Notizbuch: Kretas Disneyland

16 07 2020

Bunt ist der Palast von Knossos, aber sehenswert

Donnerstag, 16. Juli 2020

Beton und viel bunte Farbe prägen den Palast von Knossos, wie er sich heute Besuchern darbietet. Die Nachbildung durch den britischen Ausgräber Sir Arthur Evans (1851 bis 1941) ist umstritten. Viele nennen sie ein Disneyland für Kunstliebhaber.

Aber gesehen sollte man den Palast, wenn man Kreta besucht. Ein Ausflug nach Knossos, sieben Kilometer südöstlich vor den Toren der Stadt Heraklion, zählt also zum Pflichtprogramm jedes Kreta-Urlaubers. Denn wer den sagenhaften Palast des Königs Minos nicht gesehen hat, wird die minoische Epoche nicht begreifen, die auf Kreta eine so große Rolle spielt. Die erste europäische Hochkultur beherrschte von etwa 2600 bis etwa 1450 v. Chr. die gesamte Ägäis und hatte ihren Mittelpunkt eben auf Kreta.

Im Unterschied zu den Palast-Ausgrabungen in Malia, Phaistos, Zakros und, wenn man so will, auch Archanes, die größtenteils als Trümmerfelder daliegen und der Fantasie der Betrachter kaum Anregungen geben, wurde Knossos von dem britischen Ausgräber in weiten Teilen rekonstruiert. Dabei ist er keineswegs so hemdsärmelig vorgegangen, wie der heutige Streit um seine Rekonstruktion vermuten lässt. Er hat sich vielmehr große Sorgen um den Erhaltungszustand der Funde gemacht. Bevor er mit Beton zu Werke ging, um die freigelegten Palastteile zu überdachen und zu stützen, experimentierte Evans mit aus Österreich importiertem Holz. Da dies allerdings zu schnell verfaulte, bildete er schließlich Säulen und Treppen, Decken und Wände in Beton so nach, dass Originalfunde mit einbezogen werden konnten. Was entstand war eine Mischung aus Alt und Neu. Und gab ihm nicht das Erdbeben recht, das am 26. Juni 1926 die Dörfer in der Umgebung von Knossos zerstörte, die Palastrekonstruktion aber ohne Schaden überstehen ließ?

Die vielen Besucher, die jedes Jahr – mit Ausnahme dieses Corona-Krisenjahres – nach Knossos kommen, sind dem Ausgräber jedenfalls dankbar, dass er ihnen ein so plastisches und gar nicht so falsches Bild der riesigen Palastanlage überliefert hat. Die Anlage ist gigantisch! Auf einer Fläche von 21.000 Quadratmetern errichteten die Minor auf hügeligem Gelände 1300 bis 1400 Räume über zwei bis vier Stockwerke sowie zahlreiche Lichthöfe, Treppenanlagen, Säulenhallen, Innenhöfe und Terrassen. Nicht weniger als 100.000 Menschen lebten im Palast und in der ihn umgebenden Stadt, die übrigens genau so wenig wie der Palast befestigt war.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Was heute in Knossos zu sehen ist, stammt fast ausschließlich aus der sogenannten Jüngeren Palastzeit, das ist die Epoche zwischen 1700 bis 1400  v.Chr. Wie auch die anderen Paläste auf der Insel entstand der erste Palast von Knossos in der Bronzezeit, nach 2000 vor Christus. Und wie die drei anderen ist er um 1700 v. Chr. wahrscheinlich durch ein Erdbeben zerstört wurden. Doch schon bald wurden alle vier Paläste neu errichtet, die Anlage von Knossos entstand in ihren heutigen Ausmaßen. 1450 vor Christus fielen die Paläste einer neuerlichen und letzten Katastrophe zum Opfer. Bis vor ein paar Jahren neigten Archäologen zu der Theorie, daß die Katastrophe im Zusammenhang mit dem Vulkanausbruch auf der gar nicht so weit entfernten Insel Sanatorin (Thira) steht: Vom Erdbeben hervorgerufene Flutwellen, die mehr als 100 Meter hoch waren, und ein tödlicher Aschenregen hätten zur Verwüstung der großen Palastanlagen geführt.

Dagegen wird in letzterer Zeit die Theorie favorisiert, dass diese Katastrophe nur der Auslöser für den Untergang der Paläste war und ein geschwächtes Staatswesen zu Fall brachte, das mit dieser Naturkatastrophe und den daraus resultierenden Hungersnöten und sozialen Unruhen nicht fertig wurde. Nur der Palast von Knossos wurde noch einmal aufgebaut, aber schon 50 Jahre später endgültig zerstört, dies wohl durch ein Feuer, dessen Ursache nicht bekannt ist.

Übrigens hätte auch Heinrich Schliemann, der zu jener Zeit durch seine Funde in Troja schon weltberühmt war, gerne in Knossos gegraben, wurde aber 1886 mit dem Besitzer des Geländes nicht handelseinig. Evans, britischer Museumsdirektor und Ethnologe, kaufte das Grundstück 1894 und begann sechs Jahre später mit den Ausgrabungen. Seine Deutung, dass der Palast von Knossos als Residenz eines Herrschers politischer, kultureller und religiöser Mittelpunkt eines minoischen Reiches war, ist heute gängige Lehrmeinung – auch wenn immer wieder Außenseiter andere Meinungen vertreten. Meine weit über 100 Bände umfassende Kreta-Bibliothek [dazu kommen noch zahlreiche Bildbände] enthält sie alle…

So sehr Evans Theorien über den Palast von Knossos allgemein anerkannt sind, so sehr sind Einzeldeutungen umstritten. Archäologen von heute werfen ihm vor, seine Benennung von Palasträumen entspräche im Grunde weniger wissenschaftlichen Erkenntnissen als seiner starken Fantasie. Aber die Bezeichnungen haben sich eingebürgert und werden lustig weiter verwendet: Prozessionskorridor beispielsweise, Piano Nobile, Megaron der Königin…

 

 

 





Notizbuch: Briefe aus dem Krieg für „Mutti“

9 07 2020

Spannend, was mein Vater jeden Tag aus dem Krieg geschrieben hat

Donnerstag, 9. Juli 2020

Seit Jahrzehnten besitze ich einen Karton mit Fotos und Briefen, die mein Vater  aus dem Krieg seiner Frau geschrieben hat. Er hat offensichtlich versucht, jeden Tag zu schreiben und erwartete auch täglich Feldpost von seiner Frau. Aus dem 500 Briefen habe ich jetzt ein Buch geschrieben. Fast jeder Brief beginnt mit der Anrede „Meine liebe Mutti“, und so soll auch der Titel des Buchs lauten.

Die Älteren unter uns haben das noch erfahren: dass sich Mann und Frau, die Eltern waren, mit „Vati“ und „Mutti“ anredeten. Mein Vater hat auch oft nicht geschrieben, „ich tue/denke/mache“, sondern „Vati tut/denkt/macht“. Das erste, was mir einfällt, wenn ich an unsere Wohnung unserer Familie denke, ist Tabakrauch. Der kam mir auch entgegen, als ich mich zum ersten mal intensiver mit den Kriegskriegen Briefen befasste. Über 70 Jahre hatte er sich in den Papieren gehalten. Mein Vater war ein extrem starker Raucher. Ein Beispiel aus dem Kapitel über seine Gesundheit:

Mir geht es gottseidank noch gut, ich bin noch gesund und munter, stellt mein Vater im Brief vom 28. Juni 1943 fest. Viele bei uns sind krank, sie fühlen sich ganz schwach und apathisch, dazu Magenschmerzen, Fieber und alles Mögliche. Man nennt das Allgemeines Wohlhygienefieber. Hoffentlich bleibe ich weiter davon verschont. Hier hat mein Vater eine Bezeichnung aufgeschnappt, die höchstens phonetisch stimmt. Die typische Soldatenkrankheit heißt „Wolhynienfieber“ oder „wolhynisches Fieber“, benannt nach einer Landschaft in der Ukraine. Dort ist die von Läusen übertragene bakterielle Infektion im Ersten Weltkrieg zum ersten Mal gehäuft aufgetreten. Sie wird auch „Fünftagefieber“ oder „Schützengrabenfieber“ genannt. Bis jetzt hat es gut gegangen, schreibt mein Vater im selben Brief. Entwarnung gibt er am 20. Juli: Die böse Krankheit habe ich also nicht bekommen, wie Du siehst. Vati ist doch schon ziemlich stabil.

Bei der Durchsicht der Kriegsbriefe hatte ich mich auf grausame Schilderungen der Schlachten eingestellt. Aber das Gegenteil ist der Fall, nur in wenigen Ausnahmen gerät die Schilderung so, dass ich als Leser das Gefühl habe, selbst in die Schlacht hineingezogen zu werden. Ich vermute ein ein euchtendes Motiv dahinter, dass mein Vater das Grauen des Krieges derart herunter spielt: Er will seiner Frau Angst ersparen. Ein Beispiel aus dem Kapitel „Schlachten“:

Lakonischer geht es kaum als auf einer an meine Mutter gerichteten Feldpostkarte vom 22. Februar 1943: Die erste Schlacht war es heute, ein richtiger Grosskampftag, sonst nichts Neues. Umso heftiger ist die Schilderung im einzigen mit Bleitift in Eile, auf einer Rast im Wagen geschriebenen Brief vom 13. März 1943: Die ersten Zeilen aus Russland. Wir sind im Südabschnitt in der Nähe von Charkow [wo im Februar und März 1943 die dritte Schlacht um die zweitgrösste Stadt der Ukraine tobte] ausgeladen worden. Die Russen haben zu unserer Begrüssung ein ordentliches Konzert veranstaltet, d.h. gestern Abend einen Fliegerangriff mit allen Schikanen. Daran muss man sich halt gewöhnen und etwas kennen wir davon ja schon, was! An anderer Stelle in dem Brief heisst es: Angst kenne ich nicht und werde mich im übrigen soweit wie möglich vorsehen. Lakonisch ist die Notiz vom 16. Mai: Der kommendierende General unserer Division ist am Freitag gefallen. So ist das rauhe Soldatenleben.

Die meiste Zeit als Soldat verbrachte mein Vater in Russland, wo er schließlich in Kriegsgefangenschaft geriet. Seine erste Begegnung mit dem Feindesland liest sich so:

Heute ist uns nun der Krieg in ganzer Scheusslichkeit zum ersten Mal begegnet, heisst es im ersten „Russlandbrief“ vom 12. Januar 1943. Wir sind heute in eine grosse Stadt eingezogen, die noch unlängst heiss umkämpft war. Wie die Stadt aussieht, das kann man nicht in Worten beschreiben, überall liegen noch die toten Bolschewiken herum, ausgebrannt oder von Fliegerbomben getroffen usw. Es ist einfach ein toller Anblick. Von der Stadt steht so gut wie nichts mehr, was unseren Stukabombern oder dem Artilleriefeuer nicht zum Opfer fiel, ist von den Russen angesteckt worden, ehe sie abziehen mussten. An anderer Stelle des selben Briefes heisst es: Das Russland ist eben in gar keine Weise mit unserem schönen Vaterland zu vergleichen. Und ein paar Zeilen weiter: Aber darum kämpfen wir ja, um unsere Heimat und Euch vor diesem Barbarentum zu bewahren. Und der Sieg muss unserer sein.

Man sagt alternden Journalisten ja gerne nach, dass es sich dazu entschließen ein Buch zu schreiben. Das ist bei mir nicht der Fall, ich habe vor diesem Buch schon 13 Reiseführer geschrieben, fünf davon zusammen mit Sabine Neumann. Nun das 14. Buch.

Das Briefmaterial zu sichten war eine Mammutarbeit, manchmal fühlte ich mich wie Sisyphos. In acht Schritten bin ich vorgegangen, wobei ich zum siebten und achten  Schritt, dem eigentlichen Schreiben, den Lockdown in der Coronazeit genutzt habe. Beim Hantieren mit den Briefen habe ich immer Handschuhe getragen, um sie schonen. Ich habe als erstes alle Briefe, die wahllos durcheinanderlagen, gelesen und [zweiter Schritt] wahllos hintereinander in Hüllen abgeheftet. Die füllten schließlich vier Aktenordner. Dritter Schritt: Auf Blättern, die ich über jede Briefseite gelegt habe, habe ich wichtige Fundstellen markiert. So konnte ich die Fundstellen, deren Text ich [im Schritt vier] abgeschrieben, kopiert oder diktiert habe, schnell wiederfinden. Schritt fünf: Die Fundstellen, von denen es pro Brief immer mehrere gab, habe ich in verschiedene Themen eingeteilt: Kriegspost oder Gesundheit, Russland, die Engländer, der „Führer“ oder Gefangenschaft…; zum schnellen Wiederfinden habe ich die Rubriken auf Aufkleber geschrieben und diese auf die Briefhüllen geklebt. Und der sechste Schritt: Alle Fundstellen, unterteilt nach Rubriken, wurden in riesige Tabellen eingetragen – die Fundstellen-Vorlage für mein Diktat. Und dann kam der siebte und schwierigste Schritt: Für jede Rubrik musste eine plausible Reihenfolge gefunden und eine Dramaturgie entworfen werden, um dann endlich, endlich mit dem Schreiben [achter Schritt] beginnen zu können.

Das liest sich ein wenig wie Buchhaltung – aber wie sollte ich anders die komplizierte Arbeit erklären? Jetzt also ist das Manuskript fertig – mit insgesamt zwölf Kapiteln wie „der Soldat“ [„Jeder Befehl ist heilig und wird ausgeführt“], „Schlachten“ [„Wer auf Vati schießt ist ein Lump“], das Feindesland „Russland“ [„Auseinandersetzung zwischen Gut und Böse) oder „Gefangenschaft und Heimkehr“ [„Barfuß im Schlafanzug mit Krawatte“].

Sieben Leute lesen das Manuskript zur Zeit, und ich bin auf die Anmerkungen gespannt. Wie es weitergeht, ist noch nicht entschieden – Selfpublishing? Finanzierung durch Crowdfunding? Wird sich ein Verlag finden? Ich werde an dieser Stelle darüber berichten…





Notizbuch: mit grünem Reisebegleiter

5 07 2020

Jessy und Matteo: „Australien ist erst der Anfang“

Sonntag, 5. Juli 2020

Auf ihrer Reise um die Welt sitzen in Australien zwei junge Berliner Touristiker fest: Da die Grenzen Australiens zur Zeit immer noch geschlossen sind und das Weiterreisen des Pärchens unmöglich ist, arbeiten Jessica [„Jessy“] Hoffmann und Matteo Peter aktuell auf einer Farm. „Wir müssen die vorgeschriebenen 88 Tage für ein zweites Visum absolvieren“, erklärt Jessy.

Der Randberliner Matteo aus Panketal und die Rostockerin Jessica haben sich vor drei Jahren während des Tourismusstudiums in Berlin kennen und lieben gelernt. „Mit identischen Interessen haben wir schon bald ineinander den perfekten Reisepartner gefunden!“ erzählt Matteo. Direkt nach dem Studium zog es das Paar in die Ferne. Unter dem Namen „Links oder Rechts – Tour um die Welt“ berichten sie seit dem Tag der Abreise, vorrangig auf Instagram @links_o_rechts, mit Sehnsucht stiftenden und unterhaltsamen Bildern, Videos und Texten über ihre Erfahrungen und zeigen, wie sie leben, lieben und lachen.

Nach einem Kurztrip nach Singapur starteten sie ihre Reise in Australien. „Wir wollen den Kontinent Australien so richtig kennenlernen und einmal umrunden“, erklärt  Jessy. Im westlichen Perth, der entlegendsten Großstadt der Welt, begannen sie, ihre Pläne zu verwirklichen. Nach nur einer Woche hatten sie einen Job und nach nur drei Wochen bereits ihren zukünftigen treuen Reisebegleiter: einen 21-jährigen, vollausgestatteten, grünen Campervan, einen Volkswagen Transporter namens Miles.

Was für ein Blick! [Fotos: Hoffmann/Peter]

Nach sechs Wochen Arbeit als Barkeeper und Kellnerin war genügend Geld zusammen, um das Paar von der West- zur Ostküste bis nach Sydney zu bringen – eine Strecke von 5.000 Kilometern, wenn man die Abstecher links und rechts einrechnet. Seit über acht Monaten sind Jessy und Matteo bereits unterwegs und erleben ein Abenteuer nach dem anderen. Einmal blieb der Camper wegen der extremen Temperaturen im Outback liegen. Nach nur kurzer Zeit ließ die Hitze Kerzen schmelzen und den Kühlschrank nur noch Error anzeigen. „Da kam Panik auf“, verrät Jessy. Das Paar erlebte Australien bei Temperaturen von 45 Grad am Wahrzeichen des Landes, dem Ayers Rock (Uluru), bis minus vier Grad im australischen Herbst in den Blue Mountains bei Sydney.

Ihr Weg führte sie vorbei an Orten, wie sie sich Australien vorgestellt hatten: schneeweiße Strände, landschaftliche Phänomene, historische Städte und unendliche Weiten. Besonders beeindruckt sind sie von der Herzlichkeit der Australier und von der bunten Tierwelt. Matteo: „Wir erleben Koalas hautnah, sehen Kängurus, bunte Papageien und unzählige Flughunde, die den Himmel allabendlich verdunkelten.“ Bereits in Perth haben sie Bekanntschaft mit einem der berühmtesten Tiere Australiens gemacht, dem Quokka, einem  Beuteltier aus der Familie der Kangurus.

Auf ihrem Instagramprofil @links_o_rechts berichtet das Paar tagtäglich über seine  Erfahrungen und nehmen ihre Follower mit auf die Reise. Mit kleinen Filmen wollen sie zukünftig mehr von ihren Erlebnissen in der Ferne und dem Reiseland Australien zeigen. Ihr letzter Film zeigt beeindruckende Aufnahmen aus dem Outback, die Fahrt über die längste gerade Straße des Landes, einen exklusiven Besuch in einer Untergrundwohnung in der Opalhaupstadt Coober Pedy und ihre außergewöhnlichen Bekanntschaften auf dem Weg zum Ayers Rock.

„Wenn wir unser Ziel mit der Umrundung des Kontinents erreicht haben, geht es für uns weiter in der Welt.“ sagen die Matteo und Jessy. Mit dem Plan, mit dem Campervan die Welt zu bereisen, verwirklichen sie ihren Traum, ihr Hobby zum Beruf zu machen.





Notizbuch: der Unsterbliche

30 06 2020

Warum mir der Künstler Arne Ranslet so viel bedeutet

Dienstag, 30. Juni 2020

Es gibt Freunde, mit denen man so lange schon vertraut ist, dass man sie irgendwann für unsterblich hält. So ist es mir mit dem Bornholmer Künstler Arne Ranslet gegangen, einem der wichtigsten Menschen in meinem Leben. Aber gestorben ist er dann doch irgendwann, im April vor zwei Jahren. Er wurde knapp 87 Jahre alt. Andererseits ist er aber doch unsterblich – als Künstler und weil er in meiner Erinnerung weiterlebt.

Arne und seine Familie lernte ich über einen Umweg kennen. Meine Kollegin und Freundin Gabriele Hartmann, die mir bei den Recherchen zum DuMont-Band “Bornholm“ in der Reihe Richtig Reisen [erschienen 1988] half, machte mich auf den zauberhaften Band “Der Mops von Bornholm“ aufmerksam. Schöpfer war Emanuel Eckardt, damals Chefredakteur von Merian. Brieflich stellten wir den Kontakt her und er erzählte mir, zu dem Band habe ihn sein Freund Arne auf Bornholm inspiriert. Und er beschrieb mir detailliert den Weg zu ihm.

Also besuchte ich Arne während meiner Recherchen auf Bornholm auf dem Bukkegård, einem 200 Jahre alten Bornholmer Bauernhof bei Hasle. Dort lagen Wohnung, Atelier und ein kleiner Schuppen mit ausgestellten Kunstwerken der Ranslets. Wie es sich gehört, wenn man einen Dänen auf Deutsch anspricht, fragte ich höflich: „Sprechen Sie Deutsch?“ Und es kam prompt die typische Antwort eines Dänen, wenn man ihn auf seine Deutschkenntnisse anspricht: „Ein kleines bisschen.“ Was stets maßlos untertrieben ist. Und so setzte Arne gleich auf Deutsch hinzu: „Hast du schon den neuen Roman von Lenz gelesen?“ Arne konnte sich in Deutsch geradezu fantastisch ausdrücken.

Schon am selben Abend lernte ich die ganze Familie kennen: seine Frau Tulla Blomberg Ranslet, Malerin und Keramikerin, die Tochter Pia Ranslet, eine Malerin, die schon lange in Israel wohnt, den Bildhauer Paul Ranslet, der immer noch auf Bornholm lebt und arbeitet, und das damalige Nesthäkchen Charlotte Ranslet, heute Charlotte Pedersen, eine Pilotin.

Arne Ranslet studierte von 1951 bis 54 an der Royal Danish Academy of Fine Arts in Kopenhagen, wo er auch seine spätere Frau kennenlernte, die Norwegerin Tulla Blomberg. Das Paar heiratete 1955 und zog nach Bornholm. Arne Ranslet arbeitete in den ersten Jahren als Techniker in der Keramikfabrik Søholm, wo er zuletzt technischer Leiter war. Unter anderem hat er in dem Werk, das damals noch mehrere hundert Mitarbeiter beschäftigte, bleifreie Glasuren entwickelt.

Als freier Künstler schuf Arne herrliche Keramikwerke – rechts im Bild: „Blaue Sphinx [1973]. Das Wundersamste an den Gefäßen und Figuren aus seiner Hand waren nicht die Formen, obwohl auch sie alles hinter sich lassen, was an klassische Keramik erinnert, sondern die Glasuren. Der riesige Ölofen, den er mit seinen Werken beschickte, erzielte eine Temperatur von 1400° C. Mit diesen Temperaturen und seinem Wissen um die Geheimnisse des Glasierens hat Arne Ranslet regelrechte Glasurbilder gemalt. Die Angaben zu einer Keramiklandschaft lesen sich dann so: „Weiße Steinzeugplatte mit Temmoku, Chün-Yao-Blau und weißer Feldspatglasur, Reduktionsbrand 1400°c.“ Sein Œuvre bevölkern auch Katzen, Hängebauchschweine und ein monumentaler, der biblischen Geschichte entlehnter Wal mit Jonas im Bauch. Er ist von den Ausmaßen her das größte Werk des Künstlers und hängt im Innenhof des Bukkegård, den das Künstlerpaar 1988 aufgab, um in Spanien das bessere Klima zu genießen. Dort bauten sie ein Haus mit Atelier und schufen weiter begehrte Kunstwerke.

Beide Keramikkünstler haben die Grenzen, die ihnen der Werkstoff  Ton setzt, schon vor Jahrzehnten überschritten. Tulla Blomsberg Ranslet studierte Malerei, hing diesen Beruf aber vorübergehend an den Nagel, weil sich die Tätigkeit als Keramikerin [Foto: „Cirkus“, 1981] leichter mit Mutterpflichten vereinbaren ließ. Als die Kinder größer wurden, ist die Künstlerin zur Malerei zurückgekehrt. Und Arne wandte sich der Plastik zu, seine bronzenen Kunstwerke goß er selbst.

Was hat Arne für wundervolle Bronzefiguren geschaffen! Einen lebensgroßen Rocker beispielsweise, der – einen Hotdog in der Hand hält. Eine alte Frau mit Sonnenbrille – und Maschinenpistole im Anschlag. Eine andere Frau, die sich beim Einkaufen, noch die Tasche im Arm, erschöpft hinsetzt – und stirbt. Da wachsen ihr Engelsflügel. Mitten in der Inselhauptstadt steht sein überlebensgroßer Posaunist [links]. Die Stunden in Arnes Atelier sind unvergessen. Der „Tubabläser“ [unten] ist für mich eines seiner schönsten Werke.

Auch Tulla beim Malen zuzusehen, war ein Erlebnis. Gottseidank besitze ich ein schönes, in Nolde-Farben gemaltes Bild von ihr [unten]. Wie überhaupt meine Wohnung ein kleines „Ranslet-Museum“ ist. Da hängt eine Keramikplatte von Arne, im Regal steht eine kleine Bronzefigur, sein Entwurf zu einem Holokaust-Denkmal in Oslo. Ein bronzenes Hängebauschwein, klein, aber sehr hängebauchig, hat Sohn Paul mir geschenkt. Über meinem Bett hängt ein bezauberndes, verzaubertes Landschaftsbild von Tochter Pia. Und überall stehen Glaskunstwerke meiner Bornholmer Freunde Pete Hunner und Maibritt Friis Jönsson, aber das ist eine ganz andere Geschichte.

Ich verdanke Arne viel. Er gab mir tausend Anregungen zu meinem Bornholm-Buch. Ihm verdanke ich meine Kenntnisse über dänische und überhaupt skandinavische Malerei. Was haben wir auf dem Boden sitzend in den umherliegenden Kunstbüchern geblättert.

Wir haben über Gott und die Welt geredet. Arne hat mich immer durch sein Wissen, seine Güte und seinen Humor angerührt. Die Stunden mit ihm zählen zu den schönsten meines Lebens. Ich denke oft an Arne, den Unsterblichen.





Notizbuch: Paradies Portugal

15 06 2020

Die Route N2 führt auf 740 Kilometern quer durchs Land

Montag, 15. Juni 2020

Es muss nicht immer Malle sein. Wenn jetzt die Reiserestriktionen gelockert werden, liebäugeln viele bislang ausgebremste Urlauber mit Portugal. Und dort muss es nicht immer die Algarve sein oder die schöne Hauptstadt Lissabon. Mein Tip: die Nationalstraße N2, die durchs ganze Land führt. Mein Bericht über diese Reise ist zu Beginn der Corona-Krise in der Zeitschrift „Clever reisen!“ erschienen – zum Träumen während der und Nachreisen nach der Corona-Krise…

Wenn sie in der Werbung als „Portugals Route 66“ gepriesen wird, ist das eine maßlose Übertreibung. Der legendäre US-Highway brachte es auf fast 4000 Kilometer und war damit fünfeinhalb mal so lang wie die portugiesische Schwester. Diese heißt korrekt und schlicht N2, Estrada Nacional 2. Sie ist die längste Straße Portugals  und die längste Nationalstraße Europas. Die N2 beginnt im Thermalbad Chaves im äußersten Norden und endet nach 740 Kilometern in Faro an der Algarve. Die N2 wurde vor über 70 Jahren angelegt, Teile davon gibt es schon seit dem 19. Jahrhundert, andere liegen auf ehemaligen römischen Handelswegen.

Das Motto einer Reise über die Estrada Nacional 2 ist dem Portugal-Spezialisten Olimar, der ein entsprechendes Arrangement für Selbstfahrer anbietet, „ganz klar: Der Weg ist das Ziel.“ Wie auf einem Tablett wird den Reisenden das Reiseland Portugal serviert, die der Nationalstraße folgen. Die Route tangiert vier Gebirgszüge, elf Flüsse und sechs Weltkulturerbestätten. Fast stündlich wechselt das  Landschaftsbild – Hochebenen, Flußtäler wie das Dourotal mit tiefen Schluchten, spektakuläre Weinbergterrassen, ein Gebiet mit gigantischen Hinkelsteinen, ein anderes, in dem Korkeichen wachsen, und leider auch bei den großen Bränden vor drei Jahren verwüstete Landstriche.

Langweilig wird den Reisenden nie. Auf dem Weg locken immer wieder Städte zu Abstechern und zum Zwischenstop. In Santa Marta de de Penaguião, einer Kleinstadt 80 Kilometer südlich von Chaves, steht der ganze historische Ortskern unter Denkmalschutz und lohnt die Besichtigung. Der Ort gehört zum Weinbaugebiet Alto Douro, der schon seit 1756 und damit ersten herkunftsgeschützten Weinregion der Welt. Seit fast 20 Jahren gehört sie zum Unesco Weltkulturerbe. Kenner zählen die Landschaft mit ihren tiefen Schluchten und steilen Weinterrassen zu den schönsten Flusslandschaften des Kontinents.

Weingut im Douro-Tal

Urlauber die mit dem Flugzeug anreisen und sich dort einen Mietwagen nehmen, gelangen nach einer etwa 110 Kilometer langen Fahrt nach Santa Marta de de Penaguião – sollten sich aber einen Tag Zeit nehmen, die touristischen Höhepunkte der zweitgrößten Stadt Portugals zu sehen: die Altstadtgassen, all die prächtigen Barockkirchen, die Museen, richtungsweisende Neubauten wie die Konzerthalle Casa da Música von Rem Koolhaas und natürlich die berühmte Ponte Luis I, die sich seit 1886 doppelstöckig über den Douro spannt, und die immer wieder Alexandre Gustave Eiffel zugeschrieben wird, aber gar nicht von ihm stammt. Eigentlich müssten drei Reisetage einkalkuliert werden, um Porto auch nur halbwegs gerecht zu werden.

Viseu

Zurück auf die N2. 170 Kilometer südlich des Ausgangsortes Chaves liegt Viseu, wo sich gleich drei lohnenswerte Museen um die  aus dem Mittelalter stammende Kathedrale scharen: das Museum für Sakralkunst, das dem bedeutenden Renaissance-Maler Vasco Fernando gewidmete Museu Grão Vasco und das frühere Wohnhaus dessen Gründers, des Kunstexperten und Kunstsammlers Almeida Moreira (1873 bis 1939) mit seiner großen Kunstsammlung. Empfehlenswert ist eine Kutschfahrt vom Rathausplatz Rossio durch die restaurierte Altstadt.

An jedem zweiten Wochenende im August überschwemmen 15.000 Biker aus aller Welt die Kleinstadt Gois, die auf der N2 270 Kilometer vom Startpunkt entfernt liegt. Es ist das zweigrößte Biker-Event in Portugal, das größte findet in Faro statt. Für den Ort ist das Treffen nicht einfach zu stemmen, hier leben noch keine 3000 Bewohner. Im Bereich des Ortes liegen vier der 27 sogenannten Schieferdörfer, benannt nach dem hauptsächlich verwendeten Baumaterial. Vor 20 Jahren drohten die Orte wegen der um sich greifenden Landflucht zu verfallen, da entwickelten Studenten ein – wie heute zu sehen ist – erfolgreiches Programm zur Rettung der Dörfer. 24 Dörfer schlossen sich zum Marketingverbund Aldeias do Xisto („Dörfer des Schiefers“ ) zusammen. Die Häuser wurden renoviert oder restauriert, und die Bewohner begannen, sich ihrer Traditionen zu entsinnen. Geschäfte und Restaurants etablierten sich entsprechend der wachsenden Touristenzahlen. Wer heute eines der Dörfer besucht, hat den wohltuenden Eindruck, dass hier die Zeit stehen geblieben ist.

Ein lohnender Zwischenstopp ist auch die von einer Maurenburg überragte Stadt Abrantes (400 Kilometer). Sie liegt malerisch an einem Hang über dem Fluß Tenjo. Beim Spaziergang durch die alten Gasse der Stadt treffen Besucher auf auffallend viele Kunstwerke. Eines der wenigen Süßwasseraquarien, die es in der Welt gibt, steht in Mora (475 Kilometer). Das Fluviario (Flussaquarium) de Mora zeigt die Bewohner von heimischen Flüssen und Seen, aber auch von Gewässern in fernen, exotischen Gebieten. Allerdings – und das ist ärgerlich – ist die Beschilderung ausschließlich auf Portugiesisch.

Abrantes [oben], Süßwasser-Aquarium in Mora [Mitte] und Kuhglocken-Manufaktur von Alcáçovas 

Die portugiesischen Kuhglocken-Manufakturen bzw. die Weise, wie dort die Kuhglocken hergestellt werden, ist gefährdet. Die Zahl der Hirten schwindet, weil heute anders geweidet wird als früher, und längst haben industrielle Fertigungsmethoden die mühsame handwerkliche Herstellung der Kuhglocken verdrängt. Die Manufaktur mit über hundertjähriger Tradition liegt in einer modernen Werkshalle. Bei der Besichtigung sehen Urlauber zuerst eine große Verkaufsfläche mit Kuhglocken, kleineren Glocken für Schafe und Katzen, Schmuckglocken und anderen Souvenirs. Faszinierend ist es zu beobachten, wie die Glocken entstehen. Zuerst schneidet ein Mitarbeiter aus Eisenblech Rechtecke in der gewünschten Glockengröße aus, die kalt mit Metallschere und Hammer zu becherförmigen Gebilden verarbeitet werden. Kleine Stücke aus Kupfer und Zinn werden um die Becher gelegt, die dann von einem Mantel aus Ton und Stroh umgeben werden. Jetzt kommt der in seiner Schutzkleidung wie ein Marsmensch aussehende Mitarbeiter zum Zuge, der die so präparierten künftigen Kuhglocken bei 1200 Grad Celsius brennt.

Nach dem Brennen tritt die ganze Mannschaft wie ein Ballett an, um im gleichen Takt die glühendheißen, ummantelten Kuhglocken an langen Stangen hin- und herzurollen. Dadurch wird eine gleichmäßige Verschmelzung des Metalls erreicht. Es zischt, wenn dann das Material zum Abkühlen in kaltes Wasser geworfen wird. Wenn der Lehm-Stroh-Mantel angeschlagen wird, kommen die goldgelben Glocken zutage. Sie werden getrocknet, poliert und mit Klöppel versehen. Und dann kommt der Höhepunkt: Der Meister stimmt den Ton der Glocke mit unendlich vielen kurzen Hammerschlägen ab – eine Aufgabe, die Fingerspitzengefühl, Geschick und ein perfektes Gehör erfordert. Und dann ist der Weg für die Kuhglocken von Alcáçovas frei – hinaus in die ganze Welt.

Quartiere:  Unterkünfte, meist stilvolle Hotels, gibt es ausreichend entlang der N2, darunter vier zu den Pousadas de Portugal gehörende Quartiere. In einem ehemaligen Hospital aus dem 19. Jahrhundert wurde beispielsweise die Pousada de Viseu eingerichtet, die ungewöhnlich viel Platz bietet und durch die Kombination von altem Gemäuer und moderner Ausstattung  beeindruckt.  Auch die Ausstattung der Route mit Bikehotels ist zufriedenstellend.

Information: Um die Nationalstraße touristisch zu vermarkten, haben sich 35 Gemeinden zum Projekt „N2 Rota Estrada Nacional“ zusammengeschlossen. Die Beschilderung ist noch nicht perfekt. Es muss auch noch mehr Informationsmaterial ins Englische übersetzt werden. Englisch ist auch eine Schwachstelle bei der Ausbildung der Mitarbeiter. Unter https://www.visitportugal.com/de/content/%C3%BCber-die-nationalstra%CE%B2e-2-vom-norden-zum-s%C3%BCden-portugals sind Informationen auf Deutsch zu finden.

Reiseangebot: Für Autofahrer hatte der Portugal-Spezialist Olimar die zweiwöchige Mietwagen-Rundreise „Portugals Route 66“ im Programm. Wenn ein Kunde die Strecke in kürzerer Zeit abfahren wollte, stellte der Veranstalter ein passendes, verkürztes Programm zusammen. https://www.olimar.de/suche/portugal/rund-und-erlebnisreisen/porto-und-nordportugal/portugals-route-66





Notizbuch: Weinen an Titos Grab

12 06 2020

In Ex-Jugoslawien ist der umstrittene Staatsmann unvergessen

Freitag, 12. Juni 2020

Was für ein Auftrieb! Vier Könige, sechs Prinzen, 31 Präsidenten, 22 Premierminister und 47 Außenminister nahmen an der Beerdigung von Tito teil. Das war am 8. Mai 1980. Tito Mausoleum ist – immer noch – heute eine der größten touristischen Sehenswürdigkeiten in Belgrad.

Tito ist tot. Es lebe Tito. So scheinen viele Serben in der Hauptstadt Belgrad zu empfinden. An Marschall Tito, dem jugoslawischen Staatspräsidenten von 1945 bis 1980, kommt kaum ein Belgrad-Urlauber vorbei. Sein Konterfei schmückt Geldscheine und Schaufensterdekorationen. Dass er im Bewußtsein der Stadtbewohner noch immer lebendig ist, beweisen die spontanen Gespräche zwischen Belgrad-Besuchern und Belgrad- Bewohnern, die leicht zustande kommen und sich schnell um den Staatsmann drehen.

Gewiss: Tito genoss als einer der Führer der blockfreien Staaten weltweite Anerkennung. Nach seinem Tod hat die Geschichtsschreibung das Bild gehörig zurecht gerückt. Nur viele Serben hat das noch nicht erreicht. Der Personenkult, der in Ex-Jugoslawien um ihn gemacht wird, erreicht in seinem Mausoleum im „Haus der Blumen“ in Belgrad den Gipfel. Das Mausoleum ist Teil des nationalen Geschichtsmuseum Serbiens. Es wurde 1975 erbaut, also noch zu Titos Lebzeiten, und zwar als seine Residenz. Tito soll gerne an seinem Schreibtisch gesessen haben, der heute noch hier steht. Die schlichte Struktur des Baus und die botanische Pracht, die ihn ausfüllte und umgab, wird ihm wohl gefallen haben. Hier wollte er auch beerdigt sein, seine Gruft ziert eine einfache Platte.

Der Rest des Hauses ist heute ein [Tito-]Museum. Der fortbestehende Tito Hype wird aus dem Geschichtsmuseum genährt, das unzählige Fotos von Tito im Gespräch mit den Großen der Welt zeigt, viele persönliche Gegenstände und Uniformen. Der Museumsshop ist nichts anderes als ein Laden mit Tito-Devotionalien. Immer wieder werden ausländische Touristen von diesem Bild überrascht: Ältere Belgrader weinen an Titus schlichtem Grab. Und immer wieder entstehen auch mit deutschen Besuchern lebhafte politische Diskussionen ohne jede Feindseligkeit.

Und noch eine Überraschung wartet auf „wichtige“ Besucher wie Journalisten: Vier junge, durchaus hübsche Damen. Gekleidet sind sie ein wenig folkloristisch: blaues Käppi, rotes Halstuch, weiße Bluse, blaues Röckchen [kurz, beim Gehen mussten die Damen wegen des Windes den Saum festhalten…], weiße Kniestrümpfe. Das seien Pioniermädchen wie zu Titos Zeiten, wurde uns gesagt. Aber zu Titus Zeiten schwenkten sie gewiss nicht noch deutsche und jugoslawiesche Fähnchen – was das mit dem Saum recht schwierig machte.

Die meisten Besucher aus Serbien und den anderen früheren jugoslawischen Teilrepubliken pilgern am 4. Mai zu Titos Grab, an seinem Todestag. Ältere Menschen brechen in Tränen aus, ewig Gestrige vermerken im Besucherbuch „Gestern Tito – heute Tito – morgen Tito“. Zu Titos Lebzeiten war der 25. Mai Nationalfeiertag und zugleich „Tag der Jugend“. In Wahrheit war der Tag nicht, wie behauptet, der Geburtstag des Marschalls [der war am 7. Mai], sondern der Tag, an dem er 1944 mit knapper Not deutschen Fallschirmjägern entkommen war. Einen von ihnen habe ich mal kennengelernt, er war Kellner in einem Restaurant, in dem meine Familie häufiger sonntags essen ging. „Bis auf ein paar Meter waren wir an ihn rangekommen“, erzählte er, „ich hätte ihn persönlich erschlagen.“ Zum Tag der Jugend fand – auch noch Jahre über Totos Tod hinaus – ein landesweiter Staffellauf statt. Für den Schlussläufer der „Stafette der Jugend“ war es die höchste Ehre, dem Landesvater die Stafette zu überreichen. Die zum Teil kunstvoll verzierten, zum Teil bizarr gestalteten Stafetten zieren eine Wand des Mausoleums.

Salon im Blauen Zug

Auch über die Stadt verteilt gibt es zahlreiche Tito-Erinnerungen: die Luxuskarosse im Oldtimermuseum, historische Fotos des Marschalls im Café You. Und da ist noch der Blaue Zug, Titos Privatzug, der den Präsidenten und seine Entourage zwischen Belgrad und Bar oder zu Auslandsreisen chauffierte. Der Zug kann in Belgrad besichtigt und von Gruppen auch gemietet werden. Konferenzwaggon, Titos Büroabteil, der Waggon mit Küche und Speisesaal – das alles ist vom Zahn der Zeit angenagt, atmet aber Charme und Zeitgeist der 50-er Jahre. Aus Sicherheitsgründen waren übrigens immer drei blaue Züge unterwegs, ein echter und zwei Attrappen. Millionen von Jugoslawen säumten im Mai 1980 die Fahrstecke zwischen Ljubljana und Belgrad, als Titos Leiche überführt wurde. Tito war im Alter von 87 Jahren mit einer Thrombose ins Krankenhaus der Hauptstadt der Teilrepublik Slowenien eingeliefert worden. Nach einer Beinamputation und monatelanger Krankheit starb Tito am 4. Mai. Auch die Uhrzeit ist überliefert: 15:05.

Zwei Gebäude sollten Besucher auf keinen Fall auslassen: die königlichen Schlösser Altes Schloss und das Weiße Schloss, beide in den zwanziger und dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts erbaut. Auch hier weht ein Hauch von Tito. Im Alten Schloss ist ein Kinosaal zu sehen, in dem der Präsident erhöht auf einer Empore in einem einsamen Sessel saß und Filme schaute. Im Weißen Schloss, das zu Tito Zeiten repräsentativen Zwecken diente, kann die Couchgarnitur bewundert werden, auf denen hohe Besucher Platz nahmen, um mit Tito zu plaudern.

Hier nahmen die Großen der Welt Platz

Dazu erzählt der Fremdenführer Verschwörungstheorien, nach denen Tito tatsächlich noch lebt und nicht nur in der Erinnerung der Belgrader. Was für ein Unsinn: Wenn das stimmte, wäre Tito 128 Jahre alt. Bei dem ganzen, aus heutiger Sicht ziemlich unerklärlichen Kult um Tito wird unter den Teppich gekehrt, was für eine vielschichtige, wenn nicht gar gespaltene Persönlichkeit Josip Broz war. Er gab sich erst später das Pseudonym Tito – oder den Spitznamen Tito, um es respektlos auszudrücken.

Marschall im Partisanenkrieg gegen die deutschen und italienischen Besatzer, nach dem Ende des Krieges Ministerpräsident und Staatspräsident Jugoslawiens auf Lebenszeit, auch Diktator, wahrscheinlich auch Massenmörder. Zum Kriegsende und kurz danach ereigneten sich unter Titos Kommando zahlreiche Massaker an Gegnern und denen,  die mit ihnen kooperiert hatten. Politische Gegner wurden während Tito Regierungszeit in Ketten geworfen und auf eine Gefängnisinsel verschleppt. Es gibt Schätzungen, nach denen Tito Regime eine Million Menschenleben forderte.

Titos langer Arm reichte, von der Öffentlichkeit unbemerkt, bis nach Deutschland. Dort soll sein Geheimdienst 29 Exilkroaten ermordet haben. Gerhart Baum, damals Innenminister, und Klaus Dohnanyi, seinerzeit Staatssekretär im Außenministerium, hielten dicht. Denn im kalten Krieg war man darauf bedacht, Tito und sein Lager nicht zu verärgern. Das war die andere Seite Titos. Er war weltweit beliebt, weil er einer der führenden Köpfe der blockfreien Staaten war, gemeinsam mit Nasser, Nero und Sukarno. Diese Einstellung führte sogar zum Bruch mit Stalin. So ist es nicht verwunderlich, dass er 1968 den Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes in Prag zur Beendigung des Prager Frühlings scharf verurteilte. Das brachte ihm weltweites Prestige ein.

Eine weitere Facette im Bild Tito ist eine gewisse Liberalität im Umgang mit seinen Landsleuten, soweit sie ihm nicht widersprachen. Sie konnten ohne Visum hinaus in die Welt reisen. Ich erinnere mich, dass ich vor gut 50 Jahren mit meinem Bruder und meiner damaligen Freundin mit dem Hellas-Express von Deutschland via Belgrad nach Griechenland vor. Wir trafen im Zug eine jugoslawische Studentin, die frank und frei über ihr Studium in Deutschland sprach und über die Verhältnisse im Vielvölkerstaat Jugoslawien. Das hat mich sehr beeindruckt und meine Vorurteile – auch ich war ein westliches Kind des kalten Krieges – dahinschmelzen lassen. Auch wirtschaftlich ging Jugoslawien andere Wege als andere kommunistische Diktaturen. Betriebe konnten sich ähnlich wie Firmen organisieren und hatten weitreichende Entscheidungsfreiheit. Bei meinen vielen Reisen durch Jugoslawien hatte ich viel Elan in den touristischen Firmen und auch ziemlichen Wohlstand gesehen

Auch Titos vierte Ehefrau, Jovanca Broz, trauerte am Grab. Sie war – aus welchem Grund auch immer, das ist nie geklärt worden – seit 1977 nicht mehr in der Öffentlichkeit gesehen worden, geschweige denn an Titos Seite. Zur Beerdigung wurde sie nur zugelassen, weil Indira Gandhi darauf bestanden hatte. Jovanca Broz war als Frau an Titos Seite jahrzehntelang eine weltbekannte First Lady. Bilder, die mit Tito und den Großen der Welt zeigten, gingen um die Welt. Als sie Tito heiratete, war dieser schon 60 und Großvater. Der Marschall genoss den Ruf als Schwerenöter. Wer nicht bei drei… Eine seiner Geliebten ist in der Nähe des Weißen Schlosses beerdigt.

Nach Titos Tod fiel Jovanca Broz in Ungnade. Das ist noch gelinde ausgedrückt. Die Behörden nahmen ihr den Pass weg, enteigneten sie, hörten ihre Telefongespräche ab und stellten sie unter Hausarrest. Völlig mittellos wohnte, oder genauer: hauste sie in einer heruntergekommenen Villa, lange Zeit auch ohne Strom und Wasser. Erst 2006 wurde ihr Los gemildert, die Heizung wurde repariert, und 2009 erhielt sie ihren Reisepass zurück. Die einst so glanzvolle First Lady starb 2013 im Alter von 88 Jahren. Sie wurde neben Tito beerdigt.





Notizbuch: Feuerabend

20 05 2020

Erinnerung an das gerade verkaufte Glasstudio Baltic Sea Glass auf Bornholm

Mittwoch, 20. Mai 2020

Was haben Margarethe II., Königin von Dänemark, und ich gemeinsam? Wir sind Fans der Bornholmer Glasbläserei Baltic Sea Glass und haben diese besucht. Die Königin nur einmal, ich gefühlt dreißigmal. Baltic Sea Glass spielt in meinem Leben eine große Rolle. Jetzt ist die Glasbläserei verkauft worden. Für mich war das ein Schock.

Michael Brandt und Jan Engelbrecht sind die beiden Glasbläser, die die die Leitung des Studios übernommen haben. Ich habe Pete Hunner und später auch seine Frau und Partnerin im Beruf, Maibritt Friis Jönsson, in den 1980-er Jahren kennengelernt. Damals war ich sehr oft auf Bornholm, um Material für meinen Reiseführer „Bornholm“ in der DuMont-Reihe „Richtig Reisen“ zu sammeln, der 1988 herauskam und den ich meiner Tochter Kirstin gewidmet hatte. Dem Thema Glasbläser ist darin ein großes Kapitel gewidmet. Aus der journalistischen Neugierde wuchs zwischen Pete und Maibritt und mir eine lange Freundschaft.

Maibtritt ist Dänin, Pete kommt aus den USA. Dort aber, so erzählt er, habe er wegen der Tätigkeit seines Vaters bei der US-Airforce, die mit häufigen Ortswechseln verbunden war, kein Heimatgefühl entwickeln können. Erst später in Dänemark habe er begonnen, Wurzeln zu schlagen. 1976 besuchte er die Fachschule für Angewandte Kunst in Kopenhagen, auf der er auch Maibritt kennenlernte. Die Snogebæk Glashytte war Petes erste Station, als das Paar 1979 nach Bornholm kam. Hier arbeitete Pete gemeinsam mit einem amerikanischen Freund für den damaligen Besitzer des Studios. “Im Winter mieteten wir dann die Werkstatt, um unsere eigenen Ideen zu verwirklichen und für Ausstellungen zu produzieren,“ erinnert sich Pete an diese Zeit, „da wir ohne wirtschaftliche Sorgen waren, erlebten Fantasie und Kreativität einen ungeahnten Aufschwung.“

 

 

Nach einem Intermezzo als Lehrer für Glaskunst an der Kunsthandwerksschule in Kolding kehrte Pete mit Maibritt zurück nach Bornholm, und das Paar zog in ein neu erworbenes Haus außerhalb von ein. Der Dorfschmied setzte ihnen eine Windrose aufs Dach, die einen Glasbläser zeigte – „niemand sollte daran zweifeln was in diesem Haus geschah“, sagt Pete. Während das Haus den Namen Østersøhytten trug, wurde der Schmelzofen unter seinem Dach Autumna getauft, das ist in der germanischen Mythologie die Mutter des Götterkönigs Odin, die aus Erde und Feuer geschaffen ist. Mit ihrer Hilfe haben Pete und Maibritt eine Produktion aufgebaut, die ausgesprochen exportorientiert war. Mittlerweile haben sie an ungezählten Ausstellungen in Japan und England, Deutschland, Schottland Schweden und der USA teilgenommen. Auch in Museen ist ihre Glaskunst zu finden, zum Beispiel im Berliner Kunstgewerbemuseum.

Ich weiß nicht mehr wann es war, als Pete mir mitteilte, sie seien umgezogen: In einer ehemaligen Hühnerfarm bei Melsted hatten sie ihr Glasstudio „Baltic Sea Glass“ etabliert. Im umgestalteten, lichtdurchfluteten Gebäude konnten Besucher die farb- und formschönen Gebrauchs- und Kunstglaswerke in einer großen Verkaufsausstellung bewundern und natürlich auch den Glasbläsern beim „Pusten“ sehen. Es war für Urlauber immer faszinierend, das Herstellen von Gläserserien zu verfolgen, und vor allem die Unikaabende zu besuchen, an denen Pete und Malbritt bei Sonnenuntergang zu Sphärenmusik vom Band oder unterstützt von populären Musikern große Unikate herstellten. Das waren regelrechte Happenings, die Hunderte von Besuchern anlocken. Wenn eine Glasblas-Session vorbei war, stellte Pete ein Schild auf, auf dem zu lesen war: „Feuerabend“.

Zu Baltic Sea Glass habe ich noch eine ganz besondere Beziehung: 1993 haben Sabine Neumann und ich in der Glashütte geheiratet. Die eigentliche Zeremonie fand in einem Boot auf dem Gelände von Baltic Sea Glass statt, dem „Boot des Lebens“, wie es der Bürgermeister von Bornholm, der uns traute, formulierte.

Zur Feier reisten Freunde und Verwandte von überall her an. Als wir in der Glashütte feierten, waren elf Kleinkinder dabei – darunter unser Sohn Bent, der drei Tage vorher in der Nykirke getauft worden war. Nichts ging zu Bruch. Das hatte Pete schon vorausgesagt: „Wenn Ihr nicht ständig Eure Kinder ermahnt, nichts zu zerbrechen, wird auch nichts passieren..“ Das ist die herrlich pragmatische Seite an Pete. Als ich bei ihm einmal klagte, ich sei beruflich überbelastet und dazu kämen noch die [damals kleinen] Kinder, sagte er schlicht: „Hat Dir irgend jemand erzählt, dass es einfach ist?“

Pete mit meinen Söhnen Bent [links] und Jesper.

 





Notizbuch: Ein Meer von Monets

18 05 2020

Warum es sich lohnt, die Ausstellung des Impressionisten im Potsdamer Museum Barberini zu besuchen

Montag, 18. Ma i 2020

So viel Monet war noch nie. Oder zumindest: selten. Nun ist sie wieder zu sehen, die große Monet-Schau im Museum Barberini in Potsdam. Dies natürlich mit den üblichen Corona-bedingten Auflagen wie Kartenvorbestellung mit Zeitfenster, Abstand halten, Maskenpflicht. Aber immerhin – es geht wieder.

110 Bilder des französischen Impressionisten sind auf drei Stockwerken ausgehangen, davon stammen 34 aus der Sammlung Plattner. Plattner ist Gründer und größter Mäzen des Museums Barberini. Die Ausstellung, zu der 80 Sammlungen – davon die Hälfte aus den USA – beigetragen haben, war zuerst im Denver Art Museum zu sehen, bevor sie nach Potsdam kam.

Dem Maler Monet, der von 1840 bis 1926 lebte, waren die Orte, in denen seine Gemälde entstanden, von großer Bedeutung. So trägt die Schau in Potsdam auch den Untertitel „Orte“. Sie umfasst sein gesamtes Schaffen, vom ersten dokumentierten Gemälde bis zu den späten Seerosen-Serienbildern aus seinem Garten in Giverny, die allein einen ganzen Saal füllen und zum Inbegriff impressionistischer Malerei wurden. Schon früh in seinem Schaffen wandte sich Monet der Freilichtmalerei zu, aber anders als seine Zeitgenossen: Er malte nicht nur die üblichen Ölskizzen vor Ort, um im Atelier das Gemälde auszuarbeiten, sondern schuf unter freiem Himmel fertige Gemälde.

Dabei ging Monet weitaus weniger spontan vor, als der Begriff Impressionismus vermuten lässt. Sein Ringen um eine authentische Wiedergabe der Landschaft war zielgerichtet. Das beschrieb er in einem Brief von 1912: „Ich weiß nur, dass ich im Hinblick auf die Natur alles tue, was in meiner Macht steht, um wiederzugeben, was ich empfinde, und dass sich meistens, wenn ich versuche, das wiederzugeben, was ich fühle, die grundlegenden Regeln der Malerei, sollten sie überhaupt existieren, vollkommen vergesse.“

Bei seinen Freilichtgemälden suchte Monet die Herausforderung – er malte Bilder mit dem gleichen gleißenden Licht der Riviera bis zur windgepeitscht Atlantikküste in Norden Frankreichs. Um seine Orte zu finden, der zum Teil immer wieder unter anderem Licht und anderen Stimmumgen besuchte, bedient sich Monet des neuen, modernen Fortbewegungsmittel der Eisenbahn. Zwölf Räume der Ausstellung zeigen Bilder aus der Normandie und dem Wald von Fontainebleau, von Paris und dem Vorort Argenteuil, Seinelandschaften, ländliche Idyllen aus dem Seine-Dorf Vétheuil, von der Atlantikküste, der Riviera, Venedig, von Paris, London und Zaandam, einem Städtchen in der Nähe von Amsterdam.

Im Lauf der Jahrzehnte werden Monets Bilder immer abstrakter. In der Ausstellung begreifen Besucher, warum immer gesagt wird, Monet sei Wegbereiter für die abstrakte Kunst eines Pollok und anderer abstrakter Maler. Ich würde über mich nicht sagen, ich sei ein Kunstbanause. Aber irgendwann wurde mir das beim Besuch der Ausstellung – noch vor der Corona-Krise – zuviel an Monet, zuviel unruhiger Pinselstrich. Dagegen hilft ein einfaches, probates Mittel: Ich habe den Saal, in dem ich mich gerade befand, verlassen und bin in einen anderen Saal gegangen, es war der mit den Bildern aus Zaandam. Dort fand ich meine Ruhe wieder – und stürzte mich erneut in das Meer von Monets.

 





Notizbuch: Bomben auf Bornholm

8 05 2020

Warum die Insel erst nach dem Krieg in den Krieg geriet

Freitag, 8. Mai 2020

Auf Bornholm, der kleinen dänischen Insel vor der Küste Schwedens, fing der Krieg erst nach dem Frieden an: Erst nach der Kapitulation, die den Zweiten Weltkrieg beendete, bombardierten sowjetische Flugzeuge die von den Deutschen besetzte Insel. Das Wie und Warum habe ich recherchiert.

Während des Zweiten Weltkrieges war die Insel unbefestigtes Etappengebiet der Deutschen. Das änderte sich rapide im Frühjahr des letzten Kriegsjahres, weil der Seeweg über Bornholm die letzte Verbindung zwischen den im Osten abgeschnittenen deutschen Truppen und dem Westen war. Außerdem flohen in den letzten Kriegsmonaten über zwei Millionen Deutsche über Bornholm aus dem Osten in den Westen. In den letzten Kriegstagen war die Insel übervoll: Die regulären deutschen Besatzungstruppen waren auf 2000 Mann verstärkt worden, und weitere 20.000 deutsche Soldaten, die sich auf dem Rückzug befanden, machten auf Bornholm Station. Dazu kamen mehrere Tausend zivile Flüchtlinge.

Am 6. Mai 1945 erreichten den deutschen Inselkommandanten Kapitän zur See Gert von Kamptz der Funkspruch mit der Nachricht der Teilkapitulation der deutschen Streitkräfte in den Niederlanden, Nordwestdeutschland und Dänemark. Da die Urkunde zur Teilkapitulation vom britischen Feldmarschall Montgomery unterzeichnet worden war, lag es für den Inselkommandanten nahe, die Insel an die Briten zu übergeben. Doch die blieben fern, stattdessen erschienen am 7. Mai um 10 Uhr sowjetische Aufklärungsflugzeuge. Auf diese ließ der Inselkommandant schießen, worauf die Antwort nicht lange ausblieb: Stunden später kehrten die Flugzeuge mit 20 Bombern im Schlepptau zurück, die schwere Zerstörungen in der Inselhauptstadt Rønne und Nexø anrichteten. Die Bewohner der Städte waren gerade dabei, die Kapitulation zu feiern und keineswegs vorgewarnt. So erscheint es heute wie ein Wunder, dass nur zehn Tote zu beklagen waren.

Rønne und Nexø versanken in Schutt und Asche

Ein zweiter Angriff der sowjetischen Flugzeuge an diesem Tag traf einen Konvoi deutscher Schiffe beim Verlassen des Hafens von Rønne. Die Sowjets warfen Flugblätter ab, auf denen die deutsche Besatzung zur Kapitulation bis 10 Uhr des nächsten Tages aufgefordert wurde. Von Kamps ließ das Ultimatum unbeantwortet, aber vorsichtshalber wurden die Bewohner von Rønne und Nexø evakuiert. Das zweite Bombardement am 8. Mai um 9:45 Uhr ließ beide Städte in Schutt und Asche versinken. Zu diesem Zeitpunkt wusste der Inselkommandant noch nichts von der bedingungslosen Kapitulation am 7. Mai, das erfuhr er erst durch einen Funkspruch nach dem russischen Angriff.

Inselkommandant Kapitän zur See Gert von Kamptz 

Erst während seiner neunjährigen Kriegsgefangenschaft in der Sowjetunion erfuhr von Kamptz die Motive der Sowjets: „Erstaunlicherweise entnahm ich aus vielen Vernehmungen, dass die sowjetische Führung angenommen hatte, die Engländer hätten am 5. Mai Bornholm schon besetzt, um die Insel zusammen mit den Deutschen gegen sowjetische Angriffe zu verteidigen. Danach hätten sich die russischen Luftangriffe nicht nur gegen die deutsche Inselbesatzung gerichtet.“ Es war der 9. Mai, 15:30 Uhr, als die Russen mit fünf Schnellbooten und 150 Mann auf der Insel landeten. Die sehr starke Bornholmer Widerstandsbewegung hatte inzwischen Order aus Kopenhagen erhalten, mit den Russen zusammen zu arbeiten und die deutschen Truppen möglichst schnell außer Landes zu bringen.“Mit allem, was über Wasser fahren konnte,“ so erzählte mir ein Zeitzeuge vor 30 Jahren, evakuierte man vom 11. bis zum 25. Mai etwa 20.000 Soldaten und Flüchtlinge nach Kolberg. Die Bornholmer staunten nicht schlecht, als die ersten Schiffe zurückkamen, denn sie hatten sowjetische Truppen an Bord. Schließlich waren knapp 8000 sowjetische Soldaten auf Bornholm stationiert.

Ein Kriegsverbrechen

Ebenfalls am 9. Mai geschah in Höhe der Schäreninsel Christiansø etwas, was man nur als Kriegsverbrechen bewerten kann. Der Insel Bornholm näherte sich ein Konvoi deutscher Schiffe, und der Augenzeuge wiederum erzählte mir: „Wir wussten, dass auf diesen Schiffen Alte, Kranke und Verwundete waren. Wir sahen plötzlich 19 russische Flugzeuge. Sie griffen die Schiffe an, man hörte Bomben und Maschinengewehre. Wir sahen, dass viele Schiffe versenkt wurden.“ Das Massaker forderte 30.000 Menschenleben.

Überraschenderweise blieb die Besatzung nur bis zum März 1946 auf der Insel, die die Sowjetunion aber noch lange, sehr lange argwöhnisch im Auge behielt. So war beispielsweise unerwünscht, dass NATO-Einheiten an Übungen auf Bornholm teilnahmen. Und selbst ein Auftritt einer amerikanischen Musikkapelle auf der Tierschau in Almindingen führte zu einem diplomatischen Konflikt.

 

 





Notizbuch: auf der Suche nach guten Nachrichten

6 04 2020

Was mir zur Corona-Krise so alles ein- und auffällt [8]

Montag, 6. April 2020

Heute wird der Zauberer und Entertainer Martin Sierp 50 Jahre alt. Ein großes Fest mit Freunden und Familie und Berufskollegen [gibt es eigentlich auch Zauberinnen?] wird es dank der Pandemie nicht geben.

Ich kenne Martin seit seinen Kindertagen, mein ältester Sohn ist mit ihm in dieselbe Grundschulklasse gegangen. Der, Alex, wird Ostermontag 50. Keine Überraschung, kein Fest – wie schade. Ich glaube, ich habe ihm noch nie oder zumindest viel zu selten gesagt, was das für mich ein Glück war und ist, dass es ihn auf dieser Welt gibt. Den Augenblick seiner Geburt werde ich nie vergessen. Denn ich war dabei.

Das war vor 50 Jahren eine Ungeheuerlichkeit. Ich war geduldet, und das ließ man mich spüren. Zum Eckenstehen war ich verdammt, fast ein Störenfried, der zuguckte und mitlitt. Über die Geburt habe ich damals in den „Aachener Nachrichten“, bei der ich Redakteur war, eine ganzseitige Reportage geschrieben: „So wurde ich Vater – ein Mann erlebt die Geburt seines Sohnes“. Obwohl ich damals noch recht jung im Metier des Zeitungsmachens war, geriet sie mir zu einer der besten Stories, die ich je geschrieben habe. Den gedruckten Zeitungsbericht habe ich noch, leicht vergilbt, aber immerhin. Mir kommen sofort die Tränen, wenn ich ihn lese…

Also kein Fest zum runden Geburtstag. Das tut weh. Solche Feiern gab es früher jeden Tag in der berühmten „Eierschale“. Heute ist das Restaurant, an dem ich bei meinen tägllichen Spaziergängen vorbeikomme, verwaist. Nur ein Schild weist darauf hin, das man Essen ordern kann… Dass es dieses Jahr kein Osterfest gibt, ist mir egal. Ostern interessiert mich nicht, seitdem ich nicht mehr mit den Kindern zusammenlebe. Das „Fest“ verläuft ohnehin in diesem Jahr wie jeder anderer Tag, seitdem ich mich in freiwillige Isolation begeben habe. Ein wenig Hausarbeit, emails checken und beantworten, Ordnung in Steuerunterlagen bringen und Meldungen lesen.

Liebe PR-Damen und –Herren, seht mir nach, was ich jetzt sage: Selten flimmerte soviel Schwachsinn über meinen Bildschirm – Meldungen, die krampfhaft einen Bezug zur Pandemie herstellen, Meldungen, die so tun, als stünde die ferne Zeit der Normalisierung kurz bevor und Meldungen, die inhaltlos geschrieben werden, um nicht in Vergessenheit zu geraten. Zwei Meldungen fielen mir heute besonders auf: eine von Marketing Greece mit einem seitenlangen Begleitschreiben [was mag sich die kluge Geschäftsführerin Ioanna Dretta dabei gedacht haben?] und eine vom Hotel Adlon, die ans Herz geht: Das Berliner Luxushotel stellt Krankenhaus-Mitarbeitern, den Helden der Stunde, nach der Krise kostenlos Übernachtungen zur Verfügung.

Ein paar schöne Meldungen – das wäre gut für die Seele. Solche Meldungen hat die vierjährige Anna, süßes Töchterchen von Katharina und Julian Damitz, gestern erzählt: dass beispielsweise viele Hundebabys geboren wurden, dass schönes Wetter ist, dass viele Menschen wieder gesund sind und, Sensation!, dass es viel Klopapier gibt. Annas Meldungen liefen gestern sogar in der RBB-Abendschau.

Da das herrliche Wetter anhält, werde ich wohl jeden Tag meinen strammen Marsch durch den Park absolvieren. Denn es fällt mir keine Ausrede mehr ein. Die Menschen, denen ich begegne, sind freundlich und friedlich. Bis auf zahlreiche Jogger, die offensichtlich schlecht schätzen können, wieviel 150 Zentimeter sind. Und bis auf einen Bauarbeiter, der mitten auf dem durch die Bauabsperrung verengten Bürgersteig stand und sich partout weigerte, den 50-Zentimeter-Abstand auf die geforderten 150 Zentimeter zu erweitern. Und im Spielplatz vor meinem Wohnzimmer, der eigentlich mit rotweißem Band abgesperrt war, tollen jetzt jeden Nachmittag zwei Mädchen herum. Sie sind so lustig und haben so viel Spaß, sich bewegen zu können, dass niemand ihnen böse sein kann…