Notizbuch: Privates entlockt

16 09 2021

Podcast-Beitrag über mein neues Erinnerungsbuch im Deutschen Reiseradio

Donnerstag, 16. September 2021

Immer wieder zeigte sich Skype zickig, als mein Kollege Rüdiger Edelmann heute ein langes Gespräch mit mir führte. Bild und Ton blieben immer wieder „hängen“. Zweck des Gesprächs war ein Podcast-Beitrag über mein Buch „…nur schade, dass sie hinkt!“ Es enthält Reiseerinnerungen, oder anders ausgedrückt: „Kurze Geschichten aus einem langen Reiseleben“. Dem fertigen Beitrag hört man nicht an, unter welchen Problemen er entstanden ist. Chapeau, Rüdiger!

Rüdiger Edelmann [Foto] hat mir in seinem Interview viel Privates entlockt. Sei’s drum. Auf jeden Fall hat er das Buch gründlich gelesen und sich vorab viele Gedanken gemacht. Hier sein Vortext zum Podcast, veröffentlicht auf seiner website htpps://deutsches-reisebüro.com :

Rückblicke sind nicht immer zielführend, manchmal helfen Sie aber die Dinge, die geschehen sind richtig einzuordnen und manchmal helfen Sie die Gegenwart zu verstehen und mitunter zaubern sie einem auch nur den Hauch der Erinnerung und des Lächelns ins Gesicht. – Um solche Erinnerungen geht es heute in unserem Reiseradio-Büchertalk-Podcast.

Der Mann, mit dem ich heute rede gehört auch zu meinen Erinnerungen. Seit ich 1983 zum ersten Mal auf der Internationalen Tourismus-Börse in Berlin war, kenne ich ihn. Erst im Vorbeigehen, dann flüchtig und im Lauf der Jahre intensiver. Er ist noch ein paar Jährchen älter, hat noch mehr Erfahrungen gemacht und mir so viele ITBs voraus, dass ich ihn vermutlich nie einholen werde.

Horst Schwartz gehört in meiner Erinnerung zur ITB, zum Tourismus, zum Reisejournalismus und zum Kreis der liebenswerten Kollegen. Denn – das weiß jeder – nicht jeden hat man gleich gerne.

Horst Schwartz hat ein Buch geschrieben, über sich, übers Reisen, auch über den Reisejournalistenjob und auch über Menschen die ihm begegnet sind. Darüber reden wir im Podcast.

„…nur schade, dass sie hinkt!“

Eins schreibt Horst, als Autor schon ganz am Anfang. Das Buch seien nicht die Memoiren eines Reisejournalisten mit allen Hoch- und Tiefpunkten eines Autorenlebens. Es geht um Menschen, die teils professionell, teils anders seinen Weg kreuzten. Und es sollen die Begegnungen sein, die auf den ersten Blick völlig unsortiert und nicht chronologisch geordnet „im Buch auftreten“. Der Titel gar hätte dem Marketingchef eines Verlags vermutlich den Schweiß auf die Stirn getrieben. Auf den ersten Blick ist das kein verkaufsfördernder Buchtitel.

Aber der Autor hat sich was dabei gedacht. Was, verrät er uns.

Geschichten aus dem Meer der Erinnerungen

Nun wissen wir alle, das Meer ist groß. Wie hat Horst die für ihn passenden Geschichten gefunden? Insbesondere Kreta Fans und Freunde der dänischen Insel Bornholm, erfahren viel, über die ganz persönlichen Besuchserfahrungen. Horst Schwartz weigert sich zurecht, das Buch als Reiseführer zu sehen. Trotzdem habe ich zum ersten Mal etwas von den Erbseninseln erfahren. Will da jetzt eigentlich hin, weniger wegen der Beschreibungen, sondern wegen der Stimmung, die der Text in mir zauberte. Außerdem habe ich, außer von Horst, noch nie gehört, dass jemand begeistert von den Erbseninseln berichtete.

Ja, ich hatte Fragen nach dem Lesen

  • Kann man als Reisejournalist Lieblingsziele haben, ganz jenseits der Profession?
  • Will und darf man als Autor so unglaublich ehrlich über seine Schwächen und Gefühle schreiben?
  • Darf man emotionalen Lebenserinnerungen freien Lauf lassen?
  • Welche Rolle spielten die geschriebenen Storys, die sich als Schicksalsgeschichten erwiesen.
  • Wie wichtig ist die Subjektivität?
  • Warum dieses Buch, jenseits der selbst gestellten Aufgabe, in Pandemiezeiten am Ball bleiben zu wollen?
  • Warum ein Buch, dessen roter Faden die Erkenntnis ist, dass es diesen nicht gibt und er am Ende doch erkennbar wird?

Hier die links zum Podcast:

https://deutsches-reiseradio.com/  oder

https://deutsches-reiseradio.com/d-rr177-kurze-geschichten-langes-reiseleben/

 

 

 





Notizbuch: ein Auto zum Verlieben

13 09 2021

Stettiner Notizen [I]: Fahrzeuge des Automobilbauers Stoewer im Technikmuseum

Es gibt ohne Zweifel größere, weitläufigere Technikmuseen als das Museum für Technik und Kommunikation in Stettin. Museumsdidaktisch könnte es eine Prise Auffrischung ertragen. Aber dieses Haus besitzt etwas, was allein den Besuch schon lohnt: die größte Sammlung der Welt von Fahrzeugen des deutschen Autobauers Stoewer.

Auf der ganzen Welt gibt es davon nur noch 200 Exemplare, die Stettiner Sammlung besitzt allein 10. Darunter ist ein Auto zum Verlieben. Es handelt sich um einen blauen Sport-Roadster aus dem Jahr 1931. Der Wagen wurde in jenem Jahr auf der internationalen Automesse in Berlin ausgestellt und gewann später Preise bei Autorennen. Dass er im Zweiten Weltkrieg zahlreiche Einschusslöcher davontrug zieht man dem meisterhaft restaurierten Fahrzeug heute nicht an: Es sieht aus, als wäre es gerade vom Band gelaufen.

Stoewer hat zahlreiche Autos der V5-Reihe gebaut, bis auf den Roadster mit kastenförmige Karosserien. Einige davon sind im Stettiner Museum ebenfalls zu sehen. Obwohl als einfaches und preiswertes Auto konstruiert, war der V5 das Modernste vom Modernen – nämlich das erste in Serie hergestellte deutsche Auto mit Vorderradantrieb. 1931 und 1932 wurden davon nur 2100 Exemplare in verschiedenen Varianten produziert. „Stoewer versuchte nie, auf dem Massenmarkt zu konkurrieren“, heißt es dazu in einer Chronik. Die Stoewer-Autos trugen alle einen Greif als Kühlerfigur.

Das Aus für den Frontantrieb kam von den Nazis. Sie banden das Unternehmen in die Rüstungsproduktion ein und ließen keine militärischen Fahrzeuge mit Frontantrieb zu. Die Bilanz der Stoewer-Werke:Von 1898 bis 1945 stellten sie 60  Fahrzeugmodelle her. Die Geschichte der Firma endete, als Stettin nach dem Zweiten Weltkrieg polnisch wurde. Die Russen demontierten die Werksanlagen und brachten sie in die UdSSR.

Stolz ist man in dem Museum, in dem zahlreiche Oldtimer-Motorräder von der Decke hängen,  darauf, das alle ausgestellten Fahrzeuge wieder fahrtüchtig restauriert worden sind. Wundersame Fahrzeuge sind darunter, etwa ein Kleinwagen, dessen Vorderteil abgeklappt werden muss, um einsteigen zu können…

Was fasziniert uns heute so sehr an Oldtimer-Museen? Ich glaube, es ist vor allem der Kontrast der Karosserien von einst und heute. Moderne Autos haben ihren Charakter verloren. Unterschiede sind nur schwer auszumachen, die stromlinienförmigen Formen gleichen sich verblüffend.

Seit einiger Zeit werden die Kühlerpartien aufgemotzt, dass sie aussehen wie Gebisse aggressiver Raubtiere. Was für wundervolle Karoserien wurden dagegen früher entworfen. Nicht nur für den blauen Roadster, in den man sich verlieben kann.

,





Notizbuch: Tabus sind zum Brechen da

7 09 2021

Das ist neben Kettenrauchen die Lieblingsbeschäftigung des früheren Bürgermeisters von Thessaloniki

Eine Leseprobe aus meinem neuen Buch „…nur schade, dass sie hinkt“ mit [so der Untertitel] „kurzen Geschichten aus einem langen Reiseleben“. Sie ist dem früheren, inzwischen legendären Bürgermeister von Thessaloniki gewidmet, Giannis Boutaris. Eine Momentaufnahme aus dem Jahr 2015:

Von Konventionen hält Giannis Boutaris recht wenig. Der über 70-jährige Bürgermeister von Thessaloniki, drahtig und fit wie ein Turnschuh, macht sich auch nicht viel aus Journalisten. So gerät die Interviewstunde mit ihm zu bester Unterhaltung.

»Es macht Ihnen doch nichts aus, wenn ich rauche!« sagt er zu Beginn der Stunde. Das ist eine vollkommen rhetorische Frage, denn er hat seine Zigarette längst angezündet. Kettenrauchend steht er Rede und Antwort, dies allerdings in bemerkenswerter Offenheit. Bürgermeister-Empfänge auf Pressereisen sind sonst meist qualvoll, weil die Amtsvertreter gerne Fensterreden halten und auf brennende Fragen der Journalisten nur selten eingehen.

Giannis Boutaris macht genau das Gegenteil, und dies mit wirklich nicht zu übersehendem  und zu überhörendem Selbstbewusstsein. Schließlich stammt er aus einer berühmten Winzerfamilie. Das 1879 gegründete Unternehmen Boutaris, das er jahrelang geleitet hat, besitzt sieben Weingüter. Im Land gibt es kaum ein Restaurant, das nicht einen der vielen Boutaris-Weine auf der Karte hat. Seine Bekanntheit und sein Geld haben ihn mit Sicherheit bei der Verwirklichung seiner Aufgaben geholfen. »In der griechischen Politik hilft es immer, reich zu sein«, sagt er.

     Als er antrat, hatte Thessaloniki ein europaweit bekanntes Müllproblem, das als unlösbar galt. Boutaris: »Das ist nun weg.« Das war schwerer getan als gesagt, denn sich an die Reform der Müllabfuhr mit ihren 1.500 Mitarbeitern zu wagen, galt jahrzehntelang in der Stadt als tabu. Ein weiteres Hauptproblem ist der Verkehr. Mit dem Bau der Metro hat die Stadt vor fünf Jahren begonnen, aber das wird laut Boutaris »noch fünf Jahre dauern«. Problem Nummer drei ist die Arbeitslosigkeit.

Kann der Tourismus aus diesem Tal heraushelfen? »Saloniki ist eine Stadt, die keiner kennt«, bedauert der Bürgermeister. Künftig will er nicht nur in Deutschland um Gäste werben, sondern auch in der Türkei und in Israel. Immerhin gehörte die Stadt bis 1912 zum Osmanischen Reich, Kemal Atatürk wurde in Thessaloniki geboren. Dass der Bürgermeister Türken als künftige Gäste umgarnt, ist für viele Griechen heute immer noch ein Tabu. Und dass in der Stadt vor dem Krieg einmal 50.000 Juden – fast die Hälfte der Bewohner – lebten und nur 1.500 dem Holokaust entgingen, ist nicht im öffentlichen Bewusstsein verankert.

Boutaris zündet sich eine neue Zigarette an der alten an und zählt auf: In der Stadt gibt es 31 Museen, darunter auch ein Museum der Gegenwartskunst mit der weltweit zweitgrößten Kollektion russischer Kunst. Und über 100 Monumente sind in der Stadt mit ihrer fünf Kilometer langen Wasserfront zu bestaunen. In diesem Punkt vergleicht Boutaris die Stadt mit Istanbul und Wien.

Neue Zigarette, neues Thema: »Die Stadt schläft nie, sie wird von jungen Leuten geprägt.« Griechenland zweitgrößte Stadt hat mehr als 100.000 Studenten – fast ein Drittel der Stadtbevölkerung. »Für Besucher ist es wichtig, den Geist der Stadt mitzubekommen«, sagt Giannis Boutaris dann und verlässt den Raum. Er hinterlässt keinen Zweifel daran, dass er fest entschlossen ist, weiter am laufenden Band Tabus zu brechen.

Das Buch ist im Verlag tredition® in drei identischen Fassungen erschienen: als repräsentatives Hardcover [19,80 Euro], als Taschenbuch [14,90 Euro] und als eBook [7,99 Euro].





Notizbuch: Mies wäre glücklich

5 09 2021

Neue Nationalgalerie: wie ein Meisterwerk in 30.000 Teile zerlegt und wieder zusammengesetzt wurde

Sonntag, 5. September 2021

Zwei Genies haben sich die Hand gereicht: Mies van der Rohe, der Schöpfer der Neuen Nationalgalerie, und der Architekt David Chipperfield, der dessen Meisterwerk wieder in den alten Zustand versetzt hat. Sechs Jahre hat es gedauert, die Schäden, die an dem Bau in 50 Jahren entstanden sind, zu beheben  – und dabei möglichst wenig von Geniestreich des Architekten anzutasten. Jetzt ist die Neue Nationalgalerie wiedereröffnet und strahlt [um eine oft missbrauchte Floskel hier korrekt zu verwenden:] im alten Glanz.

Der Brite David Chipperfield, Jahrgang 1953 [Foto rechts], hat in Berlin einen guten Namen. Sein Architekturbüro David Chipperfield Architects unterhält in der Stadt seit 1998 ein Dependance-Büro, das für den genialen Wiederaufbau des Neuen Museums und für die 2018 eingeweihte, faszinierende James- Simon-Galerie auf der Museumsinsel verantwortlich zeichnet. Die Sanierung der Neuen Nationalgalerie war eine Mammutaufgabe: 30.000 Einzelteile wurden demontiert, zur späteren Identifizierung gekennzeichnet, in sogenannte Demontagepläne eingetragen, in einer Datenbank verwaltet und in speziellen Werkstätten restauriert. Danach mussten alle Teile wieder an alter Stelle eingepasst werden.

Auch die Sitzgelegenheiten, darunter der berühmte Barcelona Chair, mussten restauriert werden; rechts im Bild Mies vanb der Rohe 

In den zurückliegenden 50 Jahren des Museumsbetriebs hatten vor allem die Gebäudetechnik und die Bausubstanz gelitten. Da gab es abgenutzte Teppiche und verschlissene Sitzmöbel, poröse Wände und Serviceeinrichtungen wie Garderoben und Kassen, die einem heutigen modernen Museumsbetrieb nicht mehr gewachsen waren. Das Architektenteam musste sich um eine bessere Klimatisierung kümmern und an der Energieeinsparung, der Sicherheit und dem entsprechenden Brandschutz arbeiten. Nun ist es geschafft.

Die Neue Nationalgalerie mit Blick auf die Matthäuskirche [Mitte des 19. Jh.], im Vordergrund Calders „Tête et Queue“ 

Man könnte sagen, dass mir dieses Museum in den vergangenen Jahrzehnten den Psychiater erspart hat. Nicht nur, wenn ich irgendwelche Ausstellungen unbedingt sehen wollte, sondern auch und gerade dann, wenn ich den Blues hatte, tat ein Rundgang durch das Gebäude meinem Seelenheil gut. Kein anderes Gebäude auf der Welt war mir in Jahrzehnten so ans Herz gewachsen. So war ich traurig, als das Museum zur Sanierung geschlossen wurde. Von fünf Jahren war die Rede – aber wer weiß schon, wie lange solche Bauvorhaben in Berlin dauern…? Aber David Chipperfield lieferte [fast] pünktlich ab. Entsprechend glücklich und überwältigt war ich, als ich jetzt zum ersten Mal wieder durch das Museum schlenderte…

Der berühmte Bau besteht aus zwei Teilen, wie sie unterschied-licher kaum sein könnten. Da ist die große, lichte Halle im Obergeschoss, auf der das Dach zu schweben scheint; sie wird zu Sonderausstellungen bestückt. Und das sind die intimeren Museumsräume im Untergeschoss mit Werken der ständigen Museumssammlung.

„Minimal/Maximal“ heißt die Sonderausstellung in der Halle im Obergeschoss, die dem Bildhauer  Alexander Calder, ein Zeitgenosse Mies van der Rohes, gewidmet ist. Das ist wörtlich zu nehmen. Die Exponate sind so gigantisch, dass sie die Halle vom Fußboden bis zur Decke ausfüllen. Andere sind so winzig, dass sie in eine kleine Glasbox passen. Calder, der auch riesige und zauberhaft kleine, regelrecht verspielte Mobiles geschaffen hat, ist mit der Neuen Nationalgalerie schon immer eng verbunden. Zu ihrer ihrer Eröffnung 1968 wurde auf dem Vorplatz das 1967 von Calder geschaffene Kunstwerk „Tête et Queue“ [„Köpfe und Schweif“] aufgestellt; es ist jetzt an den alten Platz zurückgekehrt – s. Bild oben.

Ergriffen war ich, als ich durch die Sammlung im Untergeschoss schlenderte. Da waren sie wieder alle versammelt, Max Beckmanns „Geburt“, Bellings Messingkopf, Dalis „Bildnis der Frau Isabel Style-Tas“, die Statue „Schwimmerin II“ von Gerhard Marcks [Foto links] und nicht zuletzt die riesige Figurengruppe „Capricorn“ von Max Ernst [rechts]. So manches Bild hätte ich vor Freude küssen, so manche Statur umarmen können. Aber ich weiß ja, dass man das nicht tut…

Die Kunstwerke sind nicht chronologisch geordnet, sondern nach 13 Themengruppen geordnet, die das Zusammenspiel von Kunst und Gesellschaft der Zeit von 1900 bis 1945 aufzeigen. Die Ausstellung mit dem Titel „Die Kunst der Gesellschaft“ will belegen, welch unterschiedliche Kunstströmungen in diesen knapp 50 Jahren parallel liefen: Expressionismus und Kubismus, Surrealismus, Dada und Neue Sachlichkeit. Die 13 Kapitel beschäftigen sich mit gesellschaftlichen Themen wie Großstadt, Politik und Propaganda oder Exil und Krieg. Die Kuratoren der Ausstellung hatten es nicht leicht und haben es sich nicht leicht gemacht. In die 45 Jahre, mit denen die Sammlung der Neuen Nationalgalerie sich befasst, fallen das Deutsche Kaiserreich und seine Kolonialverbrechen, die Weimarer Republik, der Nationalsozialismus und der Holocaust sowie zwei Weltkriege.

Ohne eine Schleuse passieren zu müssen, können Besucher der Neuen Nationalgalerie auch wieder in den sorgfältig restaurierten Skulpturengarten gelangen – mit Blick auf die Matthäuskirche und auf das über dem Museum schwebende Dach. Und da gibt es noch das neu gestaltete Café. Dort sitze ich beim doppelten Espresso und versuche, das gerade Erlebte zu verarbeiten. Ich bin glücklich. Mies van der Rohe wäre es auch…

 

 

 

 





Notizbuch: Am Ball geblieben

30 08 2021

Wie mein Erinnerungsbuch „…nur schade, dass sie hinkt!“ entstanden ist

Montag, 30. August 2021

Ein altmodisches Wort: Disziplin. Die musste ich aufbringen, um Tag für Tag am Ball zu bleiben. Und dann war es auf einmal fertig – mein Erinnerungsbuch mit kurzen Geschichten aus 50 Jahren beruflichem Reisen. Folgende Geschichte habe ich darüber für das columbus onlinemagazin der Vereinigung Deutscher Reisejournalisten geschrieben: 

Am Ball bleiben. Wie ein Mantra habe ich das jeden Tag wiederholt. Bleib am Ball, Horst! Im Lockdown waren alle meine journalistischen Aufträge weggebrochen. Ich hatte auf einmal Zeit, viel Zeit. Ich hätte das machen können, was ich mir in vergangenen hektischen Zeiten jahrelang gewünscht hatte: mal lange Zeit auf der faulen Haut zu liegen. Aber ich hatte die Idee, endlich mal ein paar Geschichten aus meinem Reiseleben aufzuschreiben und ein Buch daraus zu machen. Also entwickelte ich am heimischen Schreibtisch etwas, wofür ich nur ein sehr altmodisches Wort habe: Disziplin. Ich überredete meinen inneren Schweinehund dazu, täglich mindestens sechs Stunden an dem Buchprojekt zu arbeiten.

Wegen der guten Erfahrung mit einem Buch, das ich im ersten Lockdown geschrieben hatte, habe ich mich für einen Verlag entschieden, der Self publishing mit klassischer Verlagsarbeit verbindet. Self publishing bedeutet, dass Du alles selber machen musst. Zum Beispiel, die Idee ohne Lektor ausreifen lassen, die Texte schreiben und dabei auf „Vorschriften“ achten (jede neue Geschichte muss auf einer rechten Seite starten, jeder Absatz eingerückt werden) und Mitstreiter gewinnen, die das Manuskript sorgfältig Korrektur lesen.

getbigpreview-1Selfpublishing heißt aber auch, dass du dein eigener Herr bist, dass dir keine Lektorin und kein Lektor dreinreden kann, und dass du nicht so unter Zeitdruck stehst.

Aus dem Meer der Erinnerungen tauchten nicht nur lustige Geschichten auf, sondern auch Ereignisse, die erschütternd waren. Zum Beispiel der Brand in einem Wiener Hotel mit über 20 Toten, den Hoteltester der Stiftung Warentest und ich haben kommen sehen. Am schwierigsten waren Erlebnisse zu verarbeiten, bei denen Lachen und Weinen eng beieinander lagen. Wie die Geschichte, dass ich an einem FKK-Strand auf Skiathos den Ehering meiner Frau verloren habe und um die 50 nackte Helfer mit gegen Himmel gerecktem Po nach dem Ring im Sand gegraben haben. Das war ein lustiger Anblick, aber ich musste weinen, weil der Ring nicht mehr gefunden wurde.

Geschichten, in denen mir oder Mitmenschen Missgeschicke widerfahren, über die man sich köstlich amüsieren könnte, habe ich bewusst verzichtet.. Ich möchte hier niemanden zum Gespött machen, auch mich selbst nicht…

Enttäusche Eitelkeit: Kassiber für die Mutter

Aber über harmlose eigene Missgeschicke habe ich durchaus berichtet. Zum Beispiel darüber, dass ich bei einer Hotelinspektion mal wieder ein Glas Cola verschüttete und die site inspection im Bademantel absolvieren musste. Oder die Geschichte enttäuschter Eitelkeit, als mich auf einer Reise das Lächeln einer jungen (viel zu jungen…) Dame verzauberte, die mich schließlich in einem Kassiber um ein Treffen bat – aber nicht für sich, sondern für ihre Mutter.

Als besonders schwierig erwiesen sich die Recherchen. Ich behaupte, ein „Elefantengedächtnis“ zu haben, aber ich habe nicht Tagebuch geführt. Wann war die Reise zur Sababurg in Nordhessen, wo Dornröschen zu einem genialen Marketingtrick avanciert war? Wann habe ich den Ort Medjugorje in der Herzegowina besucht, in dem die täglich erscheinende Muttergottes säuberlich zwischen Sommer- und Winterzeit unterschied? Wann genau bin ich in Kenia vom Klippschliefer gebissen worden? War die Erinnerungsarbeit geleistet, kamen die Fragen an Google: Von wann bis wann herrschte in Griechenland die Militärjunta? Was für ein Vogel ist ein sprechender Beo? Wie viele Musikstücke hat der norwegische „Teufelsgeiger“ Ole Bull komponiert? Die Recherche-Ergebnisse füllten schließlich vier Aktenordner.

Die griechische Insel Kreta und das dänische Eiland Bornholm waren die Ziele, die ich als Reisejournalist am meisten besucht habe – aus beruflichen und – vor allem bei Bornholm – auch aus sehr privaten Gründen. So tauchen diese Destinationen mit diversen Geschichten am häufigsten in dem Buch auf. Um dazu ein Gegengewicht zu schaffen, habe ich gezielt nach Erinnerungen gesucht, die an anderen Orten spielen. Jetzt reichen die Erlebnisorte buchstäblich von A bis Z, von Aachen bis Zypern.

Als das Buch fertig war, fuhren die Gefühle Achterbahn

Schnell war mir klar, dass ich meine Geschichten nicht mit Farbbildern illustrieren kann. Das wäre zu teuer geraten. Also habe ich nach Schwarzweiß-Fotos gesucht und auf einmal daran Gefallen gefunden. Wir sind ja heute kaum noch in der Lage, schwarzweiß zu sehen. Jetzt illustrieren über 70 solcher Fotos das Buch.

Als ich das gedruckte Buch in der Hand hielt, fuhren meine Gefühle Achterbahn. Ich war stolz auf dieses Buch mit all seinen Geschichten. Froh war ich, durchgehalten zu haben. Und gleichzeitig kamen mir Zweifel: Wer will so etwas überhaupt lesen? Nach ein paar Tagen verschwanden die Zweifel. Der Stolz ist geblieben.

Das Buch ist im Verlag tredition® in drei identischen Fassungen erschienen: als repräsentatives Hardcover [19,80 Euro], als Taschenbuch [14,90 Euro] und als eBook [7,99 Euro].





Notizbuch: „Auseinandersetzung zwischen Gut und Böse“

22 06 2021

Wie mein Vater in seinen Kriegsbriefen an meine Mutter den Krieg gegen Russland bewertet

Dienstag, 22. Juni 2021

Im Buch „Meine liebe Mutti – Kriegsbriefe meines Vaters an seine Frau“ [meine Mutter] wird Russland rund 50mal erwähnt oder auch in längeren Passagen beschrieben. Dies nahezu ausnahmslos ohne nähere Ortsbestimmung. Die meisten Briefe mit entsprechenden Passagen stammen aus dem Jahr 1943, nur wenige sind von 1944.

„Heute ist uns nun der Krieg in ganzer Scheußlichkeit zum ersten Mal begegnet“, heißt es im ersten „Russlandbrief“ vom 12. Januar 1943. „Wir sind heute in eine große Stadt eingezogen, die noch unlängst heiß umkämpft war. Wie die Stadt aussieht, das kann man nicht in Worten beschreiben, überall liegen noch die toten Bolschewiken herum, ausgebrannt oder von Fliegerbomben getroffen usw. Es ist einfach ein toller Anblick. Von der Stadt steht so gut wie nichts mehr, was unseren Stukabombern oder dem Artilleriefeuer nicht zum Opfer fiel, ist von den Russen angesteckt worden, ehe sie abziehen mussten.“

Irgendwo und irgendwann heißt es in den Briefen aus Russland: „Selbst bis zu den jüngsten Kindern merkt das russische Volk, dass es hier um eine endgültige Auseinandersetzung zwischen Gut und Böse geht.“ Und: „Darum kämpfen wir ja, um unsere Heimat und Euch vor diesem Barbarentum zu bewahren.“  

Immer wieder zeigt sich eine eklatante Fehleinschätzung meines Vaters, was Russlands Militär und das Kräfteverhältnis zwischen Russland und Deutschland betrifft. Zum Beispiel schreibt er am 26. Januar 1943: „Ich bleibe nach wie vor ein kleiner Optimist und rechne noch immer damit, dass der Russe sich bei dem Massenaufgebot in diesem Winter verblutet. Wenn der Frühling kommt und wir wieder die Initiative ergreifen, dann ist der Geländeverlust von diesem Winter wohl schnell wieder aufgeholt, und dann wird Russland wohl hoffentlich in diesem Sommer den Todesstoß bekommen.“

Sogar Stalingrad wird von ihm als stategischer Erfolg umgedeutet: „Bewusst hat sich da unten eine Armee geopfert, um so starke Kräfte der Russen zu binden, dass ihr geplanter und gewollter Durchbruch in das wichtige Don- und Donezgebiet mit seinen großen Kohle- und Erzvorkommen nicht wahr wurde. Wenn die Russen dieses Gebiet wieder in ihre Hand bekämen, dann würden sie damit die Voraussetzungen für weiteren langjährigen Widerstand erfüllen. So hat dieses schmerzvolle Opfer von Stalingrad im Sinne des Großen doch seine Bedeutung.“

Und im selben Brief heißt es: „Man gibt den Bolschewiken einfach nichts zu essen, sie sind vollkommen ausgehungert und stürmen vielleicht gerade deswegen wie die Irrsinnigen gegen unsere Stellungen… Es muss ja wieder Frühling werden, genau wie in der Natur sich alles wieder dem Leben zuwendet, muss auch dieser Krieg ein Ende nehmen. Es fragt sich nur, welche Formen er bis zu seinem Ende und bis zur Vernichtung eines der Beteiligten noch annimmt.“    

Ein Hauch von Realität scheint im folgenden Briefabschnitt durch: „Der Russe ist in diesem Sommer ja schon reichlich frech. Wir wollen das aber keinesfalls überschätzen. Gewiss hat er z.T. beträchtliche Geländegewinne, das schließt aber nicht aus, dass er im Grunde genommen fertig ist. Das ist ein Gewaltakt, und das kann er auf die Dauer auch nicht durchhalten. Wir haben hier harte Kämpfe zu bestehen gehabt, das ist schon richtig, und der Russe kommt auch in unserem Abschnitt weiter.“

18 – von insgesamt 144 – Seiten nehmen die Russland-Notizen im Buch mit den Kriegsbriefen meines Vaters ein. „Auseinandersetzung zwischen Gut und Böse“ heißt das Kapitel. Dazu kommt noch das große Kapitel „Schlachten“ [„Wer auf Vati schießt ist ein Lump“, das in weiten Strecken in der Sowjetunion spielt. Insgesamt ein Zeitzeugnis, das – gerade zum heutigen Gedenktag – von großer Eindringlichkeit ist. Nie wieder darf es Krieg geben – dieser Überzeugung war mein Vater, als er Ende 1948 aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft heimkehrte. Keine zwei Jahre später begann der Koreakrieg. Die Bilanz: 4 Millionen Tote.

Eines der zu Hunderttausenden provisorisch angelegten Soldatengräber

Das Buch „Meine liebe Mutti – Kriegsbriefe meines Vaters an seine Frau“ ist im Verlag tredition in drei inhaltlich identischen Fassungen erschienen: als eBook (7,99 Euro, ISBN 978-3-347-16625-7), als Taschenbuch (13,90 Euro, ISBN 978-3-347-16623-3) und als Hardcover (18,90 Euro, ISBN 978-3-347-16624-0).





Notizbuch: Momente aus 50 Jahren

12 06 2021

Buch „…nur schade, dass sie hinkt“ erscheint in kürze

Sonntag, 13. Juni 2021

Der Probedruck meines neuen Buches ist dreimal durchgearbeitet. Fehler sind ausgemerzt, kleine Verbesserungen vorgenommen. Es wird – wie das Buch „Meine liebe Mutti – Kriegsbriefe meines Vaters an seine Frau“ – im Verlag tredition erscheinen. Der genaue Erscheinungstermin steht noch nicht fest, wohl aber sonst alle Einzelheiten:

Der Titel: „…nur schade, dass sie hinkt!“ Er stammt natürlich aus einer der Geschichten. Der Untertitel ist Programm: „Kurze Geschichten aus einem langen Reiseleben.

Der Inhalt: Dieses Buch ersetzt keinen Reiseführer. Es enthält 60 kurze Geschichten aus meinem beruflichen Leben als Reisejournalist: Begegnungen und Ereignisse als Momentaufnahmen. Die Geschichten stammen aus vielen verschiedenen Destinationen dieser Welt – von A bis Z, von Aachen bis Zypern. Sie sind meist amüsant, mitunter aber auch ernsterer Natur. Aus jeder Geschichte spricht, davon bin ich überzeugt, meine Liebe zum Reisen und zu den Mitmenschen, die ich dabei in 50 Jahren getroffen habe.

Die Destinationen: Die meisten Geschichten stammen aus Griechenland – davon sechs aus Kreta und drei aus Athen. Zweithäufigste Destination ist Deutschland, dabei stammen je drei Stories aus Aachen und Hessen. Auf Platz drei liegt Dänemark mit acht Reisegeschichten, wobei allein sieben auf Bornholm spielen. Österreich und Tunesien sind je dreimal Ort der Handlung. Der Rest verteilt sich über den Globus.

Fotos: der Band enthält zusätzlich zu den Cover-Fotos 56 Schwarzweiß-Abbildungen-

Die Preise: Das Buch erscheint in drei inhaltlich identischen Fassungen – als Hardcover [19,80 Euro], als Taschenbuch [14,99 Euro] und als e-Book [7,99 Euro].

Vertrieb: Die Bücher können direkt beim Verlag bestellt werden [www.tredition/buchshop], bei allen Versandhändlern [z.B. Amazon] und in Buchhandlungen.

Laufend aktuelle Infos zum Buch: Horst und seine Reisen | Facebook





Notizbuch: der Mann mit der ersten Frage

4 06 2021

Was mich mit Michael Schweizer eng verbindet

Freitag, 4. Juni 2021

Unfassbar: Heute ist es zwei Jahre her, dass Michael Schweizer gestorben ist. Bis dahin habe ich ihn immer für einen unsterblichen Zeitgenossen gehalten Was wohl allen Kolleginnen und Kollegen, die mit ihm zu tun hatten, in Erinnerung geblieben ist: Wir alle räumten ihm unwidersprochen das Recht ein, auf Pressekonferenzen die erste Frage zu stellen. Das war fast immer die Frage nach konkreten Zahlen – auch dann, wenn Michael genau wusste, dass der Veranstalter sie nicht liefern durfte oder konnte. Er piekte halt gern, der Michael.

In der Anfangszeit meines Redaktionsbüros, jetzt auch schon 40 Jahre her, war ich mit Michael beruflich enger verbunden – Touristik Report [wo er eine Zeitlang Chefredakteur war], tdt [nie vergesse ich seinen Anruf zum tdt-Start: „Horst, seit dieser Nacht sind wir auf Sendung!“] und Travel Tribune. Nebenbei: Ein einfacher Geschäftspartner war er nicht, dieser Michael.

Wer die Geschichte schon kennt: bitte wegklicken. Michael war derjenige, der mich in die Selbständigkeit geschubst hatte. 1980, ich erzählte Michael am Rande eines Pressetermins von Überfällen auf Touristen in Thailand. „Horschtel, darüber schreibst Du mir eine Geschichte“, sagte er. Horschtels Einwand, dass er das als Redakteur der Verbraucherzeitschrift „test“ nicht dürfe, wischte Michael mit einem klassischen Argument weg: „Kriegst ein Pseudonym!“ Gesagt, getan. Mit großer Begeisterung und froh über die Freiheit, ohne die [notwendigen] Auflagen eines Testers schreiben zu können, „rotzte“ ich die Thailand-Geschichte für Touristik Report in zwei Stunden runter.

Mich traf fast der Schlag, als ich dann im Heft die Geschichte sah – mit der Autorenzeile: „von unserem Ostasien-Korrespondenten Michael O’Hara“.

Aber ich hatte Blut geleckt. Meine Zeit bei der Stiftung Warentest war zu Ende. Ich gründete mein Redaktionsbüro. Dafür bin ich ihm heute noch dankbar, diesem Michael.

NACHTRAG: Michael Schweizer gestorben 04.06.2019 – auf dieser Nachricht von Touristik Medien fußt das von mir falsch angegebene Sterbedatum. Michael Schweizer ist schon am 25. Mai gestorben. Das ändert natürlich nichts an der Trauer, die viele Kolleginnen und Kollegen und ich empfinden.

Und noch etwas. Ich habe noch einmal nachgeschaut. Das Pseudonym, das Michael mir verpasst hatte, klang noch viel abenteuerlicher: Jeremy O’Hara…





Notizbuch: Meine Vision: keine Waffen

27 05 2021

Wie ich in den Untergrund gestiegen bin

Donnerstag, 27. Mai 2021

Der Konflikt zwischen der Hamas und Israel verleiht den Gedanken unerwartete Aktualität, die schon seit langem in mir gären. Ich habe eine Vision, die Vision, dass es eine Welt ohne Waffen und Kriege gibt.

Wer eine Vision hat solle zum Arzt gehen, das hat Altbundeskanzler Helmut Schmidt einmal gesagt. Das war recht gehässig in Richtung Willy Brandt, als dieser anfing, sich versöhnlich dem Osten zuzuwenden und [das schließlich doch erreichte] Ziel als seine Vision bezeichnet. Ich habe auch eine Vision und gehe nicht zum Arzt.

Was die NS-Zeit betrifft, kannte ich mich ziemlich aus, als ich begann, mich mit den Kriegsbriefen meines Vaters zu befassen. Schon als Schüler habe ich  viel über den Krieg erfahren wollen. Den Rest des Krieges habe ich ja selbst erlebt – als kleines Kind oder schon vorher im Mutterbauch. Meine Mutter hat mir erzählt, dass ich in ihrem Bauch unglaublich gestrampelt hätte, wenn Sirenen ertönten. Und ich habe das Ende gesehen: Deutsche Soldaten, die durch unseren Evakuierungsort um ihr Leben liefen, gefolgt eine halbe Stunde später von den russischen Gegnern.

Als Kind habe ich in den Ferien bei einer Tante auf zerschossenen Panzern gespielt, die auf einer Wiese standen. In den Wäldern meiner Heimatstadt Aachen fand ich immer wieder Helme, Soldatengeschirr und auch Knochen von Soldaten. Das war beinahe Alltag. Dazu kamen die Ruinen in Aachen, deren Anblick mich meine ganze Kindheit begleitete. Über den Krieg wusste ich also ziemlich Bescheid, als mein Vater aus russischer Kriegsgefangenschaft heimkehrte. Aber mit meinem Vater konnte ich nicht viel darüber sprechen.

Mit vielen Jahren Verspätung habe ich seine Briefe aus dem Krieg gelesen, immer und immer wieder, sie analysiert, themenmäßig auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt – bis schließlich das Buch über die Kriegsbriefe meines Vaters fertig war. Es trägt den Titel „Meine liebe Mutti“, weil fast jeder Brief mit diesen drei Worten beginnt. „Vati“ und „Mutti“ nannten sich früher Eltern gegenseitig, die Kinder hatten.

Durch die Beschäftigung mit den Briefen war es so, als würde ich durch ein Loch im Fußboden in einem Keller blicken, in ein Verlies. Ich bin in diesen Untergrund hinabgestiegen und habe zum ersten Mal wirklich begriffen, was Krieg ganz konkret für einen einzelnen Soldaten bedeuten konnte. Die Angst, die Entmündigung, die Unbilden des Soldatenlebens vom Schlafmangel bis zur Insektenplage, das Töten und der Verlust von Mitmenschen. Die Schilderung meines Vaters in den Briefen an seine Frau waren bis auf ganz wenige Ausnahmen nicht besonders grausam. Man musste zwischen den Zeilen lesen, um zu begreifen, was er erlebt hat.

Das Nachdenken darüber hat mich ziemlich erschüttert. Auch hat mich die Tatsache erschreckt, wie perfekt sozusagen das Backoffice des Krieges organisiert war – all die Lehrgänge, zu denen die Soldaten von der Front abgezogen wurden, um „noch bessere“ Kämpfer zu werden, die Feldpost, die „Lebenszeichen“-Postkarten… „Es gibt nie wieder Krieg!“ sagte mein Vater voller Überzeugung, als er Ende 1948 aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft heimkehrte. Ich habe ihm das geglaubt. Kurz darauf begann der Koreakrieg mit vier Millionen Toten. Krieg und immer wieder Krieg, das hat mich schon als Kind erschüttert.

Und jetzt komme ich zu meiner Vision. Ich denke, wir müssen das Unmögliche wagen: den Kampf gegen die Kriege in der Welt. Er beginnt mit dem Kampf gegen den Rüstungsirrsinn und der Waffenexporte. Vielen Politikern kann es nicht kriegerisch genug zu gehen. Denn sie verdienen daran. So wird zur Zeit mit scheinheiligen Argumenten darüber diskutiert, Drohnen der Bundeswehr zu bewaffnen. Der Wehretat soll erheblich vergrößert werden. Immer wieder überschreiten Wirtschaft und Politik Hand in Hand die eigenen Grenzen, die sie den Waffenexporten gesetzt haben.

Militärisches ist weltweit in und gilt als schick. Warum müssen Staatsgäste beispielsweise mit militärischen Ehren empfangen werden? Ich weiß, dass dies eine diplomatische „Vorschrift“ ist, aber kann die nicht aufgeweicht werden?  Warum müssen die Royals aller Länder zu feierlichen Anlässen – auch zur eigenen Hochzeit – Uniform tragen? Das wirkt lächerlich. Jetzt kommt das Argument von der Tradition. Umso schlimmer.

Meine Vision ist, dass kein Geld in der Welt mehr für Waffen fließt. Stattdessen kann es in die Verbesserung der Umwelt und der Lebenschancen investiert werden. Wenn es keine Kriege mehr in Afrika gibt [weil die Waffenlieferungen ausbleiben], gibt es auch keine Diktatoren mehr. Auch in anderen Ländern werden die Kriegstreiber verschwinden, wenn man ihnen die Waffe nimmt. Und dann gibt es vielleicht keine Flüchtlinge mehr. Die Umwelt blüht, weil endlich genug Geld für die notwendigen Schutzmaßnahmen da ist.

Ich weiß, dass das verrückt klingt. Aber ich bin nicht naiv. Ich glaube, nur kleine Schritte, klitzekleine, führen zum Ziel. Aber da ist ein ganzes Heer von schlauen Köpfen, die sich mit der Materie befassen könnten. Eine unendliche Zahl von jungen Rechercheuren könnte aufzeigen, wohin deutsche Waffen exportiert werden. Die erkunden, wo in aller Welt die Waffenproduktion gesteigert wird und dazu Zahlen liefern. Die Argumente sammeln gegen die Drohnenbewaffnung und Erhöhung der Wehretats. Ich rede von Greta und all den Kindern und Jugendlichen, die in aller Welt Schulstreiks organisieren, um den drohenden Weltuntergang durch Umweltverschmutzung und Erderwärmung aufzuhalten.

Fridays for Future – macht Euch ran an die Aufgabe.





Notizbuch: Karlspreis-Schock

13 05 2021

Eine Geschichte aus meinem neuen Reisebuch

Donnerstag, 13. Mai 2021

Christ Himmelfahrt: An diesem Tag wurde bis zu Beginn der Corona-Pandemie in meiner Heimatstadt Aachen immer der Karlspreis in einer großen Zeremonie verliehen. Zu diesem renommierten Preis heißt es in der Selbstdarstellung: Der Internationale Karlspreis zu Aachen…ist der älteste und bekannteste Preis, mit dem Persönlichkeiten oder Institutionen ausgezeichnet, die sich um Europa und die europäische Vereinigung verdienst gemacht haben. Ein ganz persönliches Erlebnis aus dem Jahr 1969 findet sich in meinem neuen Buch mit „kurzen Reisegeschichten aus einem langen Reiseleben“ [so der Untertitel], das demnächst erscheint:

Ich glaube, mich trifft der Schlag. Was hatte ich mich auf die heutige Ausgabe der »Aachener Nachrichten« gefreut. Eine ganze Seite hatte ich darin zur gestrigen Karlspreisverleihung geschrieben. Aber ich kam gar nicht dazu, die Seite zu suchen. Auf der Titelseite stand in großen Lettern: »Jean Rey kritisiert das Athener Regime«. Eine hochpolitische Nachricht, die so nicht stimmt.

     Ich muss es wissen, denn ich war dabei. In Aachen aufgewachsen, war ich von Kind auf ein Bewunderer des Karlspreises. Er wird alljährlich an Personen verliehen, die sich um die europäische Einigung verdient gemacht haben. Wen hatte ich da nicht schon alles reden hören: Alcide de Gasperi, Konrad Adenauer, Winston Churchill, Robert Schumann und Edward Heath

     Seitdem ich bei den »Aachener Nachrichten« mein Volontariat absolviert habe und zum Redakteur avanciert bin, habe ich immer die Redaktionskollegen beneidet, die  auserkoren waren, die Karlspreis-Berichterstattung zu übernehmen. In diesem Jahr bin ich an der Reihe, und ich empfinde das wie einen Ritterschlag. Empfänger des Karlspreises ist die Kommission der Europäischen Gemeinschaften. Deren Präsident, der Belgier Jean Ray, nahm ihn gestern entgegen.    

Da ich offiziell als Berichterstatter akkreditiert war, durfte ich mich unter den Festgästen frei bewegen. So konnte ich die die eine oder andere Bemerkung für meinen Bericht aufschnappen und hörte mit Andacht der Rede zu, die Willy Brandt als Bundesaußenminister und Vizekanzler hielt.

     Als ich davon überzeugt war, genug Stoff für einen ganzseitigen Bericht zu habe, kehrte ich in die Redaktion zurück. Viel Zeit zum Schreiben blieb nicht. So störte es mich, dass mich auf dem Gang ein »Vorgesetzter« aufhielt und fragte, wie die Verleihung gelaufen sei. Die genaue Funktion des »Vorgesetzten« kannte eigentlich keiner im Haus. Er war so eine Art Chef vom Dienst, aber nicht der Chef vom Dienst. Dafür aber der Sohn vom Verlagschef mit viel Entscheidungskompetenz.

     Mein Bericht sei ja für eine innere Seite der Zeitung vorgesehen, aber er suche dringend ein Thema für den Hauptaufmacher auf der Titelseite. Etwas Ungewöhnliches oder gar Dramatisches. Ob ich nicht irgendetwas in dieser Art erlebt habe?

     Mir fiel eine Begebenheit am Rande ein, die aber höchstens zu einer Meldung taugte, nicht zu einem Aufmacher. Vor dem Nobelhotel »Quellenhof«, in dem das Karlspreis-Komitee mit alten und dem neuen Karlspreisträger beim Mittagessen saß,  stand eine Gruppe junger Griechen, die an der Aachener RWTH studierten. Sie wollten mit dem Kommissionspräsidenten über die Situation in ihrer Heimat diskutieren, verrieten sie mir. In Griechenland herrscht seit zwei Jahren eine Militärjunta.  

     Jean Rey kam tatsächlich für ein kurzes Gespräch vor das Hotel und verriet den Studenten, dass er ihre Sorgen um ihr Heimatland verstehe. Aber sie müssten wiederum verstehen, dass er nicht für längere Zeit aus der Festrunde verschwinden könne. Und er drückte jedem Studenten einen Fünf-Mark-Schein in die Hand »für ein Bier«. Der Auftritt hat noch keine fünf Minuten gedauert.

     Diese Begebenheit am Rande hatte also der »Vorgesetzte« zum großen Ereignis und zum Aufmacher-Artikel auf der ersten Seite umgeformt. Unter der reißerischen Überschrift stand etwas, was für die Titelseite der Aachener Nachrichten höchst ungewöhnlich war und ja auch nicht stimmte – die Zeile »von Nachrichtenredakteur Horst Schwartz«. Gut, dachte ich bei mir, dass ich in absehbarer Zeit nicht nach Griechenland reise.