Notizbuch: Aida nach Qatar

23 09 2018

Es war nur ein Memorandum of Understanding , das jetzt in Berlin die Chefs von Costa Kreuzfahrten, Aida Cruises und Qatar Tourism Authority (QTA) unterzeichneten. Doch die Pläne dahinter sind schon sehr konkret. Mit einem einmaligen Anlauf der Costa  Mediterranea in Doha, der Hauptstadt von Qatar, wird Costa Kreuzfahrten am 6. März kommenden Jahres die Kooperation feierlich eröffnen.

Das  Flaggschiff der Reederei, die Costa Diadema , wird dann in der Saison 2019/2020 16 Mal in Doha anlegen. „Qatar hat  großes  Potenzial für die Kreuzfahrtindustrie,“ betonte Neil Palomba, Präsident von Costa Kreuzfahrten [links], nach der Unterzeichnung des Memorandums. AIDAprima legt in der laufenden Saison 2018/19 achtmal in Doha an; Aida Cruises wird auch in der kommenden Saison Qatar in sein Programm einbeziehen. „Wir müssen viele Destinationen anbieten,“ begründet Felix Eichhorn, Chef von AIDA Cruises, das neue Engagement seiner Gesellschaft, „Aida kann nur mit neuen Zielen wachsen.“ Zusammen wollen beide Kreuzfahrtgesellschaften in der kommenden Saison 45.000 Passagiere nach Doha bringen. Beide waren auch die ersten Reedereien der Welt, die ab 2006 regelmäßige Kreuzfahrten im Arabischen Golf unternahmen. Während der Wintersaison bieten beide Reedereien einwöchige „fly&cruise“-Reisen in die Region an. Eichhorn [rechts]: „Die neue Reiseroute für die AIDAprima ist eine perfekte Ergänzung zu unserem erfolgreichen Programm im Arabischen Golf.“ Fast alle Kreuzfahrt-Teilnehmer der beiden Reedereien kommen aus Europa – die meisten Passagiere der Aida sind Deutsche, Costa-Schiffe werden gerne von Österreichern, Schweizern, Spaniern, Franzosen und natürlich Italienern gebucht. Sie alle erwartet, darin ist sich Neil Palomba sicher, „eine überwältigende Gastfreundschaft“ in Qatar.

Absichtserklärung: vordere Reihe, links: Hassan Al Ibrahim, amtierender Vorsitzender der Qatar Tourism Authority, rechts: Felix Eichhorn, Chef von AIDA Cruises

Die Unterzeichnung des Memoranums fand in betont herzlicher Atmosphäre am Rande des auch von der Kanzlerin besuchten Qatar-Germany Business & Investment Forum statt. Das hatte die Stärkung der Beziehungen zwischen der Qatar Tourism Authority und Branchenpartnern zum Ziel. Für Hassan Al Ibrahim, den amtierenden Vorsitzenden der QTA, ist die Kooperation mit den beiden Reedereien „ein weiterer Schritt auf dem Weg zu unserem Ziel von 200.000 Kreuzfahrtbesuchern bis 2020“. Quatar konnte in der vergangenen Saison gegenüber der Saison 2016/17 die Zahl der Kreuzfahrtpassagiere um 39 Prozent auf 65.000 steigern.

Wie die QTA versichert, arbeitet sie mit Hochdruck an der Verbesserung der Infrastruktur. Derzeit kann nur ein Megaliner den Hafen von Dohar anlaufen. 2020 sollen in einem neuen Terminal zwei Schiffe pro Tag abgefertigt werden können. 2021, noch vor der Fußball-WM 2022, wird der Hafen sogar vier Megaschiffe aufnehmen können.

Mein Bericht über die Unterzeichnung der Absichtserklärung ist – ohne diese Fotos – in der Ausgabe 36 vom 17. September 2018 erschienen

 

 

 

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Notizbuch: Mario geht

17 09 2018

Montag, 17. September 2018

Das ist kein Nachruf. Natürlich nicht. Aber ein paar Worte zum Abschied. Nach 19 Jahren verlässt Mario Köpers, Leiter der Unternehmenskommunikation der TUI Deutschland, seinen Schreibtisch. Diese Nachricht hat mich heute geschockt. Fachlich und menschlich spielt Mario in der obersten Liga. Für mich war er von Anfang an der beste Pressesprecher im deutschen Tourismus, Männer wie Frauen berücksichtigt.

Es ist knapp 20 Jahre her, dass ich bei einer Alltours-Programmvorstellung war und begeistert zurückkam. Meiner damaligen Frau Sabine Neumann erzählte ich vom Pressesprecher, den ich dort kennen gelernt hatte: „Sabine, so muss ein Pressesprecher sein. Eloquent und sachkundig, charmant und humorvoll.“ Der, für den ich da schwärmte, war Mario Köpers. Ein paar Wochen später war er Pressesprecher der TUI Deutschland.

In der offiziellen Pressemeldung zu seinem Abschied heißt es: Mario Köpers kam 1999 von Alltours zum Marktführer TUI Deutschland, wo er die Leitung des Pressebereiches übernahm. Vier Jahre später wurde er Pressechef der TUI AG. 2006 verließ der studierte Kommunikations- und Politikwissenschaftler für knapp zwei Jahre den Konzern, um bei der Thomas Cook AG die Gesamtverantwortung für die Konzernkommunikation zu übernehmen. Nach Gründung der TUI Travel PLC kehrte der erfahrene Kommunikationsprofi nach Hannover zurück und wurde bei der deutschen Tochter der TUI Travel Kommunikationsdirektor für Europa Mitte. Nach der Übernahme der TUI Travel durch die TUI AG im Jahr 2014 leitete er die Unternehmenskommunikation der TUI Reiseveranstalter in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Er habe sich vor allem als Krisenprofi einen Namen gemacht, heißt es von der TUI. Zweimal war er Dozent in von mir beim Deutschen Seminar für Tourismus [DSFT] durchgeführten Krisen-Seminaren – fantastisch. O-Ton Pressemeldung: Souverän und professionell steuerte er

die TUI kommunikativ immer wieder durch schwieriges Fahrwasser, etwa bei Streiks, Terroranschlägen und Naturkatastrophen. Für seine Kommunikation während der Aschewolke-Krise, die ganz Europa mehrere Tage in Atem hielt und das Geschäft der TUI vorübergehend zum Erliegen brachte, wurde Köpers 2011 mit dem „Internationalen Deutschen PR-Preis“ ausgezeichnet. Und als noch die „richtigen“ Reisejournalisten über Blogger die Nase rümpften oder zumindest bei deren Erscheinen die Augen verdrehten, hatte Mario Köper deren Wert für die Produkt- und Marken-PR der TUI längst erkannt.

Und dann die menschliche Seite. Immer für ein Gespräch gut, fürs Fachsimpeln, für einen Scherz, eine flüchtige Umarmung. Das wird sich nicht ändern. Mario Köpers wird nach einer Auszeit als PR-Profi selbständig machen.

Warum geht er überhaupt? Klar, dass es offiziell heißt, das geschehe „im besten gegenseitigen Einvernehmen“. Davon glaube ich kein Wort. Vielleicht liege ich falsch, aber ich glaube, Mario Köpers hatte einfach – pardon! – die Schnauze voll. Wer mitbekommen hat, wie schnöde kürzlich aus heiterem Himmel Programmvorstellung und New York-Pressereise abgesagt wurden, weiß, wovon ich rede.

 

 

 

 





Notizbuch: Mantegna & Bellini

14 09 2018

Sie zählen zu den bedeutendsten Malern der Renaissance. Sie lebten zur selben Zeit. Der eine kopierte fleißig die Werke des anderen. Sie waren sogar verschwägert. Aber noch nie wurden Mantegna und Bellini zusammen ausgestellt. Das wird jetzt in London nachgeholt – und in Berlin.

Ich habe selten eine Pressekonferenz erlebt, bei der die Akteure so stolz auf ihre Arbeit waren, so gelöst und glücklich. Bevor die Berliner Werke, frisch restauriert und sorgfältig verpackt, nach London gehen – die Reise beginnt am 1. Oktober -, stellten sich die Mitarbeiter der Staatlichen Museen zu Berlin der Presse: Michael Eissenhauer, Generaldirektor der Staatlichen Museen und gleichzeitig Direktor der Gemäldegalerie und der Skulpturensammlung [unten Bildmitte], Neville Rowley, Kurator der Berliner Ausstellung/Gemäldegalerie und Dagmar Korbacher, Kuratorin der Ausstellung/Kupferstichkabinett. Es wurde eine heitere Pressekonferenz.

„Mantegna und Bellini. Meister der Renaissance“ heißt die große Ausstellung, die vom 1. März bis 30. Juni kommenden Jahres Berlin beglückt. Vorher geht sie nach London. Denn die Renaissance-Show ist eine Zusammenarbeit der Berliner Gemäldegalerie und des Kupferstichkabinetts mit der National Gallery und dem British Museum in London. „Durch diese Zusammenarbeit haben wir weitere wertvolle Leihgaben gewinnen können“, freut sich Eissenhauer. Neville Rowley: „Nirgendwo außer in Venedig ist italienische Kunst besser vertreten als in London und Berlin.“

Rechts: Bellinis „Bildnis des Dogen Leonardo Loredan“ [The National Gallery, London], eines der faszinierendsten Renaissance-Gemälde, die ich kenne! 100 Werke beider Künstler werden in London ausgestellt – darunter auch viele Zeichnungen. „Diese werden auf Augenhöhe gezeigt“, sagt der Generaldirektor, „nicht irgendwo unter ferner liefen in einem Kabinett als Anhang der Ausstellung.“ Dafür gibt es einen guten Grund: „Nirgends ist man dem Künstler so nahe wie in den Zeichnungen“, schwärmt Dagmar Korbacher. Manche der Zeichnungen sind sich verblüffend ähnlich, so wurden Werke auch schon mal abwechselnd Mantegna und Bellini zugeschrieben. Bellini hat einen etwas flüssigeren Stil.

 

 

 

 

 

 

 

„Darbietung Christi im Tempel“ von Mantegna [oben, Foto Christoph Schmidt] und Bellini [Foto cameraphoto arte snc]01_Bellini_Darbringung_Christi_im_Tempel

Mantegna und Bellini lebten zur gleichen Zeit – 1431 bis1506 und 1435 bis1516. Es ist interessant zu sehen, wie Bellini Werke seines Schwagers Mantegna kopierte. Ein verblüffendes gutes Beispiel ist Mantegnas „Darbietung Christi im Tempel“ von 1453, im Besitz der  Staatlichen Museen Berlin. Es zeigt wohl links seine Frau, rechts ihn selbst. 20 Jahre später hat Bellini ein ähnliches Motiv gemalt; das Bild mit dem gleichen Titel befindet sich in der Fondazione Querini Stampalia in Venedig und wird in der Ausstellung gezeigt. „Er hat dazu die Figuren Mantegnas abgepaust“, sagt Rowley.

Zweieinhalb Jahre hat das Berliner Team schon an der Ausstellung gearbeitet. Aspekte der damit verbundenen Forschung und Restaurierung zeigt eine Berliner Vorabausstellung, die am dem 14. Oktober gezeigt wird. Ihr Titel: Bellini plus.





Notizbuch: Ole Bull

2 09 2018

Sonntag, 2. September 2018

„Heute lernen Sie Ole Bull kennen“, strahlt mich die norwegische Reiseleiterin in Bergen an. Ole wer? „Ole Bull, unseren Nationalhelden“, sagt sie, spricht das aber aus wie „Uhle Büll“ – Norwegisch halt. Auf dem Weg zum Bus schnell gegoogelt. Also: Der Mann war Violinspieler und Komponist und lebte von 1810 bis 1880. Im Wiener Bezirk Favoriten ist sogar eine Gasse nach ihm benannt.

Die Fahrt von Bergen, Norwegens zweitgrößter Stadt, bis in den Lysøenfjord ist nur kurz. Der Bus hält an einer Anlegestelle, von wo uns das kleine Personenschiff „Ole Bull“ in wenigen Minuten zur Insel Lysøen bringt. Und dann kommt sie schon bald in Sicht, die Märchenvilla aus grau gestrichener Kiefer, die sich der damals schon weltberühmte Musiker 1873 errichten ließ. Der Stilmix ist abenteuerlich, aber nicht ohne Geschmack. Neben einem russischen Zwiebelturm führt eine Treppe auf einen Balkonvorbau, in dem sich venezianische und indische Stilanklänge mischen. Ole Bull selbst sprach angesichts der vielen maurischen Stilzitate von „meiner kleinen Alhambra“.

Im Innern des Hauses, das von einem Konzertsaal dominiert wird, beruhigt sich das Stilgemisch keineswegs. Glasmalereien aus Deutschland, Kamine im italienischen Stil, norwegische Holzschnitzereien, ein Ohrensessel, Lüster, viele Kerzenständer  – das alles vermischt sich zu einem  durchaus anheimelnden Gesamtbild. Die Sommerwohnung des Komponisten erscheint Besuchern sofort vertraut. Und sie haben den Eindruck, Ole Bull habe sie gerade erst und nur für kurze Zeit verlassen.

Die Märchenvilla kann bis in den Herbst hinein im Rahmen von Führungen besichtigt werden. Die Führungen sind von erstaunlich hohem Niveau. Eine junge Norwegerin berichtet in einem fast poetisch anmutenden Englisch von Ole Bulls wildem, ja wüstem Leben, das am 5. Februar 1810 in Bergen begann. Die musikalische Begabung wurde ihm in die Wiege gelegt. Schon mit neun Jahren trat der kleine Ole als Violinsolist in der Bergener Orchester-Vereinigung Harmonien auf. Seine Eltern wollten, dass er Theologe wurde, aber er bestand die Aufnahmeprüfung zum Studium nicht. Flugs gründete Ole ein Theaterorchester, und dann ging’s mit seiner Karriere bergauf. 1831 hörte er in Paris Niccolò Paganini – und imitierte seinen Stil. Auch er wurde zum „Teufelsgeiger“.  Robert Schumann, den er in Leipzig besucht hatte, hielt ihn denn auch für den „größten Geiger nach Paganini“. Mit 25 begeisterte er seine Zuhörer bei einem Solokonzert mit dem großen Orchester der Pariser Oper. 1836 und 37 gab Ole Bull fast 300 Konzerte in Irland und England. 1840 spielte er gemeinsam mit Franz Liszt in London Beethovens Kreuzersonate. Nach dem Konzert war Liszt der Überzeugung, einen solchen Geiger gebe es „kein zweites Mal in Europa“.  Der große norwegische Komponist Edvard Grieg, dessen Heim Troldhaugen in Bergen zu den meistbesuchten Sehenswürdigkeiten in Norwegen gehört, ging in seiner Verehrung für seinen Förderer Ole Bull noch weiter: „Wenn seine rechte Hand meine berührte, war das wie ein elektrischer Schock.“

Ole Bull war wohl auch ein Genie in der eigenen Vermarktung. Es ist überliefert, dass er Konzertbesucherinnen dafür bezahlte, bei seinen Auftritten in Ohnmacht zu fallen, damit er sie  – kurze Konzertunterbrechung! – höchstpersönlich mit seinem Riechfläschchen wieder zurück ins Bewusstsein holen konnte. Schon früh ließ er eine Biografie verfassen und  zu Werbezwecken verteilen. Und im Amerika-Gepäck hatte er angeblich Seifenstücke mit einem Autogramm.

Ole Bull reiste unglaublich viel. Es waren insgesamt fünf Tourneen, die ihn quer durch die USA führten. Er spielt auch eigene Kompositionen. Ole Bull soll mehr als 70 Werke komponiert haben, nur zehn davon sind heute bekannt. Zwei seiner Konzerte  für Violine und Orchester wurden erst im letzten Jahrzehnt wiederentdeckt und  erst vor zehn Jahren zum ersten Mal auf Tonträger eingespielt.

Aus Amerika brachte Ole Bull seine zweite, sehr junge Frau namens Sara Thorp mit auf seine kleine Insel. Sie war es auch, die auf dem Harmonium Mozarts Requiem spielte, als Ole Bull in seinem Haus auf Lysøen 1870 einem Krebsleiden erlag. Das Harmonium steht heute noch dort. Denn seine Witwe Sara, die mit der gemeinsamen Tochter Olea noch viele Sommer auf der Insel verbrachte, ließ das Inventar unangetastet. Auch die nur 0,7 Quadratkilometer große Insel, auf der Bull Spazierwege von insgesamt 13 Kilometer Länge anlegen ließ, blieb unverändert. Bulls Nachfahren ließen lediglich einen 76 Meter hohen Aussichtsturm errichten. 1973 machte Ole Bulls Enkelin Sylvea Bull Curtis Insel und Haus der „Vereinigung zur Bewahrung norwegischer Kulturschätze“ zur Schenkung. Heute ist die Villa ein gesetzlich geschütztes nationales Kulturdenkmal.

Zwei Gründe, die nichts mit der Musik zu tun haben, tragen ebenfalls zu Ole Bulls Status als Nationalheld bei. Er setzte sich Zeit seines Lebens für eine eigenständige norwegische Kultur ein. 1814 war die Union mit Dänemark aufgelöst worden, in der Norwegen jahrhundertelang von Dänemark dominiert worden war. Ole Bull gründete beispielsweise in Bergen das Norske Theater, an dem Theaterstücke in Norwegisch aufgeführt wurden. Den jungen Dramatiker Henrik Ibsen heuerte er als Stückeschreiber und Regisseur an.

Und da ist auch sein soziales Engagement. Ein Beispiel: In Pennsylvania kaufte Bull 1852 ein 49.000 Hektar – 490 Quadratkilometer – großes Grundstück, auf dem er eine Kolonie gründete, um armen Bauern aus Norwegen eine neue Existenz zu bieten. Er etablierte vier Gemeinden mit den Namen “New Bergen“, „Oleana“, „New Norway“ und „Valhalla“ und begann, so etwas wie eine hölzerne Burg zu bauen, die er „Nordjenskald” nannte, aber nie vollendete. Das Projekt scheiterte, weil die Siedler Probleme mit der Rodung der waldreichen Grundstücke hatten und auch der Boden nicht fruchtbar genug war. Die Norweger zogen weiter Richtung Westen.

All diese wundersamen Geschichten erzählt die junge Norwegerin in Ole Bulls Haus. Kaum ist die Erzählung zuende, erklingt hinter uns Engelsmusik. Ein großer, schwarzgekleideter Geiger kommt langsamen Schrittes in die Halle und spielt auf Bulls alter, kostbarer Guarneri ein Werk von Ole Bull. Ich weiß nicht welches, aber die Auswahl ist ja nicht groß.

Mein Bericht über Ole Bull ist – in leicht veränderter Fassung und nur mit dem Foto der „kleinen Alhambra“ – in der Wochenend-Ausgabe 1./2. September 2018 der Tageszeitung Neues Deutschland erschienen.

 

 

 

 

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Notizbuch: Stadtschloss-Enttäuschung

26 08 2018

Sonntag, 26. August 2018

Meine Vorbehalte gegen das Stadtschloss – die wollte ich heute loswerden. Deshalb reihte  ich mich ein in die Warteschlange. Die Stimmung war gut, das Sprachengewirr babylonisch, die Organisation perfekt. Und als ich dann schließlich im Schlüterhof des Schlosses stand – war ich tief enttäuscht. Nichts passt hier wirklich zusammen.

Das sehen nicht alle Besucher so. Ich glaube sogar, die allerwenigsten. Denn geradezu heiter genossen die Besucherscharen das Unterhaltungsprogramm des Tages der offenen Tür. Kauften Souvenirs [links], um die Vollendung des Baus zu unterstützen. Viele genossen das Angebot der Kaffee- und Kuchen-Stationen. Die beiden „Tage der offenen Baustelle“ waren die letzte Möglichkeit, das Schloss- und Humboldt-Forum-Projekt vor der Eröffnung im kommenden Jahr zu besichtigen.

Besser hätte der Förderverein Berliner Schloss e.V. die beiden Tage nicht organisieren können. Schon in der Warteschlange, die mitunter vom Schloss bis zum Alexanderplatz reichte, wurde [hervorragendes] Informationsmaterial verteilt. Freundliches Personal stand überall für Informationen bereit. Und die Security-Leute überstanden gelassen und höflich den Massenansturm.

Alt und neu, so finde ich, passen nicht zusammen

Der Schlüterhof

Warum war ich gegen den „Wiederaufbau“ des Stadtschlosses? Erstens bin ich prinzipiell gegen den Wiederaufbau [nicht gegen die Sanierung] zerstörter historischer Bauten. Eine Ausnahme lasse ich bei der Marienkirche zu, weil der Wiederaufbau identitätsstiftend für die Bewohner der Stadt war. Zweitens frage ich mich seit Jahren, warum Berlin einen solchen Klotz überhaupt braucht.

Und dann stehe ich auf einer Baustelle, die mich eher erschreckt als ergötzt. Die nachgebildeten Barockelemente erscheinen mir seelenlos, uninspiriert. Der Schlüterhof, benannt nach dem berühmten Baumeister Andreas Schlüter, hat einen Touch von Hollywood. Die Neubautrakte finde ich architektonisch einfallslos, und sie passen nicht zum Pseudo-Barock.

Eine Menge Material muss noch verbaut werden

Negativ-Stimmen von Schloss-Besuchern

Kurze Schlossgeschichte: 1442 im Auftrag der Markgrafen und Jurfürsten von Brandenburg erbaut. Bis 1702 barock erweitert, gilt es als Hauptwerk von Andreas Schlüter. Das war allerdings ein Barockbau nordischen Stils, relativ kühl, nicht von der überbordenden Pracht südlichen Barocks. 1702 war der Bau königliche, ab 1871 kaiserliche Residenz. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Berliner Schloss beschädigt, doch der von der SED beschlossene Abriss wäre nicht erforderlich gewesen. Teile des Schlossportals wurden 1963 in das nebenan liegende Staatsratsgebäude der DR eingebaut. 1973 wurde auf dem Schlossgelände derPalast der Republik errichtet, nach der Wende geschlossen und ab 2006 abgerissen. Da bestand schon längst der größenwahn- sinnige Plan für den Schlossneubau.

Wenn dieser Bau wenigstens ein großer architektonischer Wurf geworden wäre…

 





Notizbuch: Berlin-Phobie?

21 08 2018

Dienstag, 21. August 2018

Hat die Lufthansa eine Berlin-Phobie? Sind die Damen und Herren in der Chefetage arrogant? Oder nur ignorant? Verdachtsmomente, die nicht von der Hand zu weisen sind. Denn die Lufthansa lehnt neue Langstreckenflüge von und nach Tegel ab. Das Hauptargument: Berlin als alleiniger Quellmarkt füllt derartige Nonstopverbindungen wie Tegel-New York nicht.

Lufthansa-Fotos: Tino Friedel – AT

„Angesichts der überschaubaren wirtschaftlichen Kraft Berlins kann man von uns nicht verlangen, die Stadt mit vielen Direktverbindungen an die Wirtschaftsmetropolen dieser Welt anzubinden“, zitiert der renommierte Tagesspiegel den Cheflobbyisten der Lufthansa, Kay Lindemann. Der war bis vor kurzem Geschäftsführer des Verbandes der Automobilindustrie (VDA).

Burkhard Kieker, Chef der Berlin-Werber [links], hatte auf der Pressekonferenz zur Halbjahresbilanz von visitBerlin zum Thema Langstreckenflüge betont, bei diesem Thema liege Berlin „im Niveau bei Kiew und Budapest“ und kritisierte sozusagen zwischen den Zeilen die Lufthansa. Kieker erwartet eine Wende mit der Eröffnung des Großflughafens BER in zwei Jahren. Und „der Verkauf eines Langstreckenfluges beginnt zwei Jahre vorher“ – wegen der Slots, der Maschinen, des Personals.

Die Lufthansa hat kurz nach der Übernahme der Air Berlin-Reste deren einzige Langstreckenverbindung, den Flug Tegel-New York, gestrichen. Berlins Regierender Bürgermeister [links, Foto: ITB] sagte dazu den Kolleginnen und Kollegen vom Tagesspiegel: „Das Einstellen der Direktverbindung nach New York ist falsch und gegen den langfristigen Entwicklungstrend der Stadt.“

Jan Eder, Hauptgeschäftsführer der IHK Berlin, tritt in seiner Stellungnahme zur „überschaubaren wirtschaftlichen Kraft“ der Lufthansa gehörig auf die Füße. Einige seiner Argumente im Wortlaut:

  • An den Berliner Flughäfen steigen schon heute mehr Passagiere ein und aus als in München oder Frankfurt am Main. Und nicht nur Dax-Konzerne nutzen Flugzeuge für Geschäftsreisen und Luftfracht. Gerade die Berliner Industrie ist besonders international aufgestellt und erwirtschaftet 60 Prozent ihres Umsatzes international.
  • Berlin international gefragter Tagungs- und Kongressstandort mit einem Gesamtumsatz von 2,5 Milliarden Euro. Im ersten Halbjahr 2018 kamen erstmals mehr als eine Million Kongressgäste aus dem Ausland – ein Wachstum zum Vorjahr um 10 Prozent.
  • 171 diplomatische Vertretungen und 10 Vertretungen internationaler Organisationen haben ihren Sitz in der Stadt – und Berlin ist Regierungssitz.
  • Laut einer aktuellen Umfrage des Flughafenverbandes ADV ist die Hauptstadtregion übrigens das Ziel, zu dem die meisten Langstreckenpassagiere in Deutschland wollen.

Eders Verdacht: „Geht es bei diesen Äußerungen nicht eigentlich darum, die Standorte in Frankfurt und München zu schützen? Aus Unternehmenssicht wäre das sogar verständlich. Das darf aber nicht dazu führen, eine ganze Wirtschaftsregion ohne sachliche Grundlage öffentlich zu diskreditieren.“

Während ich das schreibe – buchstäblich! – kommt die Nachricht über eine für Juni kommenden Jahres vorgesehene neue Langstrecken-Verbindung zwischen Philadelphia und Berlin. Doch Einsicht bei der Lufthansa? Mitnichten. American Airlines bietet die Verbindung an.

 

 

 

 





Notizbuch: „Stehaufmännchen“ Berlin

16 08 2018

Donnerstag, 16. August 2018

Berlin ist ein „Stehaufmännchen“. Das findet Burkhard Kieker, vom Erfolg verfolgter Geschäftsführer von visitBerlin.  Auf der Bilanz-Pressekonferenz zum 1. Halbjahr 2018 konnte er von einem „gesunden Wachstum“ berichten. In den ersten sechs Monaten dieses Jahres stieg die Zahl der Berlin-Besucher um 4,4 Prozent auf 6,4 Millionen, die der Übernachtungen um 4,2 Prozent auf satte 15,3 Millionen.

Der Zusammenbruch von Air Berlin vor einem Jahr [Kieker: „das war der GAU“] und der damit verbundene Wegfall von zigtausend Flugplätzen hatte im vorletzten Halbjahr zu einer kleinen Wachstumsdelle geführt. Zahlreiche Pressekollegen und –kolleginnen hatten m vorauseilenden Pessimismus schon das Ende der Erfolgsstory Berlin gepredigt. Das war ein gefundenes Fressen nicht nur für die Boulevardpresse. Aber ätschebätsche: zu früh gejammert!

Die Bleibezeit der Berlin-Besucher ist ein klein wenig kürzer geworden. Dazu hat aber durchaus auch der gewachsene Businessverkehr beigetragen; Businessleute bleiben immer kürzer als Ferienreisende. Die Hälfte der Besucher der Hauptstadt stammt aus Deutschland, dem stärksten Quellmarkt für visitBerlin. In New York stammen übrigens 80 Prozent der Besucher aus dem Inland. Der Gegenpol ist Rom: Dort stammen sieben von zehn Gästen aus dem Ausland.

Noch ein paar Details zu Bilanz: Wichtigstes Herkunftsgebiet der deutschen Gäste ist Nordrhein-Westfalen mit 27 Prozent. Wie der Qualitätsmonitor Deutschland-Tourismus ermittelt hat, ist das Image von Berlin als ewig junges Partyziel falsch: Das Durchschnittsalter der Gäste liegt bei 40,4 Jahren. Das sieht Kieker durchaus mit gemischten Gefühlen: „Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll.“ Party als Reisegrund spielt nur für 20 Prozent der Besucher die Rolle Nummer eins. Da sind schon eher die 2500 bis 3000 Events am Tag ein Reisegrund.

visitBerlin-Chef Burkhard Kieker, rechts Pressesprecher Christian Tänzler

2,5 Millionen Auslandsgäste besuchten Berlin. Erster Platz nahmen die Briten ein, den zweiten die US-Amerikaner. Kieker freut sich auch über Rang drei und vier, Italien und Spanien: „Die waren lange Sorgenkinder.“  Keineswegs ein Sorgenkind war und ist das Kongressgeschäft. Iris Lanz, Director Conventions bei visitBerlin [Foto] nannte eindrucksvolle Zahlen. 5,08 Millionen Teilnehmer besuchten in den ersten sechs Monaten 65.790 Veranstaltungen. Zum ersten male reisten über eine Million internationale Gäste zu Tagungen und Kongressen in die deutsche Hauptstadt, das ist ein Anstieg von zehn Prozent. Die wichtigste Branche im Berliner Kongressmarkt ist der Bereich Medizin, Pharma und Gesundheitswirtschaft mit einem Anteil von 20 Prozent. Platz zwei belegen Kongresse der Politik und öffentlichen Institutionen mit 14 Prozent, gefolgt von der IT und Digitalwirtschaft (13 Prozent).