Notizbuch: Auf der Suche nach dem Lebenslabel

18 01 2020

Was Bent Neumann bewegt, DesignThinkingYourLife durchzuführen

Samstag, 18. Januar 2020

Sätze wie Anker in bewegter See. „Das Leben ist ein Labyrinth, aber kein Irrgarten.“ Oder „Es gibt im Leben keinen falschen Wg.“ Und: „Jeder Mensch hat eine Aufgabe im Leben.“ Das sagt Bent Neumann [27]. Er nennt sich Potentialentwickler, gehört zur Quest-Team Berlin GmbH und lädt gemeinsam mit Isabelle Dünow zu Seminaren mit Titel und Inhalt DesignThinkingYourLife. Was ihn dazu bewegt, haben wir in einem Gespräch ergründet.

DesignThinkingYourLife? Das sei „ein gemeinschaftlicher und Sinn-stiftender Prozess zur Persönlichkeitsentwicklung und Lebensgestaltung“, sagt Bent. Im Herbst 2019 hat ein Probelauf stattgefunden, der von Erfolg gekrönt war. Letzten Herbst und Winter fand der erste „echte“ DesignThinkingYourLife-Prozess statt. Bald folgt der nächste: Für Donnerstag, 30. Januar, laden Bent und Isabelle zu einem Infoabend zum nächsten DTYL-Prozess-Start ab Anfang März ein. Interessenten treffen sich von 19 bis 21 Uhr in der Gilka-Remise in Schöneberg [Kärtner Straße 29, 10827 Berlin], einer trefflichen Event Location. Ein weiterer Infoabend wird am 17. Februar zur selben Zeit am selben Ort stattfinden.

Der DTYL-Prozess basiert auf der Erkenntnis, dass jeder Mensch eine Aufgabe im Leben hat. Bent erinnert an Greta, die „ihren Sinn im Leben gefunden hat“. Aber die Potentialentwickler geben nicht die Richtung vor, sie sind sozusagen nur Geburtshelfer. „Wir sind gewöhnt, bei Fragen zu erwarten, dass es jemanden gibt, der die Fragen beantwortet,“ räumt Bent ein, „das wurde uns so beigebracht.“

Bezogen auf Fragen nach dem Sinn des Lebens muss man die Antwort für sich selber finden, „aber ich wünsche mir, dass diese Fragen gestellt werden“ (Bent). Das Ergebnis der Suche ist das Lebenslabel.

DTYL lehnt sich an das japanische Ikigai an, die Suche nach dem Lebenssinn. Vier Fragen bilden vier Kreise, die sich zum Teil überschneiden. Erstens: Was kannst Du besonders gut? Zweitens: Was machst Du besonders gerne? [Bent: „Daraus ergibt sich Leidenschaft.“] Drittens: Welchen Beitrag möchtest Du mit Deinem Leben leisten? „Zur Lösung welcher Weltprobleme möchtest Du beitragen?“ formuliert das Bent. Die vierte Frage wird im Laufe des Prozesses thematisiert. Sie lautet: Womit verdiene ich mein Geld?

Maximal 16 Personen nehmen gemeinsam an einem DTYL-Prozess teil. Zur Vorbereitung auf den Prozess befragt jede[r] sein/ihr Umfeld: Was mache ich Deiner Meinung nach gut? Was mache ich mit Freuden. Erst danach sehen sich die Teilnehmer zum ersten Male – und zwar bei einem Kennenlernabend. Ein Abendessen nach gemeinsamen Kochen unter professioneller Anleitung von Barbara Kappel (www.barbaraskueche.de).

Am nächsten Tag folgt ein zweitägiger Workshop, während dem sich alle gemeinschaftlich den individuellen Lebenslabel nähern. „Durch die Design-Thinking-Methode geschieht auf sehr kreative und dynamische Art und Weise, dass alle sich sehr schnell gegenseitig helfen, dieses Lebenslabel zu entwickeln“, erläutert Bent den Prozess.

Während der zwei Tage bilden sich vier Kleingruppen, Coaching Circles. Die treffen sich danach innerhalb von acht Wochen zwei- bis dreimal. Beim ersten Mal moderiert einer der Trainer/-innen das Treffen und gibt den Teilnehmern einen Ablauf an die Hand. Danach treffen sie sich eigenständig.

Nach acht Wochen ist ein Treffen und Wiedersehen mit all den anderen angesetzt, der sogenante Celebration-Day. Offen gebliebene Fragen werden beantwortet – und folgender Fragenkatalog: Was ist passiert in den drei Monaten? Wie hat sich Deine Einstellung zu Deinem Leben verändert? Welche Schlüsse ziehst Du daraus? Und: Wie wünschst Du Dir, den Kontakt zu Deinem Coaching Circle zu halten? Denn das ist die Vision – dass sich die Peer-Coaching-Circle nach der offiziellen Zeit weiter treffen. Bent: „…es geht darum, sich mit dem Circle ein Vertrauens-Netzwerk aufzubauen, das nachhaltig dabei unterstützt, das eigene Leben zu durchlaufen und die gewünschten Veränderungen zu gehen. Sich mit persönlichen Themen & Fragen zu öffnen, Unterstützung und Hingabe der Anderen zu erfahren und gleichzeitig für die anderen Peers da zu sein, ist die vielleicht als am wertvollsten zurückgemeldete Erfahrung der Teilnehmenden.“

Wie gut DTYL funktioniert, belegen folgende Zeilen einer Teilnehmerin: Komme gerade nach Hause von einem Workshop, der mich die letzten gut 8 Wochen begleitet hat… wo mich Menschen begleitet, unterstützt, getragen, herausgefordert, mir den Spiegel vorgehalten haben, mich aufgefangen haben, die mich in all meinen Facetten gesehen haben und ich sie. Wir haben zusammen gelacht, geweint, waren bis auf die Knochen ehrlich zueinander, nichts blieb unausgesprochen, kein verstecken oder taktieren. Alles und jeder hatte seinen Raum, jeder in seinem Tempo…. Menschen, die ich vor 8 Wochen das erstmal gesehen habe…mit denen ich auf den ersten Blick nichts gemeinsam habe… außer das du DU bist und ich ICH. Unfassbar viel Liebe und Verbundenheit in unser aller so verletzlichen Menschlichkeit…





Notizbuch: Wo sich Deutschlands Kanzler die Klinke in die Hand gaben

6 01 2020

Sehenswert in Bonn: der Kanzlerbungalow

Montag, 6. Januar 2020

Schwerelos wirkt er. Die Ausstattung ist schlicht, aber durchaus edel. Die einen waren begeistert von ihm, den anderen war er zu nüchtern. Konrad Adenauer äußerte sarkastisch, der Architekt verdiene „zehn Jahre“. Heute gilt der sogenannte Kanzlerbungalow in Bonn als besonders wichtiges Zeugnis [west-]deutscher Nachkriegsarchitektur. Und er ist ein beeindruckendes Dokument deutscher Nachkriegsgeschichte.

Konrad Adenauer, der erste Bundeskanzler der neuen Republik, brauchte kein repräsentatives Quartier wie den Kanzlerbungalow,  er ließ sich tagtäglich von seinem Haus in Rhöndorf am westlichen Rand des Siebengebirges über den Rhein übersetzen und nach Bonn kutschieren.

Sein Nachfolger Ludwig Erhard war es, der das Wohn- und Empfangsgebäude in Auftrag gab. Da war er noch Wirtschaftsminister. Mit dem Architekten Sep Ruf – unter anderem mit Egon Eiermann [Neubauten zur Gedächtniskirche in Berlin] Schöpfer des Deutschen Pavillons der Brüsseler Weltausstellung 1958 – war Erhard befreundet. Ruf hatte schon sein Privathaus in Gmund am Tegernsee erbaut.

Als der zwei Millionen Mark teure Kanzlerbungalow im Park des Palais Schaumburg, des damaligen Bundeskanzleramtes, 1964 bezugsfertig war, war Erhard Kanzler. Er wohnte zwei Jahre in dem Haus, dessen Grundfläche aus zwei gegeneinander versetzten Quadraten besteht. Auf dem 24 mal 24 Meter großen Quadrat erhebt sich der Repräsentationsbau mit Eingangshalle, Arbeitszimmer, großem Empfangsraum, Speiseraum, Küche usw. Auf dem kleineren, 20 mal 20 Meter großen Quadrat steht der private Teil des Bungalows: Arbeitsecke, Schlafraum und Bad getrennt für Sie und für Ihn, kleines Schwimmbecken, privates Wohnzimmer, Dienstboten- und Gästezimmer. Beide Bungalow-Teile besitzen einen acht mal acht Quadratmeter großen Atriumhof. Auch ein unterirdischer Atombunker war geplant, wurde aber wegen der hohen Kosten gestrichen.

Erhard fühle sich wohl in dem Bau. Kiesinger war es nicht behaglich genug und ließ die Räume mit mittelalterlichen Kunstwerken und Stilmöbeln ausstatten. Willy Brandt nutze den Kanzlerbungalow nur zu Repräsentationszwecken und wohnte weiterhin der Dienstvilla, die ihm zuvor als Außenminister zugestanden hatte. Helmut Schmidt wohnte acht Jahre in dem Bungalow und ließ die Innenausstattung wieder nach seinem Geschmack verändern. In seine Zeit fällt die große, schusssichere Glaswand auf der Terrasse, die vor Terror-Angriffen der RAF schützen sollte.

Der letzte Bewohner blieb am längsten, nämlich fast 17 Jahre: Helmut Kohl, der wieder zahlreiche innenarchitektonische Veränderungen vornehmen ließ. Die Klinkerwände wurden mit Seidenstoff überspannt, ins Esszimmer kam ein großer Perserteppich und an die Decke ein Sternenhimmel aus Halogenlampen. Als Schröder Kanzler wurde, durfte Kohl weiter den privaten Teil des Kanzlerbungalows nutzen, den er übrigens „absurd“ nannte: Auch heutigen Besuchern fällt auf, dass er recht eng und karg und ungemütlich ist. Schröder nutze nur den Repräsentativ-Teil und wohnte in der Villa des Auswärtigen Amtes, die auch Brandt zuvor genutzt hatte. Für das Wohnen im Privatteil des Kanzlerbungalows zahlten die Kanzler übrigens Miete.

Seit dem Regierungsumzug nach Berlin stand das Gebäude leer und wurde 2001 unter Denkmalschutz gestellt. Fünf Jahre später nahm sich die Wüstenrot Stiftung des Hauses an und sanierte das Haus. Seit 2009 kann es besichtigt werden. Die Sicherheitsprüfung der Besucher ist strenger als auf einem Flughafen: Das Haus liegt auf dem Gelände des Bundesentwicklungs-Ministeriums, das 2005 in das frühere Bundeskanzleramt einzog. Über die Bewohner des Hauses und ihre Zeit informiert eine kleine Ausstellung im Foyer des Kanzlerbungalows. Eins der bedeutendsten Ereignisse war der Besuch Gorbatschows nach dem Fall der Mauer: Beim Spaziergang durch den Garten haben Kohl und Gorbatschow Details der Zukunft Deutschlands besprochen.

Die berühmte Plastik von Henry Moore im Garten des früheren Kanzleramtes und Kanzlerbungslows – Auftaktbild zu vielen Berichten aus Bonn

Eigentlich sollte im Garten des futuristisch anmutenden Kanzleramtes in Berlin wieder eine Residenz für den Kanzler oder die Kanzlerin errichtet werden. Der Plan fiel aber dem Rotstift zum Opfer. Statt dessen gibt es eine kleine Wohnung im ersten Stock des Kanzleramtes. Kanzler Schröder bewohnte diese nur an Wochentagen, Kanzlerin Merkel verschmähte sie: Sie wohnt weiterhin in ihrer Privatwohnung gegenüber der Museumsinsel.





Notizbuch: Welthit auf der Gitarre

23 12 2019

Als Mäuse zur Premiere von „Stille Nacht“ die Orgel lahmlegten

Montag, 23.Dezember 2019

Kleine weiße Mausezähne knabberten am Blasebalg der altersschwachen Orgel in der Dorfkirche. So gab die Orgel den Geist auf. Deshalb wurde die Weltpremiere des Weihnachtsliedes aller Weihnachtslieder auf der Gitarre gespielt – die Geschichte eines Welthits: „Stille Nacht…“

„Stille-Nacht-Gedächtniskapelle“ in Oberndorf

Die Geschichte hat sich in Oberndorf abgespielt, einer kleinen Stadt im Salzburger Land. Damals, im Jahre 1818, hatte sie noch nicht einmal 2.000 Einwohner. Die Orgel in der Pfarrkirche war nicht gerade vom Neuesten, und als es den Mäusen gelang, den Blasebalg anzuknabbern, ließ sich die Orgel nicht mehr spielen. Aber es waren nur noch wenige Tage bis Heiligabend.

Zu der Zeit saß Franz Xaver Gruber, Lehrer im Nachbarort Arnsdorf und nebenberuflich Organist in Oberndorf, an einem Liedtext, den er vertonen wollte. Die Worte stammten in Form eines Gedichts von Joseph Mohr, Hilfspriester in Oberndorf.

Die Defekte Orgel vor Augen entschloß sich Franz Xaver Gruber, das Lied für Gitarrenbegleitung zu schreiben. So erklang das Lied „Stille Nacht, Heilige Nacht“ zur Weltpremiere auf der Gitarre. Die ist übrigens im Museum von Hallein ausgestellt.

Adventssingen in Oberndorf

Alljährlich wird zur Advents- und Weihnachtszeit – und auch im Frühjahr, Sommer und Herbst – die „Stille-Nacht-Gedächtniskapelle“ zur Pilgerstätte vieler Menschen, die das Weihnachtslied über alles schätzen. Auch organisierte Ausflüge von Salzburg und anderen Urlaubsorten des Salzburger Landes führen dorthin.

Süß, die beiden frechen Sängerinnen…

Aber die Kapelle hat nichts mit der originalen Pfarrkirche zu tun. Denn der alte Ort Oberndorf wurde in weiten Teilen erst in den Jahre 1900 bis 1906 angelegt. Der alte Ort lag an der Salzach ein Stück flußabwärts an einer Stelle, die jahrhundertelang so stark vom Hochwasser betroffen war, dass man sich zur Jahrhundertwende zur Aufgabe und Abbruch des Ortes entschloß. Dem fiel auch die alte Pfarrkirche des Ortes, die dem Hl. Nikolaus gewidmet war, zum Opfer.





Notizbuch: Greta würde lächeln…

16 12 2019

Deutsche Reisebranche engagiert im Umweltschutz

Montag, 16. Dezember 2019

Die schlechte Nachricht zuerst: Das Ergebnis des Klimagipfels in Madrid ist mehr als peinlich. Greta muss Tränen in ihr Kopfkissen geweint haben bei der Erkenntnis, dass es die machtgierigen Politiker in vielen Ländern nicht einen Deut interessiert, dass und warum die Jugend der Welt jeden Freitag auf die Straße geht.

Und dass ungezählte ernst zu nehmende Wissenschaftler Gretas Aussage unterstützen: Das Haus – die Welt – steht in Flammen. Und jetzt die gute Nachricht: Die deutsche Reisebranche ist da problembewusster. Seit zehn Jahre gibt es Futouris, eine einzigartige Nachhaltigkeitsinitiative.

Seit ihrer Gründung 2009 hat sie 50 Nachhaltigkeitsprojekte weltweit erfolgreich umgesetzt. Die Initiative umfasst derzeit 25 Unternehmen aus Deutschland und Spanien – also längst noch nicht die gesamte Branche. Die innovativen Modellprojekte regen sowohl in den Urlaubsländern als auch in den  Tourismusunternehmen Prozesse hin zu einem nachhaltigeren Tourismus an. Sie reichen von der Reduzierung von Lebensmittelabfällen über nachhaltige Landausflüge, die Qualifizierung von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern bis hin zur bis hin zur Schaffung einer einheitlichen Kennzeichnung für nachhaltige Reiseangebote in den gängigen Informations- und Buchungssystemen.

Das aktuelle Branchenprojekt „Plastikfreier Urlaub“ wird in Zusammenarbeit mit der Regierung der Balearen realisiert. Es will den auf den Balearen durch den Tourismus entstehenden Plastikmüll reduzieren und das Recycling der unvermeidbaren Plastikabfälle zu verbessern.

Swantje Lehners, damals Thomas Cook-Umweltbeauftrage und heutige Futouris-Geschäftsführerin, beim Wasserprojekt auf Rhodos

Es ist schon fünf Jahre her, dass ich auf Rhodos ein Futouris-Projekt in Zusammenarbeit mit Thomas Cook hautnah miterlebte. Der Veranstalter ließ untersuchen, inwieweit sich der Wasserbrauch in Hotels und damit der „Fußabdruck“ des Menschen in der Öko-Bilanz reduzieren ließe. Umweltbeauftrage des Veranstalters war damals eine engagierte junge Dame namens Swantje Lehners, heute Futouris-Geschäftsführerin Projekte & Kooperationen.

Die Ergebnisse des Projektes – vom Deutschen Reiseverband [DRV] 2014 mit der Umwelt-Auszeichnung Eco Trophea belohnt – sind in einem Handbuch veröffentlicht und damit für die ganze Branche umsetzbar. Das ist Prinzip bei Futouris:  Die Ergebnisse der gemeinsamen Projekte und entwickelte Tools wie Handbücher oder Lernplattformen werden der gesamten Branche zur Verfügung gestellt. „So profitieren auch lokale Akteure vom gemeinsamen Erfahrungsschatz“, heißt es dazu von Seiten des DRV. Und: „Um höchste Standards bei der Qualifizierung der weltweit aufgestellten Projekte zu gewährleisten, wird Futouris von einem international besetzten Wissenschaftsbeirat unterstützt, der beratend bei der Projektentwicklung mitwirkt.“

Die – verdiente! – Preisverleihung [Foto: DRV]

Für ihre Umweltarbeit wurde die Nachhaltigkeits-Initiative jetzt belohnt: Auf seiner Jahrestagung hat der DRV ihr die EcoTrophea als Sonderpreis verliehen. Wenn das keine gute Nachricht ist. Greta würde lächeln, wenn sie das wüsste…





Notizbuch: im Namen der [Sand-]Rose

10 12 2019

Besuch im neuen Nationalmuseum in Doha/Qatar

Dienstag, 10. August 2019

Wer beim Begriff „Nationalmuseum“ zusammenzuckt, weil er oder sie eine brave Ansammlung staatstragender National-Devotionalien erwartet, die er gar nicht sehen will, wird beim Nationalmuseum Qatar angenehm überrascht. Denn dort steht weniger die Nation Qatar im Mittelpunkt als der rasante Aufstieg des reichsten Landes der Welt vom Land der Nomaden und Perlenfischer zum modernen Wissenschafts- und Kunststandort.

Schon das Äußere signalisiert, dass es in diesem Nationalmuseum anders als üblich zugeht, unkonventioneller, irgendwie frecher. Das zeigt schon die äußere Hülle, der Museumsbau, der Ende März diesen Jahres eingeweiht worden ist. Er hat die Form einer riesigen Sandrose auf einer 250 Meter langen Strecke. Besucher können sich an dem bizarren, so luftig wirkenden – aber, da aus Beton, so schwer wiegenden – Gebilde nicht satt sehen.

Schöpfer ist der französische Star-Architekt [gibt es einen anderen Ausdruck für derart kreative und berühmte Bau-Künstler?] Jean Nouvel. Der Architekt ist nicht an einer bestimmten Handschrift auf Anhieb zu erkennen. Die Galeries Lafayette in der Berliner Friedrichstraße hat er beispielsweise geschaffen, das Konzerthaus in Kopenhagen und das vor zwei Jahren eröffnete Museum Louvre Abu Dhabi.

Und nun die gigantische Sandrose. Sie beherbergt zwölf Säle, in denen die Geschichte Qatars dargestellt wird. Die Ausstattung mit Gegenständen der entsprechenden Epochen ist beispielhaft und relativ spärlich. Aus dem Rahmen fällt der Saal, der sich mit den Ölfunden und deren Förderung befasst. Hier ist historisches Material zur Ölförderung üppig ausgestellt – Pumpen, Leitungen usw. Nach meiner Erinnerung ist nur ein beachtliches Kunstwerk ausgestellt:  der sogenannte Baroda-Teppich. Das 1,73 mal 2,64 große Schmuckstück hat der damalige Maharadscha des früheren Fürstentums Baroda in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit eineinhalb Millionen Perlen besticken lassen. Dazu kamen Rubinen, Smaragde und nicht weniger als 2.600 Diamanten.

Was die vielleicht fehlende Üppigkeit an Exponaten wird durch eine geniale Projektionstechnik mehr als wettgemacht: Filmisch perfekte Sequenzen werden an haushohe Wände geworfen und lassen die Besucher tief in die Geschichtsepochen eintauchen. So sind die beim Perlentauchen dabei. Reiten durch die Wüste, machen Rast in einer Karawanserei. Wer das Museum besucht, fängt spätestens dann an, sich für die Geschichte des jungen Staates zu interessieren.

Übrigens ist der zwölfte Saal noch vorschlossen. Denn er ist leer. Er soll später einmal über die Qatar-Krise berichten, den Prostest der Naschbarstaaten und deren Boykott.





Notizbuch: I.M.Peis letztes Werk

1 12 2019

Das Museum für Islamische Kunst in Doha/Qatar ist ein Traum

Sonntag, 1. Dezember 2019

Der große Architekt I.M. Pei war schon ein alter, ein sehr alter Mann, als das Land Qatar einen großen Wunsch an ihn herantrug: Er sollte das erste große moderne Museum im arabischen Raum schaffen, ein Museum für Islamische Kunst. Der Meister stellte harte Bedingungen. Als sie erfüllt wurden, schuf er eines der spektakulärsten Gebäude seines Lebens.

Auf der ganzen Welt hat I.M. Pei – seine Vornamen sind: Ieoh Ming – seine Spuren hinterlassen. In Paris ist das die Louvre-Pyramide, in Honkong der Bank of China Tower, in Berlin der Erweiterungsbau des Deutschen Historischen Museums. Als in Doha das Museum für Islamische Kunst fertig wurde, war der chinesisch-amerikanische Architekt schon 91 Jahre alt. Er starb dieses Jahr im biblischen Alter von 102 Jahren.

Die härteste Bedingung, die der greise Architekt den Planern in Qatar stellte, war der Platz: Das neue Museum sollte frei stehen und nicht von benachbarten Gebäuden beeinträchtigt werden. Also schütteten die Auftraggeber eine Insel am Ende der Corniche auf, das Museum steht also praktisch frei im Wasser. 2010 wurde rundherum ein Park angelegt. Ehe Pei ans Werk ging, machte er sich auf einer halbjährigen Studienreise durch arabische Länder mit deren Architektursprache vertraut.

Dem Museum für Islamische Kunst gelingt die perfekte Symbiose aus moderner und traditionell arabischer Architektur. Es wird kolportiert, dass es eine Frau im traditionellen islamischen Gewand, der Abaya, darstellt, die eine ebenfalls traditionelle Gesichtsmaske trägt. Die oberen Fenster, so heißt es, sind ihre Augen, die auf die Besucher herabblicken.

Der Architekt, so wird im Museum erzählt, wollte von dieser Deutung nichts wissen. Aber wer das Museum abends in herrlicher Beleuchtung sieht, wird sie für richtig halten.

Das Museum steht auf einer Grundfläche von 260.000 Quadratmetern, soviel wie 37 Fußballfelder. Fachleute halten es für eines der bedeutendsten Museen für Islamische Kunst der Welt. Wer mit nur einem kleinen Faible für islamische Kunst durch das Museum schlendert, wird entzückt sein. Werke aus 14 Jahrhunderten werden gezeigt, Gemälde und Kunstwerke aus Glas und Metall, Keramiken und Textilien, Waffen, Bücher und Schriften. Die Exponate stammen aus vielen Ländern – von Spanien zu maurischer Zeit bis Indien und Zentralasien.

Durch Sonderausstellungen hat sich das Museum einen besonderen Namen gemacht. Pro Jahr zählt es – unglaublich! – 500.000 Besucher, dies trotz der Blockade der arabischen Anliegerstaaten, aus denen früher viele Besucher anreisten.

„Die Steigerung hängt auch mit den vielen Kreuzfahrtschiffen zusammen“, betont Julia Gonella, die Chefin des Hauses. Die deutsche Museumsdirektorin war früher Mitarbeiterin des Museums für Islamische Kunst in Berlin, der vor mehr als drei Jahren die Stelle in Doha angeboten wurde. „Ich habe lange überlegt und bin erst seit zweieinhalb Jahren hier“, sagt sie, „ich habe es nicht bereut.“

Zum Museum gehören noch Innen- und Außencafés, ein Geschenkeladen und ein 3-Sterne-Restaurant, eines der vielen Restaurants des französischen Meisterkochs Alain Ducasse. Auffallend sind die viele Schulklassen, die das Museum besuchen. „Die Jungs dürfen auch schon mal in der großen Halle übernachten“, erzählt Julia Gonella. Die Mädchen müssen um 23 Uhr zurück zu ihren Familien.

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Notizbuch: Der Negev ist gefragt

23 11 2019

Warum Israel die Wüste künftig stärker vermarkten will

Samstag, 23. November 2019

Israels touristische Zukunft liegt in der Wüste. „Wir erweitern das Land“, betont Amir Helevi, Staatssekretär des Israelischen Tourismusministeriums und Generaldirektor des Staatlichen Israelischen Verkehrsbüros. Israel sei ein kleines Land, und wenn der touristische Boom weiter so anhalte, werde der Platz vielleicht knapp.

Der Negev ist gefragt. Der im Frühjahr dieses Jahres eröffnete neue Flughafen von Eilat im Süden der Wüste wird vom Markt gut angenommen. So werden neue Direktflüge von Frankfurt, Berlin und Wien angeboten. Halevi: „Die Wüste ist heute schon genau so eine Marke wie Tel Aviv und Jerusalem.“

Zum Ausbau von Tel Aviv als Städtereiseziel hat das Tourismusministerium eine langfristige Strategie entwickelt. In den nächsten zehn Jahren soll der Plan Tel Aviv-Yafo 2030 die Stadt am östlichen Mittelmeer als führendes Städtereiseziel positionieren. Im Mittelpunkt der Strategie steht die Mixtur aus 14 Kilometer Strand, historisch bedeutender Altstadt von Jaffa und der Kombination von Kultur, Kunst, Kulinarik und Kreativität. Auch das Nachtleben der Metropole spielt eine große Rolle.

Tel Aviv: Bauhaus-Gebäude

Aktuell stehen in Tel Aviv 10.500 Gästezimmer zur Verfügung, weitere 12.000 Zimmer sind bereits genehmigt. Es sollen nicht nur neue Hotels gebaut, sondern auch bestehende Bürogebäude zu Hotels umgewandelt werden. „Wenn die Investitionen passen“, erklärt Amir Halewi, „ist eine staatliche Förderung von bis zu 33 Prozent möglich.“ Noch für diesen Monat ist ein großer Kongress mit Investoren aus aller Welt geplant. „Die Nachfrage ist groß“, freut sich der Chef des Staatlichen Israelischen Verkehrsbüros.

Überall im Land wird in den Ausbau der Infrastruktur investiert. Weite Teile der Jerusalemer Altstadt können jetzt barrierefrei erkundet werden. Nach aufwändiger, fünfjähriger  Renovierung ist das Besucherzentrum der Hafenstadt Caesarea – zu Herodes‘ Zeiten der modernster Hafen der Antike – wiedereröffnet worden, auch dies barrierefrei. Der Airport Ben Gurion, der größte Flughafen des Landes , wird um eine fünfte Passagierhalle im Hauptterminal für internationale Flüge, dem Terminal 3, erweitert. Allein 82 wöchentliche Direktflüge verbinden deutsche Flughäfen mit Ben Gurion, aus der Schweiz sind es 38, aus Österreich 33. Eine neue Schnellzugverbindung bringt die Fluggäste in zwölf Minuten nach Tel Aviv und in noch nicht einmal einer halben Stunde nach Jerusalem.

Dreizehn neue Großhotels wurden in letzter Zeit im Land eröffnet, weitere 50 sind in der Pipeline. Der organische Ausbau der Infrastruktur wird durch den großen touristischen Erfolg des Landes erforderlich. Die Besucherzahlen sind rekordverdächtig. 3,3 Millionen Gäste aus der ganzen Welt besuchten Israel von Januar bis September dieses Jahres, im Vorjahrenzeitraum waren es „nur“ 2,9 Prozent. Nach Frankreich ist Deutschland der zweitwichtigste europäische Quellmarkt. In den ersten drei Quartalen reisten 205.500 Deutsche nach Israel, 14 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Verglichen mit 2017 ist das sogar ein Plus von 40 Prozent. Entsprechend zufrieden ist Amir Halevi [Foto] auch mit den deutschen Reiseveranstaltern: „Wir arbeiten mit allen größeren Anbietern zusammen.“

Fotos – mit Ausnahme des Fotos von Amir Halevi -: Israeli Ministry of Tourism

Mein Beitrag ist in leicht abgeänderter Form und mit anderen Fotos am 18. November in der Ausgabe 45/2019 von touristik aktuell erschienen.

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