Notizbuch: Ein Buch voller „Momentaufnahmen“

1 04 2021

Lauter kurze Geschichten aus einem langen Reiseleben

Donnerstag, 1. April 2021

In Israel bin ich einer jungen Dame mit umgehängter Maschinenpistole begegnet. Ihre Antwort, als ich sie nach ihrem Beruf fragte: „Ich bin doch Kindergärtnerin…“ In Kenia bin ich einmal von einem Klippschliefer gebissen worden. Im damaligen Jugoslawien habe ich zu einer Marienerscheinung recherchiert, die sich an Sommer- und Winterzeit orientierte. Auf Malta habe ich drei Mietwagen in drei Tagen verschlissen, in Wien Hundertwasser provokante Sätze entlockt. Das sind nur fünf von über 50 Geschichten, die ich in dem neuen Buch erzähle, an dem ich gerade schreibe.

In den vergangenen 50 Jahren habe ich zwei Destinationen besonders oft besucht, und zwar die kleine dänische Insel Bornholm und die große griechische Insel Kreta. Entsprechend viele Geschichten spielen demnach auf diesen beiden Inseln – auf Kreta eine mit dem Titel „…nur schade, dass sie hinkt“. Das ist auch der Titel des Buches.

Zwei Pole meines Reiselebens: Bornholm [oben] und Kreta

Die „kurzen Geschichten aus einem langen Reiseleben“, so der Untertitel, ersetzen natürlich keine Reiseführer. Auf die eingehende Schilderung der Destinationen, in denen sie spielen, verzichte ich. Sie sind Momentaufnahmen, so wie ich Gesprächspartner und Orte vor drei oder 30 Jahren erlebt habe. Einige der Interviewten haben einen anderen Job oder sind befördert worden, andere sind schon längst gestorben. Sie leben in diesen Geschichten weiter.

Die Orte in diesen Geschichten reichen von A bis Z, von der AIDAmar [Testreise mit meinem Enkel Henrik] bis Zypern [wo die EU mit ihren Vorschriften einem Abt , Foto links, den Weinanbau verhagelt]. Dazwischen liegen Athen [ich darf eine Karyatide streicheln], Budapest [Friseurbesuch im Géllert mit Folgen] und Karlsbad [Hotelinspektion im Bademantel]. Auf Skiathos habe ich einen Ehering im Sand verloren, in Tunis einen Tourismusminister interviewt, der für 18 Stunden Arbeit am Tag einen Dollar pro Monat verdient…

Das Buch ist schon das zweite, das an meinem Schreibtisch während der Lockdown-Zeit entsteht. Wie das erste – „Meine liebe Mutti – Kriegsbriefe meines Vaters an seine Frau“ – wird es im Verlag tredition erscheinen.

Und dies wieder in drei textlich identischen Fassungen, als Hardcover, Taschenbuch und eBook.  Die Preise müssen noch kalkuliert werden. Und das Erscheinungsdatum steht auch noch nicht fest. Frühsommer?

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Notizbuch: Was wäre mein Leben ohne Griechenland?

25 03 2021

Ein wenig wehmütige Erinnerungen an eine große Liebe

Donnerstag, 25. März 2021

Es stimmt nicht, was man heute landauf landab lesen kann: Heute ist es nicht 200 Jahre her, dass Griechenland die Selbständigkeit erlangte. Heute vor 200 Jahren begann die griechische Revolution mit dem Ziel, die Türkenherrschaft abzuschütteln. Bis zum selbständigen Staat war es noch ein langer Weg. Am heutigen griechischen Nationalfeiertag denke ich besonders innig an Griechenland. Ich liebe Griechenland und die Griechen – und auch die Griechinnen.

Zuerst einmal ein kurzer Blick ins Geschichtsbuch: Die griechische Revolution führte schließlich 1827 zur Bildung der ersten griechischen Regierung. Sie wählte Ägina er auf der gleichnamigen Insel als Hauptstadt und zog 1829 nach Nauplia auf dem Peloponnes. 1830 wurde Griechenland von den Großmächten zum selbständigen Staat erklärt, der übrigens bei weitem nicht so groß war wie das heutige Griechenland. 1832 wurde den Griechen von den Großmächten der erste König sozusagen aufs Auge gedrückt, es war der bayerische Prinz Otto, Sohn des bayerischen Königs Ludwig I. In Athen, Hauptstadt seit 1834, zeugen noch heute mehrere Bauten im bayerischen Prachtstil von dieser Epoche. Der neue König brachte auch ein hohes Kulturgut aus seiner Heimat mit nach Griechenland – das Bier und den Bierbrauer Fuchs [Fix Bier!].

Die große Insel Kreta ist neben der winzigen dänischen Insel Bornholm die große geografische Liebe meines Lebens. Sie blieb noch lange unter Türkenherrschaft, nämlich 77 Jahre. Erst 1898 wurde die Insel befreit und war zunächst ein eigener Staat.

Mit einem griechischen König hängt auch meine Griechenland-Liebe zusammen. Als ich zum ersten Mal mit dem Hellasexpress nach Athen fuhr, herrschte dort eine Art Ausnahmezustand. Der griechische König Konstantin II. heiratete die dänische Prinzessin Anne -Marie. Das war 1964. Tag und Nacht wurde in Athen gefeiert und man konnte kein Auge zutun. So flüchtete ich mit meiner Freundin auf die Insel Paros, die damals von Urlaubern praktisch noch unentdeckt war.

Paros – ein Traum von einer Kykladeninsel

Erst neun Jahre später reiste ich wieder einmal nach Athen, damals im Auftrag der Stiftung Warentest und als Leiter der Reiseredaktion der Verbraucherzeitschrift „test“. Mit dem Entschluss, das im Tourismus rasant aufsteigende Griechenland und das wachsende Hotelangebot zu testen, hatten wir es uns nicht leicht gemacht. Denn dagegen sprach die Tatsache, dass in Griechenland die Junta herrschte. Erst Melina Mercouri, die große Schauspielerin und spätere Kulturministerin, beendete unsere Überlegungen: Sie rief ausdrücklich dazu auf, gerade während der Obristen-Diktatur in Griechenland Urlaub zu machen, damit die Verbindung zwischen Deutschen und Griechen nicht abriss. Es folgten noch mehrere Dienstreisen nach Griechenland – 1979 zum ersten Mal nach Kreta. Seitdem hat mich die Insel fest im Griff und lässt mich nicht mehr los .

Kreta war auch der Grund, warum ich 1981 meine gut dotierte Stellung bei der Stiftung Warentest Aufgabe aufgab: Ich wollte für den Dumont Verlag einen Kreta-Reiseführer schreiben. Drei weitere Reiseführer über diese Insel sind dann gefolgt. Man muss sich das einmal in Erinnerung rufen: Zu der Zeit gab es noch kein Internet, und wer einen profunden Reiseführer schreiben wollte, musste lange in Bibliotheken recherchieren. Und monatelang lagen auf dem Fußboden 40 oder 50 Griechenland- und Kreta-Bücher.

In dieser Zeit habe ich viel über die Griechen und Griechenland gelernt. Aber kein Buch kann die persönliche Erfahrung, die persönliche Begegnung ersetzen. Sozusagen mein Mentor in Griechenland wurde mein Freund Diogenes Venetopoulos, dessen überwältigende Gastfreundschaft ich jahrelang genossen habe. Er war Inhaber der Reiseagentur Zeus Tours, vertrat unter anderem die Interessen des Reiseveranstalters airtours und legte den Grundstein zum Unternehmen Zeus Cruises. Stundenlang, ja tagelang haben wir zusammen gehockt und über Gott & die Welt geredet. Diogenes machte seinem Namen alle Ehre. Das kleine Foto zeigt ihn 1977 mit meinem Sohn Alexander.

Auf Kreta genoss ich über zwei Jahrzehnte die Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft meines Freundes Panagiotis [„Panos“] Koutoulakis, der leider vor ein paar Jahre gestorben ist. Der Inhaber der Reiseagentur Minotours war wohl der beste Freund, den ich im Leben hatte. In dem Buch, an dem ich gerade schreibe, werden zahlreiche Geschichten über Athen und Kreta stehen und über die Menschen, die ich dort kennengelernt habe. Der Untertitel des Buches ist Programm: „Kurze Geschichten eines langen Reiselebens“.

Aber mit keinem Wort werde ich in dem Buch die beiden griechischen Frauen erwähnen, die ich geliebt habe und die mich einmal geliebt haben. Das gehört nicht an die Öffentlichkeit. Hier nur als Beleg dafür erwähnt, wie sehr ich in Griechenland und die Griechen „verstrickt“ bin.

Auch nach meiner Zeit bei der Stiftung Warentest und außer dem Schreiben der Reiseführer war ich Griechenland durch meine Arbeit eng verbunden. So habe ich drei Jahrzehnte lang für „touristik aktuell“ die Griechenland-Specials betreut – für mich immer wieder ein Fest und eine der schönsten Seiten meines Berufs. Die Corona Pandemie hat zumindest vorerst darunter einen Schlussstrich gezogen.





Notizbuch: Die ITB muss bleiben!!!

7 03 2021

Kein Nachruf – nur ein Rückblick

Samstag, 7. März 2021

Es war einmal. So fangen Märchen an. Once upon a time. Heute erzähle ich von einem modernen Märchen: von der ITB Berlin, wie sie aus kleinsten Anfängen zur größten Tourismusmesse der Welt aufgestiegen ist. Im vorigen Jahr ist sie wegen der rasant um sich greifenden Corona-Pandemie ausgefallen ist. Dieses Jahr – in den nächsten Tagen findet sie nur virtuell statt. Aber immerhin. Diese Messe darf nicht untergehen.

Blick zurück in die Anfangsjahre. Schnell hat die Internationale Tourismus Börse ITB – die inzwischen offiziell ITB Berlin genannt wird – ihren Spitznamen bekommen: Internationale Trinker Börse. Es wurde wirklich viel getrunken auf der Messe in früheren Zeiten, um nicht zu sagen: Es wurde gesoffen. Wer wie ich seit Jahrzehnten auf der ITB unterwegs ist, wird sich an Interviewpartner erinnern, mit denen man sich am besten mittags zwischen 12 und 15 Uhr verabredete. Vor 12 Uhr waren sie noch nicht nüchtern, und nach 15 Uhr waren sie nicht mehr nüchtern.

Das ausgiebige Feiern ist seit vielen Jahren passé. Zu gigantisch ist die weltgrößte Tourismusmesse geworden und zu stressig, um sich mit Alkohol auszubremsen. Die  Fachbesuchertage haben sich auf drei konzentriert, das verlangt stringentes Arbeiten. Früher war das anders. Die ITB erstreckte sich wie heute – bis zur Pandemie – die Grüne Woche über zwei Wochenenden. Da fiel es nicht so ins Gewicht, wenn Touristikmanager mal einen Tag mit „Migräne“ ausfielen. 1980 wurde die Fach- und Publikumsmesse um ein Wochenende gekürzt, im Laufe der Jahre folgten weitere Streichungen. Auch die Zahl abendlicher Empfänge und Feste ist rapide zurückgegangen. Sie gehörten früher zur Reisemesse unterm Funkturm wie ein Papier-Ticket zur Flugreise.

1986 – Die „2300-jährige unterirdische Armee“aus China zu Gast auf der ITB Berlin

55 Jahre ist die ITB nun alt. Klein, fast mickrig startete sie. Lediglich neun Aussteller aus fünf Ländern nahmen an der ersten ITB in Berlin teil, die der Übersee-Importmesse „Partner des Fortschritts“ angegliedert war. Die Ausstellungsfläche betrug seinerzeit 580 Quadratmeter. Die Entwicklung spricht Bände: 160.000 Quadratmeter wurden 2015 vermietet, gebucht von über 10.000 Ausstellern aus 186 Ländern. Rechnet man alle Verträge und Abschlüsse zusammen, beträgt der Umsatz der Aussteller und Fachbesucher 6,7 Milliarden Euro.

Die Pioniere aus dem Jahr 1966 heißen Ägypten, Brasilien, die Bundesrepublik, Guinea und Irak. 250 Fachbesucher wurden im ersten Jahr gezählt. Sie nahmen in der Kongresshalle im Tiergarten an einem Seminar zum Thema „Neue Urlaubsziele in neuen Kontinenten“ teil. Dabei wirkten Vertreter

Der Visionär, der den Mut hatte, die ITB aus der Taufe zu heben, heißt Dr. Manfred Busche [Foto unten rechts]. Als Angestellter der AMK (Ausstellungs-, Messe- und Kongress-Gesellschaft), wie die Messe Berlin damals hieß, erdachte er das neue Format. Ein Jahr später, von 1967 bis 1999, wurde Dr. Busche Geschäftsführer der Berliner Messegesellschaft. All die Jahre wurde er anerkennend „Vater der ITB“ genannt, er nahm das schmunzelnd zur Kenntnis.

Dabei schlug ihm viel Gegenwind entgegen, als er vor einem halben Jahrhundert seine ITB-Pläne präsentierte. Die Messe suchte dringend nach einem neuen Betätigungsfeld. „Zuerst war eine Jagdausstellung im Gespräch“, erinnert sich Dr. Busche, „in Anbetracht des Viermächte-Status von Berlin schien uns die Umsetzung allerdings illusorisch, diese Branche hat ja mit Waffen zu tun…“

Seine Idee einer Reisemesse kam nicht überall gut an. Reisebüro-Inhaber befürchteten eine Verschiebung ihres Reisegeschäfts. Hoteliers sahen eine Expansion der Hotelkapazität auf Berlin zukommen. Der Gedanke, dass Konkurrenz das Geschäft belebt, war im damaligen West-Berlin nicht weit verbreitet. Doch Dr. Busche erzielte schnell Erfolg. Schon die zweite ITB 1968 brachte den dauerhaften Durchbruch:  Sprunghaft kletterte die Ausstellungsfläche auf fast das Achtfache, mehr als fünfmal so viele Fachbesucher kamen auf das Messegelände. Bemerkenswert war die Teilnahme der zwei Ostblockländer Ungarn und Rumänien. Damals steckte die Welt noch mitten im Kalten Krieg. Dieser Ansatz entwickelte sich zu einer Art Markenzeichen der Messe: Unabhängig von politischen und weltanschaulichen Grenzen wurden und werden Länder und Gebiete zur ITB zugelassen, ja geradezu eingeladen. Sternstunden waren gemeinsame Pressekonferenzen sich feindlich gegenüber stehender Länder wie Israel und Ägypten.

Auch stellten und stellen Länder aus, die Untertanen nicht pfleglich behandeln und Menschenrechte wenig beachten. Auf der zu Busches Zeiten üblichen, stets gut besuchten und medial beachteten ITB-Abschlusspressekonferenz wurde der Messechef deswegen einmal hart angegangen. „Wenn Sie alle Länder von der Messe ausschließen würden, die es mit den Menschenrechten nicht genau nehmen, gäbe es keine ITB“, konterte er und fügte grummelig, wie er manchmal sein konnte, hinzu: „…und keinen Tourismus.“

Während seiner Amtszeit pilgerte Busche Abend für Abend von ITB-Event von ITB-Event. Kein Saal war ihm zu voll, keine Location zu eng, kein Weg zu weit, um mit Gastgebern, Ausstellern und Fachbesuchern ins Gespräch zu kommen. Oft ging das weit über Smalltalk hinaus. Er zelebrierte Networking im besten Sinne – zu einer Zeit, als die touristische Welt das Wort noch gar nicht kannte.

Von Anfang an führt die ITB ein Zwitterleben, sie war Fach- und Publikumsmesse zugleich. Zur zweiten ITB trafen sich schon 1.250 Fachbesucher, und 123.000 Privatpersonen besuchten als Publikum die Messehallen unter dem Funkturm. Zu der hohen Zahl trug gewiss bei, dass die zweite ITB mit der Boots- und Freizeitschau stattfand. Diese Kombination wurde bis 1980 beibehalten, dann wurde die Bootsmesse von der ITB abgekoppelt. Die Begründung, dass die ITB alleine nicht so respektable Publikumszahlen erzielen konnte, lautete vor der Wende: Dem eingemauerten West-Berlin fehle das Umland. Doch auch nach dem Fall der Mauer änderte sich die Zahl nicht signifikant. Letztes Jahr kauften rund 50.000 Besucher ein Ticket.

Aus Sicht des Veranstalters ist der Spagat zwischen reiner Fachbesuchermesse und rasanter Show fürs Publikum eine Herausforderung. Mal ärgerten sich Aussteller und Fachbesucher über zu viel Lärm durch Folklore-Darbietungen, mal beklagte sich das Publikum über zu wenig Show. 1982 unternahm die Messe den Versuch, mit klaren Regelungen zur Folklore und weiteren Publikumsattraktionen die ITB als Publikumsveranstaltung fester zu verankern. Fachbesucher und Aussteller haben die ersten drei Tage Business-Atmosphäre, das Publikum kommt am Wochenende. Dieser Versuch ist gelungen, auch wenn sich das nicht in steigendem Besucherandrang niedergeschlagen hat.  Zeitig vor dem Messestart gibt die Messe sogar eine eigene Pressekonferenz zum Thema: ITB fürs Publikum.

Noch etwas zeichnet die Messe aus: Sie hat eine Spürnase für Trends. Oft frühzeitig entdeckte die ITB Marktsegmente, die sie mit eigenen Ausstellungsteilen bediente, viele sind zu ganzen Hallen gewachsen: Kinder- und Jugendreisen, Kulturtourismus, Ökotourismus, Reisen für alle, Travel Technology, Gay & Lesbian Travel… Die Aufzählung legt keinen Wert auf Vollständigkeit. Ohne die Cluster wären Spezialisten vermutlich unauffindbar. Das riesige Angebot sinnvoll zu bündeln und zugänglich zu machen, ist eine der Herkules-Aufgaben des ITB-Teams. Hilft die Messe den einen, sich zu etablieren, bietet sie anderen eine Plattform, gesehen und gehört zu werden. Fachlicher Austausch, durchaus tiefgründig und kontrovers, findet in teils hochrangigen Podiumsdiskussionen statt.

2001: erstmals Kulturtourismus auf der ITB

Kritische Töne – aber bitte nicht zu viele und nicht zu laut – sind gerne gehört. Einen Namen gemacht haben sich die „Zwischenrufe“ des Studienkreis für Tourismus und das Studiosus-Gespräch mit Experten. Weltweiten Ruf genießen die ITB-Foren. 1977 feierte das Kirchenforum Premiere, 1988 wurde zum ersten Male das Afrika-Forum veranstaltet, 1992 folgte das Karibik-Forum. Jüngstes Austauschforum ist der Tag des Barrierefreien Tourismus.

Tourismuskritiker und Anbieter von alternativen Reisen bezeichnen 1984 als Durchbruch: „Probehalber“, wie die Messe ankündigte, stellten sie in einer eigenen Halle mit dem Titel „Anderes Reisen“ aus. Seitdem gehören sie zur ITB wie die Kehrseite einer Medaille – verstreut übers gesamte Messegelände und nicht mehr nur in einer Halle. Kritisches wird auch mit einigen der Awards ausgedrückt, die im Zusammenhang mit der ITB reichlich verliehen werden. Einige waren nicht so beständig wie die ITB selbst. Da gab es mal die „Goldene Reisekutsche“ des Jaeger-Verlags und den messe-eigenen Filmwettbewerb „Prix ITB“, in dessen Jury ich viele Jahre gesessen habe. Beide sind Vergangenheit.

Etabliert haben sich der Book Award und auch der Columbus-Ehrenpreis „für besondere Verdienste um den Tourismus“. Zum zehnjährigen Bestehen der Weltmesse des Tourismus verlieh der VDRJ ihn zum ersten Mal an Bundeswirtschaftsminister Dr. Hans Friederichs. Die Liste der nachfolgenden Preisträger in vier Jahrzehnten liest sich wie der Gotha des Tourismus: César Manrique (1978), Dr. Martin Busche (1985), Horst von Xylander (1995), Friedensreich Hundertwasser (1998), Reinhold Messmer (2007), Klaus Laepple (2013)

In dieser Ehrengalerie könnte ich mir auch gut Peter Köppen vorstellen. 34 (!) Jahre, von der vierten ITB bis zur Messe 2004, war er Pressesprecher der ITB – ein Fels in der Brandung, eine Persönlichkeit mit Stil und Charme. Jahr für Jahr saß Peter Köppen auf seinem blauen Stuhl im Pressezentrum und stellte sich dem Ansturm der Journalisten aus aller Welt. Sein Presseteam war bunt gemischt und spiegelte die Vielfalt der Nationalitäten. Im babylonischen Sprachengewirr prasselten täglich tausende Fragen ungezählter Medienvertreter auf das Presseteam ein, Fragen nach Pressekonferenzen und Parkausweisen, Interviewterminen und Messetrends. Meist gelassen und geduldig, mitunter auch leicht genervt ob der Ansprüche einiger Journalisten, war er über Jahrzehnte der Pol, um den sich das Messegeschehen aus journalistischer Sicht drehte.

Peter Köppen war ein begnadeter Netzwerker. Manchem Journalisten verhalf er zu exklusiven Geschichten. Intensiv kümmerte er sich um den journalistischen Nachwuchs. Und wenn es nötig war, half er Kollegen auf den richtigen (Heim-)Weg, wenn diese sich zu sehr an den Spitznamen der Messe gehalten hatten. Sein blauer Stuhl steht noch immer in der Pressestelle.

Erst verborgen in den Katakomben, inzwischen herangereift zum größten Tourismus-Kongress der Welt und nicht mehr wegzudenken, geben sich illustre Branchenvertreter beim ITB-Kongress die Klinke in die Hand. Parallel zu den Fachbesuchertagen wird hier ein hochkarätiges Programm zusammengestellt. Hotellerie, CSR, Tourismus-Marketing, die Zukunft des Reisens sind die Themen, die – stets unter Beachtung der aktuellen Entwicklung – an eigenen Schwerpunkttagen in mehreren Kongresssälen behandelt werden. ITB-Vater Busche nennt die Gründung des Kongresses 2004 einen „großen Meilenstein“. Den Charme der Anfangsjahre hat sich der ITB-Kongress erhalten, Dozenten, Kongressbesucher und Studenten kommen unkonventionell miteinander ins Gespräch.

Zum Jubiläum vor 30 Jahren widmete die Deutsche Bundespost der 25 Jahre alten Messe eine 100-Pfennig-Sondermarke. Sie wurde in ganz Deutschland geklebt, nur nicht auf Briefe der Messe Berlin. „Dazu hätten wir ja extra einen Studenten anstellen müssen“, argumentierte die Messe und nutzte auch im Jubiläumsjahr den Freistempler.

Was für eine Zukunft erwartet die ITB in Nach Corona-Zeiten? „Im digitalen Zeitalter steigt die Sehnsucht nach persönlicher Begegnung“, war Busche überzeugt, „deshalb ist das jährliche Familientreffen auf der ITB Berlin, wo Menschen sich in die Augen sehen und die Hände schütteln, ein absolutes Muss.“ Oft ist die Begegnung eine kurze: „Wir sehen uns!“ rufen sich zwei Fachbesucher zu, die sich in irgendeiner Halle begegnen. Doch in dem Gewühl der Fachbesucher, der über 5.000 Journalisten aus 75 Ländern und der 350 Blogger aus 30 Ländern sehen sie sich – leider viel zu oft – nicht wieder.

Seit 40 Jahren ist das Redaktionsbüro Schwartz auf der ITB mit einem eigenen Büro vertreten

Für mich als Journalisten war die ITB immer die wichtigste Woche des Jahres. Einmal alles zu zeigen, was man kann, herrlich! Wie ein Auto, das sich ein Jahr lang im Stadtverkehr herumquält – und dann auf der Autobahn seine Geschwindigkeit ausschöpfen kann. Zu einer Pressekonferenz gehen, oft schon während der Rückfahrt im Shuttlebus die ersten Notizen diktieren und dann schnell und präzise den Artikel zu schreiben – herrlich. Aber das Wichtigste sind die Kontakte – die neuen und die Wiedersehen. Die persönlichen Begegnungen – die sind das eigentliche Kapital der ITB Berlin. Deshalb wird sie bestehen bleiben. Und nicht zu einer dauerhaften Bildschirm-Version verkümmern…





Notizbuch: das Buch im Werden

27 02 2021

Details zu meinen „kurzen Geschichten aus einem langen Reiseleben“

Samstag, 27. Februar 2021

Na klar: Ich möchte neugierig machen. Im besten Fall so neugierig, dass Leser dieses blog-Posts das Erscheinen nicht erwarten können. Also:

Titel des Buchs: den verrate ich noch nicht. Er wird erst einmal verblüffen…

Untertitel: Kurze Geschichten aus einem langen Reieleben

Verlag: tredition

Preis: den müssen wir erst noch festlegen. Auf jeden Fall wird es drei Preise geben, je einen für die Hardcover-Ausgabe, für das Taschenbuch und für das eBook. Der Inhalt ist identisch.

Umfang: Der steht noch nicht fest, da ich zur Zeit noch schreiben und nicht voraussehen kann, wie umfangreich die einzelnen Geschichten sein werden. Aber git 120 Seiten werden es schon werden. Oder 150. Oder 200. Oder…

Der One-Dollar-Man in Tunesien – Foto zum Beispiel 1

Inhalt: Nach jetziger Planung etwa 40 Geschichten aus fünf Jahrzehnten. Es wird Lesern sofort auffallen, dass besonders viele Geschichten auf der kleinen dänischen Insel Bornholm spielen und in Griechenland, dort vor allem auf der Insel Kreta. Über beide Destinationen habe ich mehrere Reiseführer geschrieben und musste deshalb entsprechend oft hinreisen. Bornholm bezeichne ich zudem privat als meine Schicksalsinsel, aber das ist hier nicht das Thema. Bornholm habe ich schon besucht, als ich noch Redakteur bei einer Tageszeitung war. Die Reisen nach Griechenland habe ich nicht gezählt, allein auf Kreta war ich bestimmt 40 Mal oder mehr…

Prinzip: Ich habe bewusst darauf verzichtet, die Destinationen genau oder gar ausführlich zu beschreiben. Das Buch mit Reisegeschichten ist kein Reiseführer. Und ebenso bewusst und konsequent habe ich darauf verzichtet, Aufgaben und Umfeld geschilderter Personen oder Gegebenheiten zu aktualisieren. Das wäre ein uferloses Unterfangen gewesen. Alles, was in diesem Buch steht, sind Momentaufnahmen. So kann eine kleine Geschichte im Jahr 1982 spielen, eine andere im Vorjahr. Eine der handelnden Personen könnte also schon längst ihren Job gewechselt haben, eine andere gestorben sein. Lediglich Jahreszahlen am Ende der Geschichten verraten, wann sie „spielen“.

Beispiel 1: In Tunis tobt die Jasmin-Revolution. Der neue Tourismusminister, ein erfolgreicher Manager, ist ein One-Dollar-Man, arbeitet also ohne Lohn. Er arbeitet bis zum Umfallen – 18 Stunden am Tag. Er hatr noch nicht einmal Zeit für ein Mittagessen. Als sich Demonstranten vor seinem Ministerium zusammenrotten, geht er hinaus und stellt sich der Diskussion – freundlich und friedlich [2011].

Beispiel 2: Auf einem Schotterweg bei Rosa Khutor nahe Sotschi, zwar auf 2000 Meter Höhe aber ganz harmlos, stürze ich und kann nicht mehr stehe oder gehen. Ich erlebe eine Hilfsbereitschaft, die ich bis ans Ende meines Lebens nicht vergessen werde. Mit dem Sturz sind auch viele Vorurteile gestürzt. Und im Krankenhaus geht es Dank des „Erschreckers“ durchaus lustig zu. [2017]

Status: 25 Geschichten sind schon fertig.

Bebilderung: ca. 20 Schwarzweißfotos

Erscheinungstermin: steht noch in den Sternen…





Notizbuch: „Es schneite…“ von Frank Kantereit

7 02 2021

Der Bornholmer Multikünstler schreibt wundervolle Bücher

Sonntag, 7. Februar 2021

Er ist auf Bornholm geboren und kehrte nach einer rasanten Karriere in Deutschland und der weiten Welt auf seine Heimatinsel zurück: Frank Kantereit, Regisseur, Intendant und Bühnenbildner [und für mich auch: Philosoph]. Er schreibt wundervolle Märchenbücher, die nicht nur für kleine Leser geeignet sind. Und die mit ebenso wundervollen Illustrationen von Frank Kantereit ausgestattet sind. Zu seinem Buch „Es schneite…“, das nicht nur zur Weihnachtszeit empfehlenswert ist, schreibt mein Freund:

Alle Jahreszeiten haben ihren eigenen wundervollen Zauber und Reiz. Für mich aber ist der Winter von einer einzigartigen Wunderherrlichkeit, und ihm gehört meine ganze aufrichtige Liebe. In der Einsamkeit meiner ersten Berliner Jahre entstanden vier Erzählungen, welche alle mit dem gleichen Satz begannen und endeten.

222Das Leben aller Menschen in diesen Geschichten befindet sich in einer Schieflage. Im wundersamen Frieden der Weihnacht kommen die Herzen zu einer inneren Ruhe, und meine kleinen und großen Helden finden wieder zu einer befreienden inneren Seligkeit. Was im Schneesturm beginnt, endet im leisen, friedvollen Schneefall in der Weihnachtsnacht. Das Besondere, was diese Herzensgeschichten auszeichnet, ist die Erfahrbarkeit der Weihnachtsbräuche jener Länder, in denen diese Erzählungen angesiedelt sind: England, Russland, Dänemark und Schweden. Für mich sind gerade die englische Erzählung und das russische Märchen ein Herzensbedürfnis: Ich habe zwei entscheidende Lebensjahre in West-Yorkshire verbracht, und meine literarische Liebe gilt der russischen Literatur rund um Tschechow, Dostojewski, Tolstoi …

Das wirklich Fantastische an diesem Buch ist, das es für alle Generationen etwas bereithält: Die englische Geschichte richtet sich an die erwachsenen Leser, ebenso die russische Erzählung – sie spielt zur Zeit des letzten Zaren. Kinder genießen hierbei das Märchenhafte. Die dänische und schwedische Geschichte richten sich an alle kleinen und Kind gebliebenen Leser. Vier Bücher in einem wunderbaren Band vereint.

Frank Kantereit: „Es schneite…“ , ISBN: 3863867416, karton., 376 S., 28,00 Euro





Notizbuch: Hat sich durch das Buch das Verhältnis zu Deinem Vater verändert?

4 02 2021

Fragen an den Autor des Buches „Meine liebe Mutti“

Donnerstag, 4. Februar 2021

Hattest Du keine Probleme damit, private Notizen Deines Vaters ans Licht der Öffentlichkeit zu bringen? Was war Dein Motiv, dieses Buch zu veröffentlichen? Hat das Buch Dein Verhältnis zu Deinem Vater verändert? Fragen, die mir immer wieder gestellt werden, seitdem das Buch „Meine liebe Mutti“ auf dem Markt ist. Hier meine Antworten:

Als ich anfing, mich mit den 500 erhaltenen Briefen näher zu beschäftigen, war zuerst nur Neugierde das Motiv. Was hat er denn so geschrieben? Dann wurde es schnell spannend. Ich wollte herausbekommen, was meinem Vater denn geholfen hatte, die Jahre an der Front, die Kriegsgräuel und auch die grausame Gefangenschaft in der Sowjetunion auszuhalten. Das war mein Motiv.

Und dabei stieß ich, für mich durchaus überraschend, auf eine Liebesgeschichte. Auf die in unzähligen Briefstellen belegte Liebe meines Vaters zu meiner Mutter. Keinen Tag lässt mein Vater vergehen, ohne wenigstens zu versuchen, seiner Frau zu schreiben – einmal sogar, wie er schreibt, „bei flackerndem Kerzenlicht halb liegend…“ Die Briefe sind voller Verlangen und Sehnsucht, die fast alles überlagert und schwierig mit dem rauen Soldatenleben zu vereinbaren ist. Auch die beiden Söhne, mein etwas älterer Bruder und ich, spielen in dem Briefwechsel eine große Rolle. Offensichtlich war es in der Tat ein reger Briefwechsel, leider sind von meiner Mutter nur drei Briefe erhalten.

Über die Frage, ob manche Briefstelle nicht doch zu intim ist, habe ich lange nachgedacht. Monatelang haben mich Zweifel geprägt. Und dann stand mein Entschluss fest: Ohne die intimeren Zitate wäre das Verhalten meines Vaters im Krieg nicht schlüssig zu erklären.

Natürlich tauchte auch die Frage auf: Wie war mein Vater in das System verstrickt?  Gibt es Belege dafür, ob er und dass er an das Regime glaubte und deshalb all die Opfer auf sich nahm? Wie sehr hat ihn die Nazi-Propaganda beeinflusst?

Letztere Frage muss ich bejahren: Die die Nazi-Propaganda hat ihn ohne Zweifel beeindruckt und beeinflusst. Aber ich habe in all den Briefen nicht eine einzige Stelle gefunden, in der Judenhass anklang. Gewiß hat er die Deutschen für ein überlegenes Volk gehalten, und er glaubte, überall dazu Belege zu finden, in Russland und auch in Frankreich. An Hitler glaubte er nicht wegen des Rassenwahns, sondern weil er „den Führer“ für einen überlegenen Strategen hielt. So wurde selbst die Niederlage vor Stalingrad in der Vorstellung meines Vaters zum raffinierten strategischen Schachzug. Ich zitiere: „Bewusst hat sich da eine Armee geopfert, um so starke Kräfte der Russen zu binden, dass der geplante Durchbruch in das wichtige Don- und Donezgebiet mit seinem großen Kohle- und Erzvorkommen nicht wahr wurde.“ Die Briefe sind kein Protestschrei, aber auch keine Verherrlichung des Krieges. Ob mein Vater ein glühender Nazi war und somit schuldig wurde, diese Frage, die ich mir immer wieder gestellt habe, muss ich letztendlich unbeantwortet lassen… Das ist schade und tut auch weh.

„Die Auseinandersetzung mit den Briefen ihnen hat sein distanziertes Bild vom längst verstorbenen Vater grundlegend verändert“, heißt es im Klappentext zu dem im Verlag tredition erschienenen Buch. Und das stimmt. Ich mache das – buchstäblich – an einem Bild fest. Aus der Einleitung zu dem Buch:

Als mein Vater 50 wurde, ließ er sich fotografieren, und zwar so, wie das damals in bürgerlichen Kreisen üblich war: im Maßanzug mit Krawatte und Einstecktuch, mit geöltem Haar und mit auf dem Tisch vorgestrecktem rechten Arm, damit man den Brillantring besser sehen konnte.  Ich habe das Foto nie gemocht, ich fand es ziemlich seelenlos. Es gab mir nicht die geringste Antwort auf die Fragen, die ich im Laufe meines Lebens an meinen Vater hatte. In neun Umzügen während eines halben Jahrhunderts habe ich das Foto, das mein Vater mir gerahmt geschenkt hatte, niemals aufgehängt. Es blieb unausgepackt und unbeachtet.

Was gäbe ich dafür, noch einmal mit ihm über seine Kriegserlebnisse reden zu können! Sein Bild, das habe ich inzwischen hervorgeholt und aufgehängt.

Das Buch ist im Verlag tredition in drei Fassungen erschienen: e-Book  7,90 €  ISBN 978-3-347-16625-7, Paperback 13,90 €   ISBN 978-3-347-16623-3, Hardcover  18,90 € ISBN 978-3-347-16624-0. Es ist in allen drei Fassungen im Bookshop des Verlages zu haben: https://tredition.de/buchshop/  Es gibt es auch bei Amazon und in allen gängigen e-Book-Shops – und natürlich kann es auch in Buchhandlungen gekauft oder bestellt werden.

 

 





Notizbuch: Es begann mit der „Trollverflixten Mitsommernacht“

20 01 2021

Der Bornholmer Regisseur, Intendant und Bühnenbildner Frank Kantereit schreibt und illustriert wundervolle Kinderbücher

Mittwoch, 20. Januar 2021

Eine derart märchenhafte Geschichte darf auch mal mit den Worten „Es war einmal“ beginnen. Also: Es war einmal eine Reise nach Bornholm, auf jene kleine dänische Insel, die ich immer als „Meine Schicksalsinsel“ bezeichne, weil sie in meinem Leben eine so große Rolle spielt. Die Reise fand vergangenen Herbst statt und entriss mich für zwei Wochen der heimatlichen Selbstisolation während der Coronakrise. Auf dieser Reise lernte ich Frank Kantereit kennen, einen Künstler, der ein Märchenbuch nach dem anderen schreibt – für die kleinen Leser, aber auch für die Großen.

Wundersame Titel tragen die sieben Märchenbücher, die zwischen 2012 und dem letzten Jahr erschienen sind: „Trollverflixte Mitsommernacht“, „Es schneite“, „Frieden der Nacht“, „Die Himmelsbirke – Eva Charlotta hat es streng“, „Als Finn die Zeit vergaß“, „Die Himmelsbirke – Eva Charlotta will das ganze Leben“ und „Dreizehn Zöpfe, Dreizehn Locken und ein Riesenhokuspokus“. Die Bücher sind über jede Buchhandlung zu beziehen. Es liegt Frank Kantereit am Herzen, „die Bedeutung einer glücklichen Kindheit in meinen Büchern darzustellen“. Der Hauptgrund, warum er Bücher für Kinder schreibt, ist „ein recht simpler: Ich halte Kinder für die aufrichtigeren Menschen, deshalb gefällt es mir, für sie zu schreiben.“ Und den Erwachsenen, für die seine Bücher ja auch gedacht sind, wünscht er, „dass sie sich dessen bewusst sind, woraus sie erwachsen sind: Die Wurzel eines Erwachsenen bleibt für ein ganzes Leben stets die Kindheit. Verdorrt diese Wurzel, verdorrt der Mensch!“

Frank Kantereit hat schon ein bewegtes Künstlerleben hinter sich. Geboren auf Bornholm, machte er vor allem in Deutschland Karriere. Nach einem Studium Musik/Oper an der Staatlichen Musikhochschule Köln und einem Stipendium bei den Bayreuther Festspielen folgten Engagements in mehreren deutschen Städten und in Stockholm sowie an der Volksoper in Wien. Dazu entwickelte sich eine Karriere als Regisseur und Bühnenbildner, die u.a. zu einer elfjährigen Intendanz der Dortmunder Naturbühne Hohensyburg führte. Später, so erzählt Frank Kantereit, „folgten Gastinszenierungen weltweit: Spanien/Portugal/ Türkei/ Schweiz/ Österreich/Mexiko/Thailand. Unter anderem: Die Erstaufführung von Mozarts ‚Zauberflöte‘ mit einem nahezu einheimischen Ensemble im Senegal.“ In all diesen Jahren waren seine Hauptwohnorte Berlin und Ermatingen am Schweizer Teil des Bodensees.

Naturbühne Hohensyburg – Die Schwanenkönigin 1994 [oben], Bühnenbildentwurfe zu Wagners „Tannhäuser“ [Mitte], Mary Poppins, Gastspielproduktion Antalia/Türkei 2003 [unten]

Während seiner Intendanz in Dortmund verfasste Frank Kantereit eine Bühnenversion der „Kinder aus Bullerbü“. In diesem Zusammenhang ergab sich ein brieflicher Kontakt mit „der von mir mehr als hochverehrten und geschätzten Astrid Lindgren“. Diese Begegnung ließ in dem Künstler den Gedanken an das Schreiben von Büchern so langsam keimen: „Und da eine Kindheit auf Bornholm einer Bullerbü-Kindheit mehr als ähnelt, lag es nahe, meiner Kindheit literarisch eine Form zu geben.“ Aber nicht als Biographie, sondern als muntere Erzählung, die alle Kinder-Bornholm-Erlebnisse in ein wunderschönes, fantasievolles Sommerbuch zusammenfasste: „Trollverflixte Mittsommernacht“, auch in einer dänischen Ausgabe erschienen. Und: „Durch meine bühnenbildnerischen Tätigkeiten ergab es sich, dass ich all meine Bücher selbst illustriere.

Das Foto links zeigt Frank Kantereit im Jahr 2008. Nach all den Jahren des weltweiten Herumreisens „gab es den Wunsch nach einer Beziehung“. Zu deren Gunsten zog er sich von der Bühne etwas zurück [„Aber es wird für ein Theaterpferd wie mich niemals ohne gehen…] und lernte seinen Mann mit dem wohlklingenden Nachnamen Remigio kennen. Der stammt aus Florenz, aus der Familie des legendären Teufelsgeiger Paganini… Frank Kantereit-Remigio: „Ausgerechnet mein Mann als Italiener verliebte sich in meine Heimat Bornholm.“ Und so kehrte er 2013 in seine Heimat zurück.

Dort lernte ich Frank Kantereit in seinem Heimatort Snogebæk kennen. Um Touristen zum Shoppen in dem kleinen, aber feinen Ort zu animieren, hat die Verwaltung kleine Häuschen errichtet. In einem dieser Häuschen breitet Frank Kantereit seine Bücher aus. Sein Geschäft trägt den wundervollen Namen „Drømmestjerne-Hytten“ – Traumsternchen-Hütte. „Ein wunderbarer Ort, meinen Lesern zu begegnen“, sagt Frank Kantereit, „in all den Jahren eine Gelegenheit für viele, immer wieder zu kommen, Bücher von mir, handsigniert, zu erwerben und einen herrlichen Plausch über die Insel und das Leben zu halten.“

Der Märchen-Erzähler hat mir auch noch verraten, dass er gerade das Manuskript zu einem neuen Buch vollendet hat. „Es wird wieder einmal eine Wintergeschichte, wie sie winterlicher kaum sein kann.“ Der Titel: Weihnachten mit Zipfelmützen. Nur so viel will Frank Kantereit verraten: „Die Geschichte entführt uns nach Schweden in die Nähe des kleinen Städtchens Broddebo. Dort liegt auf einem Hügel der wunderherrliche Bauernhof Kullehult. (Kulle bedeutet Hügel, da der Bauernhof auf einem Hügel liegt.) Direkt hinter Kullehult findet sich ein märchenhaftes Wäldchen mit einem verwunschenen See: Sjölund! Es ist die Geschichte der kleinen Sontje, es ist aber auch die Geschichte des winzigen Nissejungen Tomte. Aber dann sind da auch noch Schneemann Magnus, die alte Mörkröda-Nele und viele, viele andere lustige Zeitgenossen.“

 





Notizbuch: Szenen einer Revolution

15 01 2021

Als ich vor zehn Jahren den Hexenkessel Tunis  besuchte

Die Jasmin-Revolution, die Tunesien erschütterte, war erst einige Wochen alt, der Diktator Zine el-Abidine Ben Ali gerade aus dem Land geflohen, als ich vor zehn Jahren nach Tunis flog. Die Stadt glich einem Hexenkessel, aber wir Journalisten konnten uns frei bewegen.

„Herzlich willkommen im feien Tunesien!“ klingt es nach der Landung aus den Lautsprechern des Flugzeugs. Nach gründlichen Kontrollen verlassen wir den Airport. Ein mitreisendes Kamerateam darf ohne jede Drehgenehmigung Aufnahmen machen. Der erste Panzer steht an der Einfallstraße, die vom Flughafen in die Stadt führt. Dann sehe ich immer mehr Panzer, Stacheldraht. Das Innenministerium an Anfang der Avenue Bourguiba ist komplett abgesperrt und wird streng bewacht, hier war eine der Folterzentralen des Terrorregimes untergebracht.

Vor dem Theater der Stadt hat sich eine Art Hyde Park gebildet. Jeder darf hier sagen, was er will. Das war vor ein paar Wochen noch nicht möglich, sondern hätte Folter und gar Tod bedeutet. Überall stehen kleinere und größere Gruppen, die heftig diskutieren. Als ein Mann meine Kamera entdeckt, entblößt er seinen Bauch und zeigt seine Foltermale. Ein zweiter präsentiert sein von Narben übersätes Bein, ein dritter seinen malträtierten Arm. Im Nu bin ich von einer Gruppe schreiender Männer umringt. Ich habe keine Angst. Denn die Männer sind freundlich.

Stunden später im Chefbüro des neuen Tourismusministers Mehdi Houas. Das früher obligatorische Foto von Ben Ali hängt nicht mehr an der Wand, nur der Nagel ist noch zu sehen. „Tunesien ist stolz, sich in die Reihe der freien Länder einzureihen!“ sagt er. „Ich liebe mein Volk, das mit Würde und Mut die Freiheit erkämpft hat.“ Der Minister ist ein One-Dollar-Man. Er ist zurückgekommen aus Frankreich, wo er als Industriemanager arbeitete, um praktisch ohne Bezahlung seinem Land zu helfen.

Das macht er 18 Stunden am Tag. Sein Mittagessen beschränkt sich auf einen Apfel und ein kleines Stück Gebäck. Obwohl er sichtbar unter Stress steht, lacht der Minister gerne – es ist ein freies, herzliches Lachen, das ansteckt. Angesteckt hat er mit seinem Elan schon viele deutsche Gesprächspartner. Gerade war Außenminister Westerwelle zu Besuch. Mehdi Houas: „Die deutsche Regierung ist beeindruckt von der Revolution.“

 

Der One-Dollar-Man und sein 18-Stunden-Arbeitstag

Was den Tourismus betrifft, hat der Minister nicht nur Normalisierungspläne. Er will das Ruder komplett herumreißen. „Die alte Regierung hat nur den Strandtourismus gefördert“, klagt er. Auf lange Sicht soll Tunesien dem Kulturtourismus einen wesentlich höheren Stellenwert geben.

Unvermittelt erzählt Mehdi Houas von den drei „schrecklichen Tagen, an denen die Miliz um sich geschossen hat.“ Wer zu den Schützen gehört hat, sei mittlerweile verhaftet. Die Miliz habe  Gefangene aus drei Gefängnissen freigelassen, daraufhin hätten die Bewohner der Stadt mit Stöcken ihre Wohnviertel verteidigt. „Das ist vorbei, jetzt gibt es keine kriminellen Überfälle mehr.“ Kurz vor unseren Besuch ist die Ausgangssperre aufgehoben worden.

Den Minister quälen viele Zahlen. Eine Million Jobs hängt vom Tourismus ab, und „jeden touristischen Arbeitsplatz muss man mal vier nehmen.“ Also sind fast 40 Prozent der Bevölkerung von diesem Geschäft abhängig. Die Partei des Terrorstaates war überall vertreten, „aber nicht so sehr in Hotels“. Von den 542 Hotels Tunesiens waren nur 25 mit der Partei verbandelt beziehungsweise staatlich. Jetzt sucht eine Kommission danach, ob vielleicht unter einem anderen Namen nicht doch Hotels zum Ben Ali Clan gehören – ein Problem von vielen.

Demonstration vor dem Tourismus-Ministerium

Das Gespräch ist zuende. Vor dem Ministerium hat sich eine Demonstranten-Gruppe gebildet. Der Minister steht auf und geht wie selbsatverständlich hinaus zu der Gruppe. Er ist ein kleiner Mann, fast jeder der Demonstranten überragt ihn um Kopfesgröße. Der Minister bleibt freundlich, die Meute bleibt friedlich…





Notizbuch: „Meine liebe Mutti“ – Leseprobe

3 01 2021

Aus dem gerade bei tredition erschienenen Buch „Meine liebe Mutti – Kriegsbriefe meines Vaters“

 Sonntag, 3. Januar 2021

Zweieinhalb Jahre lang hat mein Vater seiner Frau, meiner Mutter, im Zweiten Weltkrieg tagtäglich einen Brief geschrieben. Die 500 erhaltenen Briefe habe ich zum Buch mit dem Titel „Meine liebe Mutti“ verarbeitet. Ein paar Leseproben:

Der Inhalt: Mein Vater: So etwas wie ein Vorwort; Der Soldat: Jeder Befehl ist heilig und wird ausgeführt; Briefe: Ich schreibe jeden Tag ohne Ausnahme; Befinden: Mir kommt es heutzutage auf die Gesundheit an; Lehrgänge: Ich bin ein richtiger Ausenseiter; Familie: So viel hat man sich zu erzählen: Schlachten: Wer auf Vati schießt ist ein Lump; Russland: Auseinandersetzung zwischen Gut und Böse: Aachen: Sogar unsere Heimat ist Front gewodenden; Die Engländer: Man wartet mit Genugtuung auf Vergeltung; Die Italiener: Was soll man nur zu Italien sagen…; „Der Führer“:  Einzige Figur weltgeschichtlicher Größe; Gefangenschaft und Heimkehr: Barfuß im Schlafanzug mit Krawatte.

Aus dem Vorwort: …Dasselbe gilt für einen Karton, den ich von Umzug zu Umzug mitschleppte. Er enthielt zahlreiche Briefe, die mein Vater im Krieg geschrieben hatte. Erst vor ein paar Jahren habe ich sie mir näher angeschaut und bemerkt, was für einen Schatz ich da besaß…

…Die Hälfte der Briefe ist völlig fehlerfrei mit der Schreibmaschine und die andere Hälfte in beeindruckend schöner Schrift mit der Hand geschrieben…

 …Als ich anfing, mich mit den Briefen näher zu beschäftigen, war zu  erst nur Neugierde das Motiv. Was hat er denn so geschrieben? Dann kristallisierte sich die Frage heraus, die sich wohl viele Deutsche meiner Generation gestellt haben oder mangels Antworten immer noch stellen: Wie tief war die Verstrickung in das Nazi-System? War es die Ideologie, die so viel Kraft gab, die Kriegsgräuel und die grausame Gefangenschaft in der Sowjetunion auszuhalten? Oder war da noch etwas anderes, das ihn durchhalten ließ? Ich erwartete keine schlüssige Antwort, die alle Facetten abdeckte. Diese habe sie tatsächlich auch nicht gefunden…

…Gefunden habe ich eine Liebesgeschichte, die sich in den Briefen versteckt, die Liebe zu seiner Frau (und zu seinen beiden Kindern), die meinem Vater ohne Zweifel geholfen hat, den ganzen Schrecken des Krieges und der Gefangenschaft physisch und psychisch zu überleben…

Aus dem Kapitel Der Soldat: …Ein Schlüsselsatz findet sich ist im Brief vom 17. Januar 1943: Jeder Befehl ist heilig und wird ausgeführt. …Am 10. Februar 1942 wurde mein Vater eingezogen. Zum bevorstehenden zweiten Jahrestag schreibt er am 6. Februar 1944: Wir hatten niemals gedacht, dass ich so lange Soldat bleiben könnte. Wie schnell vergeht doch die Zeit. So viel man sich auch als Soldat fühlt und davon überzeugt ist, dass wir die Waffe erst nach einem totalen Sieg aus der Hand legen dürfen, so sehnsüchtig erwartet man doch den Tag der Heimkehr

…Sorgen trug mein Vater als Soldat mehr als genug mit sich herum. Da waren die Ungewissheit über künftige Einsätze, die pNermanente Lebensgefahr, die Sorge um Freunde und Verwandte daheim und nicht zuletzt die unendliche Sehnsucht nach Frieden und der Heimkehr zu seiner Familie. Ich denke immer an euch und habe dann große Sehnsucht, die mir keiner stillen kann. Man kann auch nicht mit einem Menschen darüber sprechen, vielleicht versteht einen doch keiner, wenigstens nicht richtig. So muss man eben hart sein und das mit sich alleine abmachen (11. Mai 1943)…

…Dazu kam tagtäglich ein Bündel von Unbilden – vom Dauerregen über Schlafmangel bis hin zu Getier wie Wanzen, Flöhe, Läuse und Mücken. Es regnet in Strömen ununterbrochen, es ist alles nur ein fürchterlicher Matsch, von dem du dir keine Vorstellung machen kannst (10. April). Wir sind nun mal Soldaten und müssen uns in allem schicken. Ob Schlaf oder nicht spielt bei uns keine Rolle mehr. Innerhalb drei Tagen habe ich zwei Nächte gar nicht schlafen dürfen (11. Mai). Am selben Tag schreibt mein Vater: Mit der Wanzen- und Flohplage geht es einigermaßen erträglich, dafür stellt sich aber jetzt beim Eintritt der warmen Jahreszeit eine fürchterliche Mückenplage ein, von der du dir gar keine Vorstellung machen kannst. Und am 4. September: Die Mücken- und Fliegenplage ist ganz entsetzlich, nicht Hunderte sondern Tausende auf kleinstem Raum.

Aus dem Kapitel Schlachten: …Auf grausame Schilderungen der Schlachten hatte ich mich bei der Durchsicht der Kriegsbriefe meines Vaters eingestellt. Aber das Gegenteil ist der Fall. Nur in wenigen Ausnahmen gerät die Schilderung so, dass ich als Leser das Gefühlt habe, selbst in die Schlacht hineingezogen zu werden. Kriegshandlungen, und seien sie noch so heftig, werden eher beiläufig erwähnt…

…Lakonischer geht es kaum als auf einer an meine Mutter gerichteten Feldpostkarte vom 22. Februar 1943: Die erste Schlacht war es heute, ein richtiger Großkampftag, sonst nichts Neues. Oder am 16. Mai: Der kommandierende General unserer Division ist am Freitag gefallen. So ist das raue Soldatenleben…

…„Kampfschule“ ist das Stichwort, unter das die nächsten Briefeinträge eingeordnet werden müssen. Sie sind die wenigen Beispiele in der Kriegskorrespondenz, wo mein Vater sich die Erschütterung durch die Kriegsereignisse anmerken lässt. Am 21. August 1943 schildert er, was sich eine Woche zuvor zugetragen hatte: Du wusstest es ja, dass ich ganz überraschend zu einem Lehrgang kommandiert war, der an sich harmlos war und bloß einer infanteristischen Ausbildung dienen sollte. Der Russe griff aber in der letzten Zeit mit Gewalt von verschiedenen Seiten derart an, dass die Division Gefahr lief, eingeschlossen zu werden. Es wurde deshalb planmäßig der Rückzug der Division auf eine gerade Linie beschlossen. Das hat uns der Ivan nun ganz gehörig versalzen. Er drückte mit mindestens 6 Divisionen derart hinter uns her, dass wir alle Hände voll zu tun hatten, ihn uns vom Leibe zu zuhalten.

„Pak-Geschütz, feuerbereit“ steht auf der Rückseite dieser Post-
karte, wie sie von Soldaten gerne als Feldpost verschickt wurde.

So musste auch unser Lehrgang in die kämpfende Truppe eingereiht werden. Gleich beim ersten Gefecht stießen wir auf den verbissenen Druck der Russen. Von rund 100 Mann kamen wir nur zu 14 unbeschädigt davon! Am nächsten Tag konnten wir uns als kleine Kampfgruppe noch so eben aus der Umklammerung freimachen und nach harten Gefechten im Abendgrauen die Masse der Division erreichen, die sich auf einer weiteren Höhe eingerichtet hatte.    

An diesem Abend wurden wir den Panzerjägern als Infanterieschutz unterstellt und ich kam ausgerechnet zu… Lt. Flockert, der seit 1 Monat eine Komp. der Pa.Jg. führte. Dies war der 13. August, der (zweite) Geburtstag unseres Horstilein, für mich war es in jeder Beziehung ein Glückstag. Lt. Flockert schloss mich beim Wiedersehen stürmisch in seine Arme und freute sich wie ein Kind. Leider, leider fiel er im nächsten Morgengrauen bei einem Sturmangriff der Russen.

Details zum Buch: 144 Seiten, 24 [zum Teil historische] Abbildungen. Erschienen im Verlag tredition in drei Fassungen: als E-Book für 7,99 Euro (ISBN 978-3-347-16625-7), als Paperback für 13,90 Euro (978-3-347-16623-3) und als Hardcover für 18,90 Euro (978-3-347-16624-0). Die Bücher gibt es im Bookshop des Verlages www.tredition.de/buchshop und überall, wo Bücher verkauft werden.

 





Notizbuch: Weihnachten auf Sparflamme

22 12 2020

In seinen Kriegsbriefen erwähnt mein Vater das Familienfest kaum

Dienstag, 22. Dezember 2020

Wer im Internet ein wenig sucht, findet rührende Geschichten von Soldaten, die zu Weihnachten für kurze Zeit die Waffen ruhen lassen und mit dem Gegner gemeinsam „Stille Nacht…“ singen. Eine ist aus dem Ersten Weltkrieg überliefert, andere stammen von den letzten Schlachten des Zweiten Weltkrieges. Für meinen Vater war das Familienfest Weihnachten immer äußerst wichtig. Umso mehr erstaunt es mich, dass er dem Fest als Soldat in seinen Briefen an seine Frau kaum Beachtung schenkt.

Wenn er am 2. Juni 1944  schreibt: „Wenn es mir gelingt, dann kann ich mich Weihnachten im Schmuck meiner neuen Uniform vorstellen“, dann geht es ihm nur auf die Uniform, auf die er ja ganz stolz zu sein scheint. Kein Wort davon, dass er sich auf Weihnachten im Kreis seiner Familie freut. Ich habe nicht eruieren können, ob mein Vater Weihnachten 1944 tatsächlich Heimaturlaub machen durfte.

Dann kam das Kriegsende und die sowjetische Kriegsgefangenschaft. Aus dem fernen Ural schreibt mein Vater am 16. Dezember 1947: „Euch dreien gesegnete Weihnacht im neuen Heim und glückliches 1948 mit lang ersehntem Wiedersehen.“ Mehr nicht. Ganz gegen seine Art verzichtet er darauf, sich das gemeinsame Weihnachtsfest vorzustellen und dazu etwas zu schreiben. Ich vermute, dass er damit meiner Mutter Kummer ersparen wollte. Wieder ein Weihnachtsfest ohne den geliebten Mann und Vater der zwei Kinder zu verbringen, muss ihr schrecklich erschienen sein.

Im selben Monat schreibt mein Vater auch direkt an den Weihnachtstagen – aber nichts über Weihnachten, sondern über die Fragen, die bei ihm immer und immer wieder über die Wohnung kreisen: „1000 Fragen bewegen mich, schreib bitte ausführlich über neues Heim, besonders Möbel, Gardinen usw.“

Wenn der wüsste, wie es hier aussieht!“ war der mitleidsvolle Kommentar meiner Mutter zu dieser Karte, an den ich mich noch erinnere. Im Treppenhaus des Hauses Oppenhoffallee 100 fehlte der Verputz, als hätte gerade erst eine Bombe eingeschlagen. Unsere Wohnung im dritten Stock wäre für meinen Vater eine große Enttäuschung gewesen: Sie war als Folge des Krieges ärmlich möbliert, und im Schlafzimmer war ein Fenster mit Brettern vernagelt. Als Gardinen wurden Bettlaken benutzt, die man mit Blumenmuster bedrucken lassen konnte – eine pfiffige Geschäftsidee!