Notizbuch: Hungerburg

15 10 2017

Sonntag, 15. Oktober 2017

Ich wohne in einer Künstlerkolonie. Klingt gut, oder? Aber das ist nicht Worpswede. Sondern eine Siedlung, die 1927 für verarmte Künstler gegründet wurde. Die Berliner verpassten der Siedlung auch prompt einen Spitznamen: Hungerburg.

Gebäude der Künstlerkolonie

Bezahlbaren Wohnraum für mittellose Künstler oder solche an der Armutsgrenze zu schaffen – das war die Absicht der Bühnengenossenschaft und des Schutzverbands deutscher Schriftsteller, als sie die Architekten Ernst und Günther Paulus, Vater und Sohn, mit dem Entwurf zu – erst einmal – drei Wohnblocks in der Nähe von Südwestkorso und Breitenbachplatz beauftragten. Die Bauarbeiten begannen 1927 und endeten 1930. Als das Geld knapper wurde, mussten die Architekten am Dekor der Bauten erhebliche Abstriche machen. Aber das Konzept war klar: Wohnraum, der erheblich besser war als die Mietskasernen der 1920-er Jahre [wie sie erschütternd in der neuen Super-TV-Serie Babylon Berlin gezeigt werden], mit viel Licht und Grün und Gemeinschaftsleben in den großen Innenhöfen.

Zur Zeit der Entstehung der Künstlerkolonie schufen die beiden Architekten eine der eindrucksvollsten Kirchen Berlins: die aufregende, expressionistische Kreuzkirche am Hohenzollerndamm in Schmargendorf.

Der Findling auf dem – am Rande verwilderten – Ludwig-Barnay-Platz

Eigentlich sollte noch ein vierter Block im Künstlerviertel entstehen, u.a. mit einem Lesesaal als Treffpunkt. Aber die Nazis untersagten den Bau. Ihnen war der „Rote Block“ in der Kolonie eh ein Dorn im Auge. Meist waren es Sympathisanten der SPD und KPD, die in den 700 Wohnungen wohnten, darunter Ernst Bloch und Ernst Busch, Walter Hasenclever und  Alfred Kantorowicz, Arthur Koestler und viele, viele andere. Als die Übergriffe der SA immer häufiger und heftiger wurden, gründeten die Künstler in der Künstlerkolonie eine bewaffnete Bürgerwehr, die beispielsweise Mitbewohner spätabends von der U-Bahn bis nachhause begleitete.

Im März 1933 überzogen die Nazis die Künstlerkolonie mit einer Großrazzia, stürmten Wohnungen, verhafteten Bewohner und verbrannten Bücher. An die verfolgten Bewohner der Künstlerkolonie erinnert auf dem – leider ziemlich zugewachsenen – Ludwig-Barnay-Platz eine Gedenkplatte, angebracht an einem Findling.

Der vierte Wohnblock

Erst in den 50-er Jahren wurde der vierte Wohnblock gebaut, wobei man sich bemühte, durch Balkone, Farben und Pflanzen die Tristesse der „Neubauten“ zu mildern. In einem der Bauten am Steinrückweg wohne ich. Die alten Blocks stehen seit 1990 unter Denkmalschutz. Licht und Grün sind geblieben, von Gemeinschaftsleben keine Spur. In meinem Haus kenne ich kaum einen Mieter persönlich, ich meine: mit Namen und durch ein Schwätzchen. Die Menschen hasten aneinander vorbei, Gespräche finden nicht statt.

 

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Notizbuch: Frau aus der Kiste – „Parade“ im Chamäleon

8 10 2017

Sonntag, 8. Oktober 2017

Schon viele Shows habe ich im Laufe der vergangenen 25 Jahre im Berliner Weltstadt-Varieté Chamäleon gesehen. Aber was ich gestern Abend im historischen Ballsaal der Hackeschen Höfe erlebt habe, war der Gipfel. „Parade“ ist so ungeheuerlich, dass ich nach Worten suchen muss, um es zu beschreiben: zeitgenössischer Zirkus vom Feinsten. Und vom Rasantesten.

Zeitgenössischer Zirkus verwischt ganz bewusst die Grenzen der verschiedenen Genres Akrobatik, Tanz, Musik und Schauspiel verwischt, um etwas prickelndes Neues entstehen zu lassen. Wie kein zweites Haus im deutschsprachigen Raum bietet das Chamäleon dieser neuen Kunstform eine Heimat. Und bei keiner anderen Show ist das dem legendären Chamäleon so gelungen wie bei Parade. Wenn das Varieté „eine aufregende Performance aus Weltklasseakrobatik, bildstarkem Design und interaktiven Videoinstallationen“ verspricht, ist das keinen Deut übertrieben. Schon die Musik: Der Soundtrack mischt Elektromusik mit Pop Songs und Live Percussion-Nummern.

Dazu Darsteller und Artisten, die kein Rückgrat zu besitzen scheinen. Die der Schwerkraft ein Schnippchen schlagen. Und keine Angst haben vor Luft-Nummer und Flugübungen, bei denen den Zuschauern fast das Herz stehen bleibt. Dazu Breakdance-Performances, wie ich sie noch nie gesehen habe.

Acht Performer sind angekündigt. Aber ich zählen nur sieben – fünf Männer, zwei Frauen. Oder habe ich mich verzählt? Bei dem rasanten Tempo kann das schnell geschehen.

Aber nein: Der achte Performer, eine zierliche Frau, wird – nachdem die Show schon eine ganze Weile läuft – in einer Kiste „entdeckt“. Eine starke Szene ist die, in der die sieben Performer ihr Gesicht vor dem aus der Kiste befreiten achten Performer verstecken. Was muss zu diesem Zweck nicht alles herhalten – Blumen, Bühnenrequisiten. Da blitzt auf, was sich wie ein [zarter] roter Faden durch die Show zieht: Humor.

Alles in allem: In Schulnoten ausgedrückt, bekommt Parade eine Eins plus. Übersetzt heißt das: unbedingt ansehen!

Alle Fotos: Chamäleon





Quickie: kein Grund zur Häme

5 10 2017

Wie viele hämische Bemerkungen habe ich in den letzten Tagen zur Insolvenz des Veranstalters JT Touristik gehört. Tenor: Das hat sie nun davon. Sie: Das ist Jasmine Taylor, die Gründerin und Chefin des X-Veranstalters in Pink. Damals aus der Not geboren, hat sie diese Farbe zum Markenzeichen erhoben. Gewiss, Jasmin – die ich menschlich sehr schätze – hat sich eifrig selbst inszeniert. Das war und ist ihr Recht, auch wenn das vielen nicht gepasst hat. Aber so etwas ist doch kein Grund zur Insolvenz. Ich bin tief traurig, dass das so gekommen ist. Auch wenn alles gut gehen sollte, ist der Ruf ruiniert. Mir gehen die vielen Mitarbeiter – die meisten jung und kreativ – nicht aus dem Kopf, deren Arbeitsplatz gefährdet ist, Ihr Traum von einem Arbeitgeber und einem Produkt, mit dem sie sich total idenbtifizieren können, droht zu zerplatzen. Das ist kein Grund zur Häme.





Notizbuch: Luxus geht anders

1 10 2017

Sonntag, 1. Oktober 2017

Die Hardware ist zwar Geschmacksache [für den einen nichts als Pritz-Protz, für den anderen ein Traumhotel], aber sie stimmt. Nur an der Software sollte man – sagen wir es freundlich: – ein paar Optimierungen vornehmen. Die Rede ist vom Waldorf Astoria in Ras Al Khaimah, einem der sieben Vereinigten Arabischen Emirate. Die Servicefehler, die sich dort bei meinem Besuch aneinanderreihten, waren – jeder für sich betrachtet – nicht wirklich schlimm. Aber Luxus, Luxus geht wirklich anders.

Die diesjährige Jahrestagung des Deutschen ReiseVerbandes [DRV] findet im VAE-Emirat Ras Al Khaima statt. Grund für das Emirat und den DRV, ein knappes Dutzend Journalisten zu einer Vorreise einzuladen. Wir flogen von Frankfurt nach Dubai. Der Transfer von Dubai nach Ras Al Kheimah dauerte länger als geplant, weil der Fahrer wegen einer dichten Nebelsuppe das Thema rapide drosseln musste. So kamen wir erst um zwei Uhr nachts [oder war’s halb drei?] im Waldorf Astoria an. Nächtliche Ankünfte sind in dem Hotel wegen der Flugzeiten und des Transfers aber nichts Außergewöhnliches. Das Haus schien indes unvorbereitet.

Niemand half beim Gepäck [5 Sterne!], niemand wies den Weg. Das Team an der Rezeption ließ einen Teil der Journalisten einfach in die falsche Richtung und zum falschen Aufzug laufen. Und das Hotel ist groß und zum Verlaufen wie geschaffen. Müde und hunrig musste ich lange nach meinem Zimmer suchen. In der  [wirklich großzügigen] Suite: kein Begrüßungsschreiben, kein Blümchen, kein Obst, keine Kanapees, wie wir sie zu so später Stunde gewiss vertragen hätten.

Das Frühstück [bis auf den Blümchenkaffee…] war fantastisch. Wer danach aber noch einmal aufs Zimmer huschen wollte, wurde ausgebremst: Die Schlüsselkarte funktionierte nicht mehr. An einem anderen Tag musste ich sie dreimal erneuern lassen.

Gut, das alles ist Jammern auf hohem Niveau. Aber wenn ein Haus wie das Waldorf Astoria vom Luxusimage lebt, sollte auch entsprechender Service geboten werden. Eine Kollegin klagte über ein ungemachtes Zimmer, eine andere über nicht funktionierendes Licht. Ich dagegen wurde verwöhnt: An einem Abend fand ich auf dem Bett ein aus Handtüchern geformtes Herz und einen Schwall von Rosenblättern vor, an nächsten zwei sich küssende Schwäne. Das – übrigens sehr freundliche – Housekeeping-Personal war wohl falsch informiert und vermutete in der Suite ein Honeymoon-Pärchen.

Beim Auschecken sollte ich für Speed-Internet zahlen und für Getränke aus der Minibar. Ich hatte weder das eine noch das andere benutzt. Nach meiner Weigerung zu zahlen verschwand die Rezeptionistin und kehrte mit der Botschaft zurück, die Kosten würden erlassen. Ich sei ja schließlich ein VIP-Gast. Ich hätte es schöner gefunden, sie hätte den Irrtum eingeräumt. Fazit: Luxus geht anders.

Nachtrag: Per email bedankt sich das Waldorf Astoria bei mir, dass ich dort übernachtet habe. Wie nett. Nur: Die email kommt gesondert für jede Nacht, die ich in dem Hotel verbracht habe…

 





Kurznotiz: die Erinnerung

25 09 2017
Montag, 25. September 2017
Was machen die denn da? Das sind Tourismus-Studierende der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin [HWR], und zwar vom ITB-Vorbereitungsteam ist das die Pressegruppe. Und? Pennen die? Und langweilen sich?
Die Geschichte hinter diesem Spaßfoto: Einmalig ist, dass diese jungen Leute schon seit Jahren ihren ITB-Auftritt – sozusagen als Unterrichtsstoff – selbst vorbereiten. Sie entwerfen und organisieren den Stand, eine Marketinggruppe sorgt für dessen „Markteinführung“, eine Pressegruppe sucht den Kontakt mit Journalisten, ein „Finanzchef“ kümmert sich ums Geld, eine Social Media-Gruppe bedient alle möglichen Medien mit aktuellen Informationen. Und dann gibt es noch zwei Projektleiter zur Koordination der Arbeiten.
Und eine seit Jahren eingefrührte Marke gibt es auch: Studierte Weltenbummler.
Stolz wie sie auf diese Arbeit sind, die volles Engagement und viel Kreativität erfordert, haben die Studies die Berliner Presse zu einem Gespräch geladen. Der Termin: 4. Oktober, 11 Uhr. Um keine langweiligen Einladungen zu verschicken, haben sie eigens ein kleines Video gedreht.
30 Einladungen hatten sie verschickt, bis heute mittag haben nur drei der Eingeladenen reagiert. Gewiss nicht die feine englische Art. Aber anstatt sauer zu sein, haben die Studenten dieses Spaßfoto geschossen – und mit einem Erinnerungstext an die saumseligen Kolleginnen und Kollegen verschickt. Tenor: Wir warten auf Ihre Rückmeldung.
Seitdem hagelt es Absagen. Schade!




Notizbuch: Paros und der Wein

23 09 2017

Samstag, 23. September 2017

Vier Weinproduzenten arbeiten auf der kleinen Kykladeninsel Paros. Weinproduzent, das klingt bombastisch. Aber es sind kleine Betriebe wie der 1910 gegründete Familienbetrieb,  den Savas Moraitis schon in der vierten Generation leitet.

Familienbetrieb in vierter Generation: Moraitis Winery

Für Urlauber lohnt sich ein Besuch im Betrieb der Familie Moraitis in Naoussa:  Da die alten Geräte zur Weinproduktion erhalten sind, ist Moraitis Winery so etwas wie ein Weinmuseum.  Größte Attraktion sind mehrere kleine, mit Porzellan ausgekleidete Kammern, in denen der Wein früher fermentiert wurde.  Nach vorne waren die Kammern geschlossen, es gab nur je eine Öffnung oben und unten. Diese Methode wurde bis in die frühen 70-er Jahre angewandt. Die Porzellanwände zeigen noch Spuren des Rotweins.

Wie ein Weinmuseum wirkt der Betrieb, weil alte Geräte zwar ausrangiert, aber nicht weggeworfen wurden

Paros hat  eine lange Weingeschichte, sie geht zurück auf die erste Zivilisation der Kykladen um 3.200 v. Chr. – „ohne Unterbrechung“, wie Savas betont. So etwas wie Stolz schwingt in seiner Stimme mit, wenn er darauf hinweist, dass es die Reblaus-Infektion, die in fast allen Weinanbaugebieten Europas verheerende Schäden angerichtet hat, auf Paros nie gegeben hat. Der Weinanbau auf der Insel ist aber nicht unproblematisch: Die Grundstücke zum Weinanbau sind alle klein, weil das Land sehr teuer ist.

150.000 Flaschen Wein werden pro Jahr produziert, ein Drittel davon für den Export

150.000 Flaschen Wein produziert Moraitis Winery im Jahr – Weißwein, Rotwein [der in Griechenland immer von weißen und roten Trauben hergestellt wird] und süßen Malvasia. Ein Drittel wird exportiert, in die USA, nach Kanada und in diverse europäische Länder, auch nach Deutschland. Da die Weinkellerei auch Weinproben anbietet, können sich Besucher direkt vor Ort von der Qualität der Moraitis-Weine überzeugen. In den Restaurants und Tavernen auf Paros finden sie dann ihren Lieblingswein wieder.

Savas Moraitis [Foto: Maria Menzel, auf dem kleinen Foto oben zu sehen]





Quickie: bewusste Wortwahl

20 09 2017

Mittwoch, 20. September 2017

Ja ist er denn von allen guten Geistern verlasssen? Mathias Döpfner, Präsident des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger und Springer-Vorstandschef, wettert gegen die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten. Da spricht er von „Staatsrundfunk“ und „Staatspresse“. Wörtlich: „Wir erleben im Netz nach wie vor eine mit öffentlich-rechtlichen Geldern finanzierte Flut textbasierter Gratisangebote, nichts anderes als eine gebührenfinanzierte digitale Staatspresse“. Und dann die Bemerkung: „…das wäre eher etwas nach dem Geschmack von Nordkorea“.

Diese Wahl der Polterworte war kein Ausrutscher. Sie war bewusst. Und das ist unverzeihlich für einen Mann, der sein Geld mit dem Wort verdient. Ich schäme mich fremd für diesen Pressemann.