter beschäftigte, bleifreie Glasuren entwickelt.

Das Wundersamste an den Gefäßen aus seiner Hand sind nicht die Formen, obwohl auch sie alles hinter sich lassen, was an klassische Keramik erinnert, sondern die Glasuren. Der riesige Ölofen, den er mit seinen Werken beschickt, erzielt eine Temperatur von 1400° C. Mit diesen Temperaturen und seinem Wissen um die Geheimnisse des Glasierens hat Arne Ranslet regelrechte Glasurbilder gemalt. Die Angaben zu einer Keramiklandschaft lesen sich dann so: „Weiße Steinzeugplatte mit Temmoku, Chün-Yao-Blau und weißer Feldspatglasur, Reduktionsbrand 1400°c.“ Sein Œuvre bevölkern auch Katzen, Hängebauchschweine und ein monumentaler, der biblischen Geschichte entlehnter Wal mit Jonas im Bauch. Er ist von den Ausmaßen her das größte Werk des Künstlers und steht im Innenhof des Bukkegård, eines 200 Jahre alten Bornholmer Bauernhofs bei Hasle, in dem Wohnung und Werkstätten der Ranslets liegen.

Beide Keramikkünstler haben die Grenzen, die ihnen der Werkstoff  Ton setzt, längst überschritten. Tulla Blomsberg-Ranslet studierte Malerei, hängte dieses Studium aber vorübergehend an den Nagel, weil sich die Tätigkeit als Keramikerin leichter mit Mutterpflichten vereinbaren ließ. Inzwischen ist die Künstlerin zur Malerei zurückgekehrt. Auf Ausstellungen in Hannover und Hamburg-Harburg im letzten Jahr sind ihre Gemälde begeistert aufgenommen worden.

Auch Arne Ranslets Werke fanden auf den gleichen Ausstellungen großen Anklang. Sein „Tubabläser“, der jetzt auf dem Harburger Marktplatz steht, sein „Rocker“ und sein „Büokrat“ sind allerdings Bronzeplastiken. denn der Künstler hat sich seit 1980 diesem Werkstoff verschrieben. Er ist einer der wenigen Bildhauer, der seine Bronzen selbst gießt, daheim auf dem Bukkegård.

Das war, wie gesagt, vor 30 Jahren. Was hat Arne seitdem für wundersame Bronzefiguren geschaffen! Einen lebensgroßen Rocker beispielsweise, der – einen Hotdog in der Hand hält. Eine alte Frau mit Sonnenbrille – und Maschinenpistole im Anschlag. Eine andere Frau, die sich beim Einkaufen, noch die Tasche im Arm, erschöpft hinsetzt – und stirbt. Da wachsen ihr Engelsflügel. Die Stunden in Arnes Atelier zählen zu den schönsten meines Lebens.

Auch Tulla beim Malen zuzusehen, war ein Erlebnis. Gottseidank besitze ich ein schönes, in Nolde-Farben gemaltes Bild von ihr. Wie überhaupt meine Wohnung ein kleines ‚Ranslet-Museum‘ ist. Da hängt eine Keramikplatte von Arne, im Regal steht eine kleine Bronzefigur, sein Entwurf zu einem Holokaust-Denkmal in Oslo. Ein bronzenes Hängebauschwein, klein, aber sehr hängebauchig, hat Sohn Paul mir geschenkt. Er lebt als Bildhauer auf Bornholm. Über meinem Bett hängt ein bezauberndes, verzaubertes Landschaftsbild von Tochter Pia, einer Malerin, die in Israel lebt. Und überall stehen Glaskunstwerke meiner Bornholmer Freunde Pete Hunner und Maibritt Friis Jönsson, aber das ist eine ganz andere Geschichte.

Ich verdanke Arne viel. Er gab mir tausend Anregungen zu meinem Bornholm-Buch. Ihm verdanke ich meine Kenntnisse über dänische Malerei. Mittlerweile könnte ich darüber eine Vorlesung halten… Was haben wir in Kunstbüchern geblättert. Wir saßen auf dem Boden des Wohnzimmers vor dem Bücherregal und hatten Kunstbücher um uns herum verbreitet. Wir haben über Gott und die Welt geredet. Arne hast mich immer durch sein Wissen, seine Güte und seinen Humor angerührt. Leider habe ich Tulla und Arne seit über zehn Jahren nicht mehr gesehen. Da feierten sie Goldene Hochzeit auf Bornholm. Das Foto zeigt [von rechts] Arne, Tulla und Sabine Neumann.

Nun ist Arne tot. Ich hatte ihn für unsterblich gehalten. Bis zu meinem Tod werde ich oft und intensiv an ihn denken. Und an Tulla, Pia, Paul und Charlotte. Ich schäme mich meiner Tränen nicht.





Notizbuch: Nerger & Kieker

23 04 2018

Montag, 23. April 2018

25 Jahre wirbt sie nun schon für Berlin, die Mann- und Frauschaft  J der BTM, die sich heute – weltweit besser verständlich – visitBerlin nennt. Oberster Berlin-Werber ist Burkhard Kieker. Seinen Vorgänger und CEO der ersten Stunde darf niemand vergessen, der sich mit der Geschichte von visitBerlin befasst: Hans Peter Nerger, ein Vollblut-Touristiker, wie man ihn heute selten findet.

Nergers Ruf [Foto rechts] war schon legendär, bevor er nach Berlin kam. Er hatte schon als Vertreter der Deutschen Zentrale für Tourismus [DZT] in Skandinavien gearbeitet, ehe er nach Lübeck ging und den Tourismus von Lübeck und Travemünde gehörig aufmischte. Als er vor 25 Jahren nach Berlin berufen wurde, fuhren Sabine Neumann und ich nach Lübeck, um nicht nur ihn zu interviewen, sondern auch Hoteliers und Restaurantchefs. Die Grundstimmung war – Traurigkeit. Sie wussten, dass sie diesen Mann ziehen lassen mussten, aber gerne gab ihn wohl niemand an die Hauptstadt ab. Dort, in Berlin, wurde Nerger dann erster Geschäftsführer der neu gegründeten Berlin Tourismus Marketing GmbH [BTM].

Mit fünf Mitarbeitern – von denen einer kurze Zeit später tragisch am Schreibtisch starb – begann Nerger seine Arbeit. Alles ist seitdem explodiert: die Zahl der Mitarbeiter, die Zahl der Besucher und Übernachtungen, die Zahl der Hotels und Hotelbetten. Längst hat sich Berlin unter den Top 3 der beliebtesten Städtereiseziele in Europa etabliert. Zurück zum Chef Nerger:

Von ihm soll der Satz stammen, als ihm Berliner Hoteliers dumm kamen: „Meine Herren, ich muss nicht arbeiten.“ Mit Sicherheit musste er das nicht aus wirtschaftlicher Not: Nergers Vater war Bruno H. Schubert, Ehrenbürger von Frankfurt am Main und Unternehmer, dem das Weltunternehmen Henniger-Brauerei gehörte. Damals wurde kolportiert, Nerger habe eine Rose aus Platin im Rückfenster seiner Limousine liegen. Als Nerger von Journalisten auf den Dreck in Berlin angesprochen wurde, konterte er: „Ich bin nicht bei der Müllabfuhr.“ War das arrogant? Arroganz wurde Nerger oft nachgesagt, wohl zu unrecht. Aber er war im wahrsten Sinne des Wortes ein feiner Kerl.

Die Kollegen vom Tagesspiegel schrieben zu seiner Verabschiedung im November 2008: Schon mit seiner stattlichen Statur war Nerger eine Autorität, ohne autoritär zu sein – der Mann mit dem Einstecktuch im dunklen Zweireiher ist nicht das ruppige Berlin, sondern eher das, was die Leute hierherzieht: die Metropole der Theater und Museen, der Kultur und Bildung und der Kreativität.

Nerger übernahm im Unruhestand die Geschäftsführung in der Stiftung seines Vaters, der gemeinnützigen Bruno H. Schubert-Stiftung. Deren Zweck ist es, „der Förderung der Wissenschaften und deren praktischer Umsetzung in Erkenntnis und Abwehr von Bedrohungen für Natur, Tier und Umwelt zu dienen.“ Alle zwei Jahre vergibt sie den Bruno H. Schubert-Preis, mit dem „wissenschaftliche Leistungen und deren praktische Umsetzung auf dem Gebiet des Natur- und Umweltschutzes ausgezeichnet“ werden. Leider ist Hanns Peter Nerger durch einen Streit nach dem Tod seines Vaters mit dessen Witwe und wegen einer Steuergeschichte in unrühmliche Schlagzeilen geraten. Doch das gehört hier nicht zum Thema.

Kurz bevor Burkhard Kieker [linkes Foto, links, bei Nergers Verabschiedung] sein Nachfolger wurde, hatte ich das Vergnügen, Kieker auf einer China-Reise zu begleiten. Der frühere Journalist war da noch Marketingchef der Berliner Flughafengesellschaft. Wir haben viel miteinander geredet, und Kieker hat viel über die Stationen seines durchaus bewegten Lebens erzählt. Ich mag ihn. Basta.

Zum Start im Jahr 1993 zählte die Statistik rund drei Millionen Besucherinnen und Besaucher und 7,3 Millionen Übernachtungen in Berlin. Inzwischen übernachten jährlich rund 13 Millionen Gäste über 31 Millionen Mal in der Stadt. Auch als Kongressdestination ist Berlin gefragt: Die deutsche Hauptstadt positioniert sich seit mehr als zehn Jahren unter den Top 5 der internationalen Kongressmetropolen.

visitBerlins CEO Burkhard Kieker

Die Welt für Berlin begeistern – mit dieser Mission wirbt visitBerlin in über 50 Ländern. Mehr als 200 Mitarbeiterinnen und Mitareiter sind in der Hauptstadt und auf allen Kontinenten aktiv, um Berlin als Tourismus- und Kongressmetropole zu positionieren.

Zahlreiche internationale Journalisten und Blogger werden auf ihren Recherchereisen in der Stadt durch visitBerlin betreut. Apropos Journalisten:

Pressesprecher von VisitBerlin ist Christian Tänzler [rechts], ein guter Freund von mir. Er ist der beste Pressesprecher einer touristischen Einrichtung, die ich kenne – und ich kenne viele.

 

 

 

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