Notizbuch: Zur Behandlung nach Serbien

20 08 2019

Wie eine Pressereise zum Gesundheitstourismus das negative Image des Landes zerstört

Der Mörder ist immer der… Gärtner? Falsch. Sondern: ein Serbe. Das ist das Bild, das viele Krimis zeichnen. Es ist für Autoren so leicht, sich der Negativ-Schublade zu bedienen. Bürgerkrieg, Bomben, Banden haben diese vollgestopft. Zum Lachen, so der weit verbreitete Eindruck, muss ein Serbe erst das Messer aus dem Mund nehmen, das er zwischen den Zähnen trägt. Auf einer intensiven Pressereise durch Serbien habe ich kürzlich erfahren, dass Image und Realität weit auseinanderklaffen. Auf kaum einer Reise ist mir mehr Herzlichkeit begegnet.

Dabei war das Thema durchaus mit Ernst belastet: „Gesundheitstourismus Serbien“ hieß es. Anders ausdrückt: Wie kann Serbien mehr Deutsche zum Gesundheitstourismus verlocken? Was wir vor Antritt der Reise nicht wussten: Das serbische Gesundheitsministerium hatte Milliarden in das nationale Gesundheitssystem gepumpt, Kliniken erweitern lassen, Privatinitiativen mit Zuschüssen versorgt und strenge Vorschriften erlassen.

Und zum ersten Male hatte das Ministerium eine ausländische Pressereise stricken lassen. Die Stricknadeln hielten eine serbische Beratergruppe, der Berliner Tourismusberaster Peter Becker von Tourmas und Damir Radic vom Berliner Reiseunternehmen medinatur, das auf Gesundheitstourismus nach Serbien spezialisiert ist.

Was Ungarn, Tschechien und auch Polen so gut gelingt, soll nun auch in Serbien funktionieren: medizinische Behandlung, auch Ersatzteilbeschaffung wie Zahnimplantate, Kuren und Wellnessurlaub mit zahlungskräftigen deutschen Patienten – bzw. deren Kassen, was allerdings noch zu regeln ist, da Serbien nicht in der EU ist. Der serbische Gesundheitsminister persönlich empfing uns [Foto oben] und schwor uns auf das Thema ein.

Die Reise war höchst anstrengend, denn das Ministerium wollte, dass wir all die „Lieblingskinder“ des Ministers sahen – und das waren viele, weit übers Land gestreut. So gurkten wir im Kleinbus quer durch Serbien, mal rauf, mal runter. Die versprochene Frei- und Erholungszeit schrumpfte tagtäglich. Aber es lohnte sich aus drei Gründen: Was wir sahen war sehenswert. Mitunter kamen wir aus dem Staunen nicht heraus. Und uns wurde mit einer Offenheit begegnet, die wir nicht erwartet hatten. Kein Raum blieb uns verschlossen, keine Frage blieb unbeantwortet. [Leider fehlten oft schriftliche Unterlagen, und es war schwierig, diese im Nachhinein zu erhalten.] Dritter Erfolgsgrund: die Herzlichkeit, mit der wir empfangen wurden. Irgendwann kam uns der Verdacht: Die freuen sich ja richtig auf uns! Auch Klinikchefs verzichteten auf jegliche Chefarztattitüde und widmeten uns viel Zeit.

Das Wort Gastfreundschaft ist oft missbraucht, aber hier – hier traf es wirklich zu. [Typisch Balkan äußerte sich die Gastfreundschaft auch in dem, was auf den Tisch kam. Lecker, lecker – aber viel zu viel. Die Bilanz: zwei Kilo plus.]

Geschickt warb das Gesundheitsministerium für das Ziel auch nach innen: Ständig trafen wir auf Fernsehteams und sagten in die Kamera, was wir für einen Eindruck hatten. Parallel dazu raschelte es im serbischen Blätterwald.

Zwei Großkliniken haben wir besichtigt, eine in Nis, eine in der Hauptstadt Belgrad. Diese hat 3600 Betten. Zum Vergleich: Die Charité in Berlin, eine der größten Universitätskliniken Europas, besitzt 3000 Betten.

Großklinik Belgrad

7.100 Ärzte sind im Belgrader Klinikum beschäftigt, das gerade gigantisch erweitert wird: um 930 Betten, zuzüglich 200 Betten für die Intensivstation und 72 Betten im Tageskrankenhaus. Und 30 neue OP-Säle werden gebaut.

Im Großklinikum Nis

Eine [private] Zahnklinik haben wir besucht, eine „Schönheitsfarm“,  zwei Kurorte. Der eine war der 160 Jahre alte, grüne Kurort Banja Koviljaca, der andere Vrnjaćka Banja. Nach und nach werden in diesem Blog Berichte über jede einzelne Station erscheinen. Und das Best Ager Special, das ich für touristik aktuell betreue und das am 23. September erscheint, wird einen großen Bericht über Serbien als Gesundheits-Reiseland enthalten.

 

Im Kurort Banja Koviljaca

 

 

 

 

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Notizbuch: 50 Jahre touristik aktuell

12 08 2019

Auf welch merkwürdigem Weg ich Reisejournalist bei „test“ wurde

Montag, 12. August 2019

Wenn ich gefragt werde, wem denn die größte Leidenschaft meines Lebens gegolten habe – und damit nicht Frauen gemeint sind oder meine Kinder, sondern so etwas wie zwischen Hobby und Lebensziel -, dann heißt die Antwort seit mehreren Jahrzehnten: touristik aktuell. Ich liebe diese Fachzeitschrift und bin stolz darauf, zu denen zu gehören, die dafür schreiben. Jetzt ist das Blatt 50 geworden. Eine Sonderausgabe enthält einen Riesenschatz an Erinnerungen und Informationen.

Zwei Beiträge von mir sind dabei: einer über das Historische Archiv für Tourismus [„Das Gedächtnis des Tourismus“] und einer mit meinen Erinnerungen an den ungewöhnlichen Start als Reisejournalist, an die Arbeit bei der Stiftung Warentest und an 38 Jahre Redaktionsbüro Schwartz. Er trägt den Titel „Tourismus büffeln“. Hier ist der Text:

Als ich mich in Berlin vorstellte, um dort bei „test“ als Reisejournalist und nicht mehr bei den Aachener Nachrichten als Lokalredakteur zu arbeiten, war das der erste Flug meines Lebens. Das war 1972. Auch sonst war der Start in den Reisejournalismus ungewöhnlich. Sie suchten „einen erfahrenen Reisejournalisten“, schrieb die Stiftung Warentest in ihrer Anzeige. Ich sei ganz und gar kein erfahrener Reisejournalist, aber ein guter Journalist, räumte ich in meiner Bewerbung ein – und legte als „Beweis“ meine ganzseitige Reportage über die Geburt meines ersten Sohnes bei.

Ich bekam die Stelle. Und hatte drei Monate Zeit all das zu lernen, was ich über Tourismus nicht wußte. Welche Inseln gehören zu den Balearen? Was sind die Kanaren? Kann man in Kenia Strandurlaub machen? Ich büffelte Abend für Abend über den Prospekten, die ich mir von allen in (West-)Deutschland vertretenen Fremdenverkehrsämtern schicken ließ. Neun Jahre war ich bei der Stiftung Warentest. Wir inspizierten 3000 Hotels pro Jahr, um den Ist-Zustand mit den Katalogbeschreibungen zu vergleichen. Zu der Zeit gab es – heute undenkbar – eine regelrechte Katalogsprache. Da wurde eine sechsspurige Schnellstraße zum „Boulevard“. Und ein Hotel, in dem wegen der Diskothek die halbe Nacht Remmidemmi herrschte, wurde als „Haus für Unternehmenslustige“ bezeichnet. Eine „Zeit“-Reiseredakteurin hat damals über diese Täusch-Sprache eine Doktorarbeit geschrieben.

Dass ihr plötzlich derart auf die Finger geschaut wurde, gefiel der Branche natürlich nicht. Auf meiner ersten ITB – im nächsten Jahr ist es die 48. – wetterte der damalige Hauptgeschäftsführer des DRV von der Bühne gegen „Test“ und namentlich gegen mich. Und am letzten ITB-Tag verwüsteten Vertreter Berliner Reiseveranstalter den ITB-Stand der Stiftung Warentest.

Wie die Zeit vergeht. Und wie sie an einem nagt. So sah ich aus, als ich 1983 bei touristik aktuell anfing…

Als ich nach neun „Test“-Jahren mein Redaktionsbüro gründete, hatte die Branche längst ihren Frieden mit mir gemacht. Seit fast 30 Jahren ist das Redaktionsbüro eine GbR mit Sabine Neumann als Mitinhaberin. Es war der damalige Chefredakteur Werner Claasen, der mich 1982 als Berliner Korrespondenten für touristik aktuell verpflichtete. Viele Auftraggeber kamen und gingen seitdem, ta blieb immer meine große Leidenschaft. Dabei war es in den 80-er Jahren gar nicht so leicht zu recherchieren. Nicht wegen des noch fehlenden Internets, sondern weil es in West-Berlin viele Closed Shops gab. Ein Beispiel: „Wir wollen unter uns bleiben“, wurde mir beschieden, als ich mich zur Jahrespressekonferenz der Flughafengesellschaft anmelden wollte.

Ich habe mal versucht aufzulisten, welche Reiseveranstalter in den letzten Jahren verschwunden sind – weil sie Pleite gingen oder weil ihr Markenwert als zu gering eingeschätzt wurde. Die meisten Namen habe ich vergessen, nur nicht die Berliner: Berliner Flugring, Flugunion Berlin, Ischia Reisen, Unger Flugreisen… Scharnow ist mir natürlich auch in Erinnerung geblieben, Touropa, Twen Tours – und Tjaereborg. Als die Firma des dänischen Pfarrers Eilif Krogager aus dem Ort Tjaereborg Ende der 70-er Jahre auf den deutschen Markt drängte, hatte so mancher Veranstalter Angst vor dieser Konkurrenz. Mit ungewöhnlichen Marketing- und Vertriebsmethoden – Sonderangebote hingen vor der Düsseldorfer Zentrale auf Wäscheleinen – jagte ihnen der Newcomer viele Kunden ab. Bis er selbst an Bedeutung verlor, eine Marke der Rewe Touristik wurde und vor ein paar Jahren von der Bildfläche verschwand.





Notizbuch: Max, Du hast Tourismus raus

8 08 2019

Max Hübner: Porträt eines außergewöhnlichen Touristikers

Donnerstag, 8. August 2019

Regelmäßige Leser meiner Blog-Notizen kennen das schon: „Studierte Weltenbummler“ nennen sich die BWL/Tourismus-Studierenden der Hochschule für Wirtschaft und Recht [HWR Berlin]. Unter diesem Markenzeichen treten sie auch zur ITB Berlin mit einem eigenen Stand auf. Einer der vier Dozenten, die das Projekt betreuen, ist Max Hübner.

Max sieht jünger aus, als er ist: Er wird diesen Monat 31. Noch vor ein paar Jahren war er selbst dualer Student der Fachrichtung BWL/Tourismus an der HWR. Er fiel auf: Stets freundlich, engagiert, fleißig. Was ihm am Studium am besten gefallen hat? Hier seine Antwort [kursiv]: Wie du vielleicht weißt, habe ich vor allen meinen Tätigkeiten in Sachen Studium und Marketing eine klassische Ausbildung im Reisebüro absolviert. Ich finde, so richtig Spaß macht ein Studium erst, wenn du deine täglichen Aufgaben in einem Beruf dadurch hinterfragen kannst, Sachen optimierst und aufgrund der Kombination aus Theorie und Praxis, bessere Lösungsansätze unterbreiten kannst (zumindest da, wo es angemessen ist). 

Im dualen Studium an der HWR musst du einmal pro Semester eine zehnseitige Arbeit anfertigen, in der du als Studierender genau das machen darfst. Wissenschaftlich analysieren, Optimierungsbedarf aufzeigen, Lösungsansätze formulieren, umsetzen. Das gefällt mir, dafür hat sich das Studium gelohnt. 

Derzeit sitzt Max an seiner Masterarbeit, die er am 28. Oktober abliefern muss. Dazu Max: Es wäre wichtig zu erwähnen, dass ich den Master im Marketing absolviere, denn ich glaube, dass mir das häufig noch einmal einen ‚Blick von Innen und Außen‘ verschafft hat. Ich schreibe über die Vermarktung eines neuen Reiseveranstalterprodukts bei einem bekannten Reiseveranstalter. Ich bin mit dem Thema sehr zufrieden, da ich dort u.a. über Content- und Empfehlungsmarketing schreiben kann, was aus meiner Sicht für den Tourismus besonders relevant ist, da es sich zu einem großen Teil um sehr emotionale Produkte handelt. 

Während ich mich während der Bachelor-Zeit die meiste Zeit mit anderen Studenten aus der Tourismus-branche ausgetauscht habe, konnte ich im Master noch einmal viele Eindrücke aus anderen Branchen oder Konzernen bekommen. Seit dem Master bin ich übrigens auch der Auffassung, dass wir in der Tourismusbranche häufiger über betriebswirtschaftliches Grundverständnis sprechen sollten und Entwicklungen in der Wirtschaft und in der Gesellschaft noch gezielter bearbeiten müssen. 

Was ist damit gemeint? Max konkretisiert: Reisen sind keine Fernseher oder Smartphones. Reisen sind vergänglich und emotional. Die Kaufentscheidung für hochwertige Reisen findet nicht spontan im Internet statt. Ein Reisekonzern, der preisintensive Produkte vertreibt, sollte lieber den stationären Vertrieb stärken, der wiederum Vertrauen beim Kunden in das Produkt generiert, und nicht auf schwachsinnige Gutschein-Codes zurückgreifen. 

Generell verstehe ich aktuell nicht, warum die großen Reiseveranstalter ihren größten Vertriebskanal nicht zeitgemäß unterstützen. Wo findest du beispielsweise vernünftiges Empfehlungsmarketing für junge Leute, was die Vorteile einer Reisebüro-Buchung hervorhebt? 

Der Fachrichtungsleiter BWL/Tourismus an der HWR Berlin, Prof. Dr. Jörg Soller, hat vor einigen Jahren als An-Institut das Institut für Tourismus e.V. gegründet, das viele Jahre – wie er selbst formulierte – „im komatösen Tiefschlaf“ lag. Ist mein Eindruck richtig, dass Max sich engagiert, das Institut wachzuküssen und ihm neues Leben einzuhauchen?  Während meiner Anfangszeit als One-Man-Show und Freelancer bin ich relativ schnell dem Skål-Club in Berlin beigetreten. Da dort auch Prof. Dr. Soller Mitglied ist und wir uns schon immer sehr gut verstanden haben, konnten wir gemeinsame Projekte auf den Weg bringen. Mein erster Auftrag fürs Institut für Tourismus Berlin e.V. war beispielsweise die Organisation einer Vortragsreihe vor der belgischen Botschaft. Stichwort Tourismusmarketing EU, Brüssel, Berlin… 

Prof. Dr. Soller und ich haben dann irgendwann beschlossen die Zusammenarbeit auszubauen und uns weitere Projekte zu suchen. Er besitzt eine unfassbar gute Expertise in Sachen Hotelmanagement, Controlling usw., ich bringe die ganzen „modernen“ Skills mit: Empfehlungsmarketing, Content-Management z.B. Uns vereinen neben einer Freundschaft die Wissenschaft und der Tourismus. Ich arbeite aber auch weiterhin selbständig. 

Dabei tanzt Max Hübner auf mehreren Hochzeiten. Er arbeitet freiberuflich als Projektmanager Tourismus. Neben seinem Lehrauftrag an der HWR Berlin, wo er im ITB-Projekt den Social Media-Bereich betreut, besitzt er einen weiteren an der BA Breitenbrunn [an der ich viele Jahre zum Thema „Pressearbeit im Tourismus“ doziert und mit meinem Freund, Prof. Peter Ivic, der seit ein paar Jahren im Ruhestand ist, prächtig zusammengearbeitet habe]. Noch bis Oktober wird Prof. Soller sein Amt als Fachrichtungsleiter an der HWR wahrnehmen und Max Hübner seine Master-Thesis bei der Steinbeis SMI einreichen. Ab November will sich Max verstärkt beim Institut für Tourismus Berlin e.V. einbringen. Es gibt dabei in Zusammenarbeit mit Prof. Soller zwei Möglichkeiten: Entweder wir starten im Kleinen und suchen uns verschiedene Partner, mit denen wir im Weiterbildungsbereich Fuß fassen und uns nach und nach ein Standbein aufbauen. Oder aber wir konzentrieren uns auf eine ganz bestimmte Nische im Tourismusmarketing, die vielen Betrieben bei der Personalsuche helfen wird. Auch das Thema Reisedurchführung haben wir auf dem Zettel. Mein Geschmack ist es weiterhin, das Potenzial verschiedener Projekte miteinander zu kombinieren. Prof. Dr. Soller und ich sind zudem gut vernetzt im Osten Deutschlands, da wo der Tourismus eine zentrale Rolle spielt und viel zur Wirtschaft beiträgt. 

Zum Schluss dieses Porträts eines außergewöhnlichen Touristikers noch eine Prise Privates. Ich habe ihn nach seinen Freizeitaktivitäten gefragt:  Neben den obligatorischen Hobbys wie Ausgehen, Reisen oder Freunde treffen, habe ich zwei zwei Leidenschaften: Unterhaltungsmedien in Sachen Technik und Rock-Konzerte. Ich höre viel Musik: Kleine und große Nischenbands. Unfassbar gern besuche ich Konzerte, auf denen hemmungslos getanzt wird, das ist für mich ein sehr guter Ausgleich zum normalen Business-Alltag. Ich bin z.B. gerne im SO36 in Berlin-Kreuzberg.

Und dann ist Max Hübner schon [fast] wieder bei der Arbeit: Normalerweise versuche ich häufig, meine Hobbys mit der Arbeit zu verknüpfen. So habe ich mir in den letzten Jahren viele Skills im Bereich Foto- und Videoproduktion angeeignet. In Kombination mit strategischem und betriebswirtschaftlichen Wissen im Marketing und Tourismus ist das mittlerweile eine Schlüsselqualifikation. 

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Notizbuch: Buntes Pallas Athena

4 08 2019

Was das Athener Boutiquehotel der Grecotel-Gruppe von „normalen“ Hotels unterscheidet

Sonntag, 4. August 2019

Nie habe ich die Hotels gezählt, in denen ich auf meinen Reisen übernachte. Wahre Paläste waren darunter und manche Häuser, die nur den Titel „Bruchbude“ verdienen. Irgendwann fiel mir auf, dass ich noch nie in einem der Hotels untergekommen war, die als Boutiquehotels bezeichnet werden. Bei meinem letzten  Athen-Aufenthalt holte ich das nach. Im Pallas Athena Hotel der Grecotel-Gruppe war in der Tat alles anders als in „normalen“ Hotels. Aber war es auch besser?

Eine Prise Warenkunde: Der in den 80-er Jahren aufgekommene Begriff Boutiquehotel ist nicht geschützt. Im allgemeinen versteht man darunter kleinere Hotels mit weniger als hundert Betten. Ganz schnucklige haben nur zwei Dutzend Zimmer. Aber es gibt auch Boutiquehotels, die von ihrer Größe her diese Bezeichnung kaum noch verdienen. Es ist eine Qualitätsbezeichnung. Gäste erwarten von Boutiquehotels eine qualitativ hochwertige Ausstattung und einen entsprechenden Service. Dieser soll auch noch höchstindividuell sein. Kurz: ein Eiertanz.

Zu den Grecotels: Das ist eine Gruppe von 27 Hotels in ganz Griechenland – von Athen bis Rhodos und Kos. Allein acht Häuser bzw. Anlagen liegen auf Kreta. In einigen Urlaubshotels habe ich schon gewohnt. Sie sind ausgezeichnet, mir [als Privatmann Horst Schwartz] aber meist zu groß. Jetzt also ein Boutiquehotel.

Zum Namen: Athena oder Athene [römisch: Minerva] ist die Göttin der Weisheit. Sie hatte noch einige Nebenjobs, war beispielsweise Göttin des Kampfes und Göttin der Kunst und Schutzgöttin der Stadt Athen.  Ihr bedeutendstes Heiligtum in der griechischen Antike war der Parthenon-Tempel auf der Akropolis – somit passt der Name gleich doppelt zu einem Hotel in Athen. Die Bedeutung des Beinamens „Pallas“ kannte ich nicht und habe im Internet nachgeschaut – hier ein Auszug aus dem Ergebnis via Wikipedia:  Pallas ist eine Figur aus der griechischen Mythologie. Sie war die Tochter des Meeresgottes Triton und einer unbekannten Mutter. Pallas und die Göttin Athene, eine Tochter des Zeus, wurden gemeinsam von Triton aufgezogen. Als Pallas und Athene im Spiel mit Schwert und Schild gegeneinander kämpften, bekam Zeus Angst um seine Tochter Athene und hielt die Aigis, einen Schild aus Ziegenfell, vor Pallas. Diese erschrak darüber so sehr, dass sie Athenes Schwerthieb zu spät bemerkte und tödlich verwundet wurde. Athene war über den Tod ihrer Gefährtin so traurig, dass sie Pallas’ Namen von nun an vor ihren eigenen setzte und sich nur noch Pallas Athene nannte. Eine schöne Geschichte.

Das Grecotel Pallas Athena wurde 2004 erbaut und 2013 von Kopf bis Fuß renoviert. Das Haus hat 63 Zimmer – davon fünf Familienzimmer – in der Größe zwischen 24 und 65 Quadratmetern. Unschön ist die Lage des Hauses am Kotzia-Platz mitten in Athen, nur einen Steinwurf vom Omoniaplatz entfernt [und damit mit bester U-Bahn-Anbindung]. Die Gegend ist seit Jahren abgestürzt und zeigt das ganze Elend Griechenlands der letzten zehn Jahre. Ich bin wirklich kein ängstlicher Mensch, aber hier habe ich mich beim abendlichen Restaurantbesuch oder beim Heimkommen alles andere als wohl gefühlt. Zehn Fußminuten entfernt liegt der Syntagmaplatz mit Parlament, Luxushotels und dem ganzen pulsierenden Innenstadtleben Athens.

Freundlich, herzlich werden Gäste im Pallas Athene begrüßt. Alles ist hell und farbenfroh gestaltet in diesem Hotel. Farben und Figuren prägen das Bild. In manchem Zimmer wird die Malerei auf die Spitze getrieben und von einigen Gästen – wie Hotelbewertungs-Portale zeigen – nicht akzeptiert. Doch den meisten gefällt’s, mir auch. Ich wohne in einer 5o Quadratmeter großen Suite, die wie alle Räume originell ausgestattet ist: Nur eines fehlt – so etwas wie ein Schreibtisch oder überhaupt ein Tisch, auf dem ich mein Laptop plazieren kann. So schreibe ich meine Notizen auf dem Bett…

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Notizbuch: Bei den Wikingern in Birka

20 07 2019

200 Jahre wichtigster Handelsplatz in Nordeuropa

Samstag, 20. Juli 2019

Als die „Juno“ auf ihrer Fahrt auf dem Götakanal quer durch Schweden an der Insel Björkö anlegt, erwartet uns eine Überraschung: Wikinger. Stilecht verkleidete Amateur-Fremdenführer, die uns die Wikingersiedlung Birka erklären. Das gelingt ihnen so gut, dass Birka mitsamt der Bewohner in unserer Fantasie wieder lebendig wird.

Die Insel Björko liegt im Mälaren, dem drittgrößten See Schwedens. Auf der viertägigen Fahrt von Göteborg nach Stockholm führt die Route nicht nur durch den Götakanal – der so eng ist, dass oft der Eindruck entsteht, das Schiff spaziere über die Wiese -, sondern durch zahlreiche Seen. Da ist der Vänern, der größte See des Landes und drittgrößter Europas. Mit einer Länge von 135 Kilometern und einer Breite von 31 Kilometern ist der Vättern der zweitgrößte See Schwedens. Einmal fährt das Schiff auch über ein Stück offene Ostsee. Die Abwechslung zwischen dem engen Kanal mit seinen vielen Schleusen und den Seen mit zum Teil „unendlichem“ Horizont macht einen wesentlich Reiz der Reise aus.

Zur Wikingerzeit war der Mälarsee kein See, sondern Teil der Ostsee. In dieser Bucht entstand im 8. Jahrhundert das, was oft „die erste Stadt Schwedens“ genannt wird – ein doppelter Unsinn: Städte, die diesen Namen verdienten, gab es damals nicht, und es existierte auch kein Staat Schweden. Birka, günstig am Wasser gelegen, war 200 Jahre, bis zum 10. Jahrhundert, der wichtigste Handelsplatz für ganz Nordeuropa. Aber da wurde nicht verkauft und gekauft, sondern getauscht – Bernstein, Bronzewaren und Gegenstände aus geschnitztem Horn, Webwaren, Pelze und Eisenwaren gegen Perlen und Tuch, Silberschmuck, Seide [aus China!] und vieles mehr. Vom blühenden, „weltweiten“ Handel zeugen Münzen aus Arabien. 700 bis 1000 Bewohner hatte der Handelsplatz.

Ihn und die dort wohnenden und vorbeireisenden Händler schützte der König, dessen Sitz Hovgården    auf der gegenüberliegenden Insel Adelsön lag. Mit kostbaren Gegenständen aus Birka beschenkte er seine Vasallen, die ihn wiederum stützen und seine Macht stärkten. Warum die Bewohner Birkas Ende des 10. Jahrhunderts ihren Handelsplatz verließen, ist nicht bekannt. Seit 1993 stehen Birka und Hovgården auf der Unesco-Liste des Weltkulturerbes.

Auch wenn keine konkreten Zeugnisse aus Wikingerzeiten zu sehen und zu fassen sind, lohnt sich der Besuch in Birka. Unsere Wikinger weisen uns auf ein weites grünes Feld hin, in dem sich lauter Hügel erheben – 2.300 Gräber wurden hier gefunden. Viele der Toten wurden verbrannt, andere mit kostbaren Grabbeigaben bestattet.

Wo früher die Wikingerburg lag, auf dem höchsten Platz der Insel, steht ein mächtiges Steinkreuz. Es wurde 1834 in Erinnerung an den Mönch Ansgar errichtet, der 830 zum Missionieren nach Birka kam und eineinhalb Jahre blieb. Er war wohl nicht sehr erfolgreich, auch nicht bei seiner zweiten Missionsreise 852.

Ein Museum auf Björkö erklärt didaktisch sehr geschickt das [Alltags-]Leben der Bewohner von Birka. Und ganz in der Nähe sind Hütten nachgebaut, wie sie die Händler und ihre Familien benutzten.

Auch Nachbauten von Boten gehören zu den interessanten Zeugnissen aus der Wikingerzeit, die wir bei diesem Schiffsausflug genossen haben. Als unsere Wikinger uns zur „Juno“ bringen und diese wieder Richtung Stockholm mit uns an Bord ablegt, komme ich mir vor wie ein Wikinger – nicht wie ein kriegerischer Wikinger, sondern wie einer auf großer Tauschfahrt.

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Notizbuch: blabla…

14 07 2019

Wie Flixbus Konkurrenz bekommt

Sonntag, 14. Juli 2019

Der Startschuss fiel am Montag, 24. Juni: Punkt 7 Uhr setzte sich ein orange lackierter Bus des neuen Fernreisebus-Unternehmens BlaBlaBus in Düsseldorf Richtung Berlin in Bewegung.

Die Firma, die angetreten ist, der Konkurrenz Flixbus das Fürchten zu lehren, will rasant expandieren: „Wir starten mit 19 Städten und Flughäfen“, sagt der General Manager für Deutschland, Christian Rahn. Schon im Juli sollen auf dem deutschen Markt zehn weitere Destinationen hinzukommen, darunter Amsterdam. Noch dieses Jahr sind europaweit 70 BlaBlaBus-Linien geplant. Bis Jahresende, so sehen es die Pläne vor, addieren sich die Ziele auf 400.

Die Fernbuslinien sind für Rahn eine logische Erweiterung des Angebots, das die Mitfahrzentrale BlaBlaCar bietet. Mit 75 Millionen Mitgliedern in 22 Ländern ist die Plattform die größte Mitfahrzentrale der Welt. In Deutschland wird die App von 6,5 Mitgliedern genutzt. Der Name stammt übrigens von einem besonderen Service: Mitfahrer können vor dem Trip angeben, ob sie bei der Fahrt eher schweigsam sind [„bla“], im mittleren Maß Bereitschaft zur Unterhaltung zeigen [„blabla“] oder sehr gerne reden [„blablabla“].

„Wir wollen mit BlaBlaCar und BlaBlaBus Marktplatz Nummer 1 werden für gemeinsames Reisen auf der Straße“, betont Christian Rahn [Bild links], der in Deutschland beide Angebotsschienen managet. Er ist ein erfahrerener Touristriker und war unter anderem Managing Director der Online-Plattform lastminute.de und Leiter der Marketing-Abteilung von STA Travel.

Wie die Flixbus-Konkurrenz besitzt BlaBlaBus keine eigenen Busse, sondern verpflichtet „nach gründlicher Qualitäts- und Sicherheitsprüfung“ (Rahn) ausgewählte Partner. Rahn: „Diese müssen mindestens zehn Busse und lange Erfahrung besitzen.“ Die Busflotte insgesamt ist maximal drei Jahre alt, die meisten Busse der Vertragsunternehmen sind brandneu.  XL-Sitze, W-Lan, Steckdosen, Klimaanlage und Drei-Punkt-Sicherheitsgurte gehören zur Standard-Ausstattung.

Unüberbietbar preisintensiv startet BlaBlaBus auf dem Deutschland-Markt: Bis September sind viele Fahrten für 99 Cent buchbar. Das soll die Auslastung drastisch erhöhen. „Diese spielt eine große Rolle“, doziert der General Manager, „ab 60 Prozent Auslastung ist der Bus die umweltfreundlichste Alternative.“ Tickets können über App oder web gebucht werden und werden auch an größeren Busstationen verkauft. Weitere Vertriebsmöglichkeiten, zum Beispiel über Reisebüros, will das Unternehmen prüfen, wenn die Phase der Markteinführung abgeschlossen ist.

Zwei Probleme der Konkurrenz kennt Rahn angeblich nicht: überall wo gewünscht Haltepunkte zu finden und ausreichend Fahrer, die genügend Deutsch sprechen. Aber noch ungelöst bleibt das Problem der extrem langen Fahrzeiten. So sind beispielsweise für die Strecke Berlin-München zehn Stunden angesetzt. Die Konkurrenz schafft das in gut sieben Stunden. „Wir wissen, dass zehn Stunden viel Zeit sind und werden die Fahrpläne schon bald optimieren“, teilt BlaBlaBus-Pressesprecherin Jasmin Schlegel auf Anfrage lakonisch mit. Aber immerhin seien „in den Fahrzeiten sind Pausen schon eingerechnet, so dass die Reisenden nicht zehn Stunden im Bus sitzen werden.“

Mein Bericht ist in gekürzter Fassung und mit einem anderen Foto am Montag, 8. Juli, in touristik aktuell erschienen   [Ausgabe 26-27 2019]

 

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Notizbuch: Der Quantensprung

11 07 2019

Was die neue James-Simon-Galerie für die Museumsinsel bedeutet

Donnerstag, 11. Juli 2019

Die Museumschefs kommen mit dem Schwärmen gar nicht mehr nach: Einen „Meilenstein“ nennt Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, den Bau. Für Michael Eissenhauer, Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin, ist er „ein Traum“. Noch mehr: „ein Quantensprung“.

Die Rede ist von der James-Simon-Galerie auf der Museumsinsel. In der Tat ist es erstaunlich, was dem Architekten David Chipperfield [kleines Foto] mit seinen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen mit der Bebauung des handtuchbreiten Streifens Am Kupfergraben gelungen ist. Erstaunlich, aber nicht überraschend: Schließlich hat das Unternehmen David Chipperfield Architects seinen Weltruhm mit der Wiederherstellung und Ergänzung der Bauten auf der Museumsinsel gemacht. Der Bau ist anmutig und architektonisch – für Berlin schon ein kleines Wunder, wenn man an die einfallslose Bebauung des Bahnhofsviertels denkt – auf dem Spitzentand, „wie es sich für das 21. Jahrhundert gehört“ [Parzinger]. Er zitiert die benachbarte Kolonnadenbebauung, die von der Bodestraße zum Neuen Museum und zur Alten Nationalgalerie überleitet. Mit Treppen spielt Chipperfield wie ein Kind mit Bauklötzen – auch abgesehen von der großen Treppe, die von außen in den Hauptraum führt, ist der Neubau voll davon.

Bei aller Ästhetik durfte das Architektenteam nicht den Multifunktionsauftrag des Gebäudes vergessen: Das zentrale Empfangsgebäude der Museumsinsel besitzt einen großen Ticket- und Infobereich, großzügige – in der Tat! – Toiletten, ausreichend Garderoben, eine schon gigantisch zu nennende Buchhandlung, einen Sonderausstellungsbereich, ein Auditorium mit 300 Plätzen und ein Restaurant mit herrlicher Terrasse, das auch von außen betreten werden kann und bis 23 Uhr geöffnet ist. Zudem führt die Galerie direkt in das Pergamonmuseum. Die Museumsmanager ließen keinen Zweifel daran, dass die Sammlungen auf der Museumsinsel einen solchen Eingangsbereich brauchen, um die Besucherströme aufzufangen. Dazu behält jedes der Museen sein eigenes Eingangsfoyer mit Kasse, Infotresen, Garderobe usw.

So, und was soll nun der Name James-Simon-Galerie? Er ist ganz bewusst gewählt worden, um die Erinnerung an einen großen, wenn nicht gar an den größten Mäzen der Museumsinsel wachzuhalten. Oder genauer: Erst mal wieder zu wecken. James Simon, jüdischen Glaubens, lebte in Berlin von 1851 bis 1932, war Unternehmer und an Kunst und sozialem Leben gleichermaßen interessiert. Sein Reichtum ließ ihm zum Förderer der Museumsinsel und in gleichem Maße sozialer Projekte werden. Simons Schenkungen an die Berliner Museen sind zahlreich. „Er hat mit 10.000 Objekten Spuren in zehn unserer 16 Sammlungen hinterlassen,“ betont Michael Eissenhauer. Die berühmteste Schenkung ist die Büste der Nofretete im Ägyptischen Museum.

Noch etwas ist zu erwähnen: Der Bau der James-Simon-Galerie steht in guter Berliner Tradition: Der Bau sollte 2012 fertig sein, wird aber erst am morgigen Freitag von der Bundeskanzlerin eröffnet. Das ist eine Verspätung von sieben Jahren. Kosten sollte er 71 Millionen Euro – die Schlussrechnung beträgt 134 Millionen Euro.