Notizbuch: Wikinger in Bewegung

15 11 2017

Ja, ja, ich weiß: Journalisten müssen [möglichst] objektiv bleiben. Reisejournalisten fällt das nicht leicht. So leiste ich mir Lieblings-Destinationen und auch Lieblings-Touristiker. Das allerdings darf die Berichterstattung nicht verfälschen. Einer der Lieblings-Touristiker heißt Daniel Kraus. Er ist geschäftsführender Gesellschafter von Wikinger Reisen

Daniel Kraus ist ein offener Mensch, uneitel, durchaus bodenständig. Ich würde ihn sogar bescheiden nennen. Denn Daniel Kraus steuert sein Unternehmen mit großem Erfolg durch schwierige, gar stürmische Zeiten. „Ohne Bewegung läuft bei uns nichts“, charakterisiert er  das Angebot seines Unternehmens. Das war in diesem Jahr mit seinen Wander- und Wanderstudienreisen, Trekking-Trips, Radurlaub und aktiven Fernreisen, wie gesagt, äußerst erfolgreich. Über 62.000 Gäste buchten diese Angebote, und mit einem Umsatz von 108 Millionen Euro wird die 100-Millionen-Grenze geknackt. Die Top 3 der gebuchten Reiseziele: Spanien, Italien und Deutschland. Griechenland zählt mit einem Plus von 26 Prozent zu den Gewinnern. Und die Türkei? „Die ist out“, sagt Daniel Kraus; zur kommenden Saison ist diesem Ziel keine einzige Katalogseite gewidmet.

Zum Renner entwickelten sich die Wanderstudienreisen, die unter dem Begriff „Natur & Kultur“ zur Saison 2017 zum ersten Male einen eigenen Katalog erhielten: Sie wuchsen um 18 Prozent. „Auch zur Saison 2018 mixen wieder 99 geführte Wanderstudienreisen Besichtigung und Bewegung“, betont Kraus, „das trifft den Zeitgeist.“  Neu sind zur Saison 2018 unter anderem eine Wanderstudienreise durch Nordgriechenland, eine weitere, die Estland, Russland und Finnland kombiniert sowie kanarisches Inselhopping mit den Stationen La Palma, Teneriffa und Gran Canaria.

Zur kleinsten Wüste der Welt [Foto: Wikinger]

Auch lockere Einsteigerangebote „für gelangweilte Badeurlauber“ (Kraus) unter dem Siegel „aktiv & entspannt“ liegen im Trend: Der Verkauf stieg um 20 Prozent. „Das ist das Richtige für Morgenmuffel“, macht der Wikinger-Chef seinen Kunden diese Angebotsvariante schmackhaft. Sechs Kataloge mit 153 Reisen hat Wikinger Reisen an die Reisebüros ausgeliefert. Neu im Katalog „Fernreisen aktiv“ ist die kleinste Wüste der Welt, Carcross Desert in Kanada. Im Fernreise-Angebot sind auch 25 Radreisen, zum Beispiel in Kolumbien und auf Madagaskar. In diesem Zusammenhang nennt Wikinger eine interessante Zahl: „30 Prozent der Radurlauber wählen für ihre Tour E-Bikes. Nordirland und das französische Baskenland sind neue Destinationen beim „Wanderurlaub individuell“, der 15 Prozent aller Buchungen ausmacht. Hier wählen die Wikinger-Kunden die Termine flexibel und können auf der Reise ihr eigenes Tempo bestimmen. Die Quartiere sind vorgebucht, der Gepäcktransfer ist garantiert.

Neues Angebot: Lernen im Vorbegehen [Foto: Wikinger]

Ein Katalogbeileger unterbreitet ein neues Angebot, das als kleine touristische Sensation gewertet werden darf: zehn Reisen für Singles und Alleinreisende, bei denen Paare – und auch enge Freunde – ausgeschlossen sind. „In den kleinen Wikinger-Reisegruppen sind traditionell viele allein reisende Naturfans unterwegs, jetzt erhalten sie eigene Touren“, freut sich Daniel Kraus. Ziele sind unter anderem Teneriffa, Mallorca, Rhodos und Thassos, aber auch Sylt und der Schwarzwald.

Und noch eine Neuerungen: „Lernen im Vorbeigehen“ nennt Wikinger eine ebenfalls neue Produktlinie: Wandersprachreisen. Dabei werden leichte Touren mit kurzen Spracheinheiten gemischt. Ziele sind Teneriffa, Mallorca und Ischia.

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Notizbuch: Ägypten & die Sicherheit

10 11 2017

Freitag, 10. November 2017

Was für ein Land! Was für Zeugnisse einer uns immer wieder faszinierenden Hochkultur!!  Und was für Menschen!!! Wer je Ägypten bereist hat, verfällt diesem orientalischen Land für immer. Und wird erfreut sein festzustellen, dass das touristische Ägypten derzeit eine Renaissance erlebt. Nach dramatischen Einbrüchen im Gefolge der Revolution und ihrer jahrelangen Wirren sowie Rückschlägen nach Attentaten stieg die Gästezahl im Vorjahr und dieses Jahr wieder an. Ägypten rechnet für dieses Jahr mit einer Million Urlauber. Dafür blicken die Gäste in mehr Gewehrmündungen, als ihnen lieb sein kann.

Was ich kürzlich auf Facebook gepostet habe, war kein Scherz. Unsere Pressegruppe fuhr von Hurghada nach Luxor. Uns überholt ein ziemlich klappriger Kleinbus. Auf der Ladefläche lümmeln sich zwei Junge Männer. „Die rauchen Schischa“, meint eine meiner Kolleginnen. Kontert eine anderen: „Das sind Kalaschnikows.“ Militär, Polizei, Männer in Zivil – sie alle säumen die Straßen, ich habe noch nie in meinem Leben so viele Schießgewehre gesehen [ich war nicht bei der Bundeswehr]. Dazu Schutzschilde, gepanzerte Fahrzeuge, Splitterbuden, Ausgucke… Alle 40 Kilometer – auf mancher Strecke noch häufiger – gibt es Straßensperren. Welche Busse und Privatautos mit Touristen vorbeifahren, wird streng kontrolliert. Das sei keine Überwachung sondern wie all die Bewaffneten zu ihrem Schutz, erklärt uns später der Gouverneur von Luxor, eine Art Willkommensgruß.

Auch in die herrlichen Tempelanlagen gelangen Besucher nur nach relativ strengen Kontrollen

Auch an den Zufahrten zu den Hotels und an den Eingängen zu den Hotels wird streng kontrolliert – Spiegel unter die Autos geschoben und Gepäck durchleuchtet. Die Abfertigung im Airport Hurghada ist schweißtreibend: Sicherheitskontrolle mit Koffer, einchecken, Sicherheitskontrolle ohne Koffer [jeder muss die Schuhe ausziehen] – uff. Hoffentlich hilft’s. Ich wünsche so sehr, dass dieses Land von weiteren Attentaten verschont bleibt.

Zurück zum Gouverneur: das sei so etwas wie ein Bürgermeister, wurde uns gesagt. Aber das ist falsch. Gouverneure, von denen es in Ägypten 27 gibt, sind mit einer großen Machtfülle ausgestattete und mit einer ebenso großen Verantwortung belastete Vertreter der Zentralregierung und allesamt im Ministerrang. Neben dem Gouverneur von Luxor haben wir auch seinen Kollegen von Hurghada kennengelernt. Beide sind Exgeneräle, beide durchaus charmant, eloquent und weltläufig.

Auch die beeindruckenden ägyptischen Tempelanlagen, deren Anblick man nie mehr vergisst, sind heute stark gesichert – durch Gepäck- und Personenschleusen und natürlich wieder bewaffneten Wächtern im Hintergrund. Überhaupt ist in den letzten Jahren auf den Ausgrabungsgeländen viel geschehen. Absperrseile halten Besucher auf Abstand, viele Blumen wurden gepflanzt und große Häuser zur Besucherinformation errichtet. Und es wird fleißig weiter ausgegraben.

Wer dort eine Toilette aufsucht, sollte Kleingeld bereithalten, wie immer und überall in diesem Land. Auch wenn man bedenkt, dass viele Ägypter keine anderen Einnahmen haben als die Tipps der Urlauber, ist mir die Drängelei der Handaufhalter ziemlich auf die Nerven gehangen. Da guckt ein Beduinenmädchen frech, fast böse in die Kamera – bis sie ein Trinkgeld bekommt und ein Lächeln hervorzaubert, als sei die Sonne aufgegangen. Da rücken Klowächter nur mit Toilettenpapier raus, wenn ein Tipp gezahlt wird. Da will ein Mitarbeiter des Totentempels der Hatschepsut die zwangsweise deponierte Kamera nur hergeben, wenn Trinkgeld den Besitzer wechselt.

Die allgegenwärtige Währung ist der Euro, damit kommt man durchs ganze [touristische] Land. Dass dabei kräftig aufgerundet wird, versteht sich. Wenn ein Händler einen Wucherpreis verlangt, heißt das noch lange nicht, dass er den Urlaubsgast übers Ohr hauen will: In den meisten Fällen ist das ein Signal zum Handeln. Bei dieser Aktion fällt der Preis in Riesenschritten.

Das alles sind durchaus ungeordnete Eindrücke. Mich rühren die Menschen in diesem Land, mich berührt ihr Lächeln. Davon verschenken die Menschen reichlich. Und das auch ohne Trinkgeld.





Quickie: Bauernfängerei

26 10 2017

Donnerstag, 26. Oktober 2017

Jetzt habe ich die Quittung dafür bekommen, dass ich meine eigenen Prinzipien verleugnet habe. Nie habe ich irgendein noch so verlockendes Angebot in Facebook angenommen. Ich wusste doch, dass da viele Bauernfänger unterwegs sind.

Aber doch nicht bei der seriösen ZEIT. Dachte ich, als ich in Facebook las:

4 Wochen DIE ZEIT gratis inkl. ZEITmagazin und hochwertiger Uhr

Hm, die lassen es sich ja etwas kosten, neue Leser anzulocken, dachte ich. Und da ich ohnehin gerade eine neue Uhr brauchte…Auch wenn ich eigentlich keine Zeit habe, die ZEIT zu lesen, füllte ich das Formular aus.

Nicht gelesen habe ich, was unter der plakativen, verlockenden Zeile stand: Wenn Sie den Bezug vor Erhalt der vierten Aus­gabe nicht kün­digen, erhal­ten Sie DIE ZEIT für zzt. 4,80 € pro Aus­gabe statt 5,10 € im Einzel­verkauf und können jeder­zeit kün­digen. Zusätzlich erhalten Sie nach Eingang der ersten Zahlung eine hochwertige ZEIT-Uhr.

Von wegen 4 Wochen DIE ZEIT gratis inkl. ZEITmagazin und hochwertiger Uhr…

Dazu fällt mir nur der Begriff Bauernfängerei ein.





Notizbuch: Heim für Best Ager

21 10 2017

Samstag, 21. Oktober 2017

Die Antwort war klassisch. Als ich Hermann Paschinger eines sonntags per email fragte, ob er eigentlich immer arbeite, schrieb er zurück: „Ich bin selbstständig. Ich arbeite selbst. Und ständig.“ Hermann Paschinger ist Inhaber des Instituts für touristische Angebotsentwicklung mit Sitz in Straß im Straßertale/ Niederöster-reich. Sein größter Wurf: die 50plus Hotels.

Wohl kein anderer Mensch in Europa kennt sich im Marktsegment der Best Ager-Reisen so gut aus wie Hermann Paschinger. Der Tourismusberater erfand vor fast 20 Jahren, 1998, die Kooperation „50plus Hotels“. Schon ein Jahr später wurde dieses Konzept mit dem  Österreichischen Staatspreis für Tourismus ausgezeichnet. Mittlerweile gehören 25 Hotels in sechs europäischen Ländern dieser Kooperation an. Im Zentrum steht der deutschsprachige Markt. 50plus Hotels findet man auch in Italien, Ungarn und Tschechien. Die Mitgliedshotels haben drei bis fünf Sterne und sind meistens familiengeführte Betriebe. Gerade das ist Paschinger sehr wichtiig.

Typisch 50plus-Kooperation: Das Waldhotel Willingen [oben] ist familiengeführt. Unten: Jörg Virnich und Familie, Betreiber des Hotels

50plusHotels – das ist ein Qualitätsgütesiegel und steht nicht für ein spezifizisches Angebot. Paschinger: „Dieses wird vom betreffenden Hotelier erbracht.“ Die Mitgliedschaft in der Kooperation steht vielmehr für ein Service- und Qualitätsversprechen, das die Hoteliers abgeben. „Das bedeutet, dass man in unseren Häusern bestens auf die lebens- und reiseerfahrene Generation zugeht und sie herzlich und in aller Zuvorkommenheit umsorgt“, versichert Paschinger, „Kernkompetenz unserer Gastgeber ist die starke und persönliche Beziehung zum Gast.“

Viele Reisebüro-Mitarbeiterhaben erkannt, dass sie auf Nummer sicher gehen, wenn sie ihrer Best Ager-Kundschaft ein Haus der 50plus Hotels empfehlen und dort einbuchen. Auch Reiseveranstalter schätzen das Qualitätsversprechen der Kooperation und haben deren Häuser in ihr Portfolio aufgenommen. Dazu zählen TUI, Thomas Cook, Ameropa, Wikinger Reisen, einige kleinere Anbieter und diverse Gruppenreiseveranstalter.

Gartenhotel Pfeffel in Dürnstein/Wachau

Paschinger nennt seine 50plus Hotels „eine Lifestyle-Plattform, die auch für Harley-Davidson- und Cabrio-Fahrer, Golfer, Schneesportler, Wanderer und ganz generell für Geniesser attraktiv ist.“  Bei den Hotelangeboten liegt der Focus vor allem bei den  Angebotsthemen „Wandern & Natur“, „Sport & Aktiv“, „Wellness & Vital“ und „Kultur & Genuss“.

Aber kann man die Urlauber der Zielgruppe 50plus wirklich in einen Topf werfen? Haben 55-jährige nicht ganz andere Vorstellungen vom Urlaub und Urlaubsaktivitäten als 70-jährige? Paschinger räumt ein, dass die Zielgruppe sehr inhomogen ist. Aber er entdeckt doch gewisse einheitliche Züge: „Ab 50 ist das Hotel stärker als Komfortzone gefragt, Dienstleistung und Service gewinnen an Wichtigkeit.“ Und: „Die Generation 50plus bucht mehr Hotelaufenthalte als die Jüngeren, lässt sich eher als Stammkunde gewinnen und ist bereit, für ein gutes Erlebnis gut zu bezahlen.“ In vielen alpinen Destinationen stammt in den Sommermonaten jede zweite Übernachtung von Best Agern, und sie buchen auch in der schwach ausgelasteten Nebensaison. Und noch eine Gemeinsamkeit hat Paschinger entdeckt: „Menschen ab 50 fühlen sich in der Regel zehn bis 14 Jahre jünger als sie tatsächlich sind.“

Stimmt. So geht es mir auch.

 





Kurznotiz: Wohnen im Luxus: DRV-Tagung

21 10 2017

Samstag, 21. Oktober 2017

Für alle Blog-Leser, die im Dezember zur DRV-Jahrestagung nach Ras Al Khaimah fliegen: Es stand in touristik aktuell, wie sie untergebracht werden. Hier mein Bericht:DRV Tagungshotels in Ras Al Khaimah

 





Notizbuch: Hungerburg

15 10 2017

Sonntag, 15. Oktober 2017

Ich wohne in einer Künstlerkolonie. Klingt gut, oder? Aber das ist nicht Worpswede. Sondern eine Siedlung, die 1927 für verarmte Künstler gegründet wurde. Die Berliner verpassten der Siedlung auch prompt einen Spitznamen: Hungerburg.

Gebäude der Künstlerkolonie

Bezahlbaren Wohnraum für mittellose Künstler oder solche an der Armutsgrenze zu schaffen – das war die Absicht der Bühnengenossenschaft und des Schutzverbands deutscher Schriftsteller, als sie die Architekten Ernst und Günther Paulus, Vater und Sohn, mit dem Entwurf zu – erst einmal – drei Wohnblocks in der Nähe von Südwestkorso und Breitenbachplatz beauftragten. Die Bauarbeiten begannen 1927 und endeten 1930. Als das Geld knapper wurde, mussten die Architekten am Dekor der Bauten erhebliche Abstriche machen. Aber das Konzept war klar: Wohnraum, der erheblich besser war als die Mietskasernen der 1920-er Jahre [wie sie erschütternd in der neuen Super-TV-Serie Babylon Berlin gezeigt werden], mit viel Licht und Grün und Gemeinschaftsleben in den großen Innenhöfen.

Zur Zeit der Entstehung der Künstlerkolonie schufen die beiden Architekten eine der eindrucksvollsten Kirchen Berlins: die aufregende, expressionistische Kreuzkirche am Hohenzollerndamm in Schmargendorf.

Der Findling auf dem – am Rande verwilderten – Ludwig-Barnay-Platz

Eigentlich sollte noch ein vierter Block im Künstlerviertel entstehen, u.a. mit einem Lesesaal als Treffpunkt. Aber die Nazis untersagten den Bau. Ihnen war der „Rote Block“ in der Kolonie eh ein Dorn im Auge. Meist waren es Sympathisanten der SPD und KPD, die in den 700 Wohnungen wohnten, darunter Ernst Bloch und Ernst Busch, Walter Hasenclever und  Alfred Kantorowicz, Arthur Koestler und viele, viele andere. Als die Übergriffe der SA immer häufiger und heftiger wurden, gründeten die Künstler in der Künstlerkolonie eine bewaffnete Bürgerwehr, die beispielsweise Mitbewohner spätabends von der U-Bahn bis nachhause begleitete.

Im März 1933 überzogen die Nazis die Künstlerkolonie mit einer Großrazzia, stürmten Wohnungen, verhafteten Bewohner und verbrannten Bücher. An die verfolgten Bewohner der Künstlerkolonie erinnert auf dem – leider ziemlich zugewachsenen – Ludwig-Barnay-Platz eine Gedenkplatte, angebracht an einem Findling.

Der vierte Wohnblock

Erst in den 50-er Jahren wurde der vierte Wohnblock gebaut, wobei man sich bemühte, durch Balkone, Farben und Pflanzen die Tristesse der „Neubauten“ zu mildern. In einem der Bauten am Steinrückweg wohne ich. Die alten Blocks stehen seit 1990 unter Denkmalschutz. Licht und Grün sind geblieben, von Gemeinschaftsleben keine Spur. In meinem Haus kenne ich kaum einen Mieter persönlich, ich meine: mit Namen und durch ein Schwätzchen. Die Menschen hasten aneinander vorbei, Gespräche finden nicht statt.

 





Notizbuch: Frau aus der Kiste – „Parade“ im Chamäleon

8 10 2017

Sonntag, 8. Oktober 2017

Schon viele Shows habe ich im Laufe der vergangenen 25 Jahre im Berliner Weltstadt-Varieté Chamäleon gesehen. Aber was ich gestern Abend im historischen Ballsaal der Hackeschen Höfe erlebt habe, war der Gipfel. „Parade“ ist so ungeheuerlich, dass ich nach Worten suchen muss, um es zu beschreiben: zeitgenössischer Zirkus vom Feinsten. Und vom Rasantesten.

Zeitgenössischer Zirkus verwischt ganz bewusst die Grenzen der verschiedenen Genres Akrobatik, Tanz, Musik und Schauspiel verwischt, um etwas prickelndes Neues entstehen zu lassen. Wie kein zweites Haus im deutschsprachigen Raum bietet das Chamäleon dieser neuen Kunstform eine Heimat. Und bei keiner anderen Show ist das dem legendären Chamäleon so gelungen wie bei Parade. Wenn das Varieté „eine aufregende Performance aus Weltklasseakrobatik, bildstarkem Design und interaktiven Videoinstallationen“ verspricht, ist das keinen Deut übertrieben. Schon die Musik: Der Soundtrack mischt Elektromusik mit Pop Songs und Live Percussion-Nummern.

Dazu Darsteller und Artisten, die kein Rückgrat zu besitzen scheinen. Die der Schwerkraft ein Schnippchen schlagen. Und keine Angst haben vor Luft-Nummer und Flugübungen, bei denen den Zuschauern fast das Herz stehen bleibt. Dazu Breakdance-Performances, wie ich sie noch nie gesehen habe.

Acht Performer sind angekündigt. Aber ich zählen nur sieben – fünf Männer, zwei Frauen. Oder habe ich mich verzählt? Bei dem rasanten Tempo kann das schnell geschehen.

Aber nein: Der achte Performer, eine zierliche Frau, wird – nachdem die Show schon eine ganze Weile läuft – in einer Kiste „entdeckt“. Eine starke Szene ist die, in der die sieben Performer ihr Gesicht vor dem aus der Kiste befreiten achten Performer verstecken. Was muss zu diesem Zweck nicht alles herhalten – Blumen, Bühnenrequisiten. Da blitzt auf, was sich wie ein [zarter] roter Faden durch die Show zieht: Humor.

Alles in allem: In Schulnoten ausgedrückt, bekommt Parade eine Eins plus. Übersetzt heißt das: unbedingt ansehen!

Alle Fotos: Chamäleon