Kurznotiz: Erika Nechleba ist tot

13 02 2018

Dienstag, 13. Februar 2018

Wie viele Jahre habe ich Erika auf der ITB Berlin erlebt, an der Seite ihres Mannes Hans. Sie hatten viele Jahre ebenfalls ein Büro in der Pressehalle; oft waren wir Nachbarn. Jedes Jahr luden beide zur „Internationalen Minéralwasserparty“, und Hans Nechleba verlieh auf diesem Gettogether einen PR-Preis. Erika blieb im Hintergrund, aber wer sie kennenlernte schätzte ihren Humor, ihre Wärme und ihre Lebenslust. Irgendwann, als die Nechlebas nicht mehr zur ITB erschienen, ist der Faden gerissen – wie so oft: leider. Ich habe Erika gemocht.

 

 

 

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Notizbuch: Träne im Knopfloch

10 02 2018

Samstag, 10. Februar 2018

35 Jahre war ich Dozent beim Deutschen Seminar für Tourismus [DSFT]. An mein erstes Seminar kann ich mich noch genau erinnern. Gestern war mein letzter, mein allerletzter Seminartag. Das war ein freiwilliger Abgang, ich hatte das so entschieden. Traurig war ich deswegen nicht. Aber eine Träne im Knopfloch, die hatte ich schon.

Pressearbeit im Tourismus – das war mein Dauerthema. Presse-Basisseminar, Aufbauseminar, Schreibwerkstatt, Rundfunkseminar, Intensivseminar, das waren die verschiedenen Varianten desselben Themas. So viele heutige Chefs von Tourismusmarketing-Organisationen, Männer wie Frauen, habe ich als Nachwuchskräfte kennengelernt und ein wenig geschult. Ich kann mich nicht an alle Seminarteilnehmer erinnern, aber an so machen schon. Nein, nicht nur an Frauen…

Vor über 30 Jahren: eines meiner ersten Presseseminare…

„Wenn Sie einmal nicht weiter wissen und das Gefühl haben, dass ihnen nicht zugehört wird,“ so gab mir der einmalige Seminar Direktor Uli Schöpp vor meinem ersten Seminar den Rat, „dann machen sie einen Witz.“ Gesagt, getan. Als mir ein Kurdirektor absolut nicht zuhören wollte – und damals gab es noch keine Handys zur Ablenkung –, beglückwünschte ich ihn zu seinem Mut, an einem dreitägigen Seminar teilzunehmen. Es bestand doch immerhin die Gefahr, dass in dieser Zeit zuhause an seinem Stuhl gesägt wurde. Alle haben gelacht, der Kurdirektor auch. Als er nach dem Seminar wieder nach Hause kam, stellte er fest, dass man ihn geschasst hatte…

Als die Seminare noch groß waren

Nichts ist beständiger als der Wandel. In den ersten Jahren wurden die Seminare in verschiedenen Hotels durchgeführt. Da klappte es fast nie mit den Kaffeepausen. Das änderte sich auch nicht, als das DSFT nach der Wende vom Europcenter in die Schlegelstraße zog. Aber als das DSFT ans Tempelhofer Ufer umzog, gab es auf einmal für die Seminare ganz viel Platz im eigenen Haus.  Vor ein paar Jahren zog das DSFT wieder um, und zwar in das Haus Charlotten-straße 13. Auch dort gab es zuerst viel Platz, bis sich das DSFT verkleinern musste. Es hatte die institutionelle Förderung des Bundeswirtschaftsministeriums aus dem Topf der Mittelstands-förderung verloren – wie so viele andere Einrichtungen auch. Das bedeutete eine ziemliche Erhöhung der Preise – und damit auch einen Rückgang der Teilnehmerzahlen. Das DSFT verkleinerte sich räumlich, jetzt könne nur noch maximal zwölf Teilnehmer an einem Seminar teilnehmen. Früher waren es durchaus schon einmal 20, 25 oder 30.

Einen unglaublichen Ansturm erlebte das Seminar nach der Wende. Viele zusätzliche Seminare wurden in den Terminkalender gehoben. Alles musste ganz preiswert sein, die angemieteten Seminarräume, die Quartiere und die Seminargebühren. Deshalb wurden die Seminare mit Teilnehmern vollgestopft, bis es quietschte. Bei so manchen Seminaren saßen wir so eng, dass ich noch nicht einmal die Ellenbogenfreiheit hatte, die Overheadfolien selbst auszutauschen, das musste dann ein Seminarteilnehmer erledigen. Das war eine Pionierzeit, die ich genossen habe.

Zwei DSFT-Mitarbeiterinnen sind mir besonders an Herz gewachsen. Die eine ist Gabi Hartmann [kleines Bild], die unter anderem jahrelang auch meine Presseseminare betreut hat. Inzwischen hat sie das DSFT längst verlassen. Und sie, die Urberlinerin, führt mit ihrem Ehemann Wolfgang Weiler ein glückliches Leben in Freiburg.

Die zweite ist Steffi Finkel, Urgestein und gute Seele des DSFT. Sie ist immer noch beim DSFT – ein Goldstück.

3333333Nebenbei: Viele Jahre hieß das Seminar DSF, also ohne T. Aber irgendwann gewann die Einsicht oberhand, dass Verwechslungsgefahr mit „Deutsches Sport-Fernsehen“ oder „Deutsch Sowjetische Freundschaft“ bestand, das T wurde angehängt.

Gestern der Abschied, Pressetag des Intensivseminars für Nachwuchskräfte. Zehn Damen waren dabei [vier davon bei der Gruppenarbeit auf den Fotos links] putzmunter, charmant und auf Draht. Das war ein Seminar nach meinem Geschmack. Und erst am Ende erfuhren die Teilnehmerinnen von meinem Abschied.

Von Rolf Schrader, dem DSFT-Chef, und Christine Garbe, das Mädchen, oh Pardon, die Fachfrau, die Marketingfrau, die 2222222Seminarplanerin, die Seminarbetreuerin für alles, von den beiden also erhielt ich einen Riiiesen-Rosenstrauß . Christine hatte sich gemerkt, dass ich Rosen so liebe.

Und dann bin ich mit der U-Bahn heimgefahren, mit dem Rosenstrauß im Arm – und der Träne im Knopfloch.

 

 

 

 





Notizbuch: kein Ballettröckchen

7 02 2018

Rosa Khutor – das ist nicht etwa ein Ballettröckchen für kleine Tanzmäuse. Oder die Bezeichnung für eine Krankheit wie die Gürtelrose. Sondern ein Ort, ein Ferienort im entfernen Russland. Ich habe zu ihm eine besondere Beziehung, weil ich mich letzten Sommer auf einer Reise dorthin bei einem Sturz ziemlich verletzt und dabei eine unglaubliche Zuwendung und Hilfsbereitschaft der Russen erlebt habe. Die regelmäßigen Leser dieses Blocks werden sich erinnern. An diesem Montag ist im Osteuropa-Schwerpunkt von Touristik aktuell meine folgender Beitrag über Rosa Khutor erschienen:

Ruf und Realität klaffen auseinander. Rosa Khutor, jenes Tal eine knappe Fahrstunde von der Schwarzmeerstadt Sotchi entfernt, gilt weltweit ausschließlich als – übrigens Russlands größter – Wintersportort. Das liegt daran, dass der Retortenort zur Winterolympiade vor vier Jahren entlang des Gebirgsflusses Mzymta aus dem Boden gestampft wurde, damit in den umliegenden Bergen alpine Disziplinen durchgeführt werden konnten. Aber die meisten Gäste  kommen in der Sommersaison: Familien und  Wanderer sowie Badeurlauber. Denn jeden Morgen fahren 20 Busse die Sommergäste nach Sotchi zu den hoteleigenen Badestränden am Schwarzen Meer. Abends kehren sie gut erholt zurück in die Retortensiedlung.

Die ist eigentlich nichts anderes als eine bunte, fröhliche Ansammlung von Geschäften, Servicegebäuden und Hotels. Darunter sind bekannte Markenhäuser, Radisson zum Beispiel, Golden Tulip und Golden Tulip Inn, Mercure und Park Inn. Knapp 3.000 Hotelzimmer stehen zur Verfügung. Die Hotels sind alle gut in Schuss und im Sommer gut gebucht. Die Promenaden entlang des Flusses sind dann von Urlauberfamilien bevölkert. „Die meisten kommen aus Russland und den umliegenden Ländern“, erklärt Alexandr Belokobylski, Generaldirektor der Siedlung Rosa Khutor. Über die Gesamtzahl der Urlauber schweigt er sich aus. Nur soviel verrät er: Die Gäste aus Europa machen nur 1,5 Prozent aus.

Das soll nach dem Willen Belokobylskis nicht so bleiben. Aber die Talmanager tun sich schwer mit der Akquise – und mit der Mentalität des von ihnen erhofften deutschen Publikums, für das lange im Voraus geplant werden muss. Im Vorjahreswinter gelang ein Start mit Direktflügen der Condor von Berlin nach Sotchi und Pauschalpaketen von Bucher Reisen. Das sollte sich dieses Jahr wiederholen, hat sich aber kurzfristig zerschlagen. Winterarrangements für Rosa Khutor auf dem deutschen Markt sind damit wieder in weite Ferne gerückt, von Sommerangeboten ganz zu schweigen.

Dabei hat die Destination gerade Sommergästen so viel zu bieten. Auch im Sommer sind die Berge das touristische Kapital.

Drei moderne Kaninen-Seilbahnen bringen die Gäste in einer halben Stunde hinauf zum Rosa Peak auf 2300 Meter Höhe. Wenn ein Reiseführer schreibt, der weite Blick vom Gipfel-Aussichtspunkt auf die Berge des Westkaukasus sei atemberaubend, ist das nicht im Geringsten übertrieben. Ein Panoramaweg führt von dort Richtung Kamenny Stolb, dem mit 2509 Metern höchsten Gipfel.

Ein Ausflug zur 400000-Einwohner-Stadt Sotchi, die sich 70 Kilometer entlang der Schwarzmeerküste erstreckt, ist für die Kinder natürlich interessanter als die Panoramawanderungen. Er ist ohnehin so etwas wie Pflicht für jeden Gast in Rosa Khutor. Es sind weniger die alten Sanatorien und die anderen Prachtbauten im Stalin-Empire, die Besucher anlocken, als das Strandvergnügen. Sotchi ist mit 210 Sonntagen pro Jahr gesegnet. Und ist das Wetter einmal nicht optimal, gibt es da ja noch den großen Olympia-Park. Er ist heute ein großer, stark frequentierter Freizeitpark mit vielen Vergnügungsmöglichkeiten für Eltern und Kinder. Imponierend sind die Beispiele geschickter Nachnutzung von Olympiabauten. Das Olympiastadion ist jetzt zum WM-Stadion umgebaut worden. Und so rückt Sotchi bald wieder in das Licht der Öffentlichkeit. Ein wenig von diesem Glanz wird dann auch Rosa Khutor abbekommen – und vielleicht den einen oder anderen Veranstalter bewegen, Winter- und Sommerarrangements für die Destination aufzulegen.

 





Kurznotiz: der Bock als Gärtner

31 01 2018

Mittwoch, 31. Januar 2018

Wenn der Bock zum Gärtner gemacht wird, ist das so, als würde ein notorischer Brandstifter bei der Feuerwehr anheuern. Das ist jetzt im Bundestag geschehen.

Ein AfD-Mann ist zum Vorsitzenden des Bundestagsausschusses für Tourismus gewählt worden. Gewählt und nicht wie sonst üblich von seiner Fraktion bestimmt und dann abgenickt. Er musste gewählt und nicht abgenickt werden, weil ein Ausschuss-Mitglied protestiert hatte. Dazu hatte dieser gute Gründe: Sebastian Münzenmaier wurde voriges Jahr zu einer Haftstraße von sechs Monaten auf Bewährung und 10.000 Euro Geldstrafe verurteilt: Er soll 2012 an einem Hooligan-Überfall auf Fans einer Fußballmannschaft beteiligt gewesen sein. Münzenmaier und der Staatsanwalt legten Berufung ein. Der Bundestag hob die Immunität auf.

Es wäre besser gewesen, die AfD hätte ihr Mitglied bis zur Berufungsverhandlung aus dem Verkehr gezogen.

Überhaupt die AfD. Ein Mitglied dieser fremdenfeindlichen Partei und der Vorsitz eines solchen Ausschusses.

Ja, ich weiß. Einer Partei dieser Größe stehen drei Ausschuss-Vorsitze zu. Und ich weiß auch, dass der Vorsitzende dieses Bundestagsausschusses nicht allmächtig ist, keine Gesetze machen kann und – wie es ein von mir sehr geschätzer Kollege formuliert hat – eh nicht ernst genommen wird. Gut, zwei seiner Vorgänger wurden auch nicht ernst genommen, weil man sich bei ihren Reden fremdschämen musste. Aber sie haben nichts gegen Ausländer gesagt. Und so gab es gegen sie auch keine Proteste.

Soll man Sebastian Münzenmaier eine Chance geben? Vielleicht hält er sich zurück und macht seine Arbeit gut? Nein. Wehret den Anfängen. Ich erinnere an Neville Chamberlain.

Aktueller Nachtrag: Ich hatte beim Tourismusausschuss nachgefragt, ob die Sitzungen öffentlich seien und ich als Pressemann daran teilnehmen könne. Gerade [1. Februar, 10:30] kam die Antwort: Die Sitzungen des Ausschusses sind grundsätzlich nicht öffentlich – ausgenommen öffentliche Anhörungen. Es besteht daher leider keine Möglichkeit an Sitzungen teilzunehmen.





Notizbuch: der Wiederentdeckte

30 01 2018

Dienstag, 30. Januar 2018

Gut, sagte ich mir, Du schaust Dir die kleine Ausstellung von Armin Stern an, und das ist es dann. Aber als ich im Kunsthaus Dahlem die Treppe zur Galerie hochging und sich die ersten Gemälde ins Blickfeld schoben, war ich wie elektrisiert. Das war im wörtlichen Sinne eine Stern-Stunde. Unglaublich, dass dieser Künstler 70 Jahre lang in Vergessenheit geraten war und erst jetzt wiederentdeckt wurde.

Armin Stern wurde 1883 als Kind jüdischer Eltern im damaligen Preßburg, dem heutigen Bratislava, geboren. Er studierte Malerei in Frankfurt, München – dort bei Franz von Stuck! – und Paris. Er machte sich international einen Namen als Porträt- und Landschaftsmaler. 30 seiner Werke sind in der Ausstellung mit dem Titel „Armin Stern – Zionist, Grenzgänger, Kosmopolit“ zu sehen, Ölgemälde, Radierungen, Aquarelle, Monotypien, Zeichnungen. Die Werke stammen aus Privatsammlungen bzw. aus dem Nachlass des Künstlers, der sich in Besitz der Familie befindet.

Beeindruckt hat mich die Bandbreite der Techniken und der Motive: Thomas Mann in einer Bleistiftzeichnung, die Jerusalemer Klagemauer, der Luna Park auf Coney Island, die Judengasse in Preßburg. Ganz gefangen genommen hat mich das Bildnis eines Talmud-Schülers. Grenzgänger war Armin Stern nicht nur in der Wahl seiner Wohnorte, sondern auch in der Stilwahl zwischen (französischem) Impressionismus und (deutschem) Expressionismus. Allein dieser Aspekt der Ausstellung lohnt den Weg nach Dahlem.

Zu den Exponaten gehört auch der Brief, der Armin Stern erschüttert haben muss: Da wird ihm 1933 vom Frankfurter Kunstverein die Teilnahme an einer Ausstellung zur deutschen Gegenwartskunst verweigert. Dies nicht, weil die Werke nicht den Ansprüchen der Auswahlkommission genügten, sondern – weil er Jude war. Stern ging mit seiner Familie nach Bratislava, um den Nazis zu entkommen, und 1938 nach New York. Er starb im Exil 1944.

Dass seine Werke – genauer: das, was von seinem Œvre nicht verloren gegangen ist – der Vergessenheit entrissen und zum ersten Mal in Berlin gezeigt werden, ist auch der Unterstützung der Axel Springer Stiftung und der Kooperation mit dem Slowakischen Institut Berlin zu verdanken. Das Echo ist positiv: Kamen zur Eröffnung vor einer Woche 200 Besucher, waren es am ersten Öffnungssonntag über 100. Gedanken drängen sich auf: Während in der großen Halle des Kunsthauses Dahlem in der Ausstellung „Neue/Alte Heimat“ Werke von nach Deutschland zurückgekehrten Exil-Künstlerinnen und –Künstlern gezeigt werden, präsentiert die Galerie-Ausstellung das Werk eines Künstlers, der die Befreiung vom Naziregime, das ihn vertrieben hatte, und die Rückkehr in seine Heimat nicht erleben durfte.

Der Text ist in derselben Fassung, aber mit anderen Bildern, im Blog des Kunsthauses Dahlem erschienen: http://kunsthaus-dahlem.blogspot.de/





Notizbuch: der Fassmacher

25 01 2018

Donnerstag, 25. Januar 2018

Ein Hauch von Nostalgie liegt über der Werkstatt des Fassmachers Jannis Barsoukis im nordgriechischen Örtchen Metsovo. Eine dicke Schicht von Sägespänen liegt auf dem Fußboden und überzieht die altertümlichen Maschinen. Der Charme der Werkstatt täuscht darüber hinweg, dass der Inhaber um seine Existenz kämpft.

Der 60-jährige Yannis produziert kleine Fässer aus Buchenholz. Das harzt nicht und gibt auch keinen „Geschmack“ ab. Und deshalb sind die Fächer gut für den in Salzlake eingelegten Feta geeignet, für den sie bestimmt sind. Vor der Krise, unter der Griechenland schon so viele Jahre leidet, zimmerte Yannis 15.000 Fässer im Jahr. Jetzt findet er im Jahr nur noch Abnehmer für 9.000 bis 10.000 Fässer. Das, so vermutet er, liegt aber nicht an der Krise: Die Feta-Lieferanten bevorzugen heute Metallfässer. Aber die Krise setzt Yannis durch steigende Holzpreise zu.

Vier Mitarbeiter beschäftigt die Werkstatt, jeder zimmert vier Fässer am Tag. Gerne lassen sie und ihr Chef sich dabei zusehen, wie sie sich die schmalen Holzleisten zurecht legen, um Metallringe um sie zu legen und in Form zu hämmern. Lange, so vermutet Yannis, wird es dieses Handwerk nicht mehr geben. Weil es sich nicht mehr rentiert…

 

 





Notizbuch: die Schöne und das Haus

12 01 2018

Freitag, 12. Januar 2018

Ich trage auch im Winter keinen Hut. Sonst würde ich ihn vor einer Frau ziehen, die ich bewundere: Dorothea Schöne, unendlich fleißige Chefin eines der unbekanntesten Berliner Museen, des Kunsthauses Dahlem. Das liegt am Rand des Grunewalds am Käuzchensteig, noch nicht einen Steinwurf vom berühmten Brücke-Museum entfernt.

Dr. Dorothea Schöne besitzt einen bunten Lebenslauf. Sie hat Kunstgeschichte und Politikwissenschaft und was weiß ich noch alles studiert und mehrere Jahre in den USA verbracht, wo sie am Los Angeles County Museum of Art [LACMA] gearbeitet hat. Ihr Thema – das sich wie ein Roter Faden durch ihre Biografie zieht – war auch dort die Nachkriegsmoderne. Als Dorothea Schöne nach Berlin zurückkehrte, wo ihre Eltern leben, arbeitete sie als freie Kuratorin, Kunstgeschichtlerin und Programm-Direktorin des auf Kunst spezialisierten Sparten-Fernsehkanals ikonoTV. Und dann kam vor ein paar Jahren eine Aufgabe auf sie zu, wie ich sie mir interessanter und passender nicht vorstellen könnte: Chefin des Kunsthauses Dahlem, untergebracht im früheren Atelierhaus des Bildhauers Arno Breker, in dem auch die Bernhard-Heiliger-Stiftung ihren Sitz hat.

Arno Breker, Bernhard Heiliger, Bernhard-Heiliger-Stiftung, Kunsthaus Dahlem – das hängt alles zusammen. Arno Breker [1900 bis 1991] war ein hochbegabter Bildhauer, der als einer von Hitlers Lieblingskünstlern unter den Nationalsozialisten zum Vizepräsidenten der Reichskammer der Bildenden Künste aufstieg. Sein Gönner und Förderer war Albert Speer, der ihm zahlreiche Aufträge für Monumentalfiguren erteilte. Speer ließ von 1938 bis 1942 am Rand des Grunewald das Staatsatelier für Arno Breker bauen, jenes große Gebäude, das heute das Kunsthaus Dahlem beherbergt.  Wegen der zunehmenden Bombardierungen hat Breker das Atelier nur selten benutzt.

Nicht nur in der großen Halle [oben] des Kunsthauses Dahlem, sondern auch auf der Galerie [unten] finden Ausstellungen statt.

Nach dem Krieg dient das Haus als internationales Künstlerhaus. Einer der Künstler, der hier einzieht und arbeitet, war der Bildhauer Bernhard Heiliger [1915 bis 1995]. Heiliger, der bei Breker studiert und auch in dessen Bildhauerwerkstätten arbeitete, war kein Nazi-Günstling. Er war Aussteller der documenta I und II und der Biennale in Venedig und Mitglied der  Akademie der Künstler und empfing viele Auszeichnungen.

Eine von über 20 Plastiken Bernhard Heiligers im Garten des Kunsthauses

1996, im Jahr nach seinem Tod, wurde die Bernhard-Heiliger-Stiftung gegründet, die ihren Sitz in Heiligers Wohnatelier im Kunsthaus Dahlem hat. Ihr Zweck ist es, wie es in einem, Flyer der Stiftung heißt, „das Wirken Bernhard Heiligers kunstwissenschaftlich aufzuarbeiten, Dokumente zu seinem künstlerischen Schaffen zu sammeln und zu bewahren sowie seinen umfangreichen Nachlass, bestehend aus Skulpturen, Reliefs, Zeichnungen und Assemblagen, konservatorisch und restauratorisch zu betreuen.“

Vor ein paar Jahren, als ich aus dem benachbarten Brücke-Museum kam, noch ganz beseelt und berauscht von der Farben-Symphonie, in die ich dort eingetaucht war, warf ich zufällig einen Blick auf den Garten des Atelierhauses, das damals noch nicht als Kunsthaus Dahlem eröffnet war. Über 20 Großplastiken Heiligers waren locker über den Garten verstreut. Von da an war ich fasziniert von dem Ensemble Haus, Garten, Skulpturen. Umso glücklicher war ich, als ich 2014 erfuhr, dass in dem Atelierhaus das Kunsthaus Dahlem eröffnet worden war. Ich gehörte bestimmt zu den ersten Besuchern.

Vernarrt bin ich in das Museum, schon allein wegen seines  Gegenstands, über den man vergleichsweise selten etwas erfährt: Es widmet sich der Kunst der Nachkriegsmoderne in Ost- und Westdeutschland,  vor allem der Jahre von 1945 bis 1961. Die Nachkriegsmoderne und ihre Rezeption ist der Schwerpunkt der Forschungsarbeit der Museumschefin, der ihrer Veröffentlichungen und auch das Thema ihrer Doktorarbeit.

Dr. Dorothea Schöne, Chefin des Kunsthauses Dahlem

Träger ist die 2013 gegründete Atelierhaus Dahlem gGmbH, eine Tochtergesellschaft der Bernhard-Heiliger-Stiftung. Das Museum genießt eine institutionelle Förderung des Berliner Senats. Das Haus ist eine landeseigene Liegenschaft. „Und eine Herausforderung aus konservatorischer Sicht“, fügt Dr. Dorothea Schöne hinzu. Es hat zwar ein stabiles Raumklima, aber keine Klimaanlage, Auch das Licht ist ein Problem, „es hat viel zu viel Licht“ [Schöne], folglich ist das Museum „mehr ein Haus für Plastiken, nicht für Grafiken“. Was das Museum an Licht zu viel hat, hat  es an Geld zu wenig. „Wir sind ein Eineinhalb-Frauen-Betrieb“, sagt die Museumschefin, die kein Budget für Öffentlichkeitsarbeit und kein sattes Budget für den Ausstellungsbetrieb hat. So bleiben die großen Ausstellungen ein Jahr lang, die Ausstellungen auf der Galerie des Museums wechseln alle drei bis vier Monate. Dorothea Schöne: „Mein größter Traum ist, ein Ausstellungsbudget für zwei bis drei Ausstellungen im Jahr zu haben.“

Ohne Honorar, sozusagen ehrenamtlich, schreibe ich jetzt für das Kunsthaus Dahlem Blog-Texte. Hier ist der erste: http://kunsthaus-dahlem.blogspot.de