Notizbuch: Szenen einer Revolution

15 01 2021

Als ich vor zehn Jahren den Hexenkessel Tunis  besuchte

Die Jasmin-Revolution, die Tunesien erschütterte, war erst einige Wochen alt, der Diktator Zine el-Abidine Ben Ali gerade aus dem Land geflohen, als ich vor zehn Jahren nach Tunis flog. Die Stadt glich einem Hexenkessel, aber wir Journalisten konnten uns frei bewegen.

„Herzlich willkommen im feien Tunesien!“ klingt es nach der Landung aus den Lautsprechern des Flugzeugs. Nach gründlichen Kontrollen verlassen wir den Airport. Ein mitreisendes Kamerateam darf ohne jede Drehgenehmigung Aufnahmen machen. Der erste Panzer steht an der Einfallstraße, die vom Flughafen in die Stadt führt. Dann sehe ich immer mehr Panzer, Stacheldraht. Das Innenministerium an Anfang der Avenue Bourguiba ist komplett abgesperrt und wird streng bewacht, hier war eine der Folterzentralen des Terrorregimes untergebracht.

Vor dem Theater der Stadt hat sich eine Art Hyde Park gebildet. Jeder darf hier sagen, was er will. Das war vor ein paar Wochen noch nicht möglich, sondern hätte Folter und gar Tod bedeutet. Überall stehen kleinere und größere Gruppen, die heftig diskutieren. Als ein Mann meine Kamera entdeckt, entblößt er seinen Bauch und zeigt seine Foltermale. Ein zweiter präsentiert sein von Narben übersätes Bein, ein dritter seinen malträtierten Arm. Im Nu bin ich von einer Gruppe schreiender Männer umringt. Ich habe keine Angst. Denn die Männer sind freundlich.

Stunden später im Chefbüro des neuen Tourismusministers Mehdi Houas. Das früher obligatorische Foto von Ben Ali hängt nicht mehr an der Wand, nur der Nagel ist noch zu sehen. „Tunesien ist stolz, sich in die Reihe der freien Länder einzureihen!“ sagt er. „Ich liebe mein Volk, das mit Würde und Mut die Freiheit erkämpft hat.“ Der Minister ist ein One-Dollar-Man. Er ist zurückgekommen aus Frankreich, wo er als Industriemanager arbeitete, um praktisch ohne Bezahlung seinem Land zu helfen.

Das macht er 18 Stunden am Tag. Sein Mittagessen beschränkt sich auf einen Apfel und ein kleines Stück Gebäck. Obwohl er sichtbar unter Stress steht, lacht der Minister gerne – es ist ein freies, herzliches Lachen, das ansteckt. Angesteckt hat er mit seinem Elan schon viele deutsche Gesprächspartner. Gerade war Außenminister Westerwelle zu Besuch. Mehdi Houas: „Die deutsche Regierung ist beeindruckt von der Revolution.“

 

Der One-Dollar-Man und sein 18-Stunden-Arbeitstag

Was den Tourismus betrifft, hat der Minister nicht nur Normalisierungspläne. Er will das Ruder komplett herumreißen. „Die alte Regierung hat nur den Strandtourismus gefördert“, klagt er. Auf lange Sicht soll Tunesien dem Kulturtourismus einen wesentlich höheren Stellenwert geben.

Unvermittelt erzählt Mehdi Houas von den drei „schrecklichen Tagen, an denen die Miliz um sich geschossen hat.“ Wer zu den Schützen gehört hat, sei mittlerweile verhaftet. Die Miliz habe  Gefangene aus drei Gefängnissen freigelassen, daraufhin hätten die Bewohner der Stadt mit Stöcken ihre Wohnviertel verteidigt. „Das ist vorbei, jetzt gibt es keine kriminellen Überfälle mehr.“ Kurz vor unseren Besuch ist die Ausgangssperre aufgehoben worden.

Den Minister quälen viele Zahlen. Eine Million Jobs hängt vom Tourismus ab, und „jeden touristischen Arbeitsplatz muss man mal vier nehmen.“ Also sind fast 40 Prozent der Bevölkerung von diesem Geschäft abhängig. Die Partei des Terrorstaates war überall vertreten, „aber nicht so sehr in Hotels“. Von den 542 Hotels Tunesiens waren nur 25 mit der Partei verbandelt beziehungsweise staatlich. Jetzt sucht eine Kommission danach, ob vielleicht unter einem anderen Namen nicht doch Hotels zum Ben Ali Clan gehören – ein Problem von vielen.

Demonstration vor dem Tourismus-Ministerium

Das Gespräch ist zuende. Vor dem Ministerium hat sich eine Demonstranten-Gruppe gebildet. Der Minister steht auf und geht wie selbsatverständlich hinaus zu der Gruppe. Er ist ein kleiner Mann, fast jeder der Demonstranten überragt ihn um Kopfesgröße. Der Minister bleibt freundlich, die Meute bleibt friedlich…





Notizbuch: „Meine liebe Mutti“ – Leseprobe

3 01 2021

Aus dem gerade bei tredition erschienenen Buch „Meine liebe Mutti – Kriegsbriefe meines Vaters“

 Sonntag, 3. Januar 2021

Zweieinhalb Jahre lang hat mein Vater seiner Frau, meiner Mutter, im Zweiten Weltkrieg tagtäglich einen Brief geschrieben. Die 500 erhaltenen Briefe habe ich zum Buch mit dem Titel „Meine liebe Mutti“ verarbeitet. Ein paar Leseproben:

Der Inhalt: Mein Vater: So etwas wie ein Vorwort; Der Soldat: Jeder Befehl ist heilig und wird ausgeführt; Briefe: Ich schreibe jeden Tag ohne Ausnahme; Befinden: Mir kommt es heutzutage auf die Gesundheit an; Lehrgänge: Ich bin ein richtiger Ausenseiter; Familie: So viel hat man sich zu erzählen: Schlachten: Wer auf Vati schießt ist ein Lump; Russland: Auseinandersetzung zwischen Gut und Böse: Aachen: Sogar unsere Heimat ist Front gewodenden; Die Engländer: Man wartet mit Genugtuung auf Vergeltung; Die Italiener: Was soll man nur zu Italien sagen…; „Der Führer“:  Einzige Figur weltgeschichtlicher Größe; Gefangenschaft und Heimkehr: Barfuß im Schlafanzug mit Krawatte.

Aus dem Vorwort: …Dasselbe gilt für einen Karton, den ich von Umzug zu Umzug mitschleppte. Er enthielt zahlreiche Briefe, die mein Vater im Krieg geschrieben hatte. Erst vor ein paar Jahren habe ich sie mir näher angeschaut und bemerkt, was für einen Schatz ich da besaß…

…Die Hälfte der Briefe ist völlig fehlerfrei mit der Schreibmaschine und die andere Hälfte in beeindruckend schöner Schrift mit der Hand geschrieben…

 …Als ich anfing, mich mit den Briefen näher zu beschäftigen, war zu  erst nur Neugierde das Motiv. Was hat er denn so geschrieben? Dann kristallisierte sich die Frage heraus, die sich wohl viele Deutsche meiner Generation gestellt haben oder mangels Antworten immer noch stellen: Wie tief war die Verstrickung in das Nazi-System? War es die Ideologie, die so viel Kraft gab, die Kriegsgräuel und die grausame Gefangenschaft in der Sowjetunion auszuhalten? Oder war da noch etwas anderes, das ihn durchhalten ließ? Ich erwartete keine schlüssige Antwort, die alle Facetten abdeckte. Diese habe sie tatsächlich auch nicht gefunden…

…Gefunden habe ich eine Liebesgeschichte, die sich in den Briefen versteckt, die Liebe zu seiner Frau (und zu seinen beiden Kindern), die meinem Vater ohne Zweifel geholfen hat, den ganzen Schrecken des Krieges und der Gefangenschaft physisch und psychisch zu überleben…

Aus dem Kapitel Der Soldat: …Ein Schlüsselsatz findet sich ist im Brief vom 17. Januar 1943: Jeder Befehl ist heilig und wird ausgeführt. …Am 10. Februar 1942 wurde mein Vater eingezogen. Zum bevorstehenden zweiten Jahrestag schreibt er am 6. Februar 1944: Wir hatten niemals gedacht, dass ich so lange Soldat bleiben könnte. Wie schnell vergeht doch die Zeit. So viel man sich auch als Soldat fühlt und davon überzeugt ist, dass wir die Waffe erst nach einem totalen Sieg aus der Hand legen dürfen, so sehnsüchtig erwartet man doch den Tag der Heimkehr

…Sorgen trug mein Vater als Soldat mehr als genug mit sich herum. Da waren die Ungewissheit über künftige Einsätze, die pNermanente Lebensgefahr, die Sorge um Freunde und Verwandte daheim und nicht zuletzt die unendliche Sehnsucht nach Frieden und der Heimkehr zu seiner Familie. Ich denke immer an euch und habe dann große Sehnsucht, die mir keiner stillen kann. Man kann auch nicht mit einem Menschen darüber sprechen, vielleicht versteht einen doch keiner, wenigstens nicht richtig. So muss man eben hart sein und das mit sich alleine abmachen (11. Mai 1943)…

…Dazu kam tagtäglich ein Bündel von Unbilden – vom Dauerregen über Schlafmangel bis hin zu Getier wie Wanzen, Flöhe, Läuse und Mücken. Es regnet in Strömen ununterbrochen, es ist alles nur ein fürchterlicher Matsch, von dem du dir keine Vorstellung machen kannst (10. April). Wir sind nun mal Soldaten und müssen uns in allem schicken. Ob Schlaf oder nicht spielt bei uns keine Rolle mehr. Innerhalb drei Tagen habe ich zwei Nächte gar nicht schlafen dürfen (11. Mai). Am selben Tag schreibt mein Vater: Mit der Wanzen- und Flohplage geht es einigermaßen erträglich, dafür stellt sich aber jetzt beim Eintritt der warmen Jahreszeit eine fürchterliche Mückenplage ein, von der du dir gar keine Vorstellung machen kannst. Und am 4. September: Die Mücken- und Fliegenplage ist ganz entsetzlich, nicht Hunderte sondern Tausende auf kleinstem Raum.

Aus dem Kapitel Schlachten: …Auf grausame Schilderungen der Schlachten hatte ich mich bei der Durchsicht der Kriegsbriefe meines Vaters eingestellt. Aber das Gegenteil ist der Fall. Nur in wenigen Ausnahmen gerät die Schilderung so, dass ich als Leser das Gefühlt habe, selbst in die Schlacht hineingezogen zu werden. Kriegshandlungen, und seien sie noch so heftig, werden eher beiläufig erwähnt…

…Lakonischer geht es kaum als auf einer an meine Mutter gerichteten Feldpostkarte vom 22. Februar 1943: Die erste Schlacht war es heute, ein richtiger Großkampftag, sonst nichts Neues. Oder am 16. Mai: Der kommandierende General unserer Division ist am Freitag gefallen. So ist das raue Soldatenleben…

…„Kampfschule“ ist das Stichwort, unter das die nächsten Briefeinträge eingeordnet werden müssen. Sie sind die wenigen Beispiele in der Kriegskorrespondenz, wo mein Vater sich die Erschütterung durch die Kriegsereignisse anmerken lässt. Am 21. August 1943 schildert er, was sich eine Woche zuvor zugetragen hatte: Du wusstest es ja, dass ich ganz überraschend zu einem Lehrgang kommandiert war, der an sich harmlos war und bloß einer infanteristischen Ausbildung dienen sollte. Der Russe griff aber in der letzten Zeit mit Gewalt von verschiedenen Seiten derart an, dass die Division Gefahr lief, eingeschlossen zu werden. Es wurde deshalb planmäßig der Rückzug der Division auf eine gerade Linie beschlossen. Das hat uns der Ivan nun ganz gehörig versalzen. Er drückte mit mindestens 6 Divisionen derart hinter uns her, dass wir alle Hände voll zu tun hatten, ihn uns vom Leibe zu zuhalten.

„Pak-Geschütz, feuerbereit“ steht auf der Rückseite dieser Post-
karte, wie sie von Soldaten gerne als Feldpost verschickt wurde.

So musste auch unser Lehrgang in die kämpfende Truppe eingereiht werden. Gleich beim ersten Gefecht stießen wir auf den verbissenen Druck der Russen. Von rund 100 Mann kamen wir nur zu 14 unbeschädigt davon! Am nächsten Tag konnten wir uns als kleine Kampfgruppe noch so eben aus der Umklammerung freimachen und nach harten Gefechten im Abendgrauen die Masse der Division erreichen, die sich auf einer weiteren Höhe eingerichtet hatte.    

An diesem Abend wurden wir den Panzerjägern als Infanterieschutz unterstellt und ich kam ausgerechnet zu… Lt. Flockert, der seit 1 Monat eine Komp. der Pa.Jg. führte. Dies war der 13. August, der (zweite) Geburtstag unseres Horstilein, für mich war es in jeder Beziehung ein Glückstag. Lt. Flockert schloss mich beim Wiedersehen stürmisch in seine Arme und freute sich wie ein Kind. Leider, leider fiel er im nächsten Morgengrauen bei einem Sturmangriff der Russen.

Details zum Buch: 144 Seiten, 24 [zum Teil historische] Abbildungen. Erschienen im Verlag tredition in drei Fassungen: als E-Book für 7,99 Euro (ISBN 978-3-347-16625-7), als Paperback für 13,90 Euro (978-3-347-16623-3) und als Hardcover für 18,90 Euro (978-3-347-16624-0). Die Bücher gibt es im Bookshop des Verlages www.tredition.de/buchshop und überall, wo Bücher verkauft werden.

 





Notizbuch: Weihnachten auf Sparflamme

22 12 2020

In seinen Kriegsbriefen erwähnt mein Vater das Familienfest kaum

Dienstag, 22. Dezember 2020

Wer im Internet ein wenig sucht, findet rührende Geschichten von Soldaten, die zu Weihnachten für kurze Zeit die Waffen ruhen lassen und mit dem Gegner gemeinsam „Stille Nacht…“ singen. Eine ist aus dem Ersten Weltkrieg überliefert, andere stammen von den letzten Schlachten des Zweiten Weltkrieges. Für meinen Vater war das Familienfest Weihnachten immer äußerst wichtig. Umso mehr erstaunt es mich, dass er dem Fest als Soldat in seinen Briefen an seine Frau kaum Beachtung schenkt.

Wenn er am 2. Juni 1944  schreibt: „Wenn es mir gelingt, dann kann ich mich Weihnachten im Schmuck meiner neuen Uniform vorstellen“, dann geht es ihm nur auf die Uniform, auf die er ja ganz stolz zu sein scheint. Kein Wort davon, dass er sich auf Weihnachten im Kreis seiner Familie freut. Ich habe nicht eruieren können, ob mein Vater Weihnachten 1944 tatsächlich Heimaturlaub machen durfte.

Dann kam das Kriegsende und die sowjetische Kriegsgefangenschaft. Aus dem fernen Ural schreibt mein Vater am 16. Dezember 1947: „Euch dreien gesegnete Weihnacht im neuen Heim und glückliches 1948 mit lang ersehntem Wiedersehen.“ Mehr nicht. Ganz gegen seine Art verzichtet er darauf, sich das gemeinsame Weihnachtsfest vorzustellen und dazu etwas zu schreiben. Ich vermute, dass er damit meiner Mutter Kummer ersparen wollte. Wieder ein Weihnachtsfest ohne den geliebten Mann und Vater der zwei Kinder zu verbringen, muss ihr schrecklich erschienen sein.

Im selben Monat schreibt mein Vater auch direkt an den Weihnachtstagen – aber nichts über Weihnachten, sondern über die Fragen, die bei ihm immer und immer wieder über die Wohnung kreisen: „1000 Fragen bewegen mich, schreib bitte ausführlich über neues Heim, besonders Möbel, Gardinen usw.“

Wenn der wüsste, wie es hier aussieht!“ war der mitleidsvolle Kommentar meiner Mutter zu dieser Karte, an den ich mich noch erinnere. Im Treppenhaus des Hauses Oppenhoffallee 100 fehlte der Verputz, als hätte gerade erst eine Bombe eingeschlagen. Unsere Wohnung im dritten Stock wäre für meinen Vater eine große Enttäuschung gewesen: Sie war als Folge des Krieges ärmlich möbliert, und im Schlafzimmer war ein Fenster mit Brettern vernagelt. Als Gardinen wurden Bettlaken benutzt, die man mit Blumenmuster bedrucken lassen konnte – eine pfiffige Geschäftsidee!

 

 





Notizbuch: Entsetzt über die perfekte Organisation des Krieges

20 12 2020

Als Autor im Interview: Alles über „Meine liebe Mutti“

Der Lockdown und meine Fleißarbeit, die entdeckte Liebesgeschichte, die Verstrickung in das Nazisystem, die erschreckende Organisation des Krieges – das und noch viel mehr sind die Themen eines Interviews, in dem ich meinem Verlag tredition Rede und Antwort stand. Es ist auf der Autorenseite des Verlages erschienen. Hier steht es in voller Länge, angereichert um mehrere Fotos:

tredition: Aus dem Krieg hat Ihr Vater seiner Frau, Ihrer Mutter, fast tagtäglich geschrieben. Die 500 erhaltenen Briefe sind in Ihr Buch „Meine liebe Mutti“ eingegangen. Mit der Sichtung haben Sie 70 Jahre später begonnen. Warum so spät? Haben Sie nicht als Kind schon mitbekommen, dass es diese Briefe gab?

Horst Schwartz: Nein, das war mir nicht bewusst. Nur an das Eintreffen des ersten Lebzeichens, das mein Vater aus der Kriegsgefangenschaft schrieb, kann ich mich erinnern. Die Karte kam im Mai 1946 an, da war ich knapp fünf Jahre alt. Dass vorher fast jeden Tag ein Brief meines Vaters eintraf, war mir nicht klar. Und auch, als ich älter war, habe ich die Briefe nicht bewusst wahrgenommen. Sie lagen in einem Karton, den ich unbeachtet von Umzug zu Umzug mitschleppte. Erst vor ein paar Jahren habe ich mir die Briefe näher angeschaut und bemerkt, was für einen Schatz ich da besaß.

tredition: Wann kam Ihnen die Idee, darüber ein Buch zu schreiben? War das ein spontaner Einfall?

Horst Schwartz:  Eher eine Idee, die sich so langsam in mein Bewusstsein einschlich. Trotz meines Alters hatte ich bis zum Beginn der Corona-Krise noch einen 12-Stunden-Arbeitstag als Reisejournalist. Ich war dauernd unterwegs. So blieb mir nur wenig Zeit, in den Briefen zu zu lesen und mir Notizen zu machen. Als der erste Lockdown kam, waren die Vorarbeiten erledigt. Ich hatte jetzt Zeit und konnte mit der Fleißarbeit beginnen, dem Schreiben. Nach einem halben Jahr war das erledigt – der Text war fertig, was mich selbst ziemlich überraschte.

tredition: Auch wenn Sie die Briefzitate mit eigenen Erinnerungen und Kommentaren angereichert haben, im Mittelpunkt des Buches steht Ihr Vater.  Hatten Sie keine Probleme damit, private Notizen Ihres Vaters ans Licht der Öffentlichkeit zu bringen? Was war Ihr Motiv, dieses Buch zu veröffentlichen?

Horst Schwartz: Als ich anfing, mich mit den Briefen näher zu beschäftigen, war zuerst nur Neugierde das Motiv. Was hat er denn so geschrieben? Dann wurde es schnell spannend. Ich wollte herausbekommen, was meinem Vater denn geholfen hatte, die Jahre an der Front, die Kriegsgräuel und auch die grausame Gefangenschaft in der Sowjetunion auszuhalten. Und dabei stieß ich, für mich durchaus überraschend, auf eine Liebesgeschichte. Auf die in unzähligen Briefstellen belegte Liebe meines Vaters zu meiner Mutter. Keinen Tag lässt mein Vater vergehen, ohne wenigstens zu versuchen, seiner Frau zu schreiben – einmal sogar, wie er schreibt, „ bei flackerndem Kerzenlicht halb liegend…“ Die Briefe sind voller Verlangen und Sehnsucht, die fast alles überlagert und schwierig mit dem rauen Soldatenleben zu vereinbaren ist. Auch die beiden Söhne, mein etwas älterer Bruder und ich, spielen in dem Briefwechsel eine große Rolle. Offensichtlich war es in der Tat ein reger Briefwechsel, leider sind von meiner Mutter nur drei Briefe erhalten.

tredition:  Sind Sie auch der Frage nachgegangen, wie sehr Ihr Vater in das System verstrickt war?  Gibt es Belege dafür, ob er und dass er an das Regime glaubte und deshalb all die Opfer auf sich nahm? Wie sehr hat ihn die Nazi-Propaganda beeinflusst?

Horst Schwartz: Die hat ihn ohne Zweifel beeindruckt und beeinflusst. Aber ich habe in all den Briefen nicht eine einzige Stelle gefunden, in der Judenhass anklang. Gewiß hat er die Deutschen für ein überlegenes Volk gehalten, und er glaubte, überall dazu Belege zu finden, in Russland und auch in Frankreich. An Hitler glaubte er nicht wegen des Rassenwahns, sondern weil er „den Führer“ für einen überlegenen Strategen hielt. So wurde selbst die Niederlage vor Stalingrad in der Vorstellung meines Vaters zum raffinierten strategischen Schachzug. Ich zitiere: „Bewusst hat sich da eine Armee geopfert, um so starke Kräfte der Russen zu binden, dass der geplante Durchbruch in das wichtige Don- und Donezgebiet mit seinem großen Kohle- und Erzvorkommen nicht wahr wurde.“ Die Briefe sind kein Protestschrei, aber auch keine Verherrlichung des Krieges. Ob mein Vater ein glühender Nazi war und somit schuldig wurde, diese Frage, die ich mir immer wieder gestellt habe, muss ich letztendlich unbeantwortet lassen…

tredition: Sie haben sich jahrelang mit diesen Kriegsbriefen und damit auch mit dem Zweiten Weltkrieg befasst. War ihnen schon vorher die Materie vertraut? Unabhängig davon, dass die ausgewerteten Briefe von Ihrem Vater stammten und so natürlich ganz persönliche Emotionen hervorriefen, hat Sie etwas erstaunt, erschreckt, verwundert?

Horst Schwartz: Ich habe mich nie wissenschaftlich mit dem Dritten Reich beschäftigt, aber war eigentlich überzeugt, meine Lektion gelernt zu haben. Ich konnte Stalingrad und vieles andere einordnen, dennoch musste ich viel recherchieren. So wusste ich beispielsweise nicht, dass das heulende Geräusch der sich auf das Ziel hinabstürzenden Sturzkampfbomber nicht von den Motoren der Flugzeuge stammte, sondern von eigens eingebauten Sirenen, die Angst und Schrecken verbreiten sollte. Das ist nur ein Beispiel. Ein anderes: Mir war völlig unbekannt, dass es  Lebenszeichen-Postkarten gab, die nach den großen Bombardements der Alliierten von den Bewohnern der betroffenen Städte an Freunde, Verwandte und Soldaten an der Front verschickt werden konnten. Mit zehn Worten Klartext – wie „Ich lebe noch!“

Ein eigenes Kapitel ist in dem Buch den Lehrgängen gewidmet, zu denen die Soldaten aus den Schlachten an der Front heraus beordert wurden. Sie sollten abseits vom Kampfgeschehen, zum Beispiel in Hannover, lernen, das Kriegshandwerk noch besser zu beherrschen. Das wurde mündlich und in schriftlichen Fächern wie Gefechtsdienst, Scharfschießen, Waffenausbildung, Taktik oder N.S.-Führung und Weltanschauung überprüft. Kurz: Ich war nicht nur erstaunt, sondern auch entsetzt darüber, wie perfekt – wenn das Wort hier erlaubt ist – der Krieg organisiert war.

tredition: Immer wieder ist in dem Text von ihrem Vater die Rede. Es sind ja schließlich seine Briefe, die Sie ausgewertet haben. Hat sich ihr Verhältnis zu Ihrem Vater, der ja schon seit Jahrzehnten tot ist, verändert? Sie schreiben im Vorwort, dass Sie ein Foto Ihres Vaters, dass Sie nie gemocht haben, nach dem Schreiben des Buchs aufgehängt haben, um es täglich zu sehen.

Horst Schwartz: Das hatte ich wirklich nicht erwartet oder gar erhofft, nämlich meinem Vater näher zu kommen. Durch die Briefe habe ich einen direkteren Zugang zu ihm erhalten. Ich habe einen ganz anderen Vater kennengelernt, als er bisher in meinem Bewusstsein und in meiner Erinnerung war. Er ist gütiger und liebevoller. Nicht dass wir ein schlechtes Verhältnis zueinander hatten, aber es hatte sich in den Jahren abgeflacht und war oberflächlicher geworden. Mein distanziertes Bild zu meinem Vater hat sich gründlich verändert, zum Positiven.

tredition: Als Sie zum ersten Mal das Buch über die Kriegsbriefe ihres Vater in den Händen hielten, war das bestimmt ein bewegender Moment. Ein eigenes Buch zu schreiben, und dazu noch ein Werk über einen Menschen, der Ihnen bei aller Entfremdung sehr nahe stand. Haben Sie weitere Schreibpläne?

Horst Schwartz: In früheren Jahren habe ich insgesamt 14 Reiseführer geschrieben, die allesamt nicht mehr auf dem Markt sind. Ich kenne also das Gefühl, ein eigenes Buch in der Hand zu halten. Aber keines hat mich natürlich so bewegt wie dieses. Und bei keinem war mir ein so großer Spielraum gelassen wie bei tredition. Ich habe mit mir selbst um Formulierungen gerungen und nicht mit einem Verlagslektor, der mir bestimmte Aussagen in den Mund legen wollte. Das habe ich sehr genossen.

Und so plane ich zwei weitere Bücher, einen Roman und einen Erzählband. Mit dem habe ich schon begonnen.

 

 





Notizbuch: Stille Nacht und die Mausezähne

16 12 2020

Die Entstehung des berühmtesten Weihnachtsliedes in der Welt

Mittwoch, 16. Dezember 2020

Wen rührt es nicht, das Weihnachtslied aller Weihnachtslieder. „Stille Nacht heilige Nacht…“ Wir verdanken das geliebte Lied kleinen weißen Mäusezähnen. Hier ist die Geschichte:

In Oberndorf an der Westgrenze des Salzburger Alpenvorlandes stand zu Beginn des vorigen Jahrhunderts eine Pfarrkirche, deren Orgel altersschwach und reparaturbedürftig war. Und als kurz vor Heiligabend des Jahres 1818 auch noch die Mäuse den Blasebalg anknabberten, gab sie ganz ihren Geist auf.  Ersatz musste her. Franz Xaver Gruber, Lehrer im benachbarten Ort Arnsdorf und nebenberuflich Organist in Oberndorf, vertonte deshalb ein ihm vorliegendes Gedicht für Gitarrenbegleitung. Das Gedicht stammte von Joseph Mohr, damals Hilfsprediger in Oberndorf.

So erklang in Oberndorf zum Heiligabend 1818 zum ersten Mal das Lied, das noch heute Millionen Menschen in aller Welt die Tränen die Augen treibt. Gruber und Mohr sangen alle sechs Strophen [ja, sechs Strophen; wir kennen heute eigentlich nur noch zwei…], und Mohr spielte dazu die Gitarre. Inzwischen ist das Lid weltweit in über 300 Sprachen übersetzt worden. Im Ersten Weltkrieg sagen es an der deutsch-französischen Front deutsche und französische Soldaten und legten dabei die Waffen nieder, um sich danach wieder gegenseitig totzuschießen.

Stille Nacht-Kapelle in Oberndorf

Rührung überkommt viele Besucher der Stille Nacht-Gedächtniskapelle, die in den 30-er Jahren des vorigen Jahrhunderts in dem Ort Oberndorf errichtet worden ist. Sie erinnert an die Schöpfer des Weihnachtsliedes, hat aber mit der historischen Stelle der alten Pfarrkirche nichts zu tun. Denn der heutige Ort Oberndorf ist noch recht neu und in weiten Teilen erst in den Jahren 1900 bis 1906 angelegt worden. Der alte Ort lag ein Stück flussabwärts an einer Stelle, die jahrhundertelang so stark von Hochwasser heimgesucht wurde, dass man sich zu Beginn des vorigen Jahrhunderts zum Abbruch entschloss. Dem Abbruch fiel auch die alte, dem heiligen Nikolaus geweihte Pfarrkirche zum Opfer, an die heute nur noch die einfache Kapelle erinnert und die von der alten Pfarrkirche übernommene Innenausstattung.

Am Fuß der Stille Nacht-Kapelle: ein Mäuse-…pardon: Engelschor





Notizbuch: Achtmal „liebe Mutti“

11 12 2020

Making-off meines gerade erschienenen Buches über die Kriegsbriefe meines Vaters an meine Mutter

Freitag, 11. Dezember 2020

Acht Aktenordner stehen in meinem Wohnzimmer. Ich muss für sie in meinem Büro noch einen Platz suchen. Sie alle tragen den Titel „Meine liebe Mutti“ – viel Material für mein Buch gleichen Titels, das gerade erschienen ist und 144 Seiten hat. Kaum ein Leser wird erahnen, wieviel Arbeit in dem Band steck. Deshalb dieses Making-of.

Bei neun Umzügen während eines halben Jahrhunderts habe ich einen Karton fast unbeachtet mitgeschleppt. Er enthielt 500 Briefe und Postkarten meines Vaters, die er aus Krieg und sowjetischer Gefangenschaft an seine Frau, meine Mutter, schrieb. Dazu kamen zahlreiche Fotos. Erst vor ein paar Jahren habe ich sie mir näher angeschaut und bemerkt, was für einen Schatz ich da besaß. Die Hälfte der Briefe ist völlig fehlerfrei mit der Schreibmaschine und die andere Hälfte in beeindruckend schöner Schrift mit der Hand geschrieben.

Zuerst war nur oberflächliche Neugierde im Spiel, als ich begann, mich mit den Briefen näher zu befassen. Was hatte mein Vater denn so geschrieben? Und dann ließ mich das Projekt nicht mehr los. Immer wenn ich ein wenig Zeit fand, habe ich daran weitergearbeitet. Dies über ein paar Jahre, dann begann die harte Corona-Zeit. Ich begab mich freiwillig in Isolation und arbeitete ununterbrochen an dem Buchprojekt, Schritt für Schritt. Zuerst habe ich jeden Brief ohne chronologische Ordnung in eine Prospekthülle getan. Dabei habe ich die über 70 Jahre alten Briefe nur mit Handschuhen angefasst, um sie zu schonen. Jede Prospekthülle erhielt einen Aufkleber mit dem Datum, an dem der Brief geschrieben wurde und, falls vorhanden, eine Ortsangabe. Die Aufkleber wurden durchnummeriert.  Übrigens rochen die Briefe immer noch nach Rauch, mein Vater war ein starker Raucher.

Zweiter Schritt: Erst jetzt begann ich zu lesen, Brief für Brief – mit einem ständigen Wechselbad der Gefühle. Besonders interessante Passagen habe ich markiert, um sie später abzuschreiben bzw. zu diktieren. Zum nächsten Schritt benötigte ich wieder Aufkleber, auf die ich die Briefthemen notierte. Mein Vater hat in jedem Brief nicht nur ein einziges Thema angesprochen, sondern mehrere, manchmal sogar ausgesprochen viele. So schrieb er in einem Brief beispielsweise über das Autofahren in Russland bei Eis und Schnee, gesundheitliche Probleme, die Familie zu Hause und die Bombardierung seiner Heimatstadt…

Um einen Überblick über die Themenvielfalt und deren Relevanz zu erhalten, trug ich die Themen mit den Nummern der Fundstellen in eine große Tabelle ein. Mir wurde klar, dass ich mit der Themensammlung auch die Buchkapitel gefunden hatte. So schrieb mein Vater sehr viel über sich selbst als Soldat [Kapitelüberschrift: „Jeder Befehl ist heilig und wird ausgeführt“], sein gesundheitliches Befinden, über Lehrgänge und die Sehnsucht nach Frau und Kindern. Auch den Schlachten ist eines der 13 Kapitel gewidmet, dem russischen Feind und den Engländern, die er verachtete, weil sie seine Heimatstadt Aachen in Schutt und Asche bombardierten. Geradezu verbohrt ist mein Vater in seinen Briefen bei der Glorifizierung des „Führers“ –  dies übrigens nicht, weil er dessen Rassenlehre anhing,  sondern weil er ihn für ein strategisches Genie hielt.

Themen = Kapitel: die Tabelle

Irgendwann nahmen die Texte eine solche Form an, dass ich darüber nachdenken musste, wer denn das Buch veröffentlichen könnte. Von meinem Neffen Oliver Schwartz – wie immer – gut beraten, entschied ich mich für die Firma tredition. Sie kombiniert die besten Seiten aus zwei völlig verschiedenen Welten: Self Publishing und normales Verlagswesen. Self Publishing: Das bedeutet, ich muss das Buch komplett abliefern – geschrieben, korrigiert, lektoriert, mit Bildern ausgestattet und mit Cover. Vier Cover-Entwürfe einer Freundin hab ich in Facebook zur Abstimmung gestellt. 90 Prozent  der fast 200 Facebook-Freundinnen und Facebook-Freunde, die daran teilnahmen, entschieden sich für einunddenselben Entwurf. Dieser wurde mit leichten Änderungen dann auch der Titel des jetzt veröffentlichten Buchs.

Meine Tochter Kirstin und andere stellten Fragen, die ich im Buch beantworten sollte. Zum Beispiel: Wie funktionierte die Feldpost? Wovon lebte meine Mutter, als mein Vater im Krieg war? Was sind denn eigentlich Stuka-Bomber. Und schon lange vor Beginn der Arbeit wollte ich natürlich auch wissen, wo mein Vater wann als Soldat eingesetzt war, was ist die typische Soldatenkrankheit Wolhynisches Fieber, wie hart war die Zensur der Feldpost und vieles mehr. Auf die Antworten der – für derartige Fragen durchaus zuständigen – „Deutschen Dienststelle für die Benachrichtigung der nächsten Angehörigen von Gefallenen der ehemaligen deutschen Wehrmacht (WASt)“, kurz Deutsche Dienststelle (WASt), wartete ich eineinhalb Jahre. Eine der Begründungen: Die WASt war mittlerweile im Bundesarchiv aufgegangen… Vom Forum der Wehrmacht erhielt ich auf meine Fragen nach militärischen Details stets rasch informative Antworten. Das alles lief nebenher und ich schrieb und schrieb und schrieb. Ich begann, von dem Thema zu träumen

Und auf einmal, für mich durchaus überraschend, war der Text fertig. Einige Familienmitglieder, enge Freunde und gute Bekannte erhielten auf Wunsch eine Kopie. Ich erhoffte mir jede Menge Fragen, Anregungen und Korrekturen. Aber der Rücklauf war mager. So holte ich mir wenigstens professionelle Korrekturhilfe und reichte schließlich das korrigierte Manuskript beim Verlag ein. Tredition stellt eine Software zum automatischen Satz zur Verfügung, und ich begann, Fotos in den fertigen Satz einzuspiegeln. Einige Fotos musste ich beim Bundesarchiv kaufen, zwei wurden mir von einem Mitglied des Forums der Wehrmacht praktisch geschenkt und viele besaß ich in eigenen Archiv.

Zum Angebot von tredition gehört die Möglichkeit, einen Probedruck zu bestellen. Ich hielt also auf einmal den ersten Druck meines Buches in der Hand! Was für ein Hochgefühl. In einer Marathonsitzung las Sabine Neumann noch einmal den Buchtext Satz für Satz und Seite für Seite – und fand noch eine ganze Reihe von Schreibfehlern. Auch wurde hier und da noch ein wenig am Ausdruck gefeilt – und dann war das Werk fertig. Jetzt ist das Buch erschienen, und tredition beginnt mit der professionellen Verlagsarbeit: PR, Werbung, Pressearbeit, Vertrieb und vieles mehr.

Im Vorwort zum Buch habe ich geschrieben, was mich bei der Arbeit an dem Buch noch am meisten überrascht hat: Ich bin meinem vor 30 Jahren gestorbenen Vater nähergekommen als es mir je gelungen, ist als er noch lebte…





Notizbuch: Mys Schatzkiste

15 11 2020

Bornholmer Reminiszenzen IV: Ein Laden in Snogebæk ist eine wahre Fundgrube

Sonntag, 15. November 2020

Von außen ist der Laden recht unscheinbar. Aber im Innern entpuppt sich „My’s Antik og Kunst“ als wahre Schatzkiste. Was tummelt sich da nicht alles auf engstem Raum: Porzellan und Glas, Keramik, Silber und Schmuck, Bücher, Schallplatten und Spielzeug, Möbel, Lampen und Teppiche – und Gemälde. Bei unserem letzten Bornholm-Aufenthalt waren wir so fasziniert von dem Geschäft, dass wir immer wieder hinfuhren.

Eine Mischung aus Trödelladen und Antiquitätengeschäft [oben; unten:] Jesper und Bent bei einem unserer Besuche in der Schatzkiste

My Størups Geschäft, eine Mischung aus Trödelladen und Antiquitätengeschäft, liegt in der Hovedgade 7 im kleinen Ferienort Snogebæk. My selbst ist schon die erste Überraschung: eine beseelte, hübsche Frau mit einem bezaubernden Lächeln. Sie käme gar nicht auf die Idee, einem Kunden etwas aufzuschwatzen. Aber schwatzen oder genauer: fachsimpeln mit der Kundschaft, das macht sie gerne. Ich kam mit ihr über Kerstin Clemann ins Gespräch, von der sie zahlreiche Keramikwerke und Gemälde verkauft.

[links: Moritz, der Tischler, begutachtet einen antiken Tisch] Die Farben der Gemälde dieser Künstlerin sind zart, die Motive versponnen. Aber noch mehr haben es mir die Keramikwerke von Kirsten Clemann angetan. Die Künstlerin ist schon seit ein paar Jahren tot, aber an ihren köstlichen Keramikbildnissen – Frauen mit Spitzmund, großen Augen und markanten Locken, Männer mit knapp sitzenden Anzügen, häufig Clowns, Vögel und Engel – können sich Bornholm-Besucher an verschiedenen Orten auf der Insel ergötzen. Besonders viele Werke besitzt das Restaurant „Den Lille Havrue“ in Snogebæk und eben auch My Størup.

Ich war jahrelang mit Kirsten Clemann gut befreundet und besuchte sie jedes Mal, wenn ich zu Buchrecherchen auf Bornholm war. Wir haben über ihre Erlebnisse gesprochen, über Kunst und über Gott und die Welt. Sie hatte die ganze Welt bereist und schließlich auf Bornholm, wie sie sagte, ihr Paradies gefunden. Das Paradies hieß für sie in erster Linie Haus, Hof und Werkstatt. In der Werkstatt standen große Frauenfiguren, die später Blumentöpfe auf dem Kopf tragen sollten. Kerstin formte den Ton mit einer Leichtigkeit, als wäre er Marzipan. Die fertigen Werke hat sie in einem Raum ausgestellt, der Wohnzimmer und Galerie zugleich war. Deshalb hat ihr kleines Haus umgebaut, weil ihr die Trennung von Laden und Wohnung, von Arbeit und Privatem unerträglich schien.

Bilder aus Mys Schatzkiste. Die beiden unteren Bilder sind von Kirsten Clemann 

Ihr größtes Werk, ein bizarrer Kaminplatz im Hof, bunt verziert und verspielt wie alles, was sie geschaffen hat, blieb unverkäuflich. Die Frage nach Kitsch und Kunst stellt sich bei Kirstens Werken nicht. Ich besitze von ihr einen Frauenkopf als Kerzenständer und einen zauberhaft dekorierten Spiegel.

My kennt sich aus unter den Künstlern auf Bornholm. So kamen wir auch auf Pia Ranslet zu sprechen, eine Bornholmer Malerin, die aber schon viele Jahre in Israel lebt. My bedauert, dass es viel zu wenig Kunstwerke dieser Malerin auf dem Markt gibt, mit der sie zu deren Bornholmer Zeiten befreundet war. Ich besitze ein Aquarell von Pia, an dem ich mich jeden Tag erfreue. Und das gebe ich nicht her – noch nicht mal an My Størup.

Gemälde von Pia Ranslet – Bornholmer Landschaft





Notizbuch: Oles Insel

9 11 2020

Bornholmer Reminiszenzen III: auf den Erbseninseln

Montag, 9. November 2020

In meinem Beruf lerne ich viele neue Menschen kennen – bis zum Beginn der Corona-Krise in aller Welt und Monat für Monat. Viele sind mir auf den ersten Blick sympathisch. Wesentlich kleiner ist die Zahl der Menschen, die ich von der ersten Begegnung an mag. Einer davon ist Ole.

Ich habe ihn während meines letzten Bornholm-Aufenthalts kennengelernt, als ich einen Abstecher nach Christiansø machte, einem der beiden bewohnten Eilande der Inselgruppe, die sich Erbseninseln nennt. Dort hat Ole einen interessanten Job: Er ist Tourismuskoordinator von Christianø und der Nachbarinsel Frederiksø.

Hans Ole Matthiesen, so sein vollständiger Name, ist „zuständig für alle Nachrichten von der Insel“. Und hat schon so manche Idee entwickelt, die den Inseln gut tut und den Menschen dort, die vom Tourismus leben. Ole hat einen Vertrag mit dem Verteidigungsministerium, denn die Erbseninseln sind keine dänische Gemeinde, sondern unterstehen direkt dem Verteidigungsministerium, obwohl keine Soldaten dort wohnen. Das hat historische Gründe. Denn die beiden kleinen, befestigten Inseln waren einmal ein wichtiger Flottenstützpunkt.

Als unser Ausflugsschiff im Hafen von Christiansø einlief, haben meine Söhne Bend und Jesper und ich Ole unter den Inselbewohnern, die am Hafen standen, sofort erkannt. Ein stattlicher Mann mit offenen Gesicht und freundlichem Lächeln – so wie wir uns den idealen Dänen vorstellen. Die Begrüßung war herzlich, und Ole war in seinem Element.

Auf der Hinfahrt zu den Erbseninseln – links Bent, in der Mitte Jesper

Während die beiden Söhne allein die Insel durchstreiften, machte Ole mit mir einen Rundgang. Ich habe Christiansø in den letzten Jahrzehnten schon mehrfach besucht, aber vieles, was Ole erklärte, war mir neu. Schließlich ist er auch Ornithologe und Naturführer und bietet regelmäßig Führungen über die Insel auf Deutsch an. Sein Deutsch ist übrigens ausgezeichnet, auch in den Zwischentönen.

Was für ein beeindruckender Lebenslauf. Ole, Vater zweier erwachsener Kinder und Großvater, wuchs auf der Insel Als auf und machte 1974 das Abitur. Er absolvierte ein Lehrerstudium in Biologie und Sport und studierte anschließend an der Universität Århus Archäologie des Mittelalters. 1986  ging er an das Museum Viborg, von 1990 bis 1995 arbeitete er als Naturberater für Süddänemark. Weitere Stationen: von 1994 bis 1999 Direktor der Mittelalterburg Spøttup, 1999 und 2000 Archäologe in Ribe. Von 2000 bis 2019 war er Museumschef im Dänischen Nationalmuseum in Kongernes Jelling.

Oben: der für viele Millionen Euro überholte Große Turm. Die Ausstellung stammt von Ole. Unten: Postkartenidylle – historische Häuser auf Christiansø

Den Job auf Christiansø hat er sich „mehr oder weniger selber geschaffen“ [Ole]. 2017 schrieb er dem Inselverwalter und „versuchte ein paar Ideen loszuwerden“. Im selben Jahr macht er die faszinierende Ausstellung im restaurierten Großen Turm „und obendrauf noch 60 bis 70 Führungen“. 2018 schrieb Ole ein Strategiepapier für die Erbseninseln, und so ist es nicht verwunderlich, dass der Inselkommandant ihn fragte, ob er die neu geschaffene Stellung als Koordinator haben wollte. Ole: „2019 verließ ich den Job in Jelling und seit April 2019 bin ich hier.“ Und arbeitet „hier“ mit einer Begeisterung, die ansteckend ist. Dies allerdings nicht im Winter, dann wohnt er mit seiner Frau in Fredericia – bis er im März zurück ist auf Christiansø.





Notizbuch: Adieu ITB

1 11 2020

Ein [fast melancholischer] Rückblick: Nach langer, bewegter Geschichte findet die Weltmesse des Tourismus 2021 nur digital statt

Sonntag, 1. November 2020

Den Augenblick werde ich so schnell nicht vergessen. Es war der Abend des 28. Februar diesen Jahres. Ich saß mit einer Freundin in einem Restaurant und wir sprachen natürlich über die ITB. Wird sie als Folge der beginnenden Corona-Pandemie nun abgesagt oder nicht? Das stand zu diesem Zeitpunkt noch nicht fest. Und dann kam die Nachricht: Die Idee ist abgesagt. Ich war froh, da nicht alleine zu sein. Sonst hätte ich wohl geheult – aus Erschöpfung und Enttäuschung und wohl auch aus Erleichterung, das endlich, endlich eine Entscheidung gefallen ist.  

Es wäre meine 48. ITB in ununterbrochener Reihenfolge gewesen. Diese Woche ploppte eine ähnliche Nachricht auf dem Bildschirm auf: Die ITB 2021 ist zwar nicht abgesagt, findet aber nur virtuell statt – wie auch immer das funktionieren soll. Ich traue der Messe Berlin Außerordentliches zu und dass sie den virtuellen Kongress und die virtuellen Messeinformationen gut hinbekommt. Was aber fehlen wird, ist das, was mir fast ein halbes Jahrhundert lang die ITB zum jährlichen Höhepunkt meines Berufslebens machte: die Begegnung mit Menschen aus aller Welt, darunter viele, mit denen ich so etwas wie Freundschaft geschlossen hatte. Das hatte schon Dr. Manfred Busche gewusst, der Erfinder der ITB, der schon lange im Ruhestand ist. Nach der Zukunft seiner Messe befragt, vertrat der „Vater der ITB“ wie er genannt wurde, die Überzeugung: „Im digitalen Zeitalter steigt die Sehnsucht nach persönlicher Begegnung, „deshalb ist das jährliche Familientreffen auf der ITB Berlin, wo Menschen sich in die Augen sehen und die Hände schütteln, ein absolutes Muss.“

Zugegeben: Oft ist die Begegnung eine kurze, nach folgendem Ritual „Wir sehen uns!“ rufen sich zwei Fachbesucher zu, die sich in irgendeiner Halle begegnen. Doch in dem Gewühl der Fachbesucher, der über 5.000 Journalisten aus 75 Ländern und der 350 Blogger aus 30 Ländern sehen sie sich leider viel zu oft nicht wieder.

Klein, fast mickrig startete sie, die heutige Weltmesse des Tourismus. Lediglich neun Aussteller aus fünf Ländern nahmen an der ersten ITB in Berlin teil, die der Übersee-Importmesse „Partner des Fortschritts“ angegliedert war. Die Pioniere aus dem Jahr 1966 heißen Ägypten, Brasilien, die Bundesrepublik, Guinea und Irak. 250 Fachbesucher wurden im ersten Jahr gezählt. Sie nahmen in der Kongresshalle im Tiergarten an einem Seminar zum Thema „Neue Urlaubsziele in neuen Kontinenten“ teil. Dabei wirkten Vertreter von 24 mittel- und westafrikanischen Staaten mit.

„Zuerst war eine Jagdausstellung im Gespräch“, erinnert sich Dr. Busche, „in Anbetracht des Viermächte-Status von Berlin schien uns die Umsetzung allerdings illusorisch, diese Branche hat ja mit Waffen zu tun…“ Seine Idee einer Reisemesse kam nicht überall gut an. Reisebüro-Inhaber befürchteten eine Verschiebung ihres Reisegeschäfts. Hoteliers sahen eine Expansion der Hotelkapazität auf Berlin zukommen. Der Gedanke, dass Konkurrenz das Geschäft belebt, war im damaligen West-Berlin nicht weit verbreitet.

1966 – Klein und Bescheiden: Im September 1966 stellten zur ersten Internationalen Tourismus-Börse ITB Berlin neun Aussteller aus Ägypten, Brasilien, der Bundesrepublik Deutschland, Guinea und dem Irak auf einer Ausstellungsfläche von 580 Quadratmetern ihr touristisches Angebot vor.                                                                       Foto: Messe Berlin

Schon die zweite ITB 1968 brachte den dauerhaften Durchbruch: Sprunghaft kletterte die Ausstellungsfläche auf fast das Achtfache, mehr als fünfmal so viele Fachbesucher kamen auf das Messegelände. Bemerkenswert war die Teilnahme der zwei Ostblockländer Ungarn und Rumänien. Damals steckte die Welt noch mitten im Kalten Krieg. Dieser Ansatz entwickelte sich zu einer Art Markenzeichen der Messe: Unabhängig von politischen und weltanschaulichen Grenzen wurden und werden Länder und Gebiete zur ITB zugelassen, ja geradezu eingeladen. Sternstunden waren gemeinsame Pressekonferenzen sich feindlich gegenüber stehender Länder wie Israel und Ägypten. Auch stellten und stellen Länder aus, die Untertanen nicht pfleglich behandeln und Menschenrechte wenig beachten. Auf der zu Busches Zeiten üblichen, stets gut besuchten und medial beachteten ITB-Abschlusspressekonferenz wurde der Messechef deswegen einmal hart angegangen. „Wenn Sie alle Länder von der Messe ausschließen würden, die es mit den Menschenrechten nicht genau nehmen, gäbe es keine ITB“, konterte er und fügte grummelig, wie er manchmal sein konnte, hinzu: „…und keinen Tourismus.“

Zur zweiten ITB trafen sich schon 1.250 Fachbesucher, und 123.000 Privatpersonen besuchten als Publikum die Messehallen unter dem Funkturm. Zu der hohen Zahl trug gewiss bei, dass die zweite ITB mit der Boots- und Freizeitschau stattfand. Diese Kombination wurde bis 1980 beibehalten, dann wurde die Bootsmesse von der ITB abgekoppelt. Die Begründung, dass die ITB alleine nicht so respektable Publikumszahlen erzielen konnte, lautete vor der Wende: Dem eingemauerten West-Berlin fehle das Umland. Doch auch nach dem Fall der Mauer änderte sich die Zahl nicht signifikant

Schnell hat die Internationale Tourismus Börse ITB – die inzwischen offiziell ITB Berlin genannt wird – ihren Spitznamen bekommen: Internationale Trinker Börse. Es wurde in früheren Zeiten wirklich viel getrunken auf der Messe, um nicht zu sagen: Es wurde gesoffen. Wer wie ich seit Jahrzehnten auf der ITB unterwegs ist, wird sich an Interviewpartner erinnern, mit denen man sich am besten mittags zwischen 12 und 15 Uhr verabredete. Vor 12 Uhr waren sie noch nicht nüchtern, und nach 15 Uhr waren sie nicht mehr nüchtern.

Das ausgiebige Feiern ist seit vielen Jahren passé. Zu gigantisch ist die weltgrößte Tourismusmesse geworden und zu stressig, um sich mit Alkohol auszubremsen. Die  Fachbesuchertage haben sich auf drei konzentriert, das verlangt stringentes Arbeiten. Früher war das anders. Die ITB erstreckte sich wie heute die Grüne Woche über zwei Wochenenden. Da fiel es nicht so ins Gewicht, wenn Touristikmanager mal einen Tag mit „Migräne“ ausfielen. 1980 wurde die Fach- und Publikumsmesse um ein Wochenende gekürzt, im Laufe der Jahre folgten weitere Streichungen. Auch die Zahl abendlicher Empfänge und Feste ist rapide zurückgegangen. Sie gehörten früher zur Reisemesse unterm Funkturm wie ein Papier-Ticket zur Flugreise.

1976 – Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Schütz, schneidet am Stand von Griechenland eine Torte an.                                Foto: Messe Berlin  

Eine merkwürdige Erinnerung habe ich: Zum 25-jährigen Jubiläum der Messe widmete die Deutsche Bundespost der Messe eine 100-Pfennig-Sondermarke. Sie wurde in ganz Deutschland geklebt, nur nicht auf Briefe der Messe Berlin. „Dazu hätten wir ja extra einen Studenten anstellen müssen“, argumentierte damals die Messe und nutzte auch im Jubiläumsjahr den Freistempler.

Noch etwas zeichnet die Messe aus: Sie hat eine Spürnase für Trends. Oft frühzeitig entdeckte die ITB Marktsegmente, die sie mit eigenen Ausstellungsteilen bediente, viele sind zu ganzen Hallen gewachsen: Kinder- und Jugendreisen, Kulturtourismus, Ökotourismus, Reisen für alle, Travel Technology, Gay & Lesbian Travel… Ohne die Cluster wären Spezialisten vermutlich unauffindbar. Das riesige Angebot sinnvoll zu bündeln und zugänglich zu machen, ist eine der Herkules-Aufgaben des ITB-Teams. Hilft die Messe den einen, sich zu etablieren, bietet sie anderen eine Plattform, gesehen und gehört zu werden. Fachlicher Austausch, durchaus tiefgründig und kontrovers, findet in teils hochrangigen Podiumsdiskussionen statt.

Tourismuskritiker und Anbieter von alternativen Reisen bezeichnen 1984 als Durchbruch: „Probehalber“, wie die Messe ankündigte, stellten sie in einer eigenen Halle mit dem Titel „Anderes Reisen“ aus. Seitdem gehören sie zur ITB wie die Kehrseite einer Medaille – verstreut übers gesamte Messegelände und nicht mehr nur in einer Halle. Kritisches wird auch mit einigen der Awards ausgedrückt, die im Zusammenhang mit der ITB reichlich verliehen werden. Einige waren nicht so beständig wie die ITB selbst. Da gab es mal die „Goldene Reisekutsche“ des Jaeger-Verlags und den messe-eigenen Filmwettbewerb „Prix ITB“. Beide sind Vergangenheit.

Etabliert haben sich der Book Award und auch der Columbus-Ehrenpreis „für besondere Verdienste um den Tourismus“. Zum zehnjährigen Bestehen der Weltmesse des Tourismus verlieh der VDRJ ihn zum ersten Mal an Bundeswirtschaftsminister Dr. Hans Friederichs. Die Liste der nachfolgenden Preisträger in vier Jahrzehnten liest sich wie der Gotha des Tourismus: César Manrique (1978), Dr. Martin Busche (1985), Horst von Xylander (1995), Friedensreich Hundertwasser (1998), Reinhold Messmer (2007), Klaus Laepple (2013)… Die Aufzählung könnte ich noch lange fortsetzen. In diesem Jahr wurde der Ehrenpreis dem scheidenden Geschäftsführer Ury Steinweg verliehen, leider wegen Corona nur in einer kleinen Zeremonie ohne ITB-Publikum.

In dieser Ehrengalerie könnte ich mir auch gut Peter Köppen vorstellen. 34 (!) Jahre, von der vierten ITB bis zur Messe 2004, war er Pressesprecher der ITB – ein Fels in der Brandung, eine Persönlichkeit mit Stil und Charme. Jahr für Jahr saß Peter Köppen auf seinem blauen Stuhl im Pressezentrum und stellte sich dem Ansturm der Journalisten aus aller Welt. Sein Presseteam war bunt gemischt und spiegelte die Vielfalt der Nationalitäten. Im babylonischen Sprachengewirr prasselten täglich tausende Fragen ungezählter Medienvertreter auf das Presseteam ein, Fragen nach Pressekonferenzen und Parkausweisen, Interviewterminen und Messetrends. Meist gelassen und geduldig, mitunter auch leicht genervt ob der Ansprüche einiger Journalisten, war er über Jahrzehnte der Pol, um den sich das Messegeschehen aus journalistischer Sicht drehte. Peter Köppen war ein begnadeter Netzwerker. Manchem Journalisten verhalf er zu exklusiven Geschichten. Intensiv kümmerte er sich um den journalistischen Nachwuchs. Und wenn es nötig war, half er Kollegen auf den richtigen (Heim-)Weg, wenn diese sich zu sehr an den Spitznamen der Messe gehalten hatten.

Wie viele Ministerinnen [hier die griechische Tourismusministerin] und Minister ich bislang auf der ITB interviewt habe, habe ich nie gezählt. Nur eines habe ich mir gemerkt: Das Verfallsdatum für solche Posten ist extrem kurz.

Was habe ich nicht schon alles zur ITB gemacht. In meinem ersten Jahr, 1973 – und danach jedes Jahr bis 1981 – war ich für die Stiftung Warentest als Leiter der “test“-Reiseredaktion dort. Die Stimmung war, was das Reisetesten der Stiftung Warentest betraf, bemerkenswert aggressiv. Der damalige Hauptgeschäftsführer des Deutschen Reisebüro-Verbandes, so hieß der DRV früher, beschimpfte mich während des ITB-Kongresses von der Bühne herab. Und am letzten ITB-Tag stürmten Berliner Reiseveranstalter des „test“-Stand und demolierten ihn. Sie waren nicht damit einverstanden, dass wir kritische Notizen von Reisenden zum Gebaren der Veranstalter veröffentlichten.

Auch schon 30 Jahre dabei: Sabine Neumann in unserem ITB-Redaktionsbüro. Ein Preis wäre uns in all den Jahren sicher gewesen: der für das gemütlichste Büro in der Pressehalle.

Nach Gründung meines Redaktionsbüros Mitte 1981 war ich mehrere Jahre lang für die Österreich- Werbung tätig und verfasste an jedem Messetag einen Pressedienst. Irgendwann wurde mir von der Messe Berlin ein kleines Büro bewilligt, das nach und nach immer größer. Seit fast 30 Jahren ist Sabine Neumann mit von der Partie. Wir haben viele Jahre für die „Tagesberichte“ der ITB-Pressestelle gearbeitet – eine der schönsten Seiten unseres bisherigen Berufslebens…

In diesem Post habe ich auf manche Passage eines Berichts zurückgegriffen, den ich zum 50-jährigen Bestehen der ITB für die Zeitschrift „Columbus“ der Vereinigung Deutscher Reisejournalisten [vdrj]  geschrieben habe.





Notizbuch: Ingrids Museum

20 10 2020

Bornholmer Reminiszenzen II: Erinnerung an Martin Andersen Nexø

Dienstag, 20. Oktober 2020

Es ist ein kleines, wirklich nur sehr kleines Museum. Aber jeder Bornholm-Besucher sollte es gesehen haben. Es erinnert an einen der bedeutendsten europäischen Schriftsteller, der seine Wurzeln in Dänemark hatte und Deutschland sehr verbunden war: Martin Andersen Nexø. Eigentlich hieß er nur Martin Andersen und wählte den Namenszusatz Nexø, weil in dem Bornholmer Städtchen sein Elternhaus stand. Es dient heute als Erinnerungsstätte an den Schriftsteller. Dort habe ich Ingrid Kofod Larsen getroffen – wieder eine der unvergesslichen Begegnungen beim letzten Besuch auf meiner Lieblingsinsel.

Ingrid und ich kannten uns noch nicht, als ich mich mit ihr zum Interview verabredete. Sie ist die Leiterin der sechsköpfigen Teams, das sich ehrenamtlich um das kleine Museum kümmert. Die Verabredung klappte – wie immer in Dänemark – reibungslos. Zum Gespräch erschien Ingrid mit Kaffee und dänischen Kringeln – eine Geste, die ich in deutschen Museen noch nie erlebt habe. Da war nicht ein Quäntchen Misstrauen, noch nicht einmal Skepsis, sondern nur Offenheit. Ich habe das über Ingrid schon einmal In Facebook geschrieben: Sie ist eine der [sie mag mir das Adjektiv nachsehen] bezaubernden, geradezu süßen älteren Damen, an denen Dänemark so reich ist.

Und was ich an Interviewpartnern so mag: Sie war stolz auf ihre Arbeit und das Museum, ohne arrogant zu wirken. Aber nun zu Martin Andersen Nexø: Er hat nur drei Jahre in dem Haus gewohnt, von 1882 bis 1884. Das Museum wurde 1990 eröffnet, seit 1993 steht das Haus unter Denkmalschutz. Gerade ist es renoviert und umgestaltet und modernisiert worden. Die Ausstellung zeigt Porträtgemälde, Fotografien, Fotokopien seiner Briefe und persönliche Gegenstände. Und viele seiner Bücher.  Seine Werke wurden 10 Millionen Mal verkauft und in 44 Sprachen übersetzt.

Aber seien wir mal ehrlich: Wer von uns kennt schon Martin Andersen Nexø, den wohl bedeutendsten Vertreter der dänischen Arbeiterliteratur- Der Arbeiterklasse fühlte er sich Zeit seines Lebens verbunden, stammte er doch selbst aus ärmlichen Verhältnissen. Er wurde 1869 in Kopenhagen geboren und zog 1877 nach Bornholm. Das äußerst harte Leben der Bauern, Fischer und Arbeiter auf der Insel schildert der erste Teil des 1906 bis 1910 erschienenen vierbändigen Romans „Pelle der Eroberer“. Dieser Teil des Romanzyklus wurde  durch den gleichnamigen Film des Regisseurs Bille August berühmt, der 1987 auf Bornholm gedreht und ein Jahr später mit der goldenen Palme von Cannes ausgezeichnet wurde. Er Film errang sogar einen Oscar als bester fremdsprachiger Film. Ein Jahr vor dieser berühmten Verfilmung drehte die Defa einen Film über das gleiche Thema und mit dem gleichen Titel, der im Fernsehen der DDR ausgestrahlt wurde. Ein ebenfalls sehr  sehenswerter Streifen.

Als Mitglied der dänischen kommunistischen Partei kam Martin Andersen Nexø 1941 während der deutschen Besetzung in Haft, aus der er zwei Jahre später über Schweden in die Sowjetunion floh- Nach dem Krieg kehrte er zwar nach Dänemark zurück ließ, sich aber 1951 In der DDR nieder. War Ehrendoktor der Universität Greifswald und Ehrenbürger der Stadt Dresden, wo er ab 1952 wohnte. Er starb 1954 im Alter von 84 Jahren und wurde in Kopenhagen auf dem berühmten Assistenz Friedhof beerdigt.

Nach der Wende bestand in Dresden kein Bedarf mehr an seiner Villa, die lange als Erinnerungsstätte gedient hatte. Ich war zufällig auf Bornholm und in Nexø, als 1990 sein Elternhaus in das Museum umgewandelt wurde. Damals wurden in dem frischgebackenen Museum antiquarischen ein paar Werke von ihm verkauft, die man aus Dresden herübergeschafft hatte. Ich erwarb einige Bücher, die heute in meiner Bibliothek stehen – ungelesen, wie ich gestehen muss. Das hole ich jetzt nach.